{"id":20585,"date":"2026-07-08T14:57:18","date_gmt":"2026-07-08T12:57:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20585"},"modified":"2026-07-08T14:57:23","modified_gmt":"2026-07-08T12:57:23","slug":"wie-fern-ist-meine-welt-dieser-welt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/wie-fern-ist-meine-welt-dieser-welt\/","title":{"rendered":"&#8222;Wie fern ist meine Welt dieser Welt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Durs Gr\u00fcnbein \u00fcber Dichtung als Form der \u00dcberwinterung und seine Neugier auf die Macht<\/strong><\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Herr Gr\u00fcnbein, lesen Sie selbst gerne Lyrik, die der Ihren \u00e4hnelt?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Die Dichtung, die ich gerne lese, muss gedanklich scharf sein und sie muss mich \u00fcberraschen, mit immer neuen Bildern und immer neuen metaphorischen Aspekten.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Motiviert es Sie, fremde Lyrik zu lesen? Oder sind Sie sich f\u00fcr Ihr Dichten selbst genug?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Wahrscheinlich lese ich wenig Lyrik. Ich lese alles m\u00f6gliche andere: naturwissenschaftliche Werke, sehr viel Romane, sehr viel Zeitung &#8211; leider, muss ich \u00fcber Letzteres sagen. Die Euphorie l\u00e4sst da allerdings zum Gl\u00fcck allm\u00e4hlich nach. Aber ich lese prinzipiell alles, was meinen Welthorizont erweitert, immer wieder neu. Und dann manchmal doch die Lyrik. Es ist, als ob man einen Schmuckkasten aufklappt und darin wirklich Kronjuwelen findet. So ist gro\u00dfe Dichtung: so vollkommen und gelungen, dass man sie immer gerne betrachtet. Ich sage absichtlich &#8218;betrachtet&#8216;. &#8218;Betrachten&#8216; ist genauer als &#8218;Lesen&#8216;, denn wirklich gute Gedichte kann man betrachten wie Bilder.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Wenn aber die gro\u00dfen Romanciers in der heutigen Welt immer wieder erstaunliches Aufsehen erregen, das den Lyrikern notgedrungen vorenthalten bleibt &#8211; sind Sie da nicht mitunter zornig auf den ignoranten Zeitgeist?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Es hilft, wenn man sich klar macht, dass es bessere Zeiten gab. In fr\u00fcheren Zeiten kann man poesieverliebte Gesellschaften entdecken, neben poetischen D\u00fcrreperioden. Man muss sich einfach vor Augen halten, welchen Stellenwert Dichtung z.B. bei den R\u00f6mern hatte, in der Renaissance oder eigentlich auch am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hilft einem sehr. Solche Figuren wie Rilke oder Hofmannstahl, auch Benn, waren nur m\u00f6glich in einer Gesellschaft, die allgemein den Stellenwert des geschliffenen, konzentrierten Wortes, des lyrischen Ausdrucks gesch\u00e4tzt hat. Wenn das auf keinen Adressaten trifft, dann wird es schon schwierig. Aber es ist nicht hoffnungslos, weil wir nicht wissen, ob vielleicht wieder andere Zeiten kommen. So ist denn die Dichtung die Form der \u00dcberwinterung. Die Konzentration, die sie verlangt, erzeugt eine l\u00e4ngere Halbwertzeit. Das Gedicht trotzt dem Zerfallsprozess. Meine Hoffnung: Je l\u00e4nger man am Wort arbeitet, desto mehr Zeit gewinnt man.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Lyrik immer zu dekadenten Zeiten aufbl\u00fcht. Ist danach die heutige Zeit nur nicht so richtig dekadent, um der Lyrik Resonanz zu verschaffen?