{"id":20565,"date":"2026-07-07T13:19:27","date_gmt":"2026-07-07T11:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20565"},"modified":"2026-07-07T13:57:37","modified_gmt":"2026-07-07T11:57:37","slug":"ostdeutsche-anerkennungsprobleme","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ostdeutsche-anerkennungsprobleme\/","title":{"rendered":"Ostdeutsche Anerkennungsprobleme"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"\"><span id=\"es-begann-am-9-november\">Es begann am 9. November<\/span><\/h3>\n<p>Wer \u00fcber den sozialen Wandel in Ostdeutschland in den letzten Jahren sprechen will, ist gut beraten, mit dem 9. November 1989 zu beginnen. Dieser Tag bezeichnet den entscheidenden Einschnitt, der die Geschichte der DDR von dem Prozess ihrer Inkorporierung in das gr\u00f6\u00dfere Deutschland trennt. Wenn ich mich an diesen Tag zur\u00fcckerinnere, muss ich gestehen, dass ich das Ereignis dieses Tages genaugenommen verpasst habe: Am Abend des 9. November besuchte ich einen Vortrag in der Universit\u00e4t und ging anschlie\u00dfend, ohne noch einmal das Radio anzustellen, ins Bett. Als ich am n\u00e4chsten Morgen die Nachrichten h\u00f6rte, erfuhr ich, dass die SED-F\u00fchrung die Grenze ge\u00f6ffnet und sich bereits Tausende von DDR-B\u00fcrgern auf den Weg in den Goldenen Westen gemacht hatten. Im Fernsehen sah ich, wie wildfremde Menschen sich umarmten und nicht fassen konnten, was geschehen war. Die Menschen tanzten auf der Mauer, \u00f6ffneten Sektflaschen und prosteten sich zu. Vielen von ihnen liefen Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen.<\/p>\n<p>Ich war an diesem Morgen allein in meiner Wohnung, und mit dem Verlassen der Wohnung hatte sich auf einmal alles ver\u00e4ndert. Ich schlug denselben Weg zur Universit\u00e4t ein, den ich auch sonst immer genommen hatte. Die Stra\u00dfen boten das bekannte Bild. Die H\u00e4user sahen so grau aus wie eh und je, die Stra\u00dfenbahn quietschte in denselben Kurven, und dennoch war alles anders. Nun w\u00fcrden wir dazugeh\u00f6ren; nun w\u00e4ren wir nicht mehr die armen Schwestern und Br\u00fcder im Osten, die man bemitleiden, die man ermuntern und denen man Pakete schicken musste. Nun w\u00e4ren wir nicht mehr ausgeschlossen von dem Leben, das man im Westen f\u00fchrte, von der glitzernden Welt des Konsums, von den B\u00fcchern, die es nur dort zu kaufen gab, den wissenschaftlichen Diskussionen an den Universit\u00e4ten, den neuesten spanischen und franz\u00f6sischen Filmen, den Zeitschriften und Zeitungen mit ihrer freien Meinungs\u00e4u\u00dferung. New York, Paris, Bielefeld, Mailand &#8211; all das stand uns jetzt offen. Selbst die wunderbaren Frauen, die jeder von uns schon in der Werbung gesehen hatte und die sich so elegant und nat\u00fcrlich bewegen konnten, dass einem ganz schwindelig wurde, waren nun nicht mehr unerreichbar. Ich gebe zu: Ich war stolz auf uns und dankbar. Damit hatte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr gerechnet. Alles w\u00fcrde anders werden.<\/p>\n<p>Und in der Tat, vieles in meinem Leben wurde anders. Auf einmal fing ich an, Artikel in Zeitschriften zu ver\u00f6ffentlichen, die ich fr\u00fcher kaum zu sehen bekommen hatte. Ich nahm an Konferenzen teil, die in Bonn, Bremen oder Frankfurt am Main stattfanden, hielt Vortr\u00e4ge vor westdeutschen Studenten, traf Wissenschaftler, deren Namen ich bislang nur aus der Literatur kannte. Ich diskutierte mit Kollegen in Princeton, Oxford und T\u00fcbingen. Nat\u00fcrlich war das alles ziemlich anstrengend. Schlie\u00dflich musste man, wenn man einigerma\u00dfen mithalten wollte, sich erst einmal mit den westlichen Standards vertraut machen, Neues lernen und sich das Fach, das man gew\u00e4hlt hatte, ein zweites Mal erschlie\u00dfen. Daneben aber war es auch erforderlich, die eigene Stelle zu verteidigen, Evaluationen und Umstrukturierungen zu \u00fcberstehen und die allt\u00e4glichen beruflichen Pflichten von der universit\u00e4ren Gremienarbeit bis zur Durchf\u00fchrung von Lehrveranstaltungen zu erf\u00fcllen. Au\u00dferdem musste man die Gelegenheit nutzen und ins Ausland gehen, Englisch lernen und internationale Standfestigkeit erlangen. Und nat\u00fcrlich musste man publizieren. Auch wenn das mehr oder weniger eine \u00dcberforderung darstellte und man sich als eingesch\u00fcchterter Ossi den Herausforderungen des neuen Lebens nicht immer gewachsen f\u00fchlte, war das alles doch in hohem Ma\u00dfe aufregend, interessant und wichtig. Mein berufliches Leben erfuhr eine v\u00f6llige Ver\u00e4nderung. Endlich hatte ich das Gef\u00fchl, beruflich wirklich etwas erreichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"erste-irritationen\">Erste Irrita&shy;ti&shy;onen<\/span><\/h3>\n<p>Die erste Irritation setzte ein, als ich im Mai 1990 mit einem westdeutschen Kollegen durch die Stra\u00dfen von Leipzig ging und dieser mir erkl\u00e4rte, das hier, &#8211; und dabei wies er auf die Mixtur von renovierungsbed\u00fcrftigen Altbauten und h\u00e4sslichen Neubauten &#8211; w\u00fcrde ich in zwei Jahren nicht mehr wiedererkennen: &#8222;Wenn erst einmal die D-Mark rollt; dann bleibt hier nichts mehr, wie es war.