{"id":20596,"date":"2026-07-09T12:49:48","date_gmt":"2026-07-09T10:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20596"},"modified":"2026-07-09T12:50:53","modified_gmt":"2026-07-09T10:50:53","slug":"ein-sammelband-zur-todesstrafe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ein-sammelband-zur-todesstrafe\/","title":{"rendered":"Ein Sammelband zur Todesstrafe"},"content":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz 2002 wurde Halle Berry als erste afroamerikanische Schauspielerin mit dem begehrten Oscar ausgezeichnet. Kernthema des Films <em>Monsters&#8216; Ball,<\/em> in dem sie die Hauptrolle spielte, ist die Todesstrafe und ihre Wirkung im Leben verschiedener Menschen. Das US-Kino der letzten Jahre hat die Todesstrafe als Thema f\u00fcr sich entdeckt &#8211; <em>Dead Man Walking<\/em> (1995), <em>The Green Mile<\/em> (1999) oder <em>True Crime<\/em> (1999) sind nur drei von vielen Filmen, die sich um das staatliche T\u00f6ten drehen. Doch nicht nur in der Popul\u00e4rkultur, sondern auch in Wissenschaft und Politik ist capital punishment wieder im Gespr\u00e4ch (vgl. Opitz 2002). Rassistische Diskriminierung, unmotivierte Pflichtverteidiger, Fehlurteile und DNA-Tests stehen im Zentrum der Diskussionen. Wissenschaftliche Langzeitstudien wie die des Rechtswissenschaftlers James Liebman oder investigatives Engagement wie das des Journalismus-Professors David Protess und seiner Studierenden kritisieren prim\u00e4r nicht die Unmenschlichkeit der Todesstrafe, sondern die Fehlbarkeit des Systems (Liebman u.a. 2000; Protess\/Warden 1998). Das hat Wirkung gezeigt: In Illinois und Maryland haben die Gouverneure zun\u00e4chst Moratorien verh\u00e4ngt, im Juni 2002 hat der Supreme Court eingegriffen und<br \/>\ndie Todesstrafe gegen geistig Behinderte wie auch deren Festlegung durch einen Richter (und nicht durch eine Jury) als verfassungswidrig erkl\u00e4rt. Zahlreiche Urteile bed\u00fcrfen nun der Revision. Im Januar 2003 schlie\u00dflich hat der scheidende Gouverneur von Illinois, George Ryan, auf einen Schlag die Todesurteile von 164 Menschen in Haftstrafen umgewandelt, nachdem er zuvor schon vier M\u00e4nner begnadigt hatte. Ryan, urspr\u00fcnglich ein Bef\u00fcrworter der Todesstrafe, erkl\u00e4rte: &#8222;The Illinois capital punishment system is broken. It has taken innocent men to a hair&#8217;s breadth escape from their unjust execution.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn in westlichen Gefilden die Todesstrafe kritisch diskutiert wird, so richtet sich diese Kritik zumeist gegen die USA. Auch in dem vorliegenden Band &#8222;zur Aktualit\u00e4t der Todesstrafe&#8220; spielen die Vereinigten Staaten eine zentrale Rolle:<\/p>\n<p><em>Christian Boulanger\/Nera Heyes\/Philip Hanfling (Hg.)<\/em>: Zur Aktualit\u00e4t der Todesstrafe. Interdisziplin\u00e4re und globale Perspektiven, zweite, bearb. u. erw. Aufl., Berlin Verlag Arno Spitz: Berlin 2002, 482 S., 3-8305-0277-X; 35 Euro<\/p>\n<p>Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass die USA unter den L\u00e4ndern, mit denen sie das politische und kulturelle Erbe der Aufkl\u00e4rung teilen, in ihrer Haltung zur Todesstrafe mittlerweile alleine dastehen, wie der Kriminologe Roger Hood in seinem Beitrag herausstellt. Diese Ambivalenz wird auch dadurch deutlich, dass die US-amerikanische Verfassung seit 1791 in ihrem achten Zusatz &#8222;grausame und ungew\u00f6hnliche Strafen&#8220; untersagt, was aber schon in den Augen der Verfassungsv\u00e4ter nicht die Todesstrafe betraf. Insgesamt wenden sich f\u00fcnf von neunzehn Aufs\u00e4tzen in dem Sammelband den USA zu; auch in manchen weiter gefassten Artikeln nehmen sie eine zentrale Position ein.