{"id":20587,"date":"2026-07-08T15:28:36","date_gmt":"2026-07-08T13:28:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20587"},"modified":"2026-07-08T15:28:36","modified_gmt":"2026-07-08T13:28:36","slug":"der-ennui-im-neobiedermeier","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-ennui-im-neobiedermeier\/","title":{"rendered":"Der Ennui im Neobiedermeier"},"content":{"rendered":"<p>Keine Ausfl\u00fcchte: Die Zeiten sind weder hart noch modern, sie sind \u00f6de. Der Mehltau des Neobiedermeier hat sich auf Kultur und Gesellschaft gelegt. Ennui, also die ver\u00e4rgerte und gleichzeitig gelangweilte Form des Zuwartens in \u00f6ffentlichen Angelegenheiten, ist die politisch korrekte Haltung.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft privatisiert. Die Abstinenz von der Politik, von den Wahlen, ist Kommentar \u00fcber das, was zur Wahl steht. Keine gro\u00dfen Richtungsentscheidungen, die sind abgearbeitet. Stattdessen: viele austauschbare Gesichter, die sich die Politik zum Beruf erkoren haben und es kaum noch f\u00fcr n\u00f6tig befinden, ihre neuerdings durch Politainment amplifizierte Mittelm\u00e4\u00dfigkeit schamvoll zu bem\u00e4nteln. Doch halt: ist es nicht gerade die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit des politischen Personals, die vor den gro\u00dfen Entw\u00fcrfen sch\u00fctzt und der Bundesrepublik jenes Ma\u00df an Stabilit\u00e4t verleiht, die dem Wunsch, Berlin solle nicht Weimar sein, eindrucksvoll unterstreicht? Richtig ist ja, dass die Unterscheidbarkeit programmatischer Profile auf das zusammengeschrumpft ist, was sich selbst gern als Pers\u00f6nlichkeit geriert. Die hohe Weihe der Politik, dass ist der t\u00e4gliche Reigen austauschbarer Statements, in der Politik auf der Ebene von Gesetzgebungsdetails abgehandelt wird. Keine Experimente, keine Grundsatzentscheidungen mehr, nur noch das Feinjustieren der Gesetzgebungsmaschinerie, verbunden mit der obligatorischen R\u00fcpelhaftigkeit im Umgang mit dem politischen Gegner. Die Gesellschaft indes, sie langweilt sich.<\/p>\n<p>Es ist eine Art von Langeweile, die sehr wohl Geburtshelfer sein kann f\u00fcr den Wunsch nach Eindeutigkeit, nach kristalliner H\u00e4rte, nach einem Dezisionismus besonderer Art. Lebe rein und gef\u00e4hrlich, so k\u00f6nnte es alsbald hei\u00dfen. &#8222;Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, f\u00fchlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungew\u00f6hnlichen, nach der Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch.&#8220; So Ernst J\u00fcnger, sein Verlangen nach Stahlgewittern erkl\u00e4rend. Was bleibt dann erst den Nachgeborenen noch zu tun, wenn das Ende der Geschichte zur philosophischen Gewissheit geronnen zu sein scheint? Wenn der geschichtsphilosophische Parusievollzug gemeldet ist und damit bedeutet wird, dass sich das Engagement nicht mehr lohne, weil doch Politik nun nichts anderes mehr sein k\u00f6nne als die Herrschaft der Experten? Wenn nur noch die M\u00fchen der Ebene bew\u00e4ltigt werden m\u00fcssen, treffen sich Marx und Fukuyama bei der Verwaltung der Sachen. Den \u00fcbrigen ist anempfohlen: Man suche sich seine Nische, vom fr\u00f6hlichen Organisieren des Nachbarschaftsfests bis zur meditativen Versenkung in immer neue esoterische Str\u00f6mungen der Wissenden, Verschwiegenen und Eingeweihten.