&#8220; Seit Jahren versp\u00fcrte ich das erste Mal das Bed\u00fcrfnis, das verfallende Leipzig in Schutz zu nehmen und f\u00fcr seine Sch\u00f6nheit zu werben. Es war merkw\u00fcrdig: Noch vor kurzem hatte ich selber den Verfall der Stadt beklagt und mich bei den gemeinsamen Spazierg\u00e4ngen durch Leipzig vor meinen westdeutschen Besuchern gesch\u00e4mt. Und nun wehrte ich mich dagegen, dass alles anders werden sollte. Dabei war es doch genau dies, was ich wollte: Ja, es sollte anders werden. Aber ich wollte es selber sagen. Ich wollte derjenige sein, der den Ver\u00e4nderungsbedarf definiert, aber nicht derjenige, den man von den erforderlichen \u00c4nderungen zu \u00fcberzeugen hat.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Irritation erlebte ich, als ich eine westdeutsche Familie, die ich schon vor 1989 kannte, in Braunschweig besuchte. Ich wurde gefragt, warum wir in der DDR denn alles so h\u00e4tten verkommen lassen, die Stra\u00dfen, die H\u00e4user, die G\u00e4rten, ja selbst die Z\u00e4une vor den G\u00e4rten. Ich versuchte meinen Bekannten klarzumachen, dass es in einer Mangelwirtschaft nicht einfach sei, die H\u00e4user zu erhalten. Aber warum wir denn nicht wenigstens die T\u00fcren und die Fenster gestrichen h\u00e4tten. Farbe h\u00e4tte es doch auch bei uns gegeben. Ich entgegnete, dass die H\u00e4user zwar \u00e4u\u00dferlich in einem schlechten Zustand, die Wohnungen in den H\u00e4usern oft aber sehr gut eingerichtet waren. In der DDR habe man zwischen \u00f6ffentlich und privat streng getrennt. F\u00fcr das Nicht-Private habe sich keiner zust\u00e4ndig gef\u00fchlt. Es habe sich einfach nicht gelohnt, da zu investieren. Aber in der Tschechoslowakei seien die Stra\u00dfen in einem viel besseren Zustand als bei uns; die h\u00e4tten das doch auch hingekriegt, warum nicht wir?<\/p>\n<p>Mit meinem ersten westdeutschen Verleger erlebte ich die n\u00e4chste Irritation. Als wir bei einem unserer Gespr\u00e4che im Fr\u00fchsommer 1990 auf die Staatssicherheit zu sprechen kamen, erkl\u00e4rte er mir, da w\u00fcrde noch viel nach oben kommen. Wer wei\u00df, wer nicht alles dazugeh\u00f6rt habe. Was einer auch immer behaupte, man k\u00f6nne sich auf niemanden verlassen. Dann beschwerte sich ein wildfremder Mensch im Zug, der irgendwie mitbekommen hatte, wo ich herkam, dar\u00fcber, dass es sich angesichts der allgemeinen Verrottung f\u00fcr ihn \u00fcberhaupt nicht lohne, sein in der DDR befindliches Erbe &#8211; ein Mietshaus &#8211; anzutreten: &#8222;Da habt ihr euch ja was Sch\u00f6nes geleistet!&#8220; Als sich im Fr\u00fchherbst 1990 abzeichnete, dass nicht die SPD die Bundestagswahl gewinnen, sondern Kohl wiedergew\u00e4hlt werden w\u00fcrde, erkl\u00e4rte mir eine Frau aus Frankfurt am Main in vorwurfsvollem Ton: &#8222;Das haben wir nur euch zu verdanken. Wir h\u00e4tten den Wechsel zur SPD geschafft. Ihr bringt uns um all unsere Erfolge.&#8220;<\/p>\n<p>Mein anf\u00e4nglicher Enthusiasmus hatte es schwer, sich angesichts von so viel Ablehnung, Geringsch\u00e4tzung und Kollektivhaftung zu behaupten. Skeptische Vorsicht und der zunehmende Wille zur Verleugnung meiner ostdeutschen Identit\u00e4t oder, wo dies nicht gelang, gerade umgekehrt zur Selbstverteidigung ergriffen mich. Immer h\u00e4ufiger war ich froh, wenn ich mich unter Ostdeutschen bewegte und nicht auf die Angriffe der Westdeutschen reagieren musste. Unter uns erz\u00e4hlten wir uns Witze \u00fcber die Westdeutschen und best\u00e4tigten uns in unseren Erfahrungen, die jeder auf seine Weise mit ihnen, sei es im Betrieb, auf der Stra\u00dfe oder auch in der eigenen Verwandtschaft, gemacht hatte. Wir machten uns lustig \u00fcber ihre Art, alles besser zu wissen, \u00fcber ihr selbstinszenatorisches Auftreten und ihren absch\u00e4tzigen Umgang mit uns Ostdeutschen und waren uns einig in unserer Verurteilung ihrer Arroganz.