{"id":20570,"date":"2026-07-07T14:26:55","date_gmt":"2026-07-07T12:26:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20570"},"modified":"2026-07-07T14:27:03","modified_gmt":"2026-07-07T12:27:03","slug":"die-oestliche-erfahrung-im-theoretischen-diskurs","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/die-oestliche-erfahrung-im-theoretischen-diskurs\/","title":{"rendered":"Die \u00f6stliche Erfahrung im theoretischen Diskurs"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6ffentlich \u00fcber den eigenen Arbeitsprozess zu reflektieren, ist nicht ungef\u00e4hrlich: Die narzisstische Versuchung, sich ungeb\u00fchrlich in den Vordergrund zu spielen, lauert bei einem solchen Unterfangen gleich hinter der n\u00e4chsten Kurve, und dass ihr einige Gro\u00dfe des Fachs versiert auswichen, ist ermutigend, aber keine Garantie.<\/p>\n<p>Zum Beispiel Pierre Bourdieu.<\/p>\n<p>Dessen Dauerreflexion auf die intellektuelle Produktion, in kollektiver wie in eigener Sache, zuletzt noch einmal &#8222;postum&#8220; in seinem <em>Soziologischen Selbstversuch<\/em> (Bourdieu 2002), sucht in der j\u00fcngeren Sozialwissenschaft ihresgleichen und ist doch nicht ohne Weiteres generalisierbar.<\/p>\n<p>Bourdieus Problem war der <em>Homo academicus<\/em> (Bourdieu 1988), eingelassen in ein universit\u00e4res Feld, dessen immanenten Kr\u00e4ften und K\u00e4mpfen ausgesetzt und vor die Notwendigkeit gestellt, Autonomie gegen\u00fcber diesen vielf\u00e4ltigen Feld- und Positionseffekten genau dadurch zu erringen, da\u00df er sie ins Kalk\u00fcl zog &#8211; die Tradition und Macht der &#8222;Fakult\u00e4ten&#8220;; die Denkgebote, Sprachroutinen und Jargons; den kulturellen Korpsgeist; die habitualisierte Geringsch\u00e4tzung, wenn nicht Verachtung des Allt\u00e4glichen und Gew\u00f6hnlichen.<\/p>\n<p>Ich selbst habe das Innere dieses Feldes fr\u00fchzeitig verlassen, zu Beginn der 1980er Jahre, um eine Position ganz an seinem Rande einzunehmen &#8211; die eines Theoriedozenten an einer kleinen Kunsthochschule in Ostberlin, die seit Jahrzehnten mit gro\u00dfem Erfolg f\u00fcr Nachwuchs am deutschsprachigen Theater sorgt.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen dieser Entscheidung, ihre Auswirkungen auf die eigene Arbeit, traten mir erst nach und nach ins Bewusstsein.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerische Produktionsprozesse sind nicht weniger traditionslastig als wissenschaftliche, entwickeln Strukturen und Methoden wie diese, sind aber weit st\u00e4rker und unentrinnbarer zur Welt hin ge\u00f6ffnet, auf sie verwiesen. Wahrnehmung, Beobachtung und Nachahmung, die Techniken der Mimesis, sind speziell f\u00fcr die darstellenden K\u00fcnste von herausragender Bedeutung; die Realit\u00e4t wird gefiltert, aber die Filter selbst sind plastischer und durchl\u00e4ssiger als im Fall der institutionalisierten Theorieproduktion.<\/p>\n<p>Arbeitet man als Soziologe l\u00e4ngere Zeit in einer solchen Umgebung, dann geraten auch die mitgebrachten Standards, die theoretischen nicht minder als die empirischen, unter ihren Einfluss. Das theoretische Interesse verlagert sich in die kulturelle und \u00e4sthetische Sph\u00e4re, woraus es zunehmend seine Anregungen bezieht und im selben Zuge gewinnen die dort zirkulierenden Themen und Gegenst\u00e4nde dokumentarische Aussagekraft. Der akademische Jargon schleift sich ab und n\u00e4hert sich dem Essay, Kunstwerke verschiedenster Zeiten und Genres treten gleichberechtigt neben die harten soziologischen Fakten und dienen als &#8222;Evidenzen&#8220; f\u00fcr theoretische Einsichten.