{"id":20564,"date":"2026-07-07T12:44:07","date_gmt":"2026-07-07T10:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20564"},"modified":"2026-07-07T13:06:58","modified_gmt":"2026-07-07T11:06:58","slug":"editorial-100","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/editorial-100\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Bei uns in Rheinland-Pfalz ist nicht viel mit der Einigkeit. Den meisten Pf\u00e4lzern ist das egal, denn die leben weit entfernt.&#8220; Pr\u00e4gnant beschrieb 1991 ein siebzehnj\u00e4hriger Hauptsch\u00fcler in einem Schulaufsatz die westdeutsche Perspektive auf die damalige innerdeutsche Konstellation. Wolfgang Engler, seit geraumer Zeit wichtiger soziologischer Stichwortgeber f\u00fcr die ostwestlichen Selbstverst\u00e4ndigungsdiskurse, hat in seinem Buch <em>Die Ostdeutschen als Avantgarde<\/em> noch einmal anhand alter Schulaufs\u00e4tze aus der Nachwendezeit an die Stereotype erinnert, welche die Deutschen in den 1990er Jahren voneinander hegten. Viel ge\u00e4ndert daran hat sich bis heute nicht &#8211; nur spricht man nicht mehr dar\u00fcber, was die Deutschen in Ost und West voneinander trennt.<\/p>\n<p>Von der vielbeschworenen inneren Einheit scheint das Land nach wie vor weit entfernt zu sein. Auf die Frage, ob zwischen Ost- und Westdeutschen die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten \u00fcberwiegen, antworten 39 Prozent der Westdeutschen mit &#8222;die Unterschiede \u00fcberwiegen&#8220;, nur 22 Prozent sehen in erster Linie die Gemeinsamkeiten. Im Osten sind sogar 58 Prozent der Menschen der Meinung, dass die Unterschiede \u00fcberwiegen. Nach wie vor existieren zwei deutsche Teilgesellschaften, die in ihren Wertgef\u00fcgen und politischen Orientierungen nur punktuell \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Allerdings scheinen sich mittlerweile beide Seiten an die wechselseitige Fremdheit und Andersartigkeit gew\u00f6hnt zu haben. Vielleicht sind diese Unterschiede ja tats\u00e4chlich f\u00fcr die deutsche Normalit\u00e4t 2003 kein wirkliches Problem mehr? Der Diskurs in und \u00fcber Ostdeutschland hat sich jedenfalls in den letzten Jahren sp\u00fcrbar ver\u00e4ndert: Trotz oder gerade wegen dauerhaft fehlender &#8222;bl\u00fchender Landschaften&#8220; und mittlerweile gesamtdeutsch gewordener Krisenerfahrungen geht es nicht mehr darum, dem Traum von der inneren Einheit politisch und publizistisch nachzujagen. Stattdessen hat sich ein ostdeutsches Eigenleben entwickelt, das paradoxerweise erst in jenem Moment voll sichtbar wurde, als die PDS bei der letzten Bundestagswahl an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde scheiterte. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete sich der Vorhang und selbst in den westlich dominierten Medien wurde hinter der lange Zeit alles andere absorbierenden PDS-Debatte ein St\u00fcck der neuen ostdeutschen Realit\u00e4t sichtbar. Vielleicht hat damit auch ein weiteres Kapitel im innerdeutschen Verh\u00e4ltnis begonnen: das des ostdeutschen Selbstbewusstseins. Die Zeit der Alibi-Ostler jedenfalls scheint nunmehr auch in der Politik vorbei zu sein: In den beiden westlichsten deutschen Parteien sitzen nunmehr jeweils ostdeutsche Frauen an den Schalthebeln der Macht &#8211; Angela Merkel als Parteivorsitzende der CDU und Katrin G\u00f6ring-Eckardt als Fraktionsvorsitzende von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen im Bundestag. Und in der SPD bereitet sich der Brandenburger Ministerpr\u00e4sident Matthias Platzeck auf die Nach-Schr\u00f6der-\u00c4ra vor. Gregor Gysi, der Ost-Star des Westens, landete dagegen unsanft auf dem Altenteil: Als Politrentner kann er nun seiner Talkshowleidenschaft fr\u00f6nen.<\/p>\n<p>Die neue Lust am Osten schl\u00e4gt sich jenseits der Politik in den Verkaufszahlen der <em>Zonenkinder<\/em> von Jana Hensel ebenso nieder wie in den journalistischen Karrieren von Maybritt Illner oder Alexander Osang. Die Verlage publizieren unabl\u00e4ssig junge ostdeutsche Literatur. Gesellschaftlich und kulturell ist die Renaissance Ostdeutschlands also schon weit fortgeschritten; Englers <em>Ostdeutsche als Avantgarde<\/em> k\u00f6nnen daf\u00fcr als Chiffre dienen &#8211; auch wenn man seinen Thesen nicht zustimmen mag.