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"die-akteure-auf-der-buehne\"><br \/>\nDie Akteure auf der B\u00fchne<\/span><\/h3>\n<p>Dies ist die Stunde politischer Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, der Geist des &#8222;es geht&#8220;. Profil wird nicht ben\u00f6tigt; die Stra\u00dfen sind gut geteert, kein Eis, kein Aquaplaning, das die ruhige Fahrt im hurtigen Cabrio des gesellschaftlichen Fortschritts gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Die Richtung ist klar: vorw\u00e4rts, immer weiter so hin zu mehr Gerechtigkeit, zu mehr Freiheit, zu mehr Gl\u00fcck, und das innovativ und mit ruhiger Hand. Mit im Cabrio sitzen die W\u00e4chter der symbolischen Formen, die Gralsh\u00fcter dessen, was als \u00f6ffentliche Meinung gelten darf. Politik, so die Forderung, habe sich im \u00f6ffentlichen Raum an die Begrenzungen des Diskurses zu halten. Und sie tut es, denn solange das Unaussprechbare dem, was unter Regieren verstanden wird, nicht im Weg steht, solange sie sich \u00f6ffentlich und symbolisch den Gesten unterwirft, auf die die Meinungsf\u00fchrerschaft ein Anrecht zu haben glaubt, solange kann sie ungeniert jener T\u00e4tigkeit nachgehen, die sich allzu oft in ihrer eigenen Wichtigkeit ersch\u00f6pft. Die Rituale der<em> political correctness<\/em> bekommen ihren schalen Beigeschmack weniger durch ihren Anspruch auf dogmatische Verbindlichkeit. Sie tragen zur Abkehr von Politik vielmehr dort bei, wo grundlegende Probleme nicht gel\u00f6st, sondern deshalb ritualisiert beschwiegen werden, weil schon f\u00fcr das Ansprechen des Problems kein akzeptierter Sprachcode zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Einmal in den Gleisen der <em>political correctness<\/em> eingefahren wird die mediale Pr\u00e4senz der Politik auch dort wichtig, wo schlechterdings kein Fachbeitrag zu erwarten w\u00e4re. Kaum ein Event, von einem Symposium \u00fcber moderne Architektur \u00fcber eine Konferenz zu Problemen der Hirnforschung bis hin zu einem Festakt zu Ehren eines afrikanischen Schriftstellers, der nicht mit einem Gru\u00dfwort, einer Rede eines gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten veredelt w\u00fcrde. In der Haltung, zu allem etwas zu sagen zu haben, schwingt dabei nur allzu oft die \u00dcberforderung mit, es auch redlich zu tun. Da bereitet mitunter schon das Ablesen der vorgefertigten Texte Schwierigkeiten, denn dem Vortragen ist das Verstehen vorgeschaltet. Dort, wo letzteres defizient ist, kann ersteres nicht gelingen. Dem Verstehen geht die Besch\u00e4ftigung mit der Materie, ihre geistige Durchdringung, voraus. Doch wer wollte in einer neuerungss\u00fcchtigen, medial vermittelten Welt noch die Zeit haben, sich mit der Materie zu besch\u00e4ftigen, gar einen eigenen Gedanken zu fassen? Die begriffliche Leere zeigt sich in den austauschbaren Phrasen. Das Design bestimmt das Bewusstsein, die mediale Pr\u00e4senz wird zum Selbstzweck.<\/p>\n<p>Sinnf\u00e4llig wird dies bei den \u00f6ffentlichen Inszenierungen des Parteienwettbewerbes in Wahlzeiten. &#8222;Berlin bewegen&#8220; steht nur noch f\u00fcr ein geistiges Vakuum, dass durch alles oder nichts gef\u00fcllt zu werden vermag. &#8222;Zeit f\u00fcr Taten&#8220; steht f\u00fcr einen Dynamismus, dem die Substanz gleichg\u00fcltig ist. Die Metaphern der Bewegung jedenfalls unterstreichen nur umso deutlicher, dass es l\u00e4ngst nicht mehr um Inhalte geht. \u00dcberdehnt, \u00fcberstreckt, in alle Lebensbereiche ausgreifend, Allzust\u00e4ndigkeit und Kompetenz beanspruchend, ist die Tiefe verloren gegangen. Der Mangel an Begrenzung und Tiefe wird durch die Vort\u00e4uschung von Geschwindigkeit und die Ideologie der Machbarkeit zu kaschieren gesucht.