<\/p>\n<p>Lasse ich meine Arbeiten von den fr\u00fchen achtziger Jahren bis, in die j\u00fcngste Zeit Revue passieren, dann referieren sie genau diese Akzentverschiebung; noch die beiden Aufsatzsammlungen aus der ersten H\u00e4lfte der neunziger Jahre (Engler 1992; 1995) wirken verglichen mit den sp\u00e4teren B\u00fcchern \u00fcber die Ostdeutschen wie Mischlinge: halb akademische Abhandlung, halb soziologische Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"distanz-zum-universitaeren-feld\">Distanz zum univer&shy;si&shy;t&auml;ren Feld<\/span><\/h3>\n<p>&#8222;Es ist eine alte Einsicht der Interpretationslehre, dass (wissenschaftliche) Schriften nicht ohne die Bez\u00fcge zu verstehen sind, die sie in zeitbedingten gesellschaftlichen Diskursen finden.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesen Worten er\u00f6ffnete der Berliner Soziologe Sighard Neckel seine Grundsatzkritik an meinem j\u00fcngsten Buch \u00fcber die Ostdeutschen (Engler 2002), dem er vorwarf, alles vergessen und verdr\u00e4ngt zu haben, was die vorangegangenen Analysen gegen den DDR-Sozialismus vorzubringen wussten (Neckel 2002).<\/p>\n<p>Ich greife seine Kritik um so bereitwilliger auf, weil ich ihre Voraussetzung teile und keineswegs der Ansicht bin, dass die schrittweise L\u00f6sung aus spezifisch universit\u00e4ren Abh\u00e4ngigkeiten allein schon gleichbedeutend mit dem Aufbruch in geistige Freiheit ist.<\/p>\n<p>Die Befreiung vom akademischen Fremdzwang, sofern sie \u00fcberhaupt gelingt, geht, dessen bin ich mir wohl bewusst, mit neuen Zw\u00e4ngen und Abh\u00e4ngigkeiten einher. Wer gegen\u00fcber dem universit\u00e4ren Feld auf Distanz geht, verliert auch dessen Schutz gegen\u00fcber den M\u00e4chten der Welt und wo sich das Denken st\u00e4rker zur &#8222;Wirklichkeit&#8220; \u00f6ffnet, droht es zugleich, deren Str\u00f6mungen, selbst Stimmungen anheimzufallen.<\/p>\n<p>Die vier Arbeiten \u00fcber den Staatssozialismus im allgemeinen, \u00fcber die Ostdeutschen im besonderen, \u00fcber die ich hier haupts\u00e4chlich berichte, entstanden im Bannkreis dieser Gefahr und tragen unverkennbar ihre Spuren.<\/p>\n<p>Um mit dem ersten Text zu beginnen (Engler 1992), so w\u00fcsste ich seinen Entstehungskontext nicht besser zu beschreiben als wiederum mit Neckels Worten:<\/p>\n<p>&#8222;Der zeitgeschichtliche Impuls dieses bemerkenswerten &#8218;Versuches&#8216; war der gerade \u00fcberwundene paternalistische Polizeistaat der SED, deren Lebenswelt Engler wenig Gnade gew\u00e4hrte.&#8220;<\/p>\n<p>Das <em>war<\/em> der Impuls, kein Zweifel, und ihm nachzugeben lag insofern nahe, als die eigene, randst\u00e4ndige Position im kulturellen Spektrum, die institutionell eher schwache Abgrenzung zur Normalit\u00e4t des Alltagslebens in der DDR das gleichsam spontane Mitdenken und Mitf\u00fchlen mit dem gesellschaftlichen Durchschnitt, mit der Mehrheit, \u00fcberaus beg\u00fcnstigte. Ich teilte den massenhaften Wunsch, mit der Vergangenheit konsequent zu brechen und versp\u00fcrte kein Bed\u00fcrfnis, das sozialistische Projekt in Gestalt des &#8222;Dritten Weges&#8220; wiederaufleben zu lassen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-antwort-der-gesellschaft-auf-das-politische-system\">Die Antwort der Gesell&shy;schaft auf das politische System<\/span><\/h3>\n<p>Diesem Bruch-Impuls gem\u00e4\u00df konzentrierte ich mich in dieser Studie auf jene Realit\u00e4tsausschnitte, f\u00fcr die dieser Sinne und Gedanken sch\u00e4rfte, auf den staatssozialistischen Herrschaftsmechanismus, und thematisierte das soziale und allt\u00e4gliche Leben innerhalb jener Grenzen, die er ihm zu ziehen gedachte bzw. tats\u00e4chlich zog. Mit Elias Zivilisationstheorie und Foucaults Machtanalysen gewappnet, untersuchte ich die wechselseitige Durchdringung und Komplizenschaft von staatlicher Disziplinierung und Alltagsleben.