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"enttaeuschte-hoffnungen\">Entt&auml;uschte Hoffnungen<\/span><\/h3>\n<p>Die Geschichte der Kommunikation der Ostdeutschen mit ihren westdeutschen Landsleuten ist eine Geschichte entt\u00e4uschter Hoffnungen, eine Geschichte der Zur\u00fcckweisung, des Aufrechnens und der Stigmatisierung. Die von dr\u00fcben nahmen uns nicht auf als die verloren geglaubten Br\u00fcder und Schwestern, die doch eigentlich schon immer dazugeh\u00f6rt hatten, die nur durch den Zufall ihrer Geburt auf die falsche Seite geraten waren und durch einen unerwarteten Gl\u00fccksfall der Geschichte wieder zur\u00fcckkehren durften und auf die daher jetzt besondere R\u00fccksicht zu nehmen war. Wir wurden vielmehr zu Eindringlingen, denen man ihre Verfehlungen und ihre Inkompetenz, ihre Zur\u00fcckgebliebenheit und Beschr\u00e4nktheit, ihre Tr\u00e4gheit und Wettbewerbsunf\u00e4higkeit vorzuhalten hatte. Als ob wir um unsere fachliche Unterlegenheit und unsere moralischen Fehltritte nicht selbst genug und \u00fcbergenug gewusst h\u00e4tten! Das war es doch, was den Ostdeutschen fehlte: Selbstbewusstsein. Schon die Jahre unter Ulbricht und Honecker waren nicht dazu angetan, das Selbstwertgef\u00fchl der Ostdeutschen zu st\u00e4rken. Nun wurden wir schon wieder in unserer Selbstachtung verletzt. So trat bei vielen Ostdeutschen Selbstrechtfertigung an die Stelle von ehrlichem Bekenntnis, Verdr\u00e4ngung an die Stelle von Vergangenheitsaufarbeitung, Verweigerung an die Stelle von Dialog, denn die Bedingung f\u00fcr die Bereitschaft, sich mit der eigenen, m\u00f6glicherweise schuldhaften Vergangenheit wahrhaftig auseinander zu setzen, ist die F\u00e4higkeit, \u00fcber die Inhalte und Formen dieses Diskurses selbst zu bestimmen.[1]<\/p>\n<p>In der Tat, die Euphorie hielt nur f\u00fcr einen Moment. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit sahen sich die Ostdeutschen in den westlichen Medien, im Kontakt mit westdeutschen Bekannten, ja im Kreis der eigenen Verwandtschaft mit einem Bild von sich konfrontiert, das sie mit ihrem Selbstbild nicht in \u00dcbereinstimmung zu bringen vermochten. Dieses Bild zeigte die Ostdeutschen nicht nur als naiv und zur\u00fcckgeblieben &#8211; so sahen sie sich teilweise vielleicht selbst -, sondern auch als obrigkeitsh\u00f6rig, unm\u00fcndig, unterindividualisiert, harmonies\u00fcchtig, kollektiviert, innovationsschwach, inkompetent und faul. Selbst wenn sie auf sich selbst m\u00f6glicherweise durchaus skeptisch blickten, so war es f\u00fcr sie doch unertr\u00e4glich, von denen, deren \u00dcberlegenheit sie bereitwillig zu akzeptieren bereit waren, derart schlecht beurteilt zu werden. Zur materiell ung\u00fcnstigeren Lage kam das Gef\u00fchl, nicht geachtet zu sein. Als dann die Zahl der Arbeitslosen stieg, in der DDR erworbene Berufsabschl\u00fcsse und Diplome nicht anerkannt wurden, mehr und mehr Westdeutsche in F\u00fchrungspositionen einr\u00fcckten und Ostdeutsche minderqualifizierte Arbeit anzunehmen hatten, stellte sich bei vielen der Eindruck ein, B\u00fcrger zweiter Klasse zu sein. Sowohl ihre materielle Schlechterstellung als auch ihre Stigmatisierung und Stereotypisierung in der westlich dominierten \u00d6ffentlichkeit brachte viele Menschen in Ostdeutschland dazu, sich als zur\u00fcckgesetzt wahrzunehmen. Der Kampf um Anerkennung, den seither viele Ostdeutsche f\u00fchren, resultiert aus diesem Gef\u00fchl der allgemeinen Benachteiligung und der Entwertung der Ostdeutschen und ihrer Herkunft.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"strategien-im-kampf-um-anerkennung\">Strategien im Kampf um Anerkennung<\/span><\/h3>\n<p>Dabei kann man diesen Kampf auf verschiedene Weise austragen. Viele antworteten auf die Erfahrung der Unterprivilegierung mit \u00dcberanpassung. Sie sind vor allem daran interessiert, zu zeigen, dass sie nicht obrigkeitsh\u00f6rig, innovationsschwach, faul und harmonies\u00fcchtig sind, sondern flei\u00dfig, politisch m\u00fcndig und streitbar. Sie wollen so sein, wie sie sich die Wessis vorstellen &#8211; erfolgreich und selbstbewusst &#8211; und ihre Vergangenheit so schnell wie m\u00f6glich abstreifen. Im extremen Fall geht die Identifikation mit dem Westen so weit, dass sie anfangen, sich \u00fcber die Unbeholfenheit und Tr\u00e4gheit der Ostdeutschen zu mokieren, und ihnen gegen\u00fcber genau diejenige Perspektive einnehmen, die sie von der westdeutschen Seite auf sich gerichtet sehen. Dann beginnen sie, den Ostdeutschen zu erkl\u00e4ren, wie wenig sie von der Marktwirtschaft und Demokratie bislang begriffen h\u00e4tten und wie viel sie noch lernen m\u00fcssten. Ihre pers\u00f6nliche Geschichte erz\u00e4hlen sie als eine Geschichte der Befreiung von den beengten Verh\u00e4ltnissen in der DDR &#8211; eine Befreiung, die ihnen zur Findung ihres wahren Selbst verholfen habe, die aber eben manchen Ostdeutschen \u00fcberfordere, da er die Unfreiheit gewohnt und daher der Freiheit nicht gewachsen sei.