{"id":20581,"date":"2026-07-08T13:28:04","date_gmt":"2026-07-08T11:28:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20581"},"modified":"2026-07-08T13:28:10","modified_gmt":"2026-07-08T11:28:10","slug":"von-der-aeusseren-zur-inneren-einheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/von-der-aeusseren-zur-inneren-einheit\/","title":{"rendered":"Von der \u00e4u\u00dferen zur inneren Einheit"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist vereint, die Deutschen sind es nicht. Wir leben in einem gemeinsamen Staat, aber nach wie vor in zwei Gesellschaften, die sich wenig oder gar nicht f\u00fcreinander \u00f6ffnen. Doch dar\u00fcber zu sprechen, bedarf fast einer Rechtfertigung. Im Ostteil der Republik ist das Thema innere Einheit kaum noch ein Thema, weil Entt\u00e4uschung und Trotz es ersticken, im Westteil gilt es &#8211; au\u00dfer wenn Wahlen anstehen &#8211; als erledigt und abgehakt. Seit Arbeitslosigkeit und Insolvenzen nicht nur den Osten, sondern auch den Westen bedr\u00e4ngen, hat jeder nur noch Augen f\u00fcr die eigenen Sorgen. Viele N\u00f6te sind gesamtdeutsch, aber sie f\u00fchren nicht zusammen, sondern noch weiter auseinander.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Einw\u00e4nde. Ein besonders ignoranter lautet, zwischen Bayern und Hamburgern best\u00fcnden mindestens so gro\u00dfe Unterschiede wie zwischen West- und Ostdeutschen. Aber zwischen Sachsen und Mecklenburgern sind Abstand und wechselseitige Vorurteile nicht geringer. Was Ost- und Westdeutsche trennt, sind nicht Dialekt und Landsmannschaft, sondern vierzig Jahre Leben in unvereinbaren, einander feindlichen Systemen, die jeden formten und pr\u00e4gten &#8211; auch diejenigen, die sich dagegen str\u00e4ubten oder es nicht wahrhaben wollen. Selbst die Alternativen und Aussteiger im Westen bleiben der alten Bundesrepublik verhaftet, und die Dissidenten und Feinde der DDR bleiben doch Kinder dieses Staates. Dazu kommen noch dreizehn Jahre einer Vereinigungspolitik und -praxis, die tiefe Verbitterung im Osten und ver\u00e4rgerte Abwendung im Westen hervorrief. Bayern und Preu\u00dfen sind sich fremd, aber sie verachten einander nicht. Wenn der Vergleich \u00fcberhaupt etwas hergibt, dann h\u00f6chstens f\u00fcr einen Definitionsversuch dessen, was die Vereinigung erreichen soll, n\u00e4mlich einen Zustand, in dem Ost- und Westdeutsche einander nicht ferner stehen als Schwaben und Friesen oder Th\u00fcringer und Pommern.<\/p>\n<p>Ernster erscheint schon der Hinweis, dass die schlimmsten Auseinandersetzungen zwischen Ost und Ost stattfinden. Kein Zweifel, eine ganze Skala von Vorbebalten bis zu blankem Hass trennt einstige B\u00fcrgerrechtler von einst Regime-Nahen, zuweilen auch B\u00fcrgerrechtler untereinander. Besonders b\u00f6se geht es zwischen ostdeutschen Schriftstellern zu, die unter einem uneingestandenen Rechtfertigungszwang leiden; die einen, weil sie in den Westen gegangen sind, die anderen, weil sie nicht dorthin gingen. Jeder verteidigt heute seinen Lebensweg, es gibt keine Verst\u00e4ndigung mehr, und aus alten Freunden werden unvers\u00f6hnliche Feinde. Aber bei alledem handelt es sich um die Zwiste kleiner Gruppen, die f\u00fcr die Allgemeinheit wenig interessant sind. Vor allem besagt die Existenz eines Streits nichts gegen die Existenz eines anderen.