<\/p>\n<p>Davon abzur\u00fccken, sehe ich auch gegenw\u00e4rtig keinen Grund.<\/p>\n<p>Mein erstes Buch \u00fcber die Ostdeutschen (Engler 1999) reservierte dem \u00dcberwachungsstaat ein eigenes Kapitel, das dessen Zugriff auf die sozialen und pers\u00f6nlichen Beziehungen bis in die umgangssprachlich privat genannten Lebensbezirke hinein verfolgte, was selbst einstige DDR-Oppositionelle wie Ehrhard Neubert bei aller sonstigen Kritik positiv vermerkten: &#8222;Engler schenkt der Herrscherkaste der DDR nichts.&#8220; (Neubert 1999)<\/p>\n<p>Was ich an <em>Die zivilisatorische L\u00fccke<\/em> heute kritisch sehe, ist ihr methodischer Reduktionismus; die einseitige Konzentration auf die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse; die Analyse der sozialen, beruflichen und pers\u00f6nlichen Beziehungen fast nur aus dieser Perspektive; die vorrangige Behandlung der Gesellschaft als ein vom Staat geschaffenes Wesen, als <em>natura naturata<\/em> und nicht (auch) als zeugende Substanz, <em>als natura naturans.<\/em> Kritikw\u00fcrdig ist der wiederholte Fehlschluss unmittelbar vom politischen System auf den gesellschaftlichen Zusammenhang sowie die tendenziell unhistorische Betrachtung, die der mal schritt-, mal schubweisen Emanzipation der Gesellschaft vom staatlichen Machtdiktat h\u00f6chst ungen\u00fcgend gerecht wurde.<\/p>\n<p>Mit diesen Einseitigkeiten und Auslassungen unzufrieden, f\u00fcgte ich dem Text ein Schlusskapitel an, <em>Die ungewollte Moderne<\/em> \u00fcberschrieben, das im gedanklichen Eilschritt all das einsammelte, was die Untersuchung bis dahin liegengelassen hatte: Individualisierung und machtkritische Gemeinschaftsbildung; R\u00e4ume und Formen der pers\u00f6nlichen wie interpersonellen Autonomie; Umschlag der von oben eingeleiteten Enttraditionalisierung in effektive Modernisierung; Fortbildung staatlich verordneter Freiz\u00fcgigkeit innerhalb der Grenzen der DDR zu \u00fcber sie hinausweisenden Freiheitsanspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Dieser Schlussteil, der auf der methodischen Einsicht beruhte, hinfort genauestens zwischen politischem System, auch dem rigidesten, und der <em>Antwort<\/em> zu unterscheiden, die es gesellschaftlich und individuell ausl\u00f6st, bahnte den weiteren Arbeiten zu diesem Gegenstand den Weg.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"vom-analytiker-zum-protagonisten-ostdeutscher-selbstethnisierung\">Vom Analytiker zum Protago&shy;nisten ostdeut&shy;scher Selbs&shy;t&shy;eth&shy;ni&shy;sie&shy;rung?<\/span><\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst in einer Aufsatzsammlung, die dieses Fazit gleich im Titel f\u00fchrte &#8211; <em>Die zivilisatorische L\u00fccke<\/em> (Engler 1995) -, von heute aus gesehen \u00dcbungen, Vorstudien f\u00fcr die beiden folgenden B\u00fccher, um Differenzierung und Prozesshaftigkeit bem\u00fcht, aber zu skizzenhaft und episodisch, um im R\u00fcckblick befriedigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Sache weiterzukommen, setzte gr\u00f6\u00dferen zeitlichen Abstand zum Objekt der Untersuchung voraus, und indem die Zeit verging, ver\u00e4nderte sich zugleich der mentale Kontext der Analyse, die gesellschaftliche Stimmungslage.