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit, auf die Erfahrung der Dem\u00fctigung und Benachteiligung zu reagieren, besteht im R\u00fcckzug aus der Politik. Politik und \u00d6ffentlichkeit, insbesondere die Massenmedien, die politischen Parteien sowie Staat und parlamentarische Arbeit werden als eine schmutzige Angelegenheit betrachtet, mit der man nichts zu tun haben m\u00f6chte. Einmal habe man sich vielleicht auf politische Versprechungen eingelassen. Einmal habe man politischen F\u00fchrern vertraut. Nie wieder &#8211; das ist die Parole. Der heutige Rechtsstaat und die Demokratie werden als genau so verderbt angesehen wie die ihrer ideologischen H\u00fcllen entkleidete DDR. Allem, was von oben kommt, m\u00fcsse man misstrauen. Der kleine Mann auf der Stra\u00dfe sei doch immer der Betrogene.<\/p>\n<p>Nostalgie &#8211; die wirklichkeitsverzerrende Verkl\u00e4rung der DDR-Vergangenheit &#8211; ist eine dritte M\u00f6glichkeit des Reagierens auf die Entwertungs- und Ungleichheitserfahrungen nach 1989. Die allgemeine Verurteilung der DDR-Vergangenheit wird hellwach zur Kenntnis genommen, aber nicht akzeptiert. &#8222;Es war nicht alles so schlecht in der DDR, wie es jetzt dargestellt wird&#8220; &#8211; das ist die Devise der Nostalgiker. Sie versuchen, zu ihrer Herkunft aus der DDR zu stehen und sie gegen ihre Desavouierung zu verteidigen. Je ferner das DDR-System r\u00fcckt, desto sch\u00f6ner wird es und desto kritischer wird der Blick auf den Westen. Auch wenn wir Ossis sind, so k\u00f6nnen wir euch doch das Wasser reichen. Ihr seid vielleicht erfolgreicher, daf\u00fcr sind wir solidarischer. Ihr seid vielleicht wettbewerbsf\u00e4higer, daf\u00fcr sind wir friedliebender. Ihr seid vielleicht durchsetzungsf\u00e4higer, daf\u00fcr sind wir improvisationsfreudiger usw. Die DDR-Nostalgie erreichte Mitte der 1990er Jahre ihren H\u00f6hepunkt, und sie war in dieser Zeit mit einer starken Reserve gegen\u00fcber dem westlichen System und gegen\u00fcber den Menschen in Westdeutschland verbunden. Au\u00dferdem ging sie einher mit einer Ausgrenzung der Westdeutschen. &#8222;\u00dcber das Leben in der DDR kann nur mitreden, wer selbst dort gelebt hat&#8220;, so lautete das Motto (Der Spiegel Nr. 27\/3. Juli 1995: 49). So wie man sich selbst ausgegrenzt f\u00fchlte, schottete man sich auch vom Westen ab. Die DDR-Nostalgie war nicht die Fortschreibung einer gewachsenen DDR-Identit\u00e4t, sondern eine Reaktion auf Probleme der sozialen Akzeptanz und \u00f6konomischen Integration der Ostdeutschen im wiedervereinigten Deutschland. Die sogenannte DDR-Identit\u00e4t entstand \u00fcberhaupt erst, nachdem die DDR untergegangen war (anders Engler 2002: 22). Es handelt sich um eine nachtr\u00e4gliche Identit\u00e4t, die von der Verkl\u00e4rung der Vergangenheit und aus der Abwehr ihrer Stigmatisierung lebt. Die DDR-Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist ein h\u00f6chst umstrittenes Gut. Lebendig aber ist sie nicht deshalb, weil die Menschen im Osten Deutschlands noch immer an der Vergangenheit kleben und sich gegen\u00fcber der Gegenwart verweigern, sondern deshalb, weil sie der Macht der Gegenwart ausgesetzt sind, in der das Leben in der DDR keinen sozial anerkannten Wert besitzt. Es ist der gegenw\u00e4rtige Streit um die DDR, ihre \u00f6ffentliche Verurteilung und ihre spiegelbildliche, vor allem privat vorgetragene Verteidigung, die die Vergangenheit am Leben h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der Nostalgie eng verwandt ist die Emp\u00f6rung \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde, das Jammern und Klagen \u00fcber die gegenw\u00e4rtig erlebbaren Ungerechtigkeiten und Zumutungen. Sie unterscheidet sich von der Nostalgie dadurch, dass es ihr nicht vorrangig um die Rettung der DDR geht, sondern um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Fairness. Insofern aber stellt sie ebenso wie die Nostalgie eine Reaktion auf die erfahrene Abwertung und Schlechterstellung der Ostdeutschen im gesamtdeutschen Kontext dar. Viele der Ostdeutschen suchen regelrecht danach, beleidigt und herabgesetzt zu werden. Sie wollen gedem\u00fctigt werden, da ihnen dies einen allgemein anzuerkennenden Grund gibt, sich zu verteidigen. Je gr\u00f6\u00dfer die Ungerechtigkeit, desto st\u00e4rker die Legitimation, sich zu