{"id":20571,"date":"2026-07-07T15:04:27","date_gmt":"2026-07-07T13:04:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20571"},"modified":"2026-07-07T15:04:36","modified_gmt":"2026-07-07T13:04:36","slug":"ohne-erinnerungskultur-kein-selbstbewusstsein","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ohne-erinnerungskultur-kein-selbstbewusstsein\/","title":{"rendered":"Ohne Erinnerungskultur kein Selbstbewusstsein"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sprache ist verr\u00e4terisch &#8211; nehmen wir zum Beispiel den Begriff &#8222;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8220;: F\u00fcr mich h\u00f6rt er sich immer wie ein Kraftakt an, wie eine Anstrengung, die man unternimmt, um etwas zu besiegen. Er macht die Vergangenheit zu einem Feind, mit dem man es aufnehmen muss und gegen den man siegen muss, damit er endlich klein und unbedeutend wird. Was bew\u00e4ltigt wurde, landet im allerbesten Fall zur Besichtigung in der Vitrine der Geschichte, als Troph\u00e4e vielleicht; meistens aber im M\u00fclleimer der Geschichte. Und manche meinen, da geh\u00f6re es auch hin. Der Begriff &#8222;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8220; verr\u00e4t den Wunsch nach einem Schlussstrich: fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, vielleicht nicht sofort, ein bisschen muss man noch tun bis dahin, ein bisschen bew\u00e4ltigen &#8211; aber dann ist die Angelegenheit erledigt. Endlich.<\/p>\n<p>Aber das Leben ist anders. Wir <em>sind<\/em> umgeben, durchsetzt und durchtr\u00e4nkt mit Geschichten; jede und jeder von uns besteht im Grunde aus Geschichten und Geschichte. Wir sind also Geschichte. Und deswegen ist es ein Unsinn zu sagen, was vergangen ist, sei nicht wichtig. Die Vergangenheit zu verleugnen, hei\u00dft, sich selbst zu verleugnen. Wer also die Vergangenheit verachtet, gering sch\u00e4tzt oder diffamiert, verachtet, diffamiert auch immer sich selbst.<\/p>\n<p>Das menschliche Repertoire von M\u00f6glichkeiten, mit der Vergangenheit umzugehen, ist gro\u00df: Erinnern. Erz\u00e4hlen. Trauern. Scham empfinden. Erkl\u00e4ren. Beichten. Erforschen. Beweinen. Hymnen singen. Dar\u00fcber Streiten. Tagebuch f\u00fchren. Memoiren schreiben. Orden verleihen. B\u00e4ume zum Gedenken pflanzen. Es gibt Gedenkst\u00e4tten, Museen, Heldenlegenden, Archive, Befreiungsmythen, Therapien, Geschichtswettbewerbe, Stra\u00dfennamen, Gedenktage und den Streit der Historiker.<\/p>\n<p>Selbst-Bewusstsein schlie\u00dft die eigene Geschichte und die eigenen Geschichten immer ein. Das gilt f\u00fcr Individuen ebenso wie f\u00fcr Gesellschaften. Deshalb hei\u00dft die Demokratie zu st\u00e4rken und demokratische Tugenden und Verhalten zu f\u00f6rdern immer auch, sich der Geschichte(n), der Vergangenheit zu stellen. Die M\u00e4chtigen aller Zeiten wissen, welche Bedeutung es hat, auf welche Ereignisse in der Vergangenheit sich eine Gesellschaft bezieht, wie sie bewertet werden, mit welchen Begrifflichkeiten eine Epoche in das kollektive Ged\u00e4chtnis eingeht. Die Definition des Vergangenen entfaltet gro\u00dfe Kraft &#8211; nicht zuletzt deshalb wird zum Beispiel so erbitterter Widerstand dagegen geleistet, die DDR einen &#8222;Unrechtsstaat&#8220; zu nennen. Wolf Biermann hat es in einem seiner Lieder auf den Punkt gebracht: &#8222;Die Zukunft wird entschieden im Streit um die Vergangenheit&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht aber wird der Begriff &#8222;Erinnerungskultur&#8220; nicht ganz dem gerecht, was eine Gesellschaft nach einer vergangenen Diktatur zu leisten hat. &#8222;Aufarbeitung&#8220; l\u00e4sst ahnen, dass es um einen m\u00fchsamen Prozess geht. Und m\u00fchsam und schmerzhaft ist es ohne Zweifel, sich der Vergangenheit zu stellen, nicht zu verdr\u00e4ngen, nicht der Verlockung von L\u00fcgen und Legenden zu folgen. Mit Bezug auf die Aufarbeitung der SED-Diktatur sollen im Folgenden einige sehr unterschiedliche Aspekte benannt werden.