{"id":20586,"date":"2026-07-08T15:09:31","date_gmt":"2026-07-08T13:09:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20586"},"modified":"2026-07-08T15:09:39","modified_gmt":"2026-07-08T13:09:39","slug":"der-strukturwandel-der-oestlichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-strukturwandel-der-oestlichkeit\/","title":{"rendered":"Der Strukturwandel der \u00d6stlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Rund 6.000 B\u00fccher sind seit 1989 zum deutschen Einigungsprozess erschienen, mehr als 38.000 Nachweise finden sich in der Literaturdatenbank www.wiedervereinigung.de zu diesem Thema. Zumindest von den Sozialwissenschaften ist der Osten Deutschlands also nicht vernachl\u00e4ssigt worden. Und nun, gut dreizehn Jahre nach dem Mauerfall, erscheinen auch die ersten Kompendien und Forschungsbilanzen. Zu den wichtigsten d\u00fcrfte wohl die folgende tausendseitige Untersuchung z\u00e4hlen:<\/p>\n<p><em>Alexander Thumfart:<\/em> Die politische Integration Ostdeutschlands, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2002, 1.020 S., ISBN 3-518-12228-2; 20 Euro<\/p>\n<p>Die Leistung Thumfarts ist beeindruckend, was sich nicht nur in dem 120seitigen Literaturverzeichnis widerspiegelt: Der Autor (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft) zeichnet in gro\u00dfer Detailtreue ein umfassendes Bild des politischen Transformations- und Integrationsprozesses in Ostdeutschland. Vorangestellt sind dieser Bestandsaufnahme rund einhundert Seiten theoretischer Reflexion, in denen sich der promovierte Philosoph mit gro\u00dfer Verve allen Modellen, welche die Geistes- und Sozialwissenschaften zum Thema anzubieten haben, widmet. Dann schl\u00e4gt Thumfart analytische Schneisen durch den wilden Osten: In mehreren Gro\u00dfkapiteln untersucht er 1. den Parlamentarismus, 2. die Parteien und das Parteiensystem, 3. die Verb\u00e4nde, 4. die Kirchen, 5. die Regierungen und die Ministerialb\u00fcrokratie, 6. die Kommunen und 7. die Medien. Dabei kommt der Zettelkasten des Autors mitunter etwas \u00fcberm\u00e4\u00dfig zum Einsatz: Selbst Hegel, Dilthey, Habermas und Eco fungieren bei ihm als Kronzeugen des Transformationsprozesses. Trotzdem kann man die wissenschaftliche Leistung nicht hoch genug bewerten; das Buch wird auf Jahre hinaus das Standardwerk zum Thema bleiben.<\/p>\n<p>Eine sehr hilfreiche \u00dcberblicks-Publikation, die schnelle Orientierung erm\u00f6glicht, ist<\/p>\n<p><em>Hans Bertram\/Raj Kollmorgen<\/em> (Hg.): Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesl\u00e4ndern, Leske+Budrich: Opladen 2001, 485 S., ISBN 3-8100-2241-1; 32,90 Euro<\/p>\n<p>Der fast f\u00fcnfhundert Seiten starke Band vereinigt Aufs\u00e4tze und empirisches Material zu den zentralen Themen der Einheitsforschung, wobei die Autoren durchweg Experten in ihren Teilbereichen sind. So schreibt Oskar Niedermayer \u00fcber die Entwicklung des Parteiensystems, Max Kaase und M. Rainer Lepsius berichten \u00fcber den Stand der Transformationsforschung und Gisela Trommsdorf und Hans-Joachim Kornadt setzen sich in einem nachdenklichen Beitrag mit dem Stand der inneren Einheit auseinander. Weitere Schwerpunkte sind Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, die politische Kultur und Fragen der Stadt- und Landschaftsentwicklung.<\/p>\n<p>Im folgenden Band wird ebenfalls &#8222;harte Politikwissenschaft&#8220; betrieben:<\/p>\n<p><em>J\u00fcrgen Falter\/Oscar W. Gabriel\/Hans Rattinger<\/em> (Hg.): Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Leske+Budrich: Opladen 2000, 711 S., ISBN 3-8100-2961-0; 51 Euro<\/p>\n<p>Geht man davon aus, dass zwischen der Stabilit\u00e4t des politischen Systems und den Einstellungen seiner B\u00fcrger zu diesem ein enger Zusammenhang besteht, wird die politische Kulturforschung zu einem wesentlichen Faktor im Einheitsdiskurs. Die Herausgeber haben hier zahlreiche Beitr\u00e4ge versammelt, die um diese Themen kreisen: Wahlverhalten, politische Bildung im Osten, Parteienbindungen der B\u00fcrger, politische Wertorientierungen und nat\u00fcrlich