emp\u00f6ren. Die erfahrene und in ihrer Gef\u00fchlsqualit\u00e4t hier auch gar nicht in Abrede zu stellende Dem\u00fctigung ist n\u00e4mlich schwer zu greifen. So richtig schlecht geht es den meisten ja nicht; und schreiende Ungerechtigkeiten lassen sich auch kaum nachweisen. Da braucht man Gelegenheiten, um sich Genugtuung verschaffen zu k\u00f6nnen. Die Opferrolle ist ein geeignetes Instrument, um mit guten Gr\u00fcnden klagen und anklagen zu k\u00f6nnen. Und man kann auf Ber\u00fccksichtigung hoffen, denn wer will schon einen Beleidigten nochmals zur\u00fccksetzen? Das Jammern und Klagen der Ostdeutschen erweist sich insofern nicht nur als ein Ausdruck ihrer Deprivilegierung, sondern auch als eine geschickte Strategie, die eigenen nicht beachteten Interessen einzubringen und durchzusetzen. Sie ist eine Form der Sprachfindung, der partiellen \u00dcberwindung erfahrener Ohnmacht, der Gemeinschaftsbildung und wechselseitigen Best\u00e4rkung sowie ein Mittel der Erpressung. Man zeigt die Ungerechtigkeiten in der Verteilung des nationalen Reichtums zwischen Ost und West auf und fordert Umverteilung ein. So wie man sich selbst nicht anerkannt f\u00fchlt, ist man auch nicht bereit, das westliche System und seine Leistungen anzuerkennen. Es wird als ineffektiv und menschenunw\u00fcrdig, als b\u00fcrokratisch und erstarrt, vor allem aber als ungerecht und unsozial charakterisiert. Man f\u00fchrt Klage \u00fcber die hohe Zahl der Arbeitslosen, \u00fcber die steigende Kriminalit\u00e4t, \u00fcber die Reformunf\u00e4higkeit der Bundesregierung, \u00fcber die Beteiligung Deutschlands an Milit\u00e4reins\u00e4tzen der NATO sowie am Konsumismus des westlichen Lebensstils. Man m\u00f6chte Schlechtes an der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Ordnung des Westens finden, denn man sieht sich selber schlecht bewertet. Die Unzufriedenheit mit der Markwirtschaft, dem Rechtsstaat und der Demokratie ist insofern auch eine Form der Kompensation f\u00fcr die erfahrene Abwertung und Zur\u00fccksetzung (vgl. Pollack 1997: 10).<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-ostdeutsche-ein-produkt-der-gescheiterten-integration\">Der Ostdeutsche &mdash; ein Produkt der geschei&shy;terten Integration<\/span><\/h3>\n<p>Sollte diese Beschreibung etwas Richtiges treffen, dann w\u00e4re das Aufkommen des n\u00f6rgelnden, sich verweigernden, sich beschwerenden und emp\u00f6renden Ossis nicht so sehr das Produkt einer in der DDR durchlaufenen Sozialisation, die es dem Ostdeutschen erschwert, sich dem Westen zu \u00f6ffnen. Vielmehr erscheint er als Produkt der weitgehend misslungenen Integration der Ostdeutschen in das wiedervereinigte Deutschland. Hinter der Unzufriedenheit der Ostdeutschen, ihrer Kritik am Westen und ihrer Distanz gegen\u00fcber dem westlichen Institutionensystem und ihren Vertretern st\u00e4nde dann weniger das weiterwirkende Erbe des obrigkeitlichen und paternalistischen Staatssystems der DDR als die Erfahrung der Abwertung und Schlechterstellung der Ostdeutschen im wiedervereinigten Deutschland. In gewisser Weise ist der trotzig seine Identit\u00e4t behauptende Ossi das Ergebnis des Blicks der Westdeutschen auf die Ostdeutschen und der Umwertung der ihm zugeschriebenen Merkmale.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben sich die als typisch ostdeutsch angesehenen Einstellungen erst im Laufe der Zeit herausgebildet. Unmittelbar nach dem Umbruch war die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit der Demokratie oder der Marktwirtschaft weitaus h\u00f6her als nur wenige Jahre danach (Noelle-Neumann\/K\u00f6cher 1997: 670). Ebenso haben sich auch die Akzeptanz von leistungsbedingten sozialen Unterschieden, von individueller Eigenverantwortlichkeit und pers\u00f6nlicher Leistungsbereitschaft erst im Laufe der Zeit negativ entwickelt (vgl. IPOS 1990-1995). Das DDR-System wurde im Vergleich zu Westdeutschland 1990 noch weitaus schlechter eingesch\u00e4tzt als zum Beispiel Mitte der 1990er Jahre. Und die Fixierung auf den Staat und die Erwartungen an ihn haben sich auch erst im Laufe der Jahre erh\u00f6ht. In diesen als charakteristisch f\u00fcr die Ostdeutschen angesehenen Einstellungen und Orientierungen dr\u00fcckt sich in erster Linie nicht ein Fortwirken in der DDR erfahrener Pr\u00e4gungen aus, sondern eine Reaktion auf im wiedervereinigten Deutschland gemachte Erfahrungen. Zur DDR will kaum einer zur\u00fcck. Wohl aber dient die DDR so manchem als Symbol der Identit\u00e4tskonstruktion und der Selbstverteidigung.