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-versuch-gerechtigkeit-herzustellen\">Der Versuch, Gerech&shy;tig&shy;keit herzu&shy;stellen<\/span><\/h3>\n<p>Zu diesem Versuch, die Ungerechtigkeiten auszugleichen und Gerechtigkeit herzustellen, geh\u00f6ren verschiedene Dinge. Sie m\u00fcssen zum Teil gesetzlich geregelt werden. Im Vordergrund steht dabei die Idee, den Opfern Genugtuung zu verschaffen.<\/p>\n<p><em>a) Rehabilitierung und Entsch\u00e4digung<\/em><br \/>\nDas kann immer nur ann\u00e4herungsweise geschehen. Es gibt Rehabilitierungsgesetze und Entsch\u00e4digungsgesetze, die weit hinter dem zur\u00fcckbleiben, was die Betroffenen erhofft haben. Aber es gibt sie immerhin. Und es geht dabei nicht nur um Geld. Die betroffenen Menschen werden dadurch rehabilitiert, dass \u00f6ffentlich zum Ausdruck kommt: Ihnen ist Unrecht geschehen. Das ist manchmal viel wichtiger als ein paar hundert Mark Entsch\u00e4digung.<\/p>\n<p><em>b) Strafrechtliche Aufarbeitung<\/em><br \/>\nZur Gerechtigkeit geh\u00f6rt auch die juristische bzw. die strafrechtliche Aufarbeitung von Verbrechen in der DDR. Das ist seit 1990 in vielen F\u00e4llen geschehen, aber besonders auf diesem Gebiet sind sehr viele Hoffnungen entt\u00e4uscht worden. Opfern, die Jahre ihres Lebens im Lager oder hinter Gittern verbracht haben, leuchtet es nicht ein, dass sich Erich Mielke, der fr\u00fchere Minister f\u00fcr Staatssicherheit, zwar wegen eines f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcckliegenden Deliktes vor Gericht verantworten musste, aber nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde f\u00fcr die Verbrechen der Staatssicherheit. Das ist ein sehr bitteres Kapital f\u00fcr viele Opfer.<\/p>\n<p>Die 1991 gegr\u00fcndete <em>Zentrale Ermittlungsstelle f\u00fcr Regierungs- und Vereinigungskriminalit\u00e4t<\/em> (ZERV) hatte bis zum 28. Dezember 2000 insgesamt \u00fcber 20.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bei der Staatsanwaltschaft II in Berlin wurden rund 23.000 Verfahren gef\u00fchrt. Nur in 2,6 Prozent der F\u00e4lle kam es \u00fcberhaupt zur Anklageerhebung. Nach j\u00fcngsten statistischen Angaben der Berliner Senatsjustizverwaltung sind 122 Angeklagte rechtskr\u00e4ftig verurteilt worden. Freiheitsstrafen erhielten sechs Mitglieder der politischen F\u00fchrung, 17 Spitzenmilit\u00e4rs und zwei Soldaten der Grenztruppen, die anderen kamen mit Bew\u00e4hrungsstrafen davon.<\/p>\n<p>Mit dem rechtlichen Instrumentarium einer Demokratie das Unrecht einer Diktatur aufzuarbeiten, ist, als versuchte man, mit einem filigranen Besteck ein z\u00e4hes Steak zu zerschneiden. F\u00fcr die Aufarbeitung von Verbrechen einer Diktatur ist das Instrumentarium eines demokratischen Rechtsstaats nicht gemacht worden. Deswegen musste die juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts so unzul\u00e4nglich bleiben. Nach dem R\u00fcckwirkungsverbot d\u00fcrfen Taten, die zu DDR-Zeiten nicht unrecht waren, heute nicht strafrechtlich verfolgt werden. F\u00fcr dieses Prinzip gibt es gute Gr\u00fcnde. Trotzdem ist es schwer zu akzeptieren.