{"id":20649,"date":"2026-09-21T11:21:54","date_gmt":"2026-09-21T09:21:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20649"},"modified":"2026-09-21T11:21:54","modified_gmt":"2026-09-21T09:21:54","slug":"editorial-102","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-254\/publikation\/editorial-102\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ma\u00dfnahmen, die Unternehmen freiwillig einf\u00fchren, machen globale Liefer- und Wertsch\u00f6pfungsketten bisher nicht in ausreichendem Ma\u00dfe menschenrechtskonform und klimavertr\u00e4glich. Die Regulierung solcher Ketten ist nicht nur eine \u00f6konomische, sondern auch eine menschenrechtliche und \u00f6kologische Angelegenheit, f\u00fcr die Staaten Mitverantwortung tragen. Daher hat beispielsweise Deutschland vor f\u00fcnf Jahren das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verabschiedet. Ziel des Gesetzes ist es, Unternehmen dazu zu verpflichten, ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in Bezug auf Lieferketten zu erf\u00fcllen, ihnen Ma\u00dfnahmen daf\u00fcr an die Hand zu geben und Beschwerdem\u00f6glichkeiten und Rechtswege f\u00fcr weltweit Betroffene einzuf\u00fchren. Gleichwohl gibt es in weltweiten Lieferketten weiterhin Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung, die Behinderung gewerkschaftlicher Organisation und zahlreiche andere Verst\u00f6\u00dfe gegen wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Vielfach wurde etwa von zivilgesellschaftlicher Seite die Ineffektivit\u00e4t der deutschen Beschwerdestrukturen moniert.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Verbesserungen, die das LkSG dennoch gebracht hat, stehen allerdings inzwischen zur Disposition. So wird dem Gesetz insbesondere von konservativer Seite vorgeworfen, ein \u201eB\u00fcrokratiemonster\u201c zu sein, das deswegen abgeschafft geh\u00f6re \u2013 ganz so, als ob die Reduktion eines b\u00fcrokratischen Aufwandes schwerer wiege als die Menschenrechte von Arbeiter*innen (insbesondere aus dem Globalen S\u00fcden) und der Umweltschutz. Hinzu kommt, dass 2024 die Europ\u00e4ische Union (EU) zwar eine Richtlinie \u00fcber Sorgfaltspflichten von Unternehmen im Hinblick auf ihre Wertsch\u00f6pfungsketten verabschiedet hat: die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD). Noch bevor diese Richtlinie von den Mitgliedstaaten umgesetzt worden war, wurde sie Anfang 2026 jedoch im Zuge der \u201eOmnibus\u201c-Gesetzgebungsinitiativen deutlich abgeschw\u00e4cht, da die konservativen Europ\u00e4ischen Volksparteien (EVP) mit anderen rechtsgerichteten Parteien im Europ\u00e4ischen Parlament paktiert hatten \u2013 so viel zur Brandmauer.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">W\u00e4hrend also zahlreiche Menschenrechts- und Umweltprobleme in Lieferketten fortbestehen, stehen entsprechende gesetzliche Regelungen inzwischen wieder zur Debatte oder werden abgeschw\u00e4cht. In Anbetracht dessen widmet sich die vorliegende Ausgabe der <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i> dem Zustand der Menschenrechte in globalen Lieferketten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Heft beginnt mit einem einf\u00fchrenden Beitrag von <i>Hartmut Aden<\/i>, der die zentralen Entwicklungslinien und Streitthemen der zur\u00fcckliegenden Jahrzehnte beim Schutz der Menschenrechte in globalen Lieferketten nachzeichnet. <i>Stefanie Lorenzen<\/i> betrachtet die EU-Ebene und liefert eine kritische Bestandsaufnahme des \u00c4nderungsprozesses des angesprochenen Omnibus-I-Pakets. In seinem Beitrag zieht <i>Daniel Sch\u00f6nfelder<\/i> eine Zwischenbilanz zum LkSG und w\u00fcrdigt die Errungenschaften in Bezug auf Menschenrechts- und Umweltschutz, kritisiert aber auch fehlgeleitete Umsetzungsans\u00e4tze. <i>Petra D\u00fcnhaupt, Hansj\u00f6rg Herr<\/i> und <i>Zeynep Nettekoven<\/i> argumentieren, dass Verst\u00f6\u00dfe gegen Arbeits- und Umweltstandards nicht allein auf individuelles Fehlverhalten zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern in den strukturellen Bedingungen globaler Wertsch\u00f6pfungsketten wurzeln, was sie anhand von Fallbeispielen plausibilisieren. Nachhaltige Verbesserungen, so die Autor*innen, erfordern daher neben Due-Diligence-Gesetzen Ver\u00e4nderungen der \u00f6konomischen und institutionellen Rahmenbedingungen globaler Wertsch\u00f6pfungsketten. <i>Maximilian Pichl<\/i> analysiert die Gesetzgebung zu Menschenrechten in Lieferketten als K\u00e4mpfe um das Recht im Kontext konfligierender Interessen, wobei er die Bestrebungen zur Reduktion von Unternehmenspflichten als Teil eines autorit\u00e4ren Staatsprojekts versteht.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die beiden folgenden Beitr\u00e4ge blicken aus der Perspektive von Nichtregierungsorganisationen auf den Schutz der Menschenrechte in globalen Lieferketten. <i>Gisela Burckhardt<\/i> betrachtet die Rolle von Frauen in der Bekleidungsindustrie und deren Rolle in globalen Lieferketten. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Bekleidungsindustrie von einer Handvoll westlicher Marken dominiert wird, die Beschaffungspreise diktieren und Produktionszyklen festlegen, wodurch Diskriminierung \u00f6konomisch produziert werde. <i>Steffen Vogel<\/i> beschreibt anhand der Arbeitsbedingungen auf Bananenplantagen in Costa Rica und Ecuador, wie Betroffene von Menschenrechtsverletzungen zusammen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland ihre Rechte mit Hilfe des Instrumentariums der deutschen und EU-Lieferkettengesetzgebung durchzusetzen versuchen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Einen Fokus auf Sicherheitspolitik bietet der Artikel von <i>Tamara Dangelmaier<\/i> und <i>Daniela Hunold<\/i>: Im Zusammenhang mit globalen Lieferketten analysieren sie Situationen, in denen globale \u00f6konomische Verflechtungen lokal in konflikthaften sozialen und politischen Auseinandersetzungen sichtbar werden, wobei Brasilien als aufschlussreiches Beispiel fungiert, weil sich dort Konflikte um Logistik, Land, Infrastruktur, indigene Rechte und wirtschaftliche Projekte in verdichteter Form \u00fcberlagern. <i>Roxana Zimmermann, Martina Martinovic, Andrea Pelzeter<\/i> und <i>Silke Bustamante<\/i> untersuchen, wo Akteure der Medizintechnik-Industrie Herausforderungen und Risiken sehen, um Fortschritte in der sozial\u00f6kologischen Nachhaltigkeitstransformation ihrer Branche zu erreichen und welche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten diese Akteure erkennen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Des Weiteren finden sich auch in dieser Ausgabe wieder Hintergrundbeitr\u00e4ge zu aktuellen b\u00fcrgerrechtlichen und gesellschaftspolitischen Themen. <i>Simon Egbert<\/i> rekonstruiert die politischen, technischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Palantir in Deutschland und ordnet sie in die breitere Debatte um digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ein. <i>Lisa Marie Borrelli<\/i> skizziert die aktuelle europ\u00e4ische Grenzkontrollpraxis an den Binnengrenzen sowie die Entwicklungen an den Au\u00dfengrenzen der EU \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung der politischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr solche Kontrollen. Diese Formen der Kontrolle haben erhebliche menschenrechtliche Konsequenzen. <i>Stefan Piasecki <\/i>rekonstruiert die politischen, milit\u00e4rischen und gesellschaftlichen Probleme des Irans und skizziert vier Szenarien wie eine iranische Nachkriegsgesellschaft aussehen k\u00f6nnte. <i>Clemens Oswald<\/i> stellt die Grundz\u00fcge der athenischen Demokratie dar sowie deren heutige Bedeutung. Denn bez\u00fcglich politischer Teilhabe sei die attische Demokratie unerreicht und sollte als historisches Vorbild f\u00fcr heutige Demokratien fungieren. <i>J\u00f6rg Arnold<\/i> liefert eine kritische W\u00fcrdigung von Wolfgang Kalecks neuem Buch <i>Die St\u00e4rke des Rechts vs. Das Recht des St\u00e4rkeren<\/i> aus einer v\u00f6lkerrechtlichen und friedenspolitischen Perspektive. Die j\u00fcngsten Angriffe auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) behandelt die vorliegende Ausgabe dokumentarisch: mit dem Abdruck des offenen Briefs von \u00fcber 110 Organisationen (inklusive der Humanistischen Union), die gegen die geplante Abschaffung des IFG protestieren. In der kommenden Ausgabe wollen wir eine tiefere Analyse des Sachverhalts bieten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In eigener Sache: Bekanntlich ist ein Abonnement der <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i> f\u00fcr Mitglieder der Humanistischen Union (HU) im Mitgliedsbeitrag inkludiert. Ab 2026 bietet die HU das erste Jahr der Mitgliedschaft f\u00fcr Sch\u00fcler*innen, Studierende und Auszubildende kostenlos an.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Namen der Redaktion w\u00fcnschen wir Ihnen eine anregende Lekt\u00fcre der neuen <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i>-Ausgabe. Wir freuen uns auch stets \u00fcber Feedback.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\" style=\"text-align: right;\"><i>Hartmut Aden &amp; Philip Dingeldey<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[37],"tags":[3188,663,4672,4669,4671,3083,3211,667,658,4670],"autoren":[4141],"publikationen":[4668],"class_list":["post-20649","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-europa-internationales","tag-eu","tag-europa","tag-globaler-sueden","tag-lieferketten","tag-lksg","tag-menschenrechte","tag-soziale-menschenrechte","tag-vorgaenge-artikel","tag-vorgaenge-ausgaben","tag-wertschoepfungsketten","autoren-hartmut-aden-und-philip-dingeldey","publikationen-vorg-254"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-254\/publikation\/editorial-102\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ma\u00dfnahmen, die Unternehmen freiwillig einf\u00fchren, machen globale Liefer- und Wertsch\u00f6pfungsketten bisher nicht in ausreichendem Ma\u00dfe menschenrechtskonform und klimavertr\u00e4glich. 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