<\/p>\n<p>Dass es so kam, h\u00e4tte man wissen k\u00f6nnen, denn asymmetrische Sozialverh\u00e4ltnisse tendieren zur Umkehrung der in ihnen installierten Machtungleichgewichte. Gerade dort, wo Macht sich als \u00fcberlegen inszeniert, wo sie Deutungshoheit beansprucht und Entscheidungen an sich rei\u00dft, provoziert sie Verweigerung, R\u00fcckzug, Abwehr, ja Protest. Macht ist eine soziale Relation, in der die eine Seite trotz ihrer komfortablen Ausstattung mit Ressourcen und Befugnissen auf die Anerkennung der anderen angewiesen bleibt. In modernen Gesellschaften gibt es keinen Ausstieg aus der Reziprozit\u00e4t der Sozialverh\u00e4ltnisse. Weder Autorit\u00e4t noch Geld, weder Rhetorik noch Wahrheit l\u00f6sen sie auf. Die Zulassung asymmetrischer sozialer Beziehungen musste daher fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zwangsl\u00e4ufig zur Einklagung von Symmetrie und zur Selbstbehauptung des Entwerteten f\u00fchren. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass es notwendig zu Ver\u00e4nderungen, wohl aber, dass es unvermeidlich zu Konflikten kommt.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-relativierung-funktionaler-eindeutigkeiten\">Die Relati&shy;vie&shy;rung funkti&shy;o&shy;naler Eindeu&shy;tig&shy;keiten<\/span><\/h3>\n<p>Auch wenn die hier angestellten \u00dcberlegungen hie und da \u00fcberzeugen sollten, ist ihnen gegen\u00fcber Skepsis geboten &#8211; vor allem deshalb, weil die verfolgte Argumentationslinie so sch\u00f6n aufgeht, irgendwie zu glatt ist und die Dinge zu sehr auf den Punkt zu bringen versucht. Das Problem dieser Art des Argumentierens besteht darin, dass es sich um eine funktionale Analyse handelt, die alle Ph\u00e4nomene auf ein einziges Bezugsproblem bezieht &#8211; auf das Problem der Schlechterstellung und Abwertung der Ostdeutschen &#8211; und daraus alle relevanten Verhaltensweisen der Ostdeutschen zu erkl\u00e4ren versucht: die \u00dcberanpassung, den R\u00fcckzug, die Nostalgie, die Emp\u00f6rung sowie das Klagen und Jammern. Gegen\u00fcber einer solchen funktionalistischen Perspektive m\u00fcssen jedoch zumindest drei Differenzierungen angebracht werden.<\/p>\n<p>Erstens l\u00e4sst sich neben dem herausgestellten Gleichberechtigungs- und Anerkennungsproblem eine Vielzahl weiterer Bezugsprobleme denken, die das Handeln der Ostdeutschen vielleicht ebenso oder noch st\u00e4rker bestimmen. Zu nennen w\u00e4ren hier etwa Probleme des beruflichen Aufstiegs oder der Ausbildung, Probleme in den Beziehungen mit Nachbarschaft und Freunden, Familienprobleme, Probleme der Kindererziehung oder M\u00f6glichkeiten des Reisens, des Konsums, der Erlebnissteigerung und der Selbstverwirklichung usw. Das Anerkennungsproblem ist nur eines unter vielen, und welchen Stellenwert es im Leben der Ostdeutschen hat, d\u00fcrfte von Fall zu Fall variieren.<\/p>\n<p>Zweitens bedarf das in der funktionalen Analyse ausfindig gemachte Bezugsproblem vielleicht gar nicht der L\u00f6sung. Es mag durchaus richtig sein, dass viele Ostdeutsche sich als B\u00fcrger zweiter Klasse definieren, sich nicht gleichberechtigt und anerkannt f\u00fchlen und der Meinung sind, dass es ihnen schlechter als den Westdeutschen geht. Aber daraus folgt nichts. Weder werden die meisten Ostdeutschen zu Nostalgikern noch ziehen sie sich in die Schmollecke zur\u00fcck, weder emp\u00f6ren sie sich noch versuchen sie, die besseren Wessis zu sein. Auch wenn die Menschen in Ostdeutschland vielleicht ein Anerkennungs- und Gleichberechtigungsproblem haben, streben sie nicht nach seiner L\u00f6sung. Die Sozialwissenschaften begehen den Fehler, einen zu hohen Bedarf an Konsistenz in der individuellen Lebensf\u00fchrung vorauszusetzen. Die Menschen k\u00f6nnen auch mit ungel\u00f6sten Problemen leben. Die Tatsache, dass es ihnen materiell nicht schlecht geht, wie auch die, dass es zum Leben in der westlichen Gesellschaft ohnehin keine ernsthafte Alternative gibt, d\u00fcrfte ihnen dabei helfen, sich in den gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnissen einzurichten. In der Tat erwecken die neuesten Berichte und Umfragedaten den Eindruck, als seien die Ostdeutschen in der Bundesrepublik angekommen. Die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit der Demokratie hat sich erh\u00f6ht (Allbus 2000). Das Vertrauen in die politischen Institutionen ist gestiegen (Priller 1999: 16; Statistisches Bundesamt 2000: 433). Mehr als die H\u00e4lfte der Ostdeutschen sagt, dass es ihnen heute besser geht als vor 1989 (INRA 2000). Nur 15 Prozent bevorzugen die DDR vor der BRD. Auch wenn die meisten Ostdeutschen kaum die Hoffnung haben, dass die wirtschaftlichen Probleme