<\/p>\n<p>Der Einheitsprozess, schreibt Neckel, &#8222;[ver\u00e4nderte] den Bezugsrahmen des ostdeutschen Diskurses \u00fcber sich selbst grunds\u00e4tzlich [&#8230;] Statt Kritik an der vergangenen Autokratie \u00fcberwog jenseits der Elbe nun die Selbstbehauptung gegen\u00fcber der triumphierenden Bundesrepublik. Das &#8218;Staatsvolk der DDR&#8216;, das in all seiner &#8218;Einheit&#8216; nur in der Fiktion von SED-Ideologen existierte, geriet zum Objekt eines ostdeutschen &#8218;Gemeinsamkeitsglaubens&#8216; (Max Weber), der die Bewohner der neuen Bundesl\u00e4nder als eigene deutsche Ethnie verstand. Die westdeutsche Vereinnahmung n\u00e4herte ihn ebenso wie das politische Kalk\u00fcl ostdeutscher Akteure, im gesamtdeutschen Staat Mobilisierungschancen zu wahren.&#8220;<\/p>\n<p>Was folgt, ist der Vorwurf eines halt- und richtungslosen Abdriftens in geistigen Populismus:<\/p>\n<p>&#8222;Die Erwartung an Soziologen ist es, solche Metamorphosen mit kritischer Distanz zu begleiten. Doch sp\u00e4testens mit seinem Buch <em>Die Ostdeutschen<\/em> von 1999 d\u00fcrfte Engler auf die Seite jener gewechselt haben, die sich als Protagonisten der ostdeutschen Selbstethnisierung verstehen [&#8230;]. So verschwand der an Elias geschulte Blick auf die Wechselwirkung von Macht und Alltagskultur [&#8230;]. Wo einst &#8218;zivilisatorische L\u00fccken&#8216; klafften, erwuchs nunmehr der Retrokult der &#8218;arbeiterlichen` DDR, an dem auch westdeutsche Leser ihre kitschigen Vorstellungen vom ostdeutschen &#8218;Land der kleinen Leute&#8216; (G\u00fcnter Gaus) aufw\u00e4rmen durften.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist mir hier nicht um eine detaillierte Replik zu tun. Mehr als die Ausf\u00fchrung im einzelnen verdient der Ansatzpunkt des Vorwurfs eine n\u00e4here Er\u00f6rterung &#8211; der vermeintliche Verlust an kritischer Distanz.<\/p>\n<p>Ich komme nicht umhin zuzugestehen, dass sich mein Blick auf die Ostdeutschen, auf ihre Vorgeschichte als DDR-B\u00fcrger ebenso wie auf ihre Haltung im neuen Staatswesen im selben Ma\u00dfe ver\u00e4nderte, in dem der Blick der Ostdeutschen auf sich selbst sich ver\u00e4nderte. Als die Ostdeutschen ihre Vergangenheit mehrheitlich am liebsten r\u00fcckstandslos entsorgt h\u00e4tten, sah und beurteilte auch ich die DDR-Gesellschaft \u00e4u\u00dferst kritisch, und ich sprach ihr verst\u00e4rkt Eigensinn und Eigenleben zu, als dieselbe Mehrheit \u00e4hnlich zu denken und zu empfinden begann.<\/p>\n<p>Ist das nicht ein geradezu klassischer Ausweis intellektueller Heteronomie?<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt davon ab, wie man den gesellschaftlichen Stimmungswandel beurteilt.<\/p>\n<p>So lange man darin nicht mehr und anderes entdeckt als das Bed\u00fcrfnis, die DDR-Geschichte zu verkl\u00e4ren, den Einigungsprozess im Ganzen zu diskreditieren, sticht der Vorwurf geistiger Dienstbarkeit. Versteht man ihn dagegen als ein noch unabgeschlossenes Ringen um ein vielschichtigeres und realit\u00e4tsn\u00e4heres Bild der Vergangenheit, das auch die ostdeutsche Lebenswirklichkeit nach dem Umbruch vom Makel minderen Seins befreit, dann liegen die Dinge komplizierter.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"jenseits-der-extreme-eine-realistische-erzaehlung-der-ddr-gesellschaft\">Jenseits der Extreme: eine realis&shy;ti&shy;sche Erz&auml;hlung der DDR-Ge&shy;sell&shy;schaft<\/span><\/h3>\n<p>Und so scheint es mir.