auch den Rechtsextremismus. Das Projekt ist lobenswert, wenn es auch manchmal schwer f\u00e4llt, den roten Faden der Publikation zu erkennen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Zonenkinder&#8220; sind in den Feuilletons dieser Republik l\u00e4ngst zum stehenden Begriff geworden. Nun werden sie endlich auch empirisch durchleuchtet:<\/p>\n<p><em>Peter F\u00f6rster:<\/em> Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine L\u00e4ngsschnittstudie zum politischen Mentalit\u00e4tswandel bei jungen Ostdeutschen vor und nach der Wende, Leske+Budrich: Opladen 2002, 357 S., ISBN 3-8100-3452-5; 35 Euro<\/p>\n<p>Ohne Zweifel ein spannendes Projekt: Seit 1987 wurden vom Leipziger Institut f\u00fcr Jugendforschung insgesamt 1.281 s\u00e4chsische Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Jahrg\u00e4nge 1972 und 1973 nach ihren Einstellungen befragt. Nach 1990 wurden die Befragungen unter ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen mit den gleichen Jugendlichen fortgesetzt; an der j\u00fcngsten im Januar 2002 nahmen 354 von ihnen teil. Der Identit\u00e4tswandel vom DDR-B\u00fcrger zum Bundesb\u00fcrger scheint auch f\u00fcr diese Generation ein langwieriger und widerspr\u00fcchlicher Prozess zu sein: Im Jahr 2000 f\u00fchlten sich 80 Prozent der Befragten als B\u00fcrger der Bundesrepublik, 77 Prozent aber auch als B\u00fcrger der untergegangenen DDR &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob sie gegenw\u00e4rtig im Osten oder Westen leben. Wie sich Mentalit\u00e4ten und Einstellungen im Laufe der Jahre ver\u00e4ndert haben, welche Euphorien und Verunsicherungen die Jugendlichen auf ihrem Weg von Ost nach West durchlebten &#8211; hier l\u00e4sst es sich detailliert und statistisch fein s\u00e4uberlich dokumentiert nachvollziehen.<\/p>\n<p>Den politischen \u00dcberzeugungen der j\u00fcngeren Generation ist auch<\/p>\n<p><em>Gert Pickel:<\/em> Jugend und Politikverdrossenheit. Zwei politische Kulturen im Deutschland nach der Vereinigung?, Leske+Budrich: Opladen 2002, 441 S., ISBN 3-8100-3580-7; 44 Euro<\/p>\n<p>auf der Spur. Ihn interessiert hierbei die Generation der jungen Erwachsenen, die im \u00dcbergang zwischen Sozialisation in der DDR und in der Umbruchzeit nach der Vereinigung ihre ersten politischen Wertmuster und Einstellungen ausbildete. Im Zentrum der Analyse steht die Entwicklung von Differenzen in der politischen Kultur zwischen Ost- und Westdeutschland in den vergangenen zehn Jahren. Die Arbeit ist zwischen Jugendforschung und Forschungen zur politischen Kultur angesiedelt. Anstelle von Schwarz-Wei\u00df-Malerei bietet sie einen zukunftsweisenden Einblick in die Nachwende-Kultur(en) Deutschlands.<\/p>\n<p>Noch immer gehen f\u00fcnf von zehn Sch\u00fclern in Vorpommern zur Jugendweihe. Was zieht die Jugendlichen unter den ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Wiedervereinigung zur Jugendweihe, was zur Konfirmation? Die Untersuchung von<\/p>\n<p><em>Rainer Liepold:<\/em> Die Teilnahme an der Konfirmation bzw. Jugendweihe als Indikator f\u00fcr die Religiosit\u00e4t von Jugendlichen aus Vorpommern, Peter Lang: Frankfurt\/Main 2000, 422 S., ISBN 3631-35925-X; 50,10 Euro<\/p>\n<p>basiert auf einer Anfang 1997 durchgef\u00fchrten Befragung 14- bis 17j\u00e4hriger Ostdeutscher. Liepold widmet sich in seiner Dissertation der Auspr\u00e4gung und Funktion der Religiosit\u00e4t von Jugendlichen in Vorpommern und verdeutlicht aus religionssoziologischer Sicht die Zukunftsf\u00e4higkeit der Kirchen in den neuen Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dass die Prozesse des Identit\u00e4tswandels auch generationen\u00fcbergreifend noch l\u00e4ngst nicht abgeschlossen sind, macht das folgende B\u00fcchlein deutlich:<\/p>\n<p><em>Maria Carolina Agoff:<\/em> Auf der Suche nach neuer Identit\u00e4t: die Verortung einer ostdeutschen Generation nach der deutschen Vereinigung, Peter Lang: Frankfurt\/Main u.a. 2002, 147 S., ISBN 3631-39984-7; 30,20 Euro<\/p>\n<p>Die Autorin untersucht am Beispiel der Ost\/West-Stadt Berlin, wie sich Deutsche