<\/p>\n<p><em>c) personelle Erneuerung<\/em><br \/>\nZur Gerechtigkeit geh\u00f6rt auch die personelle Erneuerung. Nach dem Ende der DDR bestand beispielsweise dar\u00fcber Konsens, dass Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi nicht in Vertrauensfunktionen oder in politischen Funktionen arbeiten d\u00fcrfen. Dieser Punkt ist umstritten. Viele betrachten heute die \u00dcberpr\u00fcfungen auf IM-T\u00e4tigkeit als Ungerechtigkeit, f\u00fcr andere aber geh\u00f6rt sie zu dem Versuch, nach der Diktatur Gerechtigkeit herzustellen. Auch die Abwicklung von Strukturen und Institutionen geh\u00f6rt dazu; zum Beispiel die ersatzlose Aufl\u00f6sung des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit.<\/p>\n<p><em>d) Beweise zug\u00e4nglich machen<\/em><br \/>\nAuch die Erhaltung der MfS-Archive und die \u00d6ffnung der Akten dient der Gerechtigkeit: indem Beweise gesichert und dokumentiert werden. Die Menschen in der DDR, die im Gef\u00e4ngnis waren, bekamen keine Unterlagen zur Hand, aus denen hervorging, warum sie einsitzen mussten. Auch Zersetzungsma\u00dfnahmen waren nat\u00fcrlich ohne die Stasi-Unterlagen \u00fcberhaupt nicht nachvollziehbar. Zersetzung bedeutete in der Sprache des MfS, Menschen psychologisch, sozial, beruflich, mental oder famili\u00e4r zu zerst\u00f6ren. Die Menschen, die solchen Zersetzungsma\u00dfnahmen ausgesetzt wurden, waren doppelt gestraft. Zum einen hatten sie unter diesen Ma\u00dfnahmen zu leiden, zum anderen konnten sie sie nicht identifizieren. Es konnte passieren, dass jemand pl\u00f6tzlich alle Freunde verloren hatte, weil die Stasi in seinem Umfeld verbreitet hatte, er arbeite angeblich f\u00fcr die Stasi. Die Ma\u00dfnahmepl\u00e4ne, mit denen die Aktionen im Einzelnen festgelegt und angewiesen wurden, finden wir in den Akten. Dass diese Beweise gesichert worden sind, anstatt ein f\u00fcr alle Mal weggesperrt oder vernichtet worden zu sein, ist f\u00fcr die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und W\u00fcrde in vielen F\u00e4llen von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-stasi-akten-als-instrument-der-versoehnung\">Die Stasi-Akten als Instrument der Vers&ouml;hnung<\/span><\/h3>\n<p>Aber die ge\u00f6ffneten Stasi-Archive sind auch umstritten. W\u00fcrden sie nicht, so wurde und wird h\u00e4ufig gefragt, einer innergesellschaftlichen Vers\u00f6hnung und der Herausbildung eines demokratischen Konsenses im Wege stehen? Gibt es m\u00f6glicherweise einen \u00fcberschie\u00dfenden Aufkl\u00e4rungswillen, der mehr verletzt als heilt? Besteht nicht die Gefahr eines politischen Voyeurismus, der nicht der Demokratie, sondern dem Sensationshunger dient? Die Erfahrung mit der Nazi-Diktatur hat uns jedoch gelehrt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit nie zu viel, h\u00f6chstens zu wenig betrieben werden kann. Die langen Schatten des NS-Regimes belegen dies. Bis heute ist die Opferfrage nicht zur Ruhe gekommen und immer wieder neu keimen nationalsozialistische Ideologien auf.<\/p>\n<p>Ich z\u00f6gere deshalb nicht, die \u00d6ffnung der Stasi-Akten als ein Instrument der Vers\u00f6hnung zu betrachten. Seit 1991 haben Hunderttausende Menschen Einsicht in ihre Akte genommen, haben Aufschluss dar\u00fcber erhalten, wie die Stasi versucht hat, ihr Leben auszusp\u00e4hen und ihr Schicksal zu beeinflussen. Viele haben Entt\u00e4uschungen erlebt angesichts des Verrats durch Menschen, denen sie vertraut haben, andere waren froh, ihren Verdacht nicht best\u00e4tigt zu sehen. Und nicht wenige erfuhren Genugtuung dadurch, dass sie f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere endlich den Nachweis f\u00fchren konnten, dass ihnen Unrecht geschehen ist.