<\/p>\n<p>Ich begreife den mentalen Umschwung als Kern eines gesellschaftlichen Erkenntnisprozesses hin zu mehr Tiefensch\u00e4rfe und st\u00e4rkerer Konturierung und schreibe ihm eine Logik zu, von deren Analyse die soziologische Erkenntnis nur profitieren kann; ich sage und meine &#8222;Analyse&#8220;, nicht schlichten Nachvollzug.<\/p>\n<p>Fraglos gewinnt die DDR-Vergangenheit in der Retrospektive von Einzelnen und ganzen Gruppen oftmals besch\u00f6nigende Z\u00fcge, die die Widerspr\u00fcche des Systems gl\u00e4tten, seine Unvertr\u00e4glichkeiten kaschieren, seine H\u00e4rten und Grausamkeiten \u00fcberspielen. Diese Trivialliteratur, in Nachwendezeiten entstanden, ist f\u00fcr die Zwecke einer realistischen Gesellschaftsgeschichte v\u00f6llig unbrauchbar und sich ihrer zu bedienen, k\u00e4me auf dieselbe ideologische Verzerrung hinaus, die entst\u00fcnde, wollte man die Franz\u00f6sische Revolution aus der Perspektive der aristokratischen Exilliteratur des fr\u00fchen neunzehnten Jahrhunderts beurteilen.<\/p>\n<p>Bestrebt, eine wirklichkeitsnahe Erz\u00e4hlung der DDR-Gesellschaft zu verfassen, enthielt ich mich dieser tr\u00fcben Quellen ebenso wie ihres durchaus erhellenderen Pendants, der Oppositionsliteratur, weil ich an den \u00dcberzeugungen und Erfahrungen der Mehrheit interessiert war, und diese Mehrheit stand der Funktion\u00e4rsschicht nicht minder reserviert gegen\u00fcber als deren Gegenspielern.<\/p>\n<p>In der f\u00fcr mich entscheidenden Frage &#8211; der nach dem &#8222;Grund&#8220; f\u00fcr 1989, im doppelten Sinne des Wortes &#8211; fand ich weder in den Rechtfertigungsschriften der einstmals Beg\u00fcnstigten des Systems noch in den Verdammungstexten ihrer Widersacher hinreichenden Aufschluss. Die Regierenden samt der Masse der Parteig\u00e4nger und Nutznie\u00dfer des DDR-Sozialismus betrachteten den 89er Herbst als eine Art historischen Irrtum, als einen Akt der Konterrevolution; f\u00fcr sie h\u00e4tte er gar nicht kommen <em>d\u00fcrfen<\/em>. F\u00fcr die Weitsichtigeren unter ihnen h\u00e4tte er nicht kommen <em>m\u00fcssen<\/em>, wenn rechtzeitig Reformen eingeleitet worden w\u00e4ren. F\u00fcr die Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten wiederum h\u00e4tte das Ereignis gar nicht eintreten <em>k\u00f6nnen<\/em>, wenn sie selber nicht den Weg dazu gewiesen h\u00e4tten. Die einen gei\u00dfelten die Mehrheit der Ostdeutschen als politisch Verf\u00fchrte, die den Versprechungen der westlichen Konsumgesellschaft erlagen, die anderen hielten ihr Langmut und \u00c4ngstlichkeit, wo nicht gar Feigheit vor.<\/p>\n<p>Wie Geduld und Furcht mehr und mehr wichen, um schlie\u00dflich in radikales Aufbegehren umzuschlagen, warum die Ostdeutschen pl\u00f6tzlich konnten, was sie so lange wollten, aber nicht wagten &#8211; dar\u00fcber schwiegen sich Oppositions- und Rechtfertigungsliteratur gleicherma\u00dfen aus.<br \/>\n<em>Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land<\/em> (Engler 1999) zeichnete diesen Prozess, in dessen Verlauf die Gesellschaft im Wartestand, die Gesellschaft an sich zur Gesellschaft f\u00fcr sich wurde, zum sprach- und handlungsf\u00e4higen Akteur, entlang der daf\u00fcr ma\u00dfgeblichen politisch-historischen Z\u00e4suren und Erfahrungen nach und erf\u00fcllte damit ein unabweisbares Bed\u00fcrfnis der &#8222;Aufst\u00e4ndischen von 1989&#8220;.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"ein-blick-auf-die-scharniere-zwischen-alter-und-neuer-ordnung\">Ein Blick auf die Scharniere zwischen alter und neuer Ordnung<\/span><\/h3>\n<p>Die geistige Selbstverpflichtung auf die Mitte der Gesellschaft, die Mehrheit der Ostdeutschen, birgt die schon angesprochene Gefahr in sich, das Peridel zu weit zu der dem Machtpol gegen\u00fcberliegenden Seite hin ausschlagen zu lassen, Ma\u00df und Reichweite gesellschaftlicher Autonomie zu \u00fcbertreiben, dem Staat r\u00fcckblickend abzusprechen, was des Staates war und fast bis zu seinem Ende blieb &#8211; die Vorherrschaft \u00fcber das soziale Leben.