aus beiden Teilen des Landes voneinander unterscheiden, was sie verbindet und was sie trennt. Nachvollzogen werden etwa unterschiedliche Gewohnheiten im Medienkonsum, in der Alltagsgestaltung sowie in der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen. Die Leitfrage der Studie ist, wie durch die Interaktion von Ost- und Westdeutschen in Berlin dort eine neue gesamtdeutsche Identit\u00e4t ausgepr\u00e4gt wird und wie sich das spezifisch Ostdeutsche innerhalb dieses neuen Mentalit\u00e4tsgef\u00fcges verortet. Dabei bedient sich Agoff \u00fcberwiegend der thick description und der alltagsweltlichen Beschreibung.<\/p>\n<p>Der Blick zur\u00fcck kann auch bei der mitunter schwierigen Orientierung im Generationendschungel helfen: So galt der Geburtenjahrgang 1949 in der DDR als die &#8222;Personifizierung des Projekts Neuer Mensch&#8220;. Die soziale Realit\u00e4t der ersten Nachkriegsgeneration in Ostdeutschland untersucht das Buch von<\/p>\n<p><em>Dorothee Wierling:<\/em> Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Ch. Links Verlag: Berlin 2002, 591 S., ISBN 3-86153-278-6; 34,80 Euro<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Lebensphasen dieser Generation vollzieht die Autorin die gemeinsamen und abweichenden Erfahrungen und Entwicklungsverl\u00e4ufe nach. Bestand der Antagonismus in ihrer Kindheit zwischen Aufbaupathos und Gl\u00fccksauftrag, war die Jugend dieses Jahrgangs von Fortschritt, Revolte und Kontrolle gepr\u00e4gt. Nach 1989 stellt Wierling aufgrund der historischen Z\u00e4sur dieses Ereignisses die Frage nach dem Erfolg oder dem Scheitern im Curriculum der im &#8222;Jahr Eins Geborenen&#8220;.<\/p>\n<p>Was haben T\u00e4ve Schur, Ernst Th\u00e4lmann und die Sch\u00e4ferh\u00fcndin Laika gemeinsam? Sie alle waren hoch dekorierte Helden des Sozialismus, mehr oder minder tragische Figuren, die den Menschen Vorbild, Anreiz und Hoffnungstr\u00e4ger waren. Die Bedeutung von Helden und Heldenmythen f\u00fcr die Ostblock-Gesellschaften zeichnet der folgende Band nach:<\/p>\n<p><em>Silke Satjukow\/Rainer Gries (Hg.)<\/em>: Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, Ch. Links Verlag: Berlin 2002, 312S., ISBN 3-86153-271-9; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht die Frage, welche Funktion diese Helden f\u00fcr die Stabilisierung der sozialistischen Gesellschaften hatten. Die Herausgeber begreifen den personalisierten Heldenkult als komplement\u00e4re Technik zur entpersonalisierten ideologischen Propaganda f\u00fcr abstrakte Ziele. Helden konnten zu Vertrauenspersonen der Menschen werden und das in sie gesetzte Vertrauen dann auch auf das hinter ihnen stehende Herrschaftssystem \u00fcbertragen. Denn sozialistische Helden waren immer solche, die nicht nur auf sportlichem, \u00f6konomischem, wissenschaftlichem oder politischem Gebiet eine besondere Leistung vollbracht hatten, sondern deren Taten aus Sicht der Propagandisten auch dazu geeignet waren, eine Verbindung zwischen Leistung, Person und Sache des Sozialismus herzustellen. Sch\u00f6n an diesem Band ist vor allem die breite, internationale Anlage. Die Palette der Helden reicht von Juri Gagarin \u00fcber Sigmund J\u00e4hn bis zu dem ungarischen Rittmeister Alexej Gussew. Betrachtet werden alle diese Heldenmythen aus doppelter Perspektive: Es geht sowohl um ihre Produktion durch die Machthaber und die vielfach abweichende popul\u00e4re Rezeption von unten.<\/p>\n<p>Auch ein publizistischer elder statesman der Deutschlandpolitik hat sich mit einem R\u00fcckblick auf Teilung und Einheit zu Wort gemeldet:<\/p>\n<p><em>Peter Bender:<\/em> Fall und Aufstieg. Deutschland zwischen Kriegsende, Teilung und Vereinigung, Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2002, 224 S., ISBN 3-89812-140-2; 13 Euro<\/p>\n<p>Die dort versammelten Aufs\u00e4tze Benders entstanden zwischen 1991 und 2001. Viele von ihnen blicken zur\u00fcck auf die Zeit der deutschen Teilung. Was den Reiz der Lekt\u00fcre ausmacht, ist die Tatsache, dass der Autor nicht nur vor dem Hintergrund seiner deutschlandpolitischen Erfahrungen w\u00e4hrend der Ostpolitik schreibt, sondern seine alten Erkenntnisse noch einmal vor dem Hintergrund der vollzogenen deutschen Einheit reflektiert. Es geht &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; um West-Berlin, Willy Brandt und Erich Honecker, aber auch um die \u00f6konomischen Geburtsfehler der Vereinigung und den langen und dornigen Weg zur inneren Einheit (vgl. Benders Beitrag in diesem Heft). Deutschlandpolitik <em>revisited<\/em> also. Gut, dass die bislang verstreut erschienenen Bender-Aufs\u00e4tze jetzt in einem Band versammelt sind.