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"warten-auf-godot\"><br \/>\nWarten auf Godot<\/span><\/h3>\n<p>Die Menschen &#8211; mit einem feinen intuitiven Sensorium daf\u00fcr ausgestattet, das Aufgesetzte von dem Authentischen zu unterscheiden &#8211; entziehen sich solcher Vereinnahmung durch das, was gemeinhin als Politikverdrossenheit \u00f6ffentlich beklagt wird. Weit davon entfernt, Indikator f\u00fcr kollektives Wohlbefinden zu sein, bleibt die Wahlabstinenz ein probates Mittel, das Unausgesprochene zu sagen: Das n\u00e4mlich zu einer Wahl Alternativen geh\u00f6ren, nicht blo\u00df ein Reigen von Gesichtern, die noch nicht einmal K\u00f6pfe sind. W\u00e4re es da nicht sinnvoller, das politische F\u00fchrungspersonal gleich per Los zu bestimmen? W\u00e4re die Republik damit schlechter regiert als sie es in den Augen Vieler ohnehin schon ist? Richtig bleibt das Vertrauen, das der Verfassungsgeber in den politischen Prozess gesetzt hat. Fatal wird das Vertrauen dann, wenn es nicht mit Inhalten unterlegt wird. Aus dem Widerstreit politischer Grundentscheidungen wird eine Konkurrenz substanzloser politischer Machtanspr\u00fcche. Das ist der Geist des &#8222;ich will&#8220;.<\/p>\n<p>Spiegelbildlich entspricht der Politik als blo\u00dfem Wollen die Verfl\u00fcchtigung von Zurechenbarkeit. R\u00fccksicht auf den Koalitionspartner nehmen hei\u00dft: das als richtig Erkannte wird im Konsens aufgehoben. Globalisierung gilt als Entschuldigung f\u00fcr Nichtstun. Regieren im europ\u00e4ischen Mehrebenensystem ist die sozialwissenschaftliche Umschreibung f\u00fcr organisierte Unverantwortlichkeit. Kooperativer F\u00f6deralismus hei\u00dft: die Zurechenbarkeit verbirgt sich zwischen den einzelnen Ebenen. Die Verweisung auf Andere erledigt die Zust\u00e4ndigkeit. Der Rhetorik von Gestaltungswille und Allzust\u00e4ndigkeit steht seltsam blass die Nichtzust\u00e4ndigkeit dort gegen\u00fcber, wo es darauf ank\u00e4me.<\/p>\n<p>Dort, wo die Rhetorik des Dienens durchscheint und wider besseren Wissens insinuiert, es gehe in der Politik nicht um Amt oder Mandat an sich, m\u00f6gen noch die \u00e4lteren Vorstellungen staatlichen Handelns mitschwingen. Aber schon in der Umgestaltung der Verwaltung, in der Dienst zur Dienstleistung umdefiniert wird, zeigt sich der neue Kern der Politik. Das, was einmal die W\u00fcrde staatlichen Handelns ausmachte: n\u00e4mlich die vorbehaltlose R\u00fcckbindung an die Idee des Gemeinwohls, wird nun zu einer Serviceleistung, ununterscheidbar von allen anderen, die auf dem Markt k\u00e4uflich zu erwerben sind. Die Folge ist, dass in Politik und Verwaltung immer h\u00e4ufiger gerade diese Differenz einer allgemeinen K\u00e4uflichkeit zum Opfer f\u00e4llt. Die internationalen Korruptionsindices widerlegen schmerzlich den deutschen Mythos von einer besonderen Verbindung von Staat und Sittlichkeit.<\/p>\n<p>War da nicht einmal die Rede von der geistig-moralischen Wende, die gleichsam versprach, die Meinungsf\u00fchrerschaft wieder im Bereich des Politischen anzusiedeln? Mittlerweile ist klar: es war weder geistig, noch moralisch, noch eine Wende. Es war der Auftakt zu jener Form von Restauration, die sich selbst die \u00e4rgsten Kritiker der fr\u00fchen Bundesrepublik nicht vorzustellen vermochten: einer Restauration des Biedermeier, nicht im Zeichen des Nierentischs, sondern im Zeichen der buntscheckigen Privatisierung des \u00d6ffentlichen. H\u00f6hlentrecking und Bungee-Jumping werden zu kollektiven Chiffren f\u00fcr eine unterhaltungss\u00fcchtige Generation. Getreu dem Motto, die Menschen dort abzuholen, wo sie zu finden sind, entbl\u00f6det sich die Politik nicht, Teil des kollektiven Freizeitparks zu werden, in dem sie die Spitze der gesellschaftlichen Avantgarde vermutet.