<\/p>\n<p>Mehr noch als das erste Buch \u00fcber die Ostdeutschen setzte sich sein Nachfolger (Engler 2002) dieser Gefahr aus und so konnte es nicht verwundern, dass die Kritik diesen neuralgischen Punkt der Darstellung ins Visier nahm.<\/p>\n<p>&#8222;Zwar ist es eine allzu simple soziologische Konzeption, von einem Herrschaftssystem direkt auf das Alltagsverhalten zu schlie\u00dfen. Aber Engler lanciert die ebenso naive Idee, dass sich ostdeutsche Lebenswelt und SED-Autokratie weitgehend widersprachen&#8220;, wandte Neckel ein.<\/p>\n<p>Andere sahen es \u00e4hnlich: &#8222;Bestrebt, den platten Determinismus seiner Kritiker zu widerlegen, \u00fcbertreibt er jedoch&#8220; (David 2002). &#8222;Ein ins Heroische \u00fcberzeichnetes Bild von den Ostdeutschen&#8220; (Bisky 2002). &#8222;Das ist eine Geschichte aus der Bibel, ein M\u00e4rchen, Stoff f\u00fcr einen Kaurism\u00e4ki-Film&#8220; (Schubert 2002). &#8222;Viele Thesen des Buches klingen verr\u00fcckt unhaltbar.&#8220; (P[ergande] 2002)<\/p>\n<p>Ohne dieser Kritik auszuweichen, m\u00f6chte ich sie zun\u00e4chst mit der Problemstellung konfrontieren, die der &#8222;Avantgarde&#8220; die Richtung wies.<\/p>\n<p>Sie nahm die Frage des Vorl\u00e4ufers &#8211; Was erm\u00f6glichte den Ostdeutschen, mit ihrer Vergangenheit zu brechen? &#8211; auf und \u00fcberf\u00fchrte sie in eine andere: Worauf konnten die Ostdeutschen bei ihrem Versuch, in und mit der neuen Gesellschaft zurechtzukommen, zur\u00fcckgreifen; auf welche Ressourcen, Verhaltenseigenschaften, Gewohnheiten konnten sie sich dabei st\u00fctzen?<\/p>\n<p>Mich interessierte nicht oder doch nicht in erster Linie, welche F\u00e4higkeiten und Einsichten der alte Staat unterdr\u00fcckt oder an ihrer Entfaltung gehindert hatte, sondern welche Verm\u00f6gen in der Auseinandersetzung mit ihm und seinem Machtanspruch gereift waren, woran sich im Umstellungsprozess ankn\u00fcpfen, was von dem Erbe sich benutzen oder mindestens umfunktionieren lie\u00df. Ebenso verfuhr ich mit der Periode nach dem Vollzug der deutschen Einheit. Interessanter als im einzelnen aufzulisten, welche Erfahrungen durch den Beitritt der Ostdeutschen zur Bundesrepublik entwertet, welche Praktiken entfunktionalisiert wurden, schien mir der umgekehrte Zugang &#8211; herauszufinden, welche Aspekte der mentalen \u00dcberlieferung durch die neuen Verh\u00e4ltnisse unterst\u00fctzt oder sogar erst in vollem Ma\u00dfe entwickelt wurden. Die Repressionshypothese, schon in bezug auf die DDR viel zu grob und vereinfachend, kam f\u00fcr die neuen Gegebenheiten erst recht nicht in Betracht.<\/p>\n<p>Ein selektiver Blick, gewiss; ein Blick, der auf die Anschlussst\u00fccke, auf die Scharniere zwischen der alten und der neuen Ordnung gerichtet war und bei der Recherche oft genug ins Staunen dar\u00fcber geriet, wie sich einstige Laster in Tugenden verwandelten, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit in Zeitgenossenschaft.