<\/p>\n<p>Szenenwechsel: Mauer\u00f6ffnung 1989. Vier anhand von Plastikt\u00fcten und Klamotten leicht als Ossis zu identifizierende Deutsche gruppieren sich um einen Fiat Panda. Einer von ihnen: &#8222;Also ehrlich, Erich, \u00e4h Egon, den real existierenden Kapitalismus h\u00e4tten wir uns wesentlich dekadenter vorgestellt [&#8230;] dieser Kleine da, nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Trabi, das soll der Konsumterror sein? L\u00e4cherliche 4,9 Liter bleifrei Super &#8211; ist das die sp\u00e4tkapitalistische Vergeudung knapper Ressourcen?&#8220; So wie in dieser Anzeige von Fiat nutzten 1989\/90 viele Werbetreibende das epochale Ereignis des Mauerfalls und des sich anschlie\u00dfenden Einheitsprozesses, um ihre Produktwerbung an politischen Motiven aufzuh\u00e4ngen. So begr\u00fc\u00dfte eine Bank die neuen Bundesb\u00fcrger: &#8222;Willkommen in der nach oben offenen Gesellschaft.&#8220; Systematisch untersucht wird dies jetzt in:<\/p>\n<p><em>Alexander Roth:<\/em> Werben mit der Wende. Wirtschaftskommunikation zur deutschen Einheit, Leipziger Universit\u00e4tsverlag: Leipzig 2002, 168 S., ISBN 3-935693-97-4; 22 Euro<\/p>\n<p>Das Konzept des Buches basiert auf der These, dass Werbung nicht nur ein Indikator f\u00fcr Zeitgeist ist, sondern auch politische Prozesse und gesellschaftliche Mentalit\u00e4ten zu spiegeln vermag, die sich dann ex post rekonstruieren lassen. Dabei erm\u00f6glicht die Studie so manchen schr\u00e4gen Seitenblick auf den Einheitsprozess und die damit verbundenen Erwartungen. Mitunter bleiben die Deutungen des Autors aber auch zu sehr der Perspektive der Werbewirtschaft verpflichtet, um wirkliches Erkl\u00e4rungspotenzial zu haben. Als wahrer Vision\u00e4r dagegen erwies sich der Autoverleiher Sixt schon 1990: &#8222;Die Einheit wird teuer &#8211; SIXT bleibt g\u00fcnstig&#8220;.<\/p>\n<p>Eine ethnologische Habilitation verfolgt das Ziel, die in Ostdeutschland einst so herbeigesehnten Verhei\u00dfungen der liberalen Marktwirtschaft kritisch zu durchleuchten und von mythischer Verkl\u00e4rung zu befreien:<\/p>\n<p><em>Birgit M\u00fcller:<\/em> Die Entzauberung der Marktwirtschaft. Ethnologische Erkundungen in ostdeutschen Betrieben, Campus: Frankfurt\/New York 2002, 245 S., ISBN 3-593-37084-0; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Mit der von ihr zwischen 1990-1994 durchgef\u00fchrten sozialanthropologischen Feldstudie geht die Autorin der Frage von Macht und pers\u00f6nlicher Autonomie in drei Ostberliner Betrieben nach. Sie kontrastiert den planwirtschaftlichen Betrieb mit den Wirkungsweisen marktwirtschaftlicher Unternehmensideologien. Den Fokus ihrer Analyse richtet sie jedoch stets auf das Individuum, den Arbeiter: Haben die Besch\u00e4ftigten im \u00dcbergang zur Marktwirtschaft an pers\u00f6nlicher Autonomie und Selbstbestimmung gewonnen oder verloren? Hat ihnen die Marktwirtschaft die Freiheit gebracht, die sie sich erhofft haben? Bei der Beobachtung der individuellen und kollektiven Strategien ermittelt die Autorin ein breites Spektrum gesellschaftlicher Theorien, auf das sich die Besch\u00e4ftigten beriefen, um Einfluss auf den grundlegenden Wandel in ihren Betrieben zu nehmen: &#8222;Zu diesen Theorien geh\u00f6rte die in den Schulen des Marxismus-Leninismus vermittelte Rolle der Produktionsarbeiter in der DDR ebenso wie die Lebensweisheiten der Pr\u00e4rieindianer, die in den DDR-Jugendgruppen popul\u00e4r waren&#8220;. Obwohl M\u00fcller den Betrieb als solchen bewusst nicht zum Gegenstand des Buches erkl\u00e4rt, sondern die Mikromechanismen der Macht ganz gezielt an den Betriebsarbeitern analysiert, gelingt ihr die Entzauberung der Marktwirtschaft nicht wirklich. Die Etablierung eines &#8222;Wir-Modells&#8220; seitens der Besch\u00e4ftigten vollzieht die Studie jedoch umso authentischer nach.