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Es ist gar nicht die Dekadenz, auf die es ankommt. Wenn ich mich zum Beispiel mit Baudelaire besch\u00e4ftige, sto\u00dfe ich dabei auf einen Vorfahren, der in einer fr\u00fcheren modernen Gesellschaft schon \u00e4hnliche Bedingungen vorgefunden hat. Baudelaire wurde zu einem Exponenten der Dichtung in industrialisierter Zeit, in der Zeit der Gro\u00dfst\u00e4dte und neuer Medien. Das interessiert mich mehr als Verliebtheit in Jugendstil oder in die Dekadenz. Mich interessiert die Position des verlorenen lyrischen Ichs in einer un\u00fcbersichtlichen oder un\u00fcbersichtlich werdenden Gesellschaft &#8211; und das kann man am Ende des 19. Jahrhunderts vorfinden. Da findet man Br\u00fcder im Geiste. Dichtung ist aber immer gleichsam die Notration.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Es geh\u00f6rte vor Zeiten f\u00fcr Schriftsteller und Dichter zum guten Ton, an Deutschland zu leiden. Sie erwecken nun nicht gerade den Eindruck, als litten Sie an diesem Land.<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Vermutlich liegt es an der etwas anderen Vergangenheit. Ich bin als Mitteleurop\u00e4er aufgewachsen, zumindest am Rande Westeuropas. Ich habe den Sozialismus erlebt. Beim Gedanken an jeglichen Nationalismus kann ich nur lachen. Ich kenne nur das Verlangen nach Weltkultur. Mich hat gleich die Sehnsucht nach Weltkulturen angezogen. Es war mein Instinkt, weil ich immer aus der DDR weg wollte. Ich wollte in die Museen der Welt, ich wollte immer kennen lernen, was es \u00fcberall gibt. Ich wollte moderne Kunst im Original anschauen. Das alles hat mich mehr verf\u00fchrt als irgendwelche politischen Ideen. Und wenn ich heute weniger entt\u00e4uscht bin &#8211; ich geh\u00f6re wirklich nicht zu denen, die furchtbar entt\u00e4uscht sind \u00fcber den Zerfall der Bl\u00f6cke und das Ende des Kalten Krieges -, dann ist es vor allem deshalb, weil ich das ganze als eine Chance betrachtet habe.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Bundeskanzler Schr\u00f6der hat am Ende der letzten Legislaturperiode mehrfach K\u00fcnstler ins Kanzleramt eingeladen, zu gemeinsamen Lesungen, Gespr\u00e4chen, Abendessen. Der Kanzler selbst hat Ihr Buch<em> Das erste Jahr<\/em> auf einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung in Berlin gepriesen; Sie waren im Publikum zugegen. Haben Sie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man den Dialog mit der Politik sucht oder befremdet Sie das eher?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Ich muss zugeben, ich bin sehr neugierig. Ich habe zum Beispiel eine Einladung zu einer Reise mit Schr\u00f6der nach Lateinamerika im Fr\u00fchjahr 2002 angenommen. Es gibt eine interessante Geschichte, die mir auf dieser Reise passiert ist: Ein deutscher Journalist kam auf mich zu und wollte mir dringend ein paar Fragen stellen. Aber es war dann nur eine einzige. Er fragte: &#8222;Sie sind doch Dichter, ekelt sie nicht die N\u00e4he zur Macht?&#8220; Und da musste ich ihm sagen: &#8222;Nein, die N\u00e4he zur Macht ekelt mich nicht. Da ich ein neugieriger Mensch bin, will ich die Macht kennen lernen.&#8220; Die eigentliche Frage ist doch, warum ein Dichter mehr von der Macht angeekelt sein soll als andere Menschen. Das hat sicher mit dem fatalen Selbstbewusstsein der Dichter zu tun. Ich glaube, dass unsereins davon ausgeht, wir bes\u00e4\u00dfen etwas, was unzerst\u00f6rbar ist &#8211; egal, welche omnipotente \u00f6konomische Form die Gesellschaft hat. Doch wenn dies stimmt, dann sollte eigentlich die Begegnung von Dichtung und Macht ein Gipfeltreffen sein. Doch die Ungleichheit bedingt, dass ich mich jederzeit zur\u00fcckziehen kann.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge<\/em>: Autoren wie G\u00fcnter Grass oder Hans Magnus Enzensberger waren, fr\u00fcher zumindest, furchtbar entt\u00e4uscht, wenn sie trotz ihrer Unabh\u00e4ngigkeit manchmal nicht gen\u00fcgend von der Politik wahrgenommen wurden.