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"politik-verfremdet\"><br \/>\nPolitik, verfremdet<\/span><\/h3>\n<p>Politik wird Politainment: Keine Talkshow, keine soap opera, die nicht durch die Anwesenheit der politischen Klasse signalisiert, dass die Grenze zwischen Gemeinwohl und Gemeinplatz nur noch eine figurative ist. Selbst die Veranstaltung, die in zynischer Umkehrung von Begrifflichkeit die negative Utopie Orwells in ein \u00f6ffentlich bestauntes Seminar in Gruppenpsychologie verkehrte, schien als Spielwiese politischer Eitelkeiten durchaus geeignet. Was dem Fernsehen die Quote, ist dem Politiker das Politbarometer; f\u00e4llt die Zustimmung einmal mangels \u00fcberzeugend unterhaltsamer Performance nach unten, wird Feinabstimmung vorgenommen. Dann kommt die Stunde der Medienberater, der spin doctors, deren ceterum censeo nur das Eine ist: Das es n\u00e4mlich auf die Verpackung ankomme. Und da Verpackungen genormt, beinahe austauschbar sind, werden auch noch die letzten Widerst\u00e4ndigkeiten beseitigt. Der daraus entstehende Typus des Politikers gleicht sich bis in die Farbe der Krawatte; Differenzen werden als angebliche Profile nur noch inszeniert. Neu ist, das Abgekarterte der Sache unverbl\u00fcmt einzugestehen. Die Inszenierung f\u00fcr das Volk ist durchaus gewollt, die Erregung nur gespielt. Seltsam verhalten ist nur der Szenenapplaus.<\/p>\n<p>Der Kampf um die Quote geht l\u00e4ngst nicht um eine daraus abzuleitende Gestaltungsmehrheit. Diese Koppelung medialer Pr\u00e4senz mit politischem Programm und dem Willen, dieses auch umzusetzen, w\u00e4re ein seltener Gl\u00fccksfall. Der Kampf um die Quote, um die Pr\u00e4senz, die Aufmerksamkeit, hat seine Wurzel fast immer dort, wo sich Politik am empfindlichsten glaubt: in der Vermutung, dass es dem Beruf der Politik der beruflichen Anschlussf\u00e4higkeit ermangelt. Die Quintessenz politischen Engagements ist das Ankommen und Dranbleiben.<\/p>\n<p>Deutlicher kann ja die kognitive Dissonanz zwischen Verlautbarung und Lebenswelt nicht sein. Der Globalisierung steht der Parteiarbeiter entgegen, der in der Immobilit\u00e4t die Voraussetzung f\u00fcr eine politische Karriere sieht. Den richtigen &#8222;Stallgeruch&#8220; zu haben, also sich \u00fcber Jahre in Versammlungen, Treffen, Parteitagen, Sitzungen und Wahlk\u00e4mpfen bew\u00e4hrt zu haben, ist heute die vornehmste Voraussetzung f\u00fcr eine politische Karriere. Die Richtung der politischen Bew\u00e4hrung ist vertikal, nie horizontal. Der Seiteneinsteiger ist suspekt, weil er die allgemeine Regel der innerparteilichen Eliterekrutierung au\u00dfer Kraft setzt. Die Netzwerke des autistischen Selbsthilfesystems von Parteipolitik genie\u00dfen gegen\u00fcber der gegenseitigen Durchl\u00e4ssigkeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung Priorit\u00e4t. Mobilit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t, also die M\u00f6glichkeiten der Entfaltung au\u00dferhalb eines engen und \u00f6rtlich gebundenen Rahmens, werden umstandslos zu Qualifikationen nachrangiger Art erkl\u00e4rt. Die daraus resultierende Perspektive auf die Globalisierung ist in sich schief. Sie anempfiehlt, bildungs- und arbeitsmarktpolitisch korrekt, sich auf die Globalisierung mittels einer profilierten Biographie einzustellen. Studium oder Berufst\u00e4tigkeit im Ausland werden f\u00fcr die Karriere am Arbeitsmarkt als unabdingbar