<\/p>\n<p>All diese Befunde relativieren mitnichten das dauerhafte Desinteresse des Westens am Osten. Dort, wo der Osten nicht exotisch ist, existiert er auch nicht. Nach wie vor findet Ostdeutschland in den Medien vorwiegend auf Skandal- oder Katastrophen-Basis statt. Die Oder- und Elbefluten l\u00f6sten hier die Stasi-Debatten ab. Ostdeutsche Normalit\u00e4t ist hingegen kein Thema. Dabei g\u00e4be es viel zu entdecken. Denn der Osten hat sich ver\u00e4ndert, auch angeglichen &#8211; und ist doch anders geblieben, wie diese <em>vorg\u00e4nge<\/em>-Ausgabe belegt. <em>Detlef Pollack<\/em> schildert die ostdeutschen Anerkennungsk\u00e4mpfe nach 1989 auf der Grundlage eigener Erfahrungen, um diese (Selbst)wahrnehmungen am Ende dem S\u00e4urebad soziologischer Relativierung auszusetzen. Eine Selbstanalyse anderer Art betreibt <em>Wolfgang Engler:<\/em> Er versucht, seinen Kritikern mit einer Reflexion \u00fcber seine sich wandelnden Forschungsmotive Paroli zu bieten. Ohne ehrliche, selbstkritische Erinnerung keine ostdeutsche Zukunft: <em>Marianne Birthler,<\/em> die Bundesbeauftragte f\u00fcr die Stasi-Unterlagen, pl\u00e4diert vehement daf\u00fcr, sich auch weiterhin mit der DDR-Geschichte auseinanderzusetzen und keinesfalls die Akten \u00fcber ihr zu schlie\u00dfen. Die Integrationsleistungen der ostdeutschen Verb\u00e4nde und Kommunen seit 1989\/90 nimmt <em>Alexander Thumfart<\/em> in den Blick: Die Unterschiede zum Westen sind unver\u00e4ndert gro\u00df &#8211; nicht zuletzt in Sachen ostdeutscher Demokratiezufriedenheit. Nach der Zukunft ostdeutscher St\u00e4dte fragen <em>Achim Schr\u00f6er, Sascha Vogler<\/em> und <em>Thilo Lang<\/em>: Konzepte einer alternativen Urbanit\u00e4t k\u00f6nnten f\u00fcr die von Abwanderung und demographischer Krise geplagten St\u00e4dte eine Perspektive bieten. Hat die PDS nach der Niederlage bei der letzten Bundestagswahl noch eine Zukunft?<em> Gero Neugebauer<\/em> untersucht, warum die West-Ausdehnung der PDS gescheitert ist und welche R\u00fcckwirkungen dies auf die Handlungsf\u00e4higkeit der Partei im Osten hat. In einem Kommentar spricht sich Benjamin Hoff, selbst junger Reformer innerhalb der PDS, daf\u00fcr aus, die j\u00fcngsten Wahlniederlagen parteiintern als Ermutigung f\u00fcr einen konsequenten Modernisierungskurs zu begreifen. <em>Peter Bender<\/em> reflektiert den schwierigen Prozess der inneren Einheit und zeigt Wege auf, wie sich die &#8222;innerdeutschen Beziehungen&#8220; besser gestalten lie\u00dfen. <em>Thomas Ahbe<\/em> weist am Beispiel Arnulf Barings nach, welche Stereotypen nach wie vor das Bild vieler Westdeutschen von ihren ostdeutschen Landsleuten pr\u00e4gen. <em>Mareike Dittmer<\/em> untersucht die besonderen Probleme zeitgen\u00f6ssischer Kunst in Ostdeutschland, w\u00e4hrend <em>Alexander Cammann<\/em> einen Deutungsversuch des gegenw\u00e4rtigen Booms junger ostdeutscher Literatur und Essayistik unternimmt. Der Dichter und Georg-B\u00fcchner-Preistr\u00e4ger Durs Gr\u00fcnbein weitet im Gespr\u00e4ch die Perspektive: Es geht um den Zusammenhang zwischen dem \u00dcberzeitlichen und der Gegenwart als Voraussetzung moderner Lyrik. Wie immer rundet unser <em>Literaturbericht<\/em> den Thementeil ab.<\/p>\n<p>Im <em>Essay<\/em> beklagt <em>Matthias Zimmer<\/em> den Zustand der politischen Klasse. Unser Autor ist \u00fcberzeugt, dass im Gestr\u00fcpp von Koalitionsr\u00fccksichten, Bund-L\u00e4nder-Kompetenzen und dem Druck organisierter Interessen auch die jetzt projektierten Reformen bis zur Unkenntlichkeit und Unwirksamkeit verw\u00e4ssert werden. Eine veritable Theoriedebatte liefern sich <em>Friedhelm Gr\u00fctzner<\/em> und <em>Herfried M\u00fcnkler<\/em> zu Beginn unserer <em>Kommentare und Kolumnen:<\/em> Ausgehend von M\u00fcnklers Essay \u00fcber die B\u00fcrgergesellschaft in der<em> vorg\u00e4nge-Ausgabe 158<\/em> kritisiert Gr\u00fctzner die seines Erachtens gef\u00e4hrlichen tugendgemeinschaftlichen Visionen des Berliner Politikwissenschaftlers, w\u00e4hrend dieser in Gr\u00fctzners Replik sozialkonservative Abwehrreflexe am Werke sieht. <em>Hartmut Aden<\/em> untersucht, welche Hindernisse einer freiheitssichernden Reform des deutschen Polizeisystems im Wege stehen, w\u00e4hrend <em>Jan Patjens<\/em> sich mit dem endlosen Gezerre vor dem Bundesverfassungsgericht um das Verbot der NPD auseinandersetzt. <em>Eike Hennig<\/em> kommentiert die Wahlen in Hessen und Niedersachsen. Rezensionen runden das Heft ab.<\/p>\n<p>Eine (freilich rein ideell) gewinnbringende Lekt\u00fcre w\u00fcnschen wie immer<\/p>\n<p><em>Thymian Bussemer und Alexander Cammann<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[2252],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20564","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-thymian-bussemer-und-alexander-cammann","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/editorial-100\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"&#8222;Bei uns in Rheinland-Pfalz ist nicht viel mit der Einigkeit. 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