<\/p>\n<p>Dieses Wissen hat den Menschen Souver\u00e4nit\u00e4t zur\u00fcckgegeben, hat sie in die Lage versetzt, selber zu entscheiden, wie sie mit diesen Wahrheiten umgehen. Die einen haben die Dinge auf sich beruhen lassen, andere haben ein kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch gesucht, einige wenige haben Anzeige erstattet. Von Racheakten und Vergeltungsschl\u00e4gen ist nichts bekannt geworden. Das Wissen-D\u00fcrfen und Wissen-Wollen hat Vers\u00f6hnung gestiftet, denn Vers\u00f6hnung ist nur m\u00f6glich auf der Grundlage von Wahrheit und von freier Entscheidung. Sie kann nur von den Opfern und Benachteiligten ausgehen; sie braucht Zeit, Mut, Aufrichtigkeit und Trauer und verlangt allen Beteiligten viel ab. Ich wende mich deshalb entschieden dagegen, dass der Wunsch nach Vers\u00f6hnung missbraucht wird, um Unrecht zu verharmlosen oder den Mut und den aufrechten Gang ungez\u00e4hlter Menschen gering zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Auch das \u00f6ffentliche Erz\u00e4hlen seiner eigenen Geschichte geh\u00f6rt zu dieser Genugtuung. Wir sollten diesen Aspekt der Wiedergutmachung nicht aus den Augen verlieren: Die Berichte der Augenzeugen dienen nicht nur dazu, uns ins Bild zu setzen. Unsere Aufmerksamkeit f\u00fcr die Opfer von Diktaturen ist auch gelebte Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"repression-und-verfuehrung-wie-diktaturen-funktionieren\">Repression und Verf&uuml;hrung: Wie Diktaturen funktio&shy;nieren<\/span><\/h3>\n<p>Nach &#8222;Gerechtigkeit herstellen&#8220; lautet die zweite Aufgabe &#8222;Wissen, was war&#8220;. Damit meine ich die vielen M\u00f6glichkeiten und Methoden, Wissen zu bergen, Dinge in Erfahrung zu bringen, verstehen zu lernen, wie eine Diktatur funktioniert. Wer das am Beispiel der DDR verstanden hat, wird feststellen, dass es &#8211; bei allen gravierenden Unterschieden &#8211; eine ganze Menge Analogien zu allen anderen Diktaturen gibt. Welcher Art waren die Strukturen, wie funktionierte die Machtgewinnung, wie wurde die Macht gesichert, welche Rolle hatten Polizei, Parteien, wie lief die Zusammenarbeit zwischen Partei, Staatssicherheit, Staatsorganen? Wir brauchen, um zu verstehen, viele Bausteine des Wissens.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr haben wir die Stasi-Unterlagen und wichtige Quellen aus anderen Archiven. Aber es gen\u00fcgt nicht, dass die Quellen vorhanden sind, es muss auch die M\u00f6glichkeit geben, damit zu arbeiten, und das zeitnah. Die Stasi-Unterlagen standen gleich ab 1991 zur Verf\u00fcgung, wir mussten nicht zwanzig, drei\u00dfig Jahre warten, bis irgendwann einmal Unterlagen wieder freigegeben werden. Als der Bundestag 1991 das Stasi-Unterlagengesetz verabschiedete, war dem eine heftige Kontroverse vorausgegangen. Dieses weltweit und historisch einmalige Gesetz wurde trotz mancher Warnungen verabschiedet -nicht zuletzt mit Verweis auf die Vers\u00e4umnisse der Deutschen nach der nationalsozialistischen Diktatur.<\/p>\n<p>Die Stasi-Unterlagen und andere gleicherma\u00dfen zur Verf\u00fcgung stehende Quellen helfen uns, auf wichtige Fragen Antworten zu finden: Wie hat die Manipulation, die Entm\u00fcndigung, die Indoktrination der Menschen funktioniert? Und mit welchem Erfolg? Hat fast die ganze Bev\u00f6lkerung strikt marxistisch-leninistisch gedacht oder haben die Leute einfach nur pariert und sich ihren Teil gedacht &#8211; ganz nach dem Motto &#8222;Ich denke, was ich will und was mich begl\u00fccket, doch alles in der Still und wie es sich schicket&#8220;? Wie sind Menschen eingesch\u00fcchtert worden? Wie schafft es ein Regime, dass Millionen Menschen, wenn sie einen politischen Witz erz\u00e4hlen, pl\u00f6tzlich mit ganz leiser Stimme reden? Oder ihren Kindern am Fr\u00fchst\u00fcckstisch sagen: &#8218;Dar\u00fcber d\u00fcrft ihr in der Schule reden, aber dar\u00fcber nicht&#8216;? Wie macht man es, dass erwachsene und normale Leute nicht protestieren, wenn aus Schulen, aus Universit\u00e4ten, aus den Medien das freie Wort verbannt ist? Menschen, die nicht verbogen worden sind, gehen hinaus und beschweren sich. Wenn sie es nicht tun, sind sie daran gehindert worden, hat man sie massenhaft eingesch\u00fcchtert: au\u00dfen die Mauer, damit die Leute nicht weglaufen, innen die Stasi, damit sie den Mund halten. Ohne dies h\u00e4tte die DDR nicht einmal zwanzig Jahre existiert.