<\/p>\n<p>So konservierte gerade der Mangel an technisch-technologischer Rationalisierung der DDR-Wirtschaft einen \u00f6konomischen Typus, der an die gewandelten Arbeitsverh\u00e4ltnisse gleichsam voradaptiert war, weil er sich auf Improvisation verstand, auf Basteln und Erfinden, auf Zuf\u00e4lle und j\u00e4he Situationswechsel, und damit ebenso ungewollt wie exakt jenen Anforderungen entsprach, die flexible Betriebswirtschaften ihren Mitarbeitern auferlegen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches lie\u00dfe sich \u00fcber die Kollektive sagen, diese kleinen sozialen \u00d6kosysteme, die zu DDR-Zeiten h\u00f6chst unterschiedliche Funktionen erf\u00fcllten, individuelle Leistung eher bremsten als f\u00f6rderten, die einzelnen aber stets auf die Gruppe als quasi-nat\u00fcrlichen Bezugsrahmen ihres Denkens und Verhaltens orientierten und dadurch zeitig auf das Grundprinzip moderner Fertigungsprozesse, das Teamwork, einstimmten.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"irritierend-provozierend-die-zukunft-der-ostdeutschen-erfahrung\">Irritierend provo&shy;zie&shy;rend: die Zukunft der ostdeut&shy;schen Erfahrung<\/span><\/h3>\n<p>Die Ostdeutschen waren nicht die besseren Menschen und schon gar keine Heroen, und wenn ich auch nicht ausschlie\u00dfen kann, da\u00df der selektive Fokus meiner Untersuchung diese Vorstellung gen\u00e4hrt hat, so lag mir doch nichts ferner als eine derartige Idealisierung.<\/p>\n<p>&#8222;Wer sich an die Vorstellung gew\u00f6hnt, dass unter dem simpel strukturierten &#8218;SED-Regime&#8216; eine moderne, an Gemeinsamkeiten und Autonomie orientierte Gesellschaft lebte, der wird auch die kleinen Leute im heutigen Osten verstehen&#8220;, fa\u00dfte Jens Bisky in seiner schon zitierten Kritik eine der beiden Hauptabsichten des Buches in einem Satz zusammen.<\/p>\n<p>Die andere, durchaus provozierend gemeinte, fand ihren Niederschlag in einer Internet-Besprechung: &#8222;Bei allen Rezensionen, die zum Buch geschrieben wurden, f\u00e4llt auf, mit wie viel Unverst\u00e4ndnis die Schreiber in Westdeutschland ans Werk herangingen [&#8230;]. Vielleicht kommt der Text f\u00fcr Westdeutschland ein paar Jahre zu fr\u00fch.&#8220; (http:\/\/ www.konnetti.de\/aktuell\/buchtipps.html)<\/p>\n<p>Zwar gab es durchaus wohlwollende Besprechungen der <em>Avantgarde<\/em> durch westdeutsche Kritiker; aber mehrheitlich empfanden sie seinen Titel und seine Anlage als verst\u00f6rend, als \u00e4rgerlich und deplatziert. Der ostdeutschen Erfahrung seit 1990 Aussagekraft und Relevanz auch f\u00fcr Westdeutsche und Westeurop\u00e4er zuzuerkennen irritierte eine Meinungsbildung, die sich seit l\u00e4ngerem darauf verst\u00e4ndigt hat, dass der Osten zur Nachahmung, zur Reproduktion westlicher Standards bestimmt ist, dass er nachholt, aufholt, aber keinesfalls \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Nun behaupte ich an keiner Stelle, dass die Ostdeutschen die Westdeutschen bereits \u00fcberholt h\u00e4tten, ihnen schon vorauseilten, sage ich nicht, die Ostdeutschen <em>sind<\/em> die Avantgarde; ich fordere lediglich dazu auf, sie und ihre kollektive Erfahrung als in die Zukunft weisend <em>anzusehen<\/em>, sich <em>vorzustellen<\/em>, da\u00df das ostdeutsche Grossexperiment mit (aufgezwungenen) Lebensweisen jenseits der Arbeitsgesellschaft im Ma\u00dfstab von Millionen auch den Menschen im Westen eine m\u00f6gliche Perspektive weist.<\/p>\n<p>Wer sich diese Vorstellung nicht zu eigen machen, wer die Perspektive nicht wechseln kann oder will, dem muss das Buch tats\u00e4chlich wie &#8222;ein M\u00e4rchen&#8220; erscheinen, bestenfalls als &#8222;Denkstoff f\u00fcr eine Welt von \u00fcbermorgen, f\u00fcr die von morgen gewiss noch nicht&#8220;, wie Peter Jakobs schrieb (Jakobs 2002).