Ostdeutschlands demn\u00e4chst gel\u00f6st werden, auch wenn sie nach wie vor zwischen Ost und West keine Gleichberechtigung sehen, auch wenn sie der Meinung sind, die Ostdeutschen w\u00fcrden als B\u00fcrger zweiter Klasse behandelt, denken sie, dass es sich in der Bundesrepublik ganz gut leben l\u00e4sst, akzeptieren sie die bundesrepublikanische Ordnung und wollen kein anderes politisches oder wirtschaftliches System als das gegenw\u00e4rtige (vgl. ebd. sowie Emnid 1998). Die Ostdeutschen werden auf Jahre und Jahrzehnte schlechter gestellt sein als die Westdeutschen &#8211; das denkt die Mehrheit der Ostdeutschen, aber sie hat sich damit abgefunden. Euphorie gibt es im Osten Deutschlands nat\u00fcrlich nicht, inzwischen aber ein beachtliches Ma\u00df an Gelassenheit und Loyalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Drittens tendiert die funktionale Analyse dazu, zu unterstellen, dass die Menschen ganz unterschiedliche M\u00f6glichkeiten bes\u00e4\u00dfen, auf das ausgemachte Bezugsproblem zu reagieren. Ob sie sich zur\u00fcckziehen oder protestieren, ob sie sich beklagen oder anpassen, ob sie der sch\u00f6nen alten Zeit nachtrauern oder ihre Unzufriedenheit instrumentell zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzen &#8211; all diese M\u00f6glichkeiten werden von dieser Analyse als funktional gleichwertige Alternativen behandelt, zwischen denen der Einzelne zu w\u00e4hlen vermag. Das Individuum wird damit als rationaler Akteur aufgefasst, der strategisch entscheidet, welche Handlungsalternative ihm am meisten n\u00fctzt und die geringsten Kosten verursacht. Wenn er sich verweigert oder emp\u00f6rt oder jammert und sich nicht anpasst, so wird er daf\u00fcr seine rationalen Gr\u00fcnde haben. Diese Perspektive, die den Osttrotz des Einzelnen nicht einfach als irrational abtut, hat viel f\u00fcr sich, denn sie verzichtet darauf, eine opake Gr\u00f6\u00dfe, etwa das kulturelles Erbe des Staatssozialismus oder die ostdeutsche Mentalit\u00e4t oder Identit\u00e4t der ehemaligen DDR-B\u00fcrger, einzuf\u00fchren, um alles abweichende Verhalten der Ostdeutschen darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren. Gew\u00f6hnlich n\u00e4mlich werden Verhaltensweisen und Einstellung der Ostdeutschen, die unverst\u00e4ndlich erscheinen oder auch nur dem westlichen Muster nicht entsprechen, auf das Weiterwirken der in der DDR-Zeit angeeigneten kulturellen Best\u00e4nde zur\u00fcckgef\u00fchrt. Um Kultur handelt es sich, wenn etwas rational nicht erkl\u00e4rt werden kann. Demgegen\u00fcber erlaubt die funktionale oder utilitaristische Perspektive, auch auf den ersten Blick unverst\u00e4ndliche Einstellungen und Verhaltensweisen noch auf ihre rationalen Gr\u00fcnde hin zu befragen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-normalitaet-des-kognitiven-grabens-zwischen-ost-und-west\">Die Normalit&auml;t des kognitiven Grabens zwischen Ost und West<\/span><\/h3>\n<p>Dennoch muss \u00fcberpr\u00fcft werden, ob das menschliche Handeln nicht weitaus st\u00e4rker durch fr\u00fchere Pr\u00e4gungen restringiert ist, als das die funktionalistische oder rationalistische Analyse zulassen will. Nat\u00fcrlich ist es ein Gewinn an analytischer Genauigkeit, wenn nicht \u00fcberall dort, wo Ost- und Westdeutsche nicht \u00fcbereinstimmen, die DDR-Vergangenheit bem\u00fcht wird, um die Differenzen zu erkl\u00e4ren. Aber auch wenn man die Eigenlogik des Handelns rationaler Akteure ernst nimmt, muss man doch damit rechnen, dass sich fr\u00fchere Pr\u00e4gungen als persistent erweisen und auch heutige Verhaltens- und Einstellungsmuster noch bestimmen. Worin diese Pr\u00e4gungen bestehen, dies wird genau zu pr\u00fcfen sein. Funktionale und rationale Analysen vermeiden jedenfalls eindimensionale Erkl\u00e4rungen, wie sie immer wieder von kulturalistischen Ans\u00e4tzen, etwa auch von der politischen Kulturforschung, vorgelegt werden. Aber sie stehen selbst in der Gefahr, ein zu hohes Ma\u00df an Eindeutigkeit in ihren Erkl\u00e4rungen hervorzubringen, wenn sie versuchen, Handeln als ausschlie\u00dflich interessenbestimmt oder ausschlie\u00dflich als Probleml\u00f6sungsverhalten zu interpretieren. Insofern ist es dann doch erforderlich, auf kulturelle Pr\u00e4gungen einzugehen, sofern sie denn stets zu situativen Gelegenheitsstrukturen sowie zu individuellen Interessenkalk\u00fclen ins Verh\u00e4ltnis gesetzt werden. Dies ist kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen reinen, sondern f\u00fcr einen gem\u00e4\u00dfigten Konstruktivismus, denn auch soziale Konstruktionen m\u00fcssen, wenn sie wirksam sein wollen, an Traditionen und kulturelle Best\u00e4nde anschlie\u00dfen und auf ihnen aufbauen.