<\/p>\n<p>Aus den Akten geht auch hervor, wie \u00fcberdimensional gro\u00df der MfS-Apparat war, sehr viel gr\u00f6\u00dfer \u00fcbrigens als der Apparat der Gestapo. 1989 arbeiteten 90.000 Hauptamtliche und 174.000 IM\u00b4s (Inoffizielle Mitarbeiter) f\u00fcr das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit. Auch war die DDR alles andere als eine &#8218;Diktatur light&#8216;, wie manche meinen. Es ger\u00e4t allzu oft in Vergessenheit, dass die DDR im Lauf ihrer vierzigj\u00e4hrigen Existenz 250.000 politische Gefangene hatte und Millionen Menschen aus dem Land getrieben wurden. Ohne den Exodus von etwa 4 Millionen Menschen in vierzig Jahren w\u00e4re die Zahl der politischen Gefangenen wahrscheinlich wesentlich gr\u00f6\u00dfer gewesen. Der Schaden, der in einer Gesellschaft durch den Verlust so vieler Menschen entsteht, ist nie gemessen worden.<\/p>\n<p>Auch l\u00e4sst sich die zerst\u00f6rerische Wirkung von Diktaturen auf Gesellschaften keineswegs nur mit Zahlen von Repression und Haft beschreiben. Der zivilisatorische Schaden besteht im massenhaften Kadaver-Gehorsam, in der Kontrolle der \u00d6ffentlichkeit, im Verlust an der Freiheit des Worts in Schulen, Universit\u00e4ten und Medien. Wenn die Menschen aber funktionieren, dann braucht man sie auch nicht ins Gef\u00e4ngnis zu stecken.<\/p>\n<p>Wenn wir verstehen wollen, wie Diktaturen funktionieren, m\u00fcssen wir auch ihre verf\u00fchrerische Seite kennen lernen: Ordnung, Sicherheit, Rundum-F\u00fcrsorge, sozialer Ausgleich, wenig Verantwortung und damit auch wenig Risiken, Fehler zu machen, keine zeitraubenden und nervenaufreibenden Debatten &#8211; das ist f\u00fcr viele Menschen verlockend. Wenn eine politische Entscheidung getroffen wurde, dann wird nicht lange gefackelt, da wird das eben gemacht. Diktaturen haben f\u00fcr nicht wenige Menschen durchaus etwas Attraktives und Verf\u00fchrerisches. Und manchmal bieten sie viel Sicherheit, weniger Kriminalit\u00e4t, vielleicht sogar garantiert bezahlbare Wohnungen und Vollbesch\u00e4ftigung. Wenn man Diktaturen verstehen will, reicht es also nicht, nur auf die Seite der Repression und der Bespitzelung zu schauen. Mindestens so gef\u00e4hrlich ist ihre verf\u00fchrerische, faszinierende Seite.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"noch-ganz-am-anfang-die-ddr-geschichte-im-streit\">Noch ganz am Anfang: Die DDR-Ge&shy;schichte im Streit<\/span><\/h3>\n<p>Die Phase der Begriffsbildung \u00fcber die DDR ist noch lange nicht abgeschlossen. Historische Epochen werden irgendwann im Ged\u00e4chtnis der nachfolgenden Generationen auf nicht viel mehr als ein Dutzend Begriffe reduziert. Fragt man heute, was den Menschen zuerst beim Thema Nationalsozialismus einf\u00e4llt, so h\u00f6rt man als Antwort die Topoi &#8218;Zweiter Weltkrieg&#8216;, &#8218;Holocaust&#8216;, &#8218;KZ&#8216;, &#8218;Autobahn&#8216; und noch zehn, zw\u00f6lf weitere W\u00f6rter &#8211; insgesamt relativ wenige Schl\u00fcsselbegriffe f\u00fcr eine ganze Epoche, Begriffe, auf die man sich irgendwann verst\u00e4ndigt hat &#8211; oder die umstritten bleiben.