<\/p>\n<p>Herausforderungen anderer Art widmet sich Yasemin Niephaus. Ihr geht es um den Zusammenhang zwischen sinkender Geburtenrate und den neuesten familienpolitischen Reformen:<\/p>\n<p><em>Yasemin Niephaus:<\/em> Der Geburteneinbruch in Ostdeutschland nach 1990. Staatliche Regulierung generativen Handelns, Leske+Budrich: Opladen 2003, 103 S., ISBN 3-8100-3552-1; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Nach 1990 gelang es den ostdeutschen Frauen nicht, eine Alternative zu der an &#8222;der Leitidee der egalit\u00e4ren Doppelern\u00e4hrerehe&#8220; orientierten Familienpolitik der DDR zu entwickeln. Ihre Wertvorstellungen schienen mit dem familienpolitischen Konzept der m\u00e4nnlichen Versorgerehe der Bundesrepublik unvereinbar. Den Geburtenr\u00fcckgang seit den 1990er Jahren untersucht Niephaus als &#8222;sch\u00f6pferische Neuerfindung&#8220; in einer vergleichenden Analyse ost- und westdeutscher weiblicher Lebensl\u00e4ufe, Einstellungen sowie den familienpolitischen Konzeptionen in den beiden deutschen Staaten.<\/p>\n<p>Von den sich leerenden ostdeutschen St\u00e4dten, die saniert oft Potemkinschen D\u00f6rfern gleichen, haben im Westen mittlerweile viele geh\u00f6rt. Doch das flache Land bleibt unbekanntes Territorium. Eine junge westdeutsche Journalistin hat sich aufgemacht, diesen Zustand zu beenden:<\/p>\n<p><em>Tanja Busse:<\/em> Melken und gemolken werden. Die ostdeutsche Landwirtschaft nach der Wende, Ch. Links Verlag: Berlin 2001, 247 S., ISBN 3-86153-234-4; 15,50 Euro<\/p>\n<p>Ihre Reportagen schildern das stille Drama einer Modernisierungskrise von gigantischem Ausma\u00df. 1989 hatten in der DDR-Landwirtschaft 830.000 Menschen gearbeitet, zehn Jahre sp\u00e4ter waren es noch 135.000. Die Konfliktlinien in dieser Krise waren und sind schwer auszumachen: Frauen gegen M\u00e4nner, westdeutscher Altbesitzer-Adel gegen ostdeutsche Neu-Unternehmer, gro\u00dfagrarische Ex-LPG-Strukturen gegen kleine Biobauern. Busse l\u00e4sst die Betroffenen ausf\u00fchrlich zu Wort kommen; ihrem ethnologisch inspirierten Blick entgehen weder die Alltagsn\u00f6te des mecklenburgischen Landwirtschaftsministers noch die Erinnerungen pensionierter Landarbeiter. Trotz aller Tristesse taucht in diesem lesenswerten Buch so mancher mitunter bizarre Hoffnungsschimmer &#8211; wie etwa die Rettung der Spreewaldgurke &#8211; am Horizont auf.<\/p>\n<p>&#8222;Ich denke gern an die DDR zur\u00fcck&#8220;: Zonenkind Ralf, 22 Jahre und Jurastudent in Berlin, erkl\u00e4rt, weshalb er PDS-W\u00e4hler ist. Rita Kuczynski hat zwischen November 2001 und M\u00e4rz 2002 zwanzig Interviews mit Lehrern, Studenten, Models, Fliesenlegern, Tierpflegern, \u00c4rztinnen usw. gef\u00fchrt um herauszubekommen, warum sie der SED-Nachfolgepartei ihre Stimme geben:<\/p>\n<p><em>Rita Kuczynski:<\/em> Die Rache der Ostdeutschen, Parthas: Berlin 2002, 144 S., ISBN 3-932529-37-5; 14,50 Euro<\/p>\n<p>Vor der Bundestagswahl 2002 erschienen, h\u00e4tte man heute gerne gewusst, wie die zwanzig am 22. September wohl gestimmt haben. Trotzdem bekommt man einen tiefen Einblick in den Seelenhaushalt der ostdeutschen PDS-W\u00e4hlerschaft: Hannelore, 78 Jahre, Rentnerin und fr\u00fcher Lehrerin: &#8222;Aber unfrei habe ich mich auch nicht in der DDR gef\u00fchlt.&#8220; Ramona, 31 Jahre, Model: &#8222;Ja, ich bin nach der Wende Ostler geworden.&#8220; Es sind oft geh\u00f6rte, doch individuell erz\u00e4hlte Geschichten \u00fcber 1989 und die Erfahrungen in den Jahren danach, die ein Westgespr\u00e4chspartner so nicht zu h\u00f6ren bekommen h\u00e4tte &#8211; mal skurril, mal nachdenklich stimmend.