<\/p>\n<p>Auch die &#8222;Wossis&#8220; ver\u00e4ndern das Gesamtbild nicht wesentlich. Von den Westlern, die jetzt im Osten leben, werden viele zu hilfreichen Interpreten oder sogar vehementen Vertretern des Ostens. Hier ist ein St\u00fcck weit eine neue deutsch-deutsche Realit\u00e4t entstanden: Es gibt Ost-Studenten im Westen und auch West-Studenten im Osten. Je j\u00fcnger die Leute sind, desto leichter finden sie zueinander, das Zusammenwachsen kommt mit dem Heranwachsen neuer Generationen &#8211; gewiss ist das allerdings nicht. Wir haben Inseln der Vereinigung, wo erreicht wird, was das ganze Land braucht. Aber es sind nur Inseln, umgeben vom gro\u00dfen Meer aus Unkenntnis und Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Nicht falsch sind manche historische Verweise. Von Theodor Storm stammen einige herrliche S\u00e4tze, in denen er das Auftreten und die Anma\u00dfung der Preu\u00dfen schildert, nachdem sie sich 1867 Schleswig und Holstein einverleibt hatten. Wer darin Preu\u00dfen durch &#8222;Wessis&#8220; ersetzt, hat einen aktuellen Text, der im Osten gen\u00fcsslich zitiert und weitergereicht wird. Aber man kann Storm auch optimistisch lesen: Trotz alledem, was damals war, entstand ein einheitliches Deutschland. Auch von den Polen kann man lernen. Mehr als hundert Jahre war ihr Land dreigeteilt und doch schafften sie zwischen 1919 und 1939 die Verschmelzung der russischen, \u00f6sterreichischen und deutschen Gebiete zu einem einheitlichen Staat. Auf lange Sicht gibt all das Hoffnung &#8211; aber nur, wenn man es nicht bei nationalem Gottvertrauen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vor zw\u00f6lf Jahren, im Juli 1991, notierte ein westdeutscher Beobachter zehn Empfehlungen f\u00fcr den Umgang der Deutschen miteinander. Sie waren gl\u00fccklich vereinigt, aber stellten damals, ein Jahr nach der W\u00e4hrungsunion, entt\u00e4uscht und erschreckt fest, wie fremd sie einander geworden waren. Die Ratschl\u00e4ge werden hier res\u00fcmiert, weil sie einen Anhalt geben k\u00f6nnen, was sich seitdem ver\u00e4ndert hat und was immer noch so ist wie damals.<\/p>\n<p><em>Erstens:<\/em> Wir sollten wissen, wie wenig wir voneinander wissen. Nach vierzig Jahren Teilung und Trennung ist Unkenntnis erkl\u00e4rlich; und man k\u00f6nnte sie langsam verringern, wenn nicht die meisten glaubten, sie w\u00fcssten ausgezeichnet Bescheid. Dieses Halbwissen festigt sich zur \u00dcberzeugung, je mehr die g\u00e4ngigen Vorurteile sich zu best\u00e4tigen scheinen. Die Westdeutschen meinen, dass die Ostdeutschen eben doch von ihrem Kommunismus verdorben worden seien; und den Ostdeutschen scheint es, als h\u00e4tten die SED-Propagandisten doch nicht so unrecht gehabt, denn die Westdeutschen seien tats\u00e4chlich vom Kapitalismus menschlich ruiniert.