<\/p>\n<p>Die Frage, auf welche Begriffe irgendwann einmal die DDR reduziert wird, wenn unsere Urenkel sich \u00fcber sie unterhalten, ist noch lange nicht entschieden. Was wird dazugeh\u00f6ren? &#8218;Vollbesch\u00e4ftigung&#8216;? &#8218;Kita-Pl\u00e4tze&#8216;? &#8218;Mauer&#8216; ganz sicher, auch &#8218;Schie\u00dfbefehl&#8216;. Auch mit welcher Bewertung diese Begriffe in unser kollektives Ged\u00e4chtnis eingehen werden ist noch nicht entschieden. Darum wird der Begriff &#8218;Unrechtsstaat&#8216; von Teilen der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung so gef\u00fcrchtet. Statt dessen fl\u00fcchtet man sich in Formeln wie &#8218;ein Staat, in dem es sowohl Recht als auch Unrecht gab&#8216;. Aber &#8218;Unrechtsstaat&#8216;? Nein, das geht f\u00fcr viele einfach nicht.<\/p>\n<p>Der \u00f6ffentliche Raum als Streitforum wird erst ganz allm\u00e4hlich wieder erobert. Wir machen in unserer Beh\u00f6rde die Erfahrung, dass das Interesse an \u00f6ffentlichen Debatten eher zu- als abnimmt. Gelegentlich wird der Eindruck erweckt, als sei das Interesse jetzt am Abklingen. Aber es gibt durchaus neue Impulse, neue Nachfragen. Unsere Ausstellungen werden gut besucht, aus den Schulen kommen mehr Anfragen als fr\u00fcher, Veranstaltungen und Vortr\u00e4ge sind gefragt. 2003 und 1989\/90: Vierzehn Jahre sind nicht viel. Im Jahre 1959, also vierzehn Jahre nach 1945, waren die wichtigsten Fragen zum Nationalsozialismus noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. Die Vorstellung, dass wir jetzt schon irgendwie am Ende dieser Aufarbeitung w\u00e4ren, ist ausgesprochen naiv und zum Gl\u00fcck auch unrealistisch.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"kein-volk-von-spitzeln-und-verraetern\">Kein Volk von Spitzeln und Verr&auml;tern<\/span><\/h3>\n<p>Zum Erinnern geh\u00f6rt die Frage nach den immer wieder zu treffenden Entscheidungen in der DDR, zwischen Anpassung, Widerstand, Opposition, und nat\u00fcrlich die Frage nach den Inoffiziellen Mitarbeitern des MfS, den Menschen, die von der Stasi angeworben werden sollten. Das hat sich die Stasi nicht einfach gemacht &#8211; die betreffenden Personen wurden sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt. Trotzdem hat mehr als die H\u00e4lfte dieser Menschen nein gesagt. Heute wissen wir, dass ihnen deswegen nichts passiert ist, aber das konnte damals nat\u00fcrlich niemand ahnen. Viele schlaflose N\u00e4chte hat das manche gekostet, bis sie sich gesagt haben: &#8218;Nein, ich mache ja viel mit, aber Spitzel werde ich nicht!&#8216; Die meisten waren keine Helden, sondern ganz normale Leute, manche von ihnen auch in der Partei. Es gab offenbar eine Schamgrenze f\u00fcr viele Menschen. In den Stasi-Unterlagen finden wir nicht nur Geschichten von Schande und Verrat, sondern auch von Mut und Anstand, aber auch von Witz und Geschicklichkeit.<\/p>\n<p>Gibt es ein gutes Leben in der Diktatur? Wir waren doch kein Volk von Spitzeln und Verr\u00e4tern, wir waren doch auch gl\u00fccklich, wir haben doch auch gelebt und geliebt und gelacht. Mir ist es bis heute ein R\u00e4tsel, warum sich die Ostdeutschen in eine Art Geiselhaft nehmen lassen, blo\u00df weil irgendwelche ehemaligen IM zu ihrer eigenen Verteidigung sagen, wir mussten uns ja alle irgendwie arrangieren, und es sei normal gewesen, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Wir mussten eben nicht, und in Wahrheit tat das nur ein ganz kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung. Weniger als zwei Prozent der Bev\u00f6lkerung arbeiteten f\u00fcr die Stasi. Sie war nat\u00fcrlich da am st\u00e4rksten, wo die Situation aus der Sicht des MfS am unsichersten war: Die allermeisten Spitzel gab es deshalb in den Oppositionsgruppen. In der <em>Initiative Frieden und Menschenrechte<\/em> waren 30 oder 40 Prozent der Mitglieder IM. In den Zeitungsredaktionen dagegen gab es relativ wenige &#8211; sie waren dort offenbar nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Ich bin deshalb der \u00dcberzeugung, dass die Stasi-Unterlagen die Ostdeutschen nicht besch\u00e4men. Vielmehr sind sie daf\u00fcr geeignet, die W\u00fcrde der Ostdeutschen wieder herzustellen, weil sie beweisen, dass wir kein Volk von Spitzeln und Verr\u00e4tern waren, weil sie beweisen, dass die gro\u00dfe Mehrheit sich geweigert hat, Spitzel zu werden.