<\/p>\n<p>Soziologie in der Form teilnehmender Beobachtung: Wolfgang Engler ist durch seine Studien zum (umstrittenen) Ethnologen unter den Deutern \u00f6stlicher Daseinsformen in Vergangenheit und Gegenwart geworden (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft). Sein viel gelesener Klassiker liegt nun auch als Taschenbuchausgabe vor:<\/p>\n<p><em>Wolfgang Engler:<\/em> Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Aufbau Taschenbuch: Berlin 2002 [1999], 348 S., ISBN 3-7466-8053-0; 9,50 Euro<\/p>\n<p>Die Methode Engler konzentriert sich bei der Analyse der DDR-Gesellschaft mehr auf Filme, Romane und Kunstwerke als auf Datens\u00e4tze und Statistiken. Eine auratische, symbolgeladene Sprache (ver)f\u00fchrt den Leser durch die historischen Stationen der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR. Englers Charakterisierung der DDR als &#8222;arbeiterliche Gesellschaft&#8220; ist einflussreich geworden, auch wenn sie Sozialhistoriker kaum zu \u00fcberzeugen vermag: die Arbeiter als zwar nicht politisch, aber kulturell und sozial herrschende Klasse der DDR. Nicht frei von Heroisierungen sind Englers oft zu emphatische Betrachtungen \u00fcber DDR-Intellektuelle, auch wenn man z.B. wie im ber\u00fcchtigten 11. ZK-Plenum 1965 oder nach der Biermann-Ausb\u00fcrgerung 1976 Tausende David-gegen-Goliath-Konstellationen entdecken kann.<\/p>\n<p>Wie stark diese DDR-Gesellschaft den Osten Deutschlands weiterhin pr\u00e4gt, zeigt Engler in seinem j\u00fcngsten, ebenfalls heftig umstrittenen Buch:<\/p>\n<p><em>Wolfgang Engler:<\/em> Die Ostdeutschen als Avantgarde, Aufbau: Berlin 2002, 207 S., ISBN 3-35102545-9; 16,50 Euro<\/p>\n<p>Ob es sein letztes Buch \u00fcber die Ostdeutschen ist, wie Engler einmal meinte? Am Material liegt es jedenfalls nicht. Es sind ungew\u00f6hnliche Quellen, die der Autor heranzieht, um ein Bild der Ostdeutschen in den 1990er Jahren zu zeichnen: Schulaufs\u00e4tze beispielsweise oder die herausragenden Wittstock-Dokumentarfilme von Volker Koepp. Und das in unverwechselbarer Engler-Diktion pr\u00e4sentierte Bild f\u00e4llt auch inhaltlich ungew\u00f6hnlich aus. Durch die Umw\u00e4lzung fast aller Lebensl\u00e4ufe seien die Ostdeutschen besser als ihre westlichen Landsleute gewappnet f\u00fcr bevorstehende soziale Verwerfungen und das Ende der Arbeitsgesellschaft. Engler \u00fcbt den anderen Blick jenseits eingefahrener Raster, auch wenn dieser &#8222;verr\u00fcckt unhaltbar&#8220;<em> (FAZ)<\/em> ist. Der Umsturz der Lebenswelt hatte f\u00fcr die betroffenen Menschen gewaltige Auswirkungen, die der Autor in sorgf\u00e4ltig durchkomponierten Kapiteln beschreibt. Allerdings: Die den Bewohnern eines &#8222;der gr\u00f6\u00dften Experimentierfelder der j\u00fcngeren Geschichte&#8220; (87) von Engler darob verpasste Avantgarderolle w\u00e4ren, so steht zu vermuten, die meisten Ostdeutschen gerne schnell wieder los.<\/p>\n<p>Die Renaissance ostdeutscher (Selbst)wahrnehmung in j\u00fcngster Zeit verdanken wir vor allem j\u00fcngeren Autorinnen und Autoren (vgl. den Beitrag von Alexander Cammann in diesem Heft). Sie versuchen in Essays, Reportagen, Erz\u00e4hlungen und Romanen dem Lebensgef\u00fchl Ost nachzusp\u00fcren. Umso interessierter greift man zu dem Buch einer Westdeutschen, das sich mit der Selbstfindung dieser Generation in Ost und West besch\u00e4ftigt:<\/p>\n<p><em>Susanne Leinemann:<\/em> Aufgewacht. Mauer weg, Deutsche Verlagsanstalt: M\u00fcnchen 2002, 270 S., ISBN 3-421-05599-8; 19,90 Euro<\/p>\n<p>F\u00fcr die Berliner Journalistin, Jahrgang 1968, ist der Osten der n\u00f6tige Umweg zur L\u00f6sung der Identit\u00e4tsprobleme junger Westdeutscher. Anhand ihrer eigenen gescheiterten Liebesgeschichte mit dem jungen Ostdeutschen Andreas, den sie 1985 kennen lernt, rekonstruiert sie ihre fr\u00fche Osterfahrung. Der Mauerfall wird f\u00fcr sie zum Schl\u00fcsseldatum: &#8222;1989 war die Stunde unserer Generation. Aber wir machten sie uns nicht zu eigen.