pr\u00e4sentiert, aber nicht f\u00fcr eine Karriere in der Politik: da sind solche exzentrischen Entw\u00fcrfe hinderlich. Das Auseinanderfallen von wirtschaftlichen und politischen Eliten bringt internationale Orientierung auf der einen, politische Provinz auf der anderen Seite hervor. Die einen sind die Motoren der Globalisierung, die anderen gestalten vor Ort. S\u00e4uberlich voneinander geschieden ber\u00fchren sich beide Lebenswelten allenfalls auf gesellschaftlichen Empf\u00e4ngen. Da die Lebenswelten unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten, bleiben Missverst\u00e4ndnisse nicht aus: Misstrauisch wird von der einen Seite das frei flottierende und heimatlose Managertum be\u00e4ugt, das nur Rendite, nie aber das Gemeinwohl im Blick habe. Von der anderen Seite sieht man das Personal der Politik als folkloristisch angehauchte Sachbearbeiter, die mittels politischer Landschaftspflege als n\u00fctzliches Alibi f\u00fcr die eigenen Interessen gewonnen werden k\u00f6nnen. Politik folgt vorgeblichen Sachzw\u00e4ngen aus einer Welt, die nicht die ihre ist.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"ruhe-auf-den-raengen\"><br \/>\nRuhe auf den R\u00e4ngen<\/span><\/h3>\n<p>Politikerschelte also? Liegt das Unbehagen in der politischen Kultur darin begr\u00fcndet, dass sich der f\u00fcr eine stabile Demokratie unabdingbare Vertrauensvorschuss in die Gew\u00e4hlten schon vor dem Wahlakt verfl\u00fcchtigt hat? Wenn die wohlfeilen Versprechen unmittelbar nach dem Wahlakt in die Asservatenkammer verzeihlicher politischer \u00dcberspitzungen gelegt werden? Wenn, um es zu konkretisieren, eine Partei, die aus der Gewaltfreiheit einen nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil ihres Appeals gezogen hat, durch ihren Au\u00dfenminister dann den ersten Krieg zu verantworten hat, den Deutschland nach 1945 gef\u00fchrt hat &#8211; und, wie einige meinen, auch noch in deutscher Tradition, n\u00e4mlich contra legem? Wenn, aktueller, unmittelbar nach der Wahl die Haushaltswahrheit und die daraus sich ergebenden Konsequenzen dem B\u00fcrger als Rechnung pr\u00e4sentiert wird? Vor Tische las man es anders. Nun steht der Verdacht im Raum: Dem Wahlvolk war weder die Nachricht vom Ernst der Lage noch der verschiedenen Strategien, der Lage Herr zu werden, zugemutet worden. Am Wahltag war also \u00fcber Inszenierungen der Realit\u00e4t abgestimmt worden &#8211; keineswegs ein neues Ph\u00e4nomen, aber doch in der Geschwindigkeit, mit der die Masken dann abgelegt wurden, einigerma\u00dfen rekordverd\u00e4chtig. Wer wollte sich angesichts solcher nun keineswegs einmaliger Kehrtwendungen nicht abwenden und in der Hoffnung darauf, dass ansonsten das politische System mit seinen ausgekl\u00fcgelten checks and balances gr\u00f6\u00dferen Schaden schon vermeiden m\u00f6ge, diejenigen ihr Gesch\u00e4ft besorgen lassen, die sich selbst daf\u00fcr berufen und auserw\u00e4hlt halten? Aber selbst dort, wo die politischen Kehrtwenden noch verzeihlich w\u00e4ren, sorgt die unappetitliche Mischung von Politik und Barem daf\u00fcr, dass es immer schwieriger wird, angesichts der Beschw\u00f6rung, Politik habe doch das Gemeinwohl im Auge, nicht in schallendes Gel\u00e4chter auszubrechen. Politik ger\u00e4t in den Generalverdacht allgemeiner Unanst\u00e4ndigkeit. Austauschbar ist der Typus des Politikers wie der Typus des Skandals. Austauschbar ist auch der politische Reflex auf den Skandal der Anderen.