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"schmerzhaft-und-befreiend-eine-ostdeutsche-erinnerungskultur\">Schmerzhaft und befreiend: eine ostdeutsche Erinne&shy;rungs&shy;kultur<\/span><\/h3>\n<p>Aufarbeitung oder gar Bew\u00e4ltigung ist, wenn wir \u00fcber Vergangenheiten reden, keine hinreichende Beschreibung f\u00fcr das, was wir n\u00f6tig haben. Es geht vielmehr um eine Erinnerungskultur, um einen Prozess, der den ganzen Menschen betrifft, um eine zivilisatorische Leistung.<\/p>\n<p>Deshalb bedeutet Leben mit der Vergangenheit mehr als die Aneignung von Wissen. Dazu geh\u00f6rt auch Begegnung und Gef\u00fchl, das Betrauern von Schuld und Schmerz, das Besingen von Mut und Anst\u00e4ndigkeit, der Streit um die Bedeutung von Ereignissen, die M\u00fche des Ringens um die Wahrheit, die Konfrontation und das Zuh\u00f6ren und Schweigen.<\/p>\n<p>Nur wenn es uns gelingt, auch die Schattenseiten unserer Geschichte zu integrieren und nicht auszusperren, werden wir die Freiheit gewinnen, uns auch auf die positiven Traditionen zu beziehen und sie zu nutzen. Was lehren uns die vielen kleinen Geschichten? Sie k\u00f6nnen uns helfen, etwas dar\u00fcber herauszufinden, wie es sich unter Bedingungen lebt, in denen die Entscheidungsspielr\u00e4ume sehr eng sind, in denen man Angst hat, in denen man zur Anpassung gezwungen wird. Was macht einen da stark, was braucht man da?<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist das Wahrnehmen von Biographien wichtig. Wann immer Menschen aufgeschlossen sind, versuche ich Zeitzeugen zu vermitteln, biete das insbesondere auch Schulen an. Mit Zeitzeugen meine ich nicht so sehr uns j\u00fcngere, die wir in den 1980er Jahren unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen Oppositionsarbeit betrieben haben. Wir hatten Nachteile, manche wurden auch verfolgt, aber wir mussten weder Angst um Leib und Leben haben, noch mussten wir bef\u00fcrchten, auf Jahre hinter Zuchthausmauern zu verschwinden. Aber die, die in den 1950er und 1960er Jahren opponierten, lebten unter anderen Bedingungen.<\/p>\n<p>Bei der mentalen und psychologischen Verarbeitung der Vergangenheit spielen Stichworte wie Zorn, Trauer und Schmerz eine gro\u00dfe Rolle. Das sind alles Begriffe, bei denen Menschen zur\u00fcckzucken. Denn wer setzt sich solchen Gef\u00fchlen ohne Not aus?<\/p>\n<p>Auch Scham ist ein wichtiges Thema. Nicht nur die Scham der T\u00e4ter: Ich meine die Scham der gro\u00dfen Mehrheit der DDR-B\u00fcrger. Es ist etwas Besch\u00e4mendes, so viele Jahrzehnte in einem solchen System gelebt zu haben, die Entm\u00fcndigung hingenommen zu haben, eingesperrt gewesen zu sein. \u00dcber Besch\u00e4mung spricht niemand gerne, man denke an die Opfer von Vergewaltigungen, die zum Teil ihr Leben lang nicht dar\u00fcber reden, was ihnen angetan wurde, weil sie sich sch\u00e4men, vergewaltigt worden zu sein. Die Scham derer, die in einer Diktatur gelebt haben, ist ein Ph\u00e4nomen, das m\u00f6glicherweise in der richtigen Dimension noch gar nicht hinreichend erfasst wurde. Was haben wir mit uns geschehen lassen und wie haben wir darauf reagiert? Mit R\u00fcckzug und Migr\u00e4ne vielleicht &#8211; oder haben wir protestiert?