&#8220; (192) Der sympathische Versuch, die Generation Golf durch den versp\u00e4teten R\u00fcckgriff auf die Chiffre 1989 zu politisieren mag naiv sein, vor allem, weil es eben doch einen Unterschied macht, 1989 am Fernsehschirm oder leibhaftig erlebt zu haben. Doch gelingt der Westautorin eine atmosph\u00e4risch dichte und genaue Schilderung der sp\u00e4ten DDR, ein gesamtdeutscher &#8222;Anti-Illies&#8220; und ein Buch &#8222;gegen den schokoriegelhaften Unernst, die bademantelgesch\u00fctzte Selbstverliebtheit und die erk\u00fcnstelte Kindlichkeit der &#8222;Generation Golf&#8220; <em>(S\u00fcddeutsche Zeitung).<\/em><\/p>\n<p>Sich gegenseitig seine Biographien zu erz\u00e4hlen, ist seit Jahren die beliebteste Art der innerdeutschen Kontaktaufnahme geworden. Wie gut, dass man diese Geschichten \u00fcber die wechselseitige Ost-West-Erfahrung nunmehr seit einiger Zeit gesammelt nachlesen kann:<\/p>\n<p><em>Jana Simon\/Frank Rothe\/Wiete Andrasch:<\/em> Das Buch der Unterschiede. Warum die Einheit keine ist, Aufbau: Berlin 2000, 237 S., ISBN 3-351-02521-1; 10 Euro<\/p>\n<p>23 junge Journalisten, aber auch Anw\u00e4lte, Lehrerinnen und ein Bundestagsabgeordneter erz\u00e4hlen ihre pers\u00f6nliche Ost-West-Geschichte, zugeordnet Gro\u00dfkapiteln wie &#8222;Freundschaft und Beziehungen&#8220;, &#8222;Kommunikation&#8220;, &#8222;Konsum und Stil&#8220;, &#8222;Freiheit&#8220;, &#8222;Karriere&#8220; und &#8222;Lebensentw\u00fcrfe&#8220;. Alle nur denkbaren autobiographischen Erlebnisse, Missverst\u00e4ndnisse, Erfolge und Scheitern sind hier zu finden, mal komisch, mal tragisch; der Tonfall ist durchweg selbstironisch.<\/p>\n<p>Die Herausgeberin Jana Simon, geboren 1972 in Potsdam und aufgewachsen in Ost-Berlin, heute Reporterin beim Tagesspiegel, hat sich im vergangenen Jahr erneut an autobiographischem Stoff versucht:<\/p>\n<p><em>Jana Simon:<\/em> Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S., Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 247 S., ISBN 3-87134-349-7; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Es ist die Geschichte ihres Jugendfreundes, den sie sp\u00e4ter \u00fcber dem Erwachsenwerden nie ganz aus den Augen verloren hatte: Felix ist ein schillernder Typ, kickboxender T\u00fcrsteher vor Ost-Berliner Diskotheken und Bordellen, Hooligan, Bach- und Teeliebhaber, Rommel-Verehrer, dessen bester Kumpel eher zur linken Szene geh\u00f6rt. Am Ende begeht er Selbstmord im Moabiter Gef\u00e4ngnis &#8211; f\u00fcr Simon wird es zum Verm\u00e4chtnis, seine Geschichte zu rekonstruieren. Entstanden ist die Geschichte eines Abgleitens, gespiegelt durch die Erfahrungen der Autorin, deren eigenes Leben und die Treffen mit Felix. Er ist immer anders gewesen: ein Farbiger, dessen Gro\u00dfeltern als ANC-Sympathisanten aus S\u00fcdafrika fliehen mussten. Reizvoll wird das Buch vor allem durch den zeithistorischen Hintergrund: Epochenbruch und Alltagswandel in Ostberlin vor und nach 1989 werden beschrieben. Die Seite-3-Reportagen-Sprache einer Tageszeitung mag zwischen zwei Buchdeckeln manchen Leser erm\u00fcden; doch Simons Bild vom Wandel im Osten ist von beeindruckender Tiefensch\u00e4rfe.<\/p>\n<p>Letzteres vermag man vom gr\u00f6\u00dften Bucherfolg, den junge ostdeutsche Autoren bislang zu verbuchen haben, leider nicht zu sagen. Aber darin mag gerade das Erfolgsgeheimnis von<\/p>\n<p><em>Jana Hensel:<\/em> Zonenkinder, Rowohlt: Reinbek 2002, 175 S., ISBN 3-498-02972-X; 14,90 Euro<\/p>\n<p>liegen. Oft als \u00f6stliches Pendant zu Florian Illies &#8222;Generation Golf&#8220; apostrophiert, konstruiert Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, eine idealtypische Kindheit und Jugend der in den 1970er Jahren geborenen Ostdeutschen. Da ist viel von zahllosen nicht mehr existenten Ostprodukten die Rede, da wird umstandslos ein bisschen Lebensgef\u00fchl zusammengeschrieben, ein bisschen Erinnerung, ein bisschen Ost-West-Geschichten, ein bisschen Gegenwart, ein bisschen Deutung, aber ja nicht zuviel. Die Themenpalette ist reichhaltig, vom fr\u00fcheren Pioniergeburtstag bis zum heutigen Kennen lernen interessanter, aber &#8211; leider, leider &#8211; ignoranter Westm\u00e4nner in dunklen Bars. Alles wird angerissen, nichts ausgeleuchtet. Der zusammengemixte Erinnerungscocktail ist leicht komsumierbar, hinterl\u00e4sst aber einen schalen Nachgeschmack.