<\/p>\n<p><em>Zweitens:<\/em> Wir sollten nichts f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nehmen. Wir sprechen dieselbe Sprache, geh\u00f6ren derselben Nation an und hegen dieselben elementaren W\u00fcnsche, da ist zwar anzunehmen, der andere empfinde, denke und reagiere wie man selbst, doch allzu oft tut er es nicht. Wer bei seinem deutschen Gegen\u00fcber gleiches Verhalten voraussetzt, erf\u00e4hrt leicht Entt\u00e4uschungen. Wer hingegen den anderen f\u00fcr anders h\u00e4lt, erlebt angenehme \u00dcberraschungen und bewahrt sich den Weg zum Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><em>Drittens:<\/em> Wir sollten mehr beobachten als beurteilen. N\u00f6tig ist, erst einmal festzustellen, was ist, warum es so ist und weshalb es meistens nicht anders sein kann. Nur wer versteht, darf auch verurteilen. Nur wer versteht, vermag auch zu w\u00fcrdigen. Er kann N\u00f6te der Ostdeutschen bedenken, die nicht sichtbar sind; und kann auch Leistungen achten, die nicht &#8222;Weltspitze&#8220; sind. Er kann erkennen, dass es auch in Westdeutschland Armut gibt und dass Wohlstand dort oft teuer bezahlt wird.<\/p>\n<p><em>Viertens:<\/em> Wir sollten Verallgemeinerungen f\u00fcrchten wie der Teufel das Weihwasser. Nicht jeder Ostdeutsche jammert und klagt, nicht jeder Westdeutsche f\u00e4hrt nur deshalb nach Osten, weil er ein Haus wiederhaben will. Nicht alle Ostdeutschen sind ohne Initiative und nicht alle Westdeutschen arrogant.<\/p>\n<p><em>F\u00fcnftens:<\/em> Wir sollten uns bewusst machen, dass die politischen Philosophien und unterschiedlichen Lebensformen tiefe und lang andauernde Wirkungen haben. Westdeutsche denken \u00f6konomisch, Ostdeutsche denken sozial. Das ist stark vereinfacht, aber beweist sich t\u00e4glich. Wenn die Vereinigung nicht weiter misslingen soll, werden die Westdeutschen begreifen m\u00fcssen, dass die soziale Betrachtungsweise ihrer Landsleute nicht nur kommunistischer Erziehung und f\u00fcrsorglicher Kumpanei entspringt: hier zeigen sich auch Spuren einer anderen Lebensauffassung, in der Effizienz und Erfolg nicht alles bedeuten. Aber ebenso m\u00fcssen die Ostdeutschen sich klarmachen, dass sie nicht beides haben k\u00f6nnen, den Lebensstandard des Westens und die Gem\u00fctlichkeit des Ostens.<\/p>\n<p><em>Sechstens:<\/em> Wir sollten uns vor Perfektionismus h\u00fcten. Es gibt Probleme, die kann man nicht l\u00f6sen, sondern nur entsch\u00e4rfen. So ist die Hinterlassenschaft von Stasi und SED auf keine Weise befriedigend zu ordnen &#8211; was immer man tut, viele Beteiligte oder Betroffene werden unzufrieden sein, und zwar mit Grund. Gerechtigkeit kann es nicht geben, sondern nur eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Ann\u00e4herung daran. Und das gilt nicht nur f\u00fcr die politische, sondern auch f\u00fcr die soziale Gerechtigkeit.<\/p>\n<p><em>Siebtens:<\/em> Wir sollten, wenn es Konflikte gibt, fragen, ob wir nicht selbst schuld sind. Kein Kanzler oder Fachminister hat sich nach 1990 die M\u00fche gemacht, den Ostdeutschen geduldig und ausf\u00fchrlich zu erkl\u00e4ren, was die Rentenregelungen, das neue Steuerrecht und die Modernisierung von Wirtschaft und Landwirtschaft f\u00fcr sie bedeuten. Kein f\u00fchrender Politiker hat sich nach der Einheit hingestellt und gesagt, warum getan wird, was getan werden muss und wie gro\u00df die Lasten werden. Kein pers\u00f6nliches Wort, nur administrative Bekanntmachungen, keine \u00fcberzeugende Geste der Teilnahme, nur routinierter Optimismus. Nicht das Volk ist schuld, wenn es die Regierung nicht versteht; die Regierung ist schuld, weil sie sich nicht verst\u00e4ndlich macht. Wenn wir daran nichts \u00e4ndern, enden auch wir eines Tages bei Brechts Empfehlung an die Regierung, das Volk aufzul\u00f6sen und sich ein neues zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p><em>Achtens:<\/em> Wir sollten uns vorstellen, alles w\u00e4re umgekehrt verlaufen. Die Westdeutschen m\u00fcssten sich auf die Verh\u00e4ltnisse einstellen, die in der DDR herrschten. Sie m\u00fcssten in einer Mangelwirtschaft zurechtkommen, in einer Diktatur \u00fcberleben, sich zwischen Charakter und Karriere entscheiden oder eine Balance zwischen beidem versuchen, die nie ganz gelingt. Die meisten Alt-Bundesb\u00fcrger st\u00fcnden ebenso rat- und hilflos vor der Ostwelt, wie jetzt viele Ex-DDR-B\u00fcrger vor der komplizierten Westwelt stehen. Wie opferwillig w\u00e4ren die Ostdeutschen, wenn sie die Reichen w\u00e4ren und die armen Bundesb\u00fcrger aus wirtschaftlicher Not erretten m\u00fcssten? Und wer nach treuem Dienst f\u00fcr die SED &#8222;abgewickelt&#8220; wurde, sollte &#8211; auch wenn ihm Unrecht geschieht &#8211; wenigstens einmal bedenken, wie seine Partei heute in Westdeutschland verfahren w\u00fcrde, wenn sie der Sieger w\u00e4re.<\/p>\n<p><em>Neuntens:<\/em> Wir sollten wissen, dass es keine besseren und keine schlechteren Deutschen gibt. Weder Leistung noch Leid begr\u00fcnden eine moralische \u00dcberlegenheit. Wir sind alle das Ergebnis einer unterschiedlichen Geschichte, eine andere Erkl\u00e4rung gibt es nicht, denn bis 1945 waren wir noch alle gleich.<\/p>\n<p><em>Zehntens:<\/em> Wir sollten allen Verstand und alle Phantasie bem\u00fchen, um das Ungleichgewicht zwischen uns zu verringern. Der Kern aller Schwierigkeiten, zueinander zu kommen, liegt im Unterschied der Kr\u00e4fte. Die Westdeutschen sind sich selbst genug, die Ostdeutschen sind auf ihre Landsleute angewiesen. Die Westdeutschen f\u00fchlen sich den ehemaligen DDR-B\u00fcrgern \u00fcberlegen, da f\u00e4llt es schwer, bescheiden zu sein. Die Ostdeutschen f\u00fchlen sich unterlegen, da f\u00e4llt es schwer, nicht sperrig zu werden und zwischen Anpassung und Anma\u00dfung die Mitte zu halten. Schlimmer als der Verlust von Geld, Arbeitspl\u00e4tzen und Lebenschancen ist die Dem\u00fctigung, die damit verbunden ist.<\/p>\n<p>Das alles wurde vor zw\u00f6lf Jahren gesagt. Manches ist offenkundig \u00fcberholt, anderes erscheint noch peinlich aktuell, und vieles wirkt nicht mehr richtig, aber auch noch nicht falsch. Ost- und Westdeutsche werden vermutlich unterschiedlicher Meinung sein, und es gibt genug gute Gr\u00fcnde zu streiten, ob und inwieweit wir der &#8222;inneren Einheit&#8220; n\u00e4her gekommen sind. In jedem Falle ginge es uns besser, wenn dar\u00fcber nicht mehr geschwiegen, sondern gestritten w\u00fcrde &#8211; wie es dankenswerter Weise in diesem Heft der vorg\u00e4nge geschieht.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[2308],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20581","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-peter-bender","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Von der \u00e4u\u00dferen zur inneren Einheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/von-der-aeusseren-zur-inneren-einheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Von der \u00e4u\u00dferen zur inneren Einheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Deutschland ist vereint, die Deutschen sind es nicht. 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