<\/p>\n<p>Diese Auseinandersetzung kann nicht von Kollektiven, von Organisationen, von Parteien geleistet werden. Die Durchdringung von Vergangenheit, das Aufarbeiten, das Sich-dem-Schmerz-stellen, das ist ein sehr individueller Prozess. Das klappt nicht im Kollektiv, da muss jeder allein hindurch.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"fuer-die-wuerde-der-ostdeutschen-die-selbstbefreiung-feiern\">F&uuml;r die W&uuml;rde der Ostdeut&shy;schen: die Selbst&shy;be&shy;freiung feiern<\/span><\/h3>\n<p>Wichtig f\u00fcr die mentale Verarbeitung ist auch die Frage: &#8222;Worauf k\u00f6nnen wir eigentlich stolz sein?&#8220; Das ist nicht ganz einfach. Bin ich stolz darauf, Ostdeutsche zu sein? Sicher nicht. Aber was ist eigentlich das, worauf wir als Ostdeutsche unser Selbstbewusstsein gr\u00fcnden k\u00f6nnen? Wovon k\u00f6nnen wir mit Stolz sagen: &#8222;Das bringen wir mit, das sind wir.&#8220; Wie viele erfolgreiche, gar friedliche Revolutionen gab es denn in Deutschland? Leider wird die friedliche Revolution im Herbst 1989 von vielen Ostdeutschen \u00fcberhaupt nicht als etwas gesehen, das ihnen W\u00fcrde verleiht und auf das sie stolz zur\u00fcck blicken k\u00f6nnen. Ich habe Versammlungen im Osten erlebt, bei denen gezischt wurde, als ich das Wort Revolution benutzt habe. Weil es angeblich keine Revolution war, allenfalls eine &#8218;Wende&#8216;. Was hei\u00dft eigentlich &#8218;Wende&#8216;? Was ist das f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiges Wort? Egon Krenz hat es im Oktober 1989 erfunden, seither ist es in aller Munde. Es ist schon sehr eigenartig, wie die Ostdeutschen mit diesem Begriff ihre eigene Leistung abwerten.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass die W\u00fcrde und das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen dauerhaft gest\u00e4rkt werden m\u00fcssen. Beides sind wichtige Voraussetzungen daf\u00fcr, dass sich die Ostdeutschen als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger und damit auch als Demokraten f\u00fchlen &#8211; und verhalten. Da braucht es Selbstbewusstsein, das sich auch auf etwas gr\u00fcnden kann. Man darf nicht immer das Gef\u00fchl haben, in die Ecke gestellt zu werden. Und es gibt etwas, das uns W\u00fcrde verleiht: Uns selber befreit zu haben. Die Stasi-Akten der Vernichtung entrissen zu haben. Als einziges Ostblock-Land den Geheimdienst demontiert zu haben. Das sind gro\u00dfe Leistungen, die noch im Sommer 1989 so unwahrscheinlich schienen wie eine Landung auf dem Mars. Unser Selbstbewusstsein sollte sich darauf gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>* Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der am 17. November 2002 auf der Tagung &#8222;Wir sind das Volk&#8220; in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten wurde.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[4613],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20571","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-marianne-birthler","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ohne Erinnerungskultur kein Selbstbewusstsein - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ohne-erinnerungskultur-kein-selbstbewusstsein\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ohne Erinnerungskultur kein Selbstbewusstsein - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"&nbsp; Sprache ist verr\u00e4terisch &#8211; nehmen wir zum Beispiel den Begriff &#8222;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8220;: F\u00fcr mich h\u00f6rt er sich immer wie ein Kraftakt an, wie eine Anstrengung, die man unternimmt, um etwas zu besiegen. 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