<\/p>\n<p>Die wirksamen Traditionslinien, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart f\u00fchren, m\u00fcssen also sorgf\u00e4ltig herausgearbeitet werden und auf gegenw\u00e4rtige Interessenkonflikte und Situationserfordernisse bezogen werden. Die oftmals untersch\u00e4tzte DDR-Forschung und die Transformationsforschung haben hier vieles bereits geleistet. In der \u00d6ffentlichkeit allerdings sind die Ergebnisse dieser Forschungen bislang nur teilweise angekommen. Dort gilt der Ostdeutsche, sofern man sich f\u00fcr ihn \u00fcberhaupt interessiert, noch immer als das kaum verst\u00e4ndliche, schwierige Wesen, dem man sich nur mit Kopfsch\u00fctteln n\u00e4hern kann: &#8222;Der Ossi &#8211; das unbekannte Wesen&#8220; titelte beispielsweise der <em>Stern<\/em> im vergangenen Jahr (<em>Stern<\/em> Nr. 18\/25. April 2002). Die Ostdeutschen hingegen nehmen das Unverst\u00e4ndnis, das man ihnen entgegenbringt, inzwischen gelassen. Sie rechnen nicht mehr damit, dass es zwischen Ost und West zu einer wirklichen Verst\u00e4ndigung kommt und dass sie einen gleichberechtigten Platz in der deutschen Vereinigungsgesellschaft einnehmen. Die Hoffnungen, die sie einst in die Wiedervereinigung setzten, sind vergangen. Mit ihnen aber auch die Frustration \u00fcber die misslingende Kommunikation mit den Menschen aus dem andern Teil Deutschlands. Der kognitive Graben, der Ost und West nach wie vor trennt, ist zur Normaljt\u00e4t geworden. Wenige nehmen ihn noch wahr, jedenfalls leidet kaum noch einer unter ihm. Man ist angekommen in der westdeutschen Gegenwart und hat genug anderes zu tun, als sich noch um seine ostdeutschen Empfindlichkeiten zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>1 So hat die Kollektivschuldthese der Alliierten auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg die Bereitschaft der Deutschen, sich ihrer Verantwortung und Schuld im Dritten Reich zu stellen, nachdr\u00fccklich beeintr\u00e4chtigt (Vgl. Greschat 2002: 174ff.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p><em>Allbus<\/em> 2000: Allgemeine Bev\u00f6lkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus)<\/p>\n<p><em>Emnid<\/em> 1998: Sozialer und kultureller Wandel in Ost- und Westdeutschland. Eine Befragung, durchgef\u00fchrt im Auftrag des Lehrstuhls f\u00fcr vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina in Frankfurt\/Oder, Bielefeld<\/p>\n<p><em>Engler, Wolfgang<\/em> 2002: Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin<\/p>\n<p><em>Greschat, Martin<\/em> 2002: Die evangelische Christenheit und die deutsche Geschichte nach 1945: Weichenstellungen in der Nachkriegszeit, Stuttgart<\/p>\n<p><em>INRA<\/em> 2000: Political Culture in Central and Eastern Europe. Befragung in elf ausgew\u00e4hlten mittelosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, durchgef\u00fchrt im Auftrag des Lehrstuhls f\u00fcr vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina in Frankfurt\/Oder, Frankfurt\/Oder<\/p>\n<p><em>IPOS<\/em> 1990-1995: Einstellungen zu aktuellen Fragen der Innenpolitik. Studie des IPOS-Instituts, Mannheim<\/p>\n<p><em>Noelle-Neumann, Elisabeth\/K\u00f6cher, Renate<\/em> (Hg.) 1997: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 19931997, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><em>Pollack, Detlef 1997:<\/em> Das Bed\u00fcrfnis nach sozialer Anerkennung: Der Wandel der Akzeptanz von Demokratie und Marktwirtschaft in Ostdeutschland; in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 13\/1997, S. 3-12<\/p>\n<p><em>Priller, Eckhard 1999<\/em>: Demokratieentwicklung und gesellschaftlioche Mitwirkung in Ostdeutschland: Kontinuit\u00e4ten und Ver\u00e4nderungen. Arbeitspapier des Wissenschaftszentrums Berlin f\u00fcr Sozialforschung F III 99-410, Oktober<\/p>\n<p><em>Statistisches Bundesamt<\/em> (Hg.) 2000: Datenreport 1999. Zahlen und Fakten \u00fcber die Bundesrepublik Deutschland, Bonn<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[4612],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20565","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-detlef-pollack","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ostdeutsche Anerkennungsprobleme - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ostdeutsche-anerkennungsprobleme\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ostdeutsche Anerkennungsprobleme - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Es begann am 9. 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