<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Nun ja, das ist eine Generation, die wirklich noch geglaubt hat, dass sie unmittelbar eingreifen kann mit dem Wort. Davon bin ich geheilt. Was uns alle \u00e4hnlich macht, ist das Interesse an exklusiven Begegnungen. Ich glaube, dass jemand wie Grass auf die Politik wie ein entt\u00e4uschter Liebhaber reagiert. Ich tue das nicht: weil ich schon so oft entt\u00e4uscht wurde, dass ich nicht mehr zu entt\u00e4uschen bin. Ich kann mir das also in aller Gelassenheit anschauen, weil ich wei\u00df, wie fern meine Welt dieser Welt ist. Dies ist eine Urtrennung. Sie betrifft auch viele Alltagsph\u00e4nomene. Aber zugleich gibt es wohl schon die Sehnsucht, m\u00f6glichst viel wahrzunehmen, den Drang nach unmittelbarer Anschauung.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> In den letzten Jahren wurde h\u00e4ufig und mit unterschiedlichen Wertungen der Begriff der Spa\u00dfgesellschaft durchdekliniert. Nachdem es eine Weile schien, dass alle, die eine Bedeutung erlangen wollten, zugleich komisch und witzig zu sein hatten, gab es sp\u00e4testens nach dem 11. September wieder andere Signale. Sie wirken ziemlich seri\u00f6s und scheinen eine gewisse Ernsthaftigkeit leben zu wollen. Ist es in Deutschland schwierig geworden, ernst zu bleiben?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Wir m\u00fcssen von einem anderen Begriff sprechen und zwar von Libido. Ich glaube nicht, dass sich meine pers\u00f6nliche Libido beschr\u00e4nken l\u00e4sst auf das kom\u00f6diantische, auf eine Pointe oder auf den Witz. Ich verstehe, dass wir in einer Zeit leben, wo die Libido nach der schnellen Befriedigung strebt. F\u00fcr mich ist die Welt ein komplexes Gebilde, in dem es das sarkastische Lachen und die unendliche Trauer gibt; beide treffen sich zur Zeit an derselben Stelle. Und wenn ich den sarkastischen Humor in der so genannten Spa\u00dfkultur finde, dann bin ich sofort mit ihr vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p><em>vorg\u00e4nge:<\/em> Ist aber nicht Ernsthaftigkeit heute das eigentlich Subversive?<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnbein:<\/em> Bei Henri Bergson gibt es eine sch\u00f6ne Analyse, wie das Lachen in der modernen Gesellschaft funktioniert. Er geht davon aus, dass es viel mit der Mechanik zu tun hat. Er analysiert zum Beispiel das Clowneske, wie es im Slapstick dann Charlie Chaplin vorgef\u00fchrt hat. Er meint, dass durch die Maschinisierung der Alltagswelt der Einzelne sich wieder erkennt als Slapstickfigur, als Scheiternder. Der Humor, der daraus entspringt, ist mir vertraut wie dem Pferd die Peitsche. Ich glaube aber nicht, dass es etwas wie die Spa\u00dfkultur wirklich gibt. Es gibt keinen allgemeinen Humor. Der Humor ist immer besonders. Zur Zeit ist er auf Seiten der Reaktion. Humor ist im Augenblick reaktion\u00e4r.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte unser Prager Korrespondent Tom\u00e1s Kafka<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20585","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Wie fern ist meine Welt dieser Welt&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/wie-fern-ist-meine-welt-dieser-welt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Wie fern ist meine Welt dieser Welt&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Durs Gr\u00fcnbein \u00fcber Dichtung als Form der \u00dcberwinterung und seine Neugier auf die Macht vorg\u00e4nge: Herr Gr\u00fcnbein, lesen Sie selbst gerne Lyrik, die der Ihren \u00e4hnelt? 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