<\/p>\n<p>Der Ennui speist sich aus dem Wissen darum, dass sich an diesen Strukturen nichts \u00e4ndern l\u00e4sst und aus der Vermutung, dass durch die vielfach miteinander verwobenen Politikebenen mehr als ein politischer Inkrementalismus ohnehin nicht zu erwarten ist. Die Sommerfrische bietet da jedenfalls mehr Abwechselung. Da hilft auch kein Wettern gegen die Spassgesellschaft, denn sie ist der Waffenstillstand, den der B\u00fcrger mit der Politik geschlossen hat. Wo k\u00e4me denn Politik auch hin, wenn sich die B\u00fcrger, die Beschw\u00f6rungen ihrer politischen Repr\u00e4sentanten ernst nehmend, zivilgesellschaftlich organisierten und das Geflecht von gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeiten in Parteien und Politik in Frage stellten? Hier ist kaum Gefahr zu erwarten, denn das Publikum in der Zuschauerdemokratie vermittelt allzu h\u00e4ufig den Eindruck, es komme ihm weniger auf die Qualit\u00e4t des St\u00fccks als die Bequemlichkeit der Bestuhlung an.<\/p>\n<p>Nur dann, wenn die eigenen Interessen betroffen sind, wird Betroffenheit organisiert. Je spezifischer das Interesse, desto erfolgreicher die Aussicht auf Revision. Je allgemeiner, abstrakter das Interesse, desto st\u00e4rker die Neigung, es zugunsten von konkreten Interessen zur\u00fcckzustellen. Im Netzwerk der konkreten Interessen spielt Politik die Rolle eines Erwartungserf\u00fcllungsgehilfen. Die labile Kumpanei von konkreten Interessen und Politik l\u00e4sst diejenigen hinten runterfallen, die zur B\u00fcndelung ihrer Anliegen nicht in der Lage sind. Deshalb ist der Unterschied zwischen der Privatisierung und der Vergesellschaftung von Marktversagen eine Frage der Gr\u00f6\u00dfenordnung. Der zwanglose Zwang der st\u00e4rkeren Interessengruppe bestimmt die Gesetzgebungsverfahren. Ein allgemeines Interesse ist in der Polyphonie konkreter Interessen nicht mehr durchsetzungsf\u00e4hig. Das &#8222;Gemeinwohl&#8220; wird in der Praxis ohne Umst\u00e4nde verabschiedet, weil es nur in seiner theoretischen Unbestimmtheit konsensf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Ennui ist der Verdruss der Politikm\u00fcden, die Abstand wahren um den Anstand wahren zu k\u00f6nnen. Es ist die Aktualisierung einer Denktradition, die &#8222;denen da oben&#8220; so ziemlich alles zutraut, nur nicht das, wof\u00fcr sie gew\u00e4hlt worden sind. Und es ist die achselzuckende Kenntnisnahme von Politik unter der Bedingung, es m\u00f6ge die eigenen Kreise nicht st\u00f6ren.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"endspiele\"><br \/>\nEndspiele<\/span><\/h3>\n<p>Beide Haltungen verraten indes eine tiefe Kluft, die auf Dauer dann gef\u00e4hrlich werden kann, wenn sich der Ennui einmal an sich selbst ersch\u00f6pft hat; die daraus entstehenden Verwerfungen einzufangen k\u00f6nnte die Politik \u00fcberfordern. Die Haltung des Protests, des gezielten Tabubruchs, die vom politischen Rand in die Mitte durchsickert, ist auch eine Absage an die attentistische Grundhaltung, die den Ennui auszeichnet. Die Haltung des Protests trifft die Gesellschaft an der empfindlichsten Stelle: dort n\u00e4mlich, wo man seinen Frieden mit den g\u00e4ngigen Sprachcodes gemacht und es sich gem\u00fctlich eingerichtet hat. Der Protest richtet sich gegen den gesamtgesellschaftlichen Absentismus und Quietismus, gegen das Privatisieren, gegen die Kumpanei von Geltungs- und Meinungseliten, gegen die Totenstille des allgegenw\u00e4rtigen Konsenses. Bestenfalls ist neuer M\u00e4nnerstolz gefragt, der Mut, sich seines eigenen R\u00fcckgrates zu bedienen. Doch dem politischen Extremismus ist es damit nicht genug. Gesucht wird die Konfrontation, der Akt k\u00f6rperlicher Gewalt, der das Wort widerlegt und damit den Glauben an die pazifizierende Wirkung des Wortes. Die Aktion, der Kampf werden zu Chiffren des Widerstands gegen eine ges\u00e4ttigte Gesellschaft, der der Sinn f\u00fcr die res publica verloren gegangen zu sein scheint.