<\/p>\n<p>Das Buch beginnt jedoch mit einer allgemeinen rechtstheoretischen Verortung der Todesstrafe. Hierbei zeigen die Beitr\u00e4ge von Georg Lohmann und Klaus Rogall, dass sie keinen rationalen Strafzweck erf\u00fcllen kann. Dass die Todesstrafe weder abschreckend wirkt, noch das Rechtssystem stabilisiert, ist seit vielen Jahren immer wieder nachgewiesen worden. Sie ist vielmehr ein Ausdruck staatlicher Macht und ein Mittel symbolischer Politik.<\/p>\n<p>Die folgenden drei Aufs\u00e4tze \u00fcberpr\u00fcfen diese Argumente in der Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten. Karen Bagge von amnesty international liefert eine kritische Darstellung der Menschenrechtsverletzungen im US-amerikanischen Justizwesen, seit dort die Todesstrafe 1976 wieder als verfassungskonform zugelassen wurde. Carel Mohn zeigt dar\u00fcber hinaus, wie die Todesstrafe in der US-Gesellschaft zum politischen Spielball werden konnte und ma\u00dfgeblich \u00fcber Karrieren entscheidet, so z.B. von Staatsanw\u00e4lten oder Richtern, die in den meisten US-Bezirken und Staaten Wahl\u00e4mter bekleiden, oder von Pflichtverteidigern, die bisweilen finanziell von besagten Richtern abh\u00e4ngen. Als Instrument der Politik begegnet die Todesstrafe im sogenannten Kampf gegen die Kriminalit\u00e4t &#8222;soziopsychischen Bed\u00fcrfnissen&#8220; von Verbrechensopfern sowie kollektiven \u00c4ngsten. Mona Lynch vertieft diesen Aspekt, indem sie den vermeintlichen Kampf des Guten gegen das B\u00f6se mit der Waffe Todesstrafe anhand der Argumente ihrer F\u00fcrsprecher in den USA aufzeigt.<\/p>\n<p>Es ist eine der St\u00e4rken des vorliegenden Buches, dass es sich nicht nur auf die USA konzentriert. So bieten weitere Artikel \u00dcberblicke \u00fcber die Anwendung der Todesstrafe in der Volksrepublik China, die die meisten Hinrichtungen vollstrecken l\u00e4sst, und in Japan, das die einzige demokratische und kapitalistische Gesellschaft ist, die au\u00dfer den USA an der Todesstrafe festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Bevor der Band dann den Bogen zu abolitionistischen Gesellschaften schl\u00e4gt, werden zun\u00e4chst zwei spezifische Gruppen von Akteuren im Bereich von Justiz und Todesstrafe vorgestellt. Austin Sarat beschreibt die schwierige Arbeit von Anw\u00e4lten, die in den USA gegen die Todesstrafe k\u00e4mpfen. Torsten Lucas und Michael Huber weisen auf die vielf\u00e4ltigen Facetten medizinischer Beteiligung an der Todesstrafe hin, die von wissenschaftlicher Forschung \u00fcber Gutachtert\u00e4tigkeiten bis hin zur Teilhabe an Exekutionen reicht. Sieben weitere Artikel verfolgen dann die Geschichte der Abschaffung der Todesstrafe, die im weitesten Sinne im Kontext von Aufkl\u00e4rung und Modernisierung gelesen wird. Auch wenn Gro\u00dfbritannien diesen Schritt erst 1969 unternahm und in Frankreich sogar noch 1977 die letzte Hinrichtung vollzogen wurde, ist in Europa ein Trend zum Abolitionismus schon seit langem markierbar und offenkundig auch unumkehrbar. Dies wird nicht zuletzt dadurch