<\/p>\n<p>Die literarische Form der Erinnerung ist wie so oft genauer und gr\u00fcndlicher, zu sehen an den neun Erz\u00e4hlungen von<\/p>\n<p><em>Gregor Sander:<\/em> Ich bin aber hier geboren. Erz\u00e4hlungen, Rowohlt: Reinbek 2002, 139 S., ISBN 3498-06361-8; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor, 1968 in Schwerin geboren und mit diesem schmalen B\u00e4ndchen deb\u00fctierend, sp\u00fcrt dem Alltag verschiedener Generationen und Milieus nach 1989 nach. Der Ton ist still und lakonisch, erz\u00e4hlt werden normale und trotzdem besondere Geschichten im zeitlosen Raum, in dem eine ganze Epoche nachhallt und neue Kl\u00e4nge noch nicht zu vernehmen sind. In der letzten Erz\u00e4hlung trifft ein Mann nach zehn Jahren eine alte Freundin wieder. Ihre Wege waren auseinandergedriftet, als beide in der DDR nicht studieren durften, sie ging und er trotzdem blieb &#8211; und auch nach 1989 nicht neu anfing: &#8222;Ich war in der Spur, und auch wenn die, die diese Spuren festgelegt hatten, nach und nach verschwanden, kam ich da nicht mehr raus.&#8220;<\/p>\n<p>Der gelungenste Versuch, die ostdeutsche Erfahrung einer j\u00fcngeren Generation zu beschreiben, findet sich im Erstling eines 1969 geborenen, in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden Autors:<\/p>\n<p><em>Andr\u00e9 Kubiczek:<\/em> Junge Talente. Roman, Rowohlt Berlin: Berlin 2002, 223 S., ISBN 3-87134446-X; 16,90 Euro<\/p>\n<p>Die Resonanz auf das Buch leidet bisher unter seinem missgl\u00fcckten Titel: Es ist tats\u00e4chlich ein &#8222;wundervoller kleiner Antibildungsroman&#8220; (Die Zeit), ohne das spasskulturelle Zwangslachen der grassierenden Leseb\u00fchnen-DDR-Erinnerungsliteratur \u00e1 la &#8222;Mein erstes T-Shirt&#8220;, die mit Literatur eigentlich nicht viel zu tun hat. Trotzdem muss man bei der Lekt\u00fcre oft lachen: Der Hauptheld Less hat seine Kindheit in einer Kleinstadt im Harz verbracht, \u00e4ndert eines Tages sein Outfit und beschlie\u00dft, 16- oder 17j\u00e4hrig Ende der 1980er Jahre, in die legendenumwobene Hauptstadt der DDR zu gehen. Wer wissen m\u00f6chte, wie es im Ost-Berlin in den letzten Jahren der DDR aussah oder es sich in einer kleinen Provinzstadt lebte, der m\u00f6ge dieses Buch lesen. Die Atmosph\u00e4re aus Stickigkeit, Ausweglosigkeit, Gl\u00fcckseligkeit und gleichg\u00fcltiger Nischenfreiheit ist bislang nirgendwo so dicht beschrieben worden: &#8222;Wenn die allgemeine Vergeblichkeit gro\u00df ist, h\u00e4lt sich die pers\u00f6nliche Verzweiflung in Grenzen&#8220;, so eine der Freundinnen von Less \u00fcber die Stimmung vor der gro\u00dfen Epochenschwelle, die man erahnt, vor der aber das Buch gl\u00fccklicherweise endet. Auch in komischen Episoden scheint bei Kubiczek immer der DDR-typische Lebensernst hindurch, so wenn der Punkerfreund pl\u00f6tzlich die Einberufung zur NVA erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der Osten ist anders. In Kubiczeks Erstling wird jedem klar, warum das auch nach dreizehn Jahren Einheit so ist. Und das ist auch gut so: Die \u00f6stliche Erfahrung, derart aufbereitet, wird zu einer Frischzellenkur f\u00fcr die h\u00e4ufig beklagte bundesdeutsche Geschichtslosigkeit.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[4617],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20586","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-thymian-bussemer-alexander-cammann-ulrike-sophia-trommer","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Strukturwandel der \u00d6stlichkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-strukturwandel-der-oestlichkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Strukturwandel der \u00d6stlichkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Rund 6.000 B\u00fccher sind seit 1989 zum deutschen Einigungsprozess erschienen, mehr als 38.000 Nachweise finden sich in der Literaturdatenbank www.wiedervereinigung.de zu diesem Thema. 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