<\/p>\n<p>Auch das letzte Biedermeier ist durch solcherart Manifestationen politischer Gewalt immer wieder aus seiner Beh\u00e4bigkeit aufgeschreckt worden. So entsprang das Erschrecken angesichts des Anschlags auf das World Trade Center der berechtigten Einsicht, dass die Gartenlaube kein Hort von Sicherheit und Beschaulichkeit darstellt. Dass die Globalisierung Risiken mit sich bringt, diese Einsicht ist l\u00e4ngst zum Allgemeingut gereift. Doch die Konsequenzen dieser Einsicht eben nicht: mit der Zunahme an komplexen Systemen w\u00e4chst nicht nur die St\u00f6ranf\u00e4lligkeit, sondern auch die M\u00f6glichkeit, durch einen Angriff auf komplexe Systeme eine horizontale Schadenseskalation zu betreiben. So werden wir Opfer unseres Erfolges: Eine hoch zivilisierte Gesellschaft kann wegen der Komplexit\u00e4t ihrer Struktur mit mittelalterlichen Methoden in Geiselhaft genommen werden. Aber wenn schon im eigenen Land die Auspr\u00e4gung von Parallelgesellschaften mit laizistischer Nonchalance zur Kenntnis genommen wird, wie viel mehr Anstrengung bed\u00fcrfte dann die Weckung des Bewusstseins f\u00fcr die existenzielle Bedeutung kultureller Konfliktlinien; gerade dann, wenn die Destruktivit\u00e4t des Anderen, die sich selbst mit einzuschlie\u00dfen vermag, als Affirmation religi\u00f6s-kultureller Identit\u00e4tsstiftung verstanden wird. Solche, die innerweltliche Rationalit\u00e4t transzendierenden Handlungsmuster sind dem Westen fremd geworden, und deshalb tut er sich schwer, in einer Kultur des Individualismus und des Hedonismus darauf probate Antworten zu finden. Der individualistische Horizont beschr\u00e4nkt sich darauf, kulturelle Vergemeinschaftungen als r\u00fcckst\u00e4ndig zu deklarieren und im \u00fcbrigen zu hoffen, dass die kulturellen Konfliktlinien nicht seinen eigenen Lebensentwurf sprengen. Und ebenso tut er sich schwer, im Namen eigener Identit\u00e4t der Abkoppelung des Anderen in der eigenen Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Man rechne heute, wie Gottfried Benn einmal beklagte, mehr mit den eigenen Parolen als den eigenen Best\u00e4nden. Dort, wo die Nation als Bev\u00f6lkerung missverstanden und der Multikulturalismus zur Leitkultur erkl\u00e4rt wird, kann das normative Band einer Gesellschaft nur noch schwach, n\u00e4mlich im Haben, begr\u00fcndet werden. Sicherlich, von einer geistigen Mobilmachung sind wir weit entfernt, auch wenn uns eingeredet werden soll, die Vorwarnzeiten lie\u00dfen nur noch einen Pr\u00e4ventivschlag zu. Aber schon die Vergewisserung der eigenen Identit\u00e4t w\u00e4re eine lohnende Anstrengung, die den Ennui untergraben und dem Neobiedermeier seine Grenzen aufzeigen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[1781],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20587","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-matthias-zimmer","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Ennui im Neobiedermeier - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-ennui-im-neobiedermeier\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Ennui im Neobiedermeier - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Keine Ausfl\u00fcchte: Die Zeiten sind weder hart noch modern, sie sind \u00f6de. 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