best\u00e4tigt, dass die Ablehnung der Todesstrafe zu einem Eckpfeiler von europ\u00e4ischem Selbstverst\u00e4ndnis und der entsprechenden Politik geworden ist. Verschiedene Beitr\u00e4ge verdeutlichen, dass folglich die \u00d6ffnung Osteuropas hin zur EU in den 1990er Jahren notwendigerweise die Abschaffung der Todesstrafe in den dortigen Staaten mit sich brachte. Die internationalen Verpflichtungen bieten dabei einen Schutz gegen eventuelle revisionistische Tendenzen. Mit Blick auf S\u00fcdafrika zeigt Rob Turrell eindr\u00fccklich, wie die Abschaffung der Todesstrafe 1995 auch ein symbolischer Schritt weg von den fr\u00fcheren Menschenrechtsverletzungen des Apartheidregimes war. Schlie\u00dflich wird der Band durch zwei Artikel beschlossen, die die Todesstrafe noch einmal ausdr\u00fccklich in eine v\u00f6lkerrechtliche Betrachtung einbinden und das Gelesene aus globaler Perspektive b\u00fcndeln. Sie bilanzieren die verschiedenen Faktoren f\u00fcr das weltweite Anwachsen der abolitionistischen Bewegung, konstatieren aber auch die Beharrungskraft der Todesstrafe in vielen Gesellschaften.<\/p>\n<p>Kritisch sollte erw\u00e4hnt werden, dass aus &#8222;globaler Perspektive&#8220; einzig der Islam als religi\u00f6ser Faktor f\u00fcr den Erhalt der Todesstrafe erw\u00e4hnt wird, wobei in den USA doch gerade die in den letzten beiden Jahrzehnten wieder erstarkte christliche Rechte zu deren Verfestigung beigetragen hat. Auch h\u00e4tte die Wirkungskraft sowie die Vielfalt religi\u00f6ser Argumente in Hinblick auf die Todesstrafe grunds\u00e4tzlich mehr Beachtung finden k\u00f6nnen. Dass trotz der geografischen Breite des vorliegenden Bandes zahlreichen L\u00e4ndern und Regionen keine Ber\u00fccksichtigung zukommt, sollte weniger Anlass zur Kritik bieten, sondern vielmehr Herausforderung f\u00fcr eine Schlie\u00dfung derartiger L\u00fccken in diesem immer noch vernachl\u00e4ssigten Forschungsfeld sein. Insgesamt pr\u00e4sentiert das Buch eine gelungene Zusammenschau des bestehenden Wissensstandes und verschafft einem politisch informierten und interessierten Publikum einen soliden \u00dcberblick.<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p><em>Liebman, James u.a.<\/em> 2000: A Broken System. Error Rates in Capital Cases, 1973-1995, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/justice.policy.net\/jpreport\/,\" rel=\"nofollow noopener\">http:\/\/justice.policy.net\/jpreport\/,<\/a> 17. Januar 2003<\/p>\n<p><em>Opitz, G\u00f6tz-Dietrich 2002:<\/em> Der Terror und die Todesstrafe in den USA; in: vorg\u00e4nge 160 (Heft 4\/2002-Dezember), S. 98-105<\/p>\n<p>Protess, David\/Warden, Rob 1998: A Promise of Justice. The Eighteen-Year Fight to Save Four Innocent Men, New York<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[4620],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20596","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-juergen-martschukat","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Sammelband zur Todesstrafe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/ein-sammelband-zur-todesstrafe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Sammelband zur Todesstrafe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Im M\u00e4rz 2002 wurde Halle Berry als erste afroamerikanische Schauspielerin mit dem begehrten Oscar ausgezeichnet. 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