<\/p>\n<p>Wer dazu oder immerhin bereit ist, sich irritieren zu lassen, liest das Buch vielleicht wie Warnfried Dettling &#8211; mit intellektueller Reserve, in die sich unversehens Verf\u00fchrung mischt: &#8222;Es k\u00f6nnte aber wohl sein, dass ein Wandel der Mentalit\u00e4ten viele Entwicklungen erst m\u00f6glich macht, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturell-zivile, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, nicht nur in der Gegenwart, sondern auch f\u00fcr Englers Zukunftsprojekt.&#8220; (Dettling 2002)<\/p>\n<p>&#8222;Haarstr\u00e4ubend, doch grundverkehrt ist Englers Streitschrift nicht&#8220;, schrieb Michael Pilz (Pilz 2002) und einen derart gespaltenen Eindruck hervorzurufen, war ein wesentlicher Zweck der \u00dcbung.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h3>\n<p><em>Bisky, Jens<\/em> 2002: Traumbilder vom Osten in den Farben des Westens; in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vom 9. Oktober<\/p>\n<p><em>Bourdieu, Pierre<\/em> 1988: Homo academicus, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Bourdieu, Pierre<\/em> 2002: Ein soziologischer Selbstversuch, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>David, Wolfgang<\/em> 2002: Etwas viel Avantgarde; in: <em>S\u00e4chsische Zeitung<\/em> vom 5.\/6. Oktober<\/p>\n<p><em>Dettling, Warnfried<\/em> 2002: Das Richtige im Falschen; in: Die <em>Zeit<\/em>-Literaturbeilage, Oktober<\/p>\n<p><em>Engler, Wolfgang 1992:<\/em> Die zivilisatorische L\u00fccke. Versuche \u00fcber den Staatssozialismus, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Engler, Wolfgang 1995:<\/em> Die ungewollte Moderne. Ost-West-Passagen, Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><em>Engler, Wolfgang 1999:<\/em> Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin<\/p>\n<p><em>Engler, Wolfgang 2002:<\/em> Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin<\/p>\n<p><em>Jakobs, Peter 2002:<\/em> Die Ostdeutschen als Avantgarde; in:<em> Wirtschaft und Markt<\/em>, 11\/2002<\/p>\n<p><em>Neckel, Sighard 2002:<\/em> Liebenswerter Volksstamm im Stande der Unschuld; in: <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 9. Oktober<\/p>\n<p><em>Neubert, Ehrhard 1999:<\/em> K\u00f6nigskinder der DDR; in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vom 24. M\u00e4rz<\/p>\n<p><em>P[ergande], F[rank] 2002:<\/em> Verr\u00fcckt unhaltbar; in: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> vom 4. Dezember<\/p>\n<p><em>Pilz, Michael 2002:<\/em> Generation Zone; in: <em>Die Welt<\/em> vom 2. Oktober<\/p>\n<p><em>Schubert, Kai 2002:<\/em> Der Osten als Experimentierfeld; in: <em>Scheinschlag.<\/em> Berliner Stadtzeitung, 11\/2002<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[2293],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20570","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-wolfgang-engler","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die \u00f6stliche Erfahrung im theoretischen Diskurs - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/die-oestliche-erfahrung-im-theoretischen-diskurs\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die \u00f6stliche Erfahrung im theoretischen Diskurs - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00d6ffentlich \u00fcber den eigenen Arbeitsprozess zu reflektieren, ist nicht ungef\u00e4hrlich: Die narzisstische Versuchung, sich ungeb\u00fchrlich in den Vordergrund zu spielen, lauert bei einem solchen Unterfangen gleich hinter der n\u00e4chsten Kurve, und dass ihr einige Gro\u00dfe des Fachs versiert auswichen, ist ermutigend, aber keine Garantie. 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