{"id":8413,"date":"2019-04-01T23:00:00","date_gmt":"2019-04-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/im-kampf-um-des-menschen-rechte\/"},"modified":"2019-04-01T12:00:00","modified_gmt":"2019-04-01T10:00:00","slug":"im-kampf-um-des-menschen-rechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/6-1969\/publikation\/im-kampf-um-des-menschen-rechte\/","title":{"rendered":"Im Kampf um des Menschen Rechte"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 6\/1969, S. 205-210<\/p>\n<p>Als meine Schulzeit zu Ende ging, lobte mein Rektor den Entschlu\u00df, Rechtswissenschaft zu studieren. Als guter Mathematiker h\u00e4tte ich bestimmt die Veranlagung, logisch zu denken, und auch meine Schulaufs\u00e4tze seien ganz gewandt. Das war recht schmeichelhaft, aber nichts von alledem war mir jemals durch den Kopf gegangen. Schon als Elfj\u00e4hriger hatte ich die nicht ungew\u00f6hnliche Frage, was ich einmal werden m\u00f6chte, mit der Zeichnung eines gro\u00dfen Firmenschilds beantwortet, auf dem unter meinem Namen als Beruf &#132;Oberstaatsanwalt&#148; stand. Einige kommentierende S\u00e4tzchen wurden beigef\u00fcgt. Ich habe diesen Schulaufsatz nicht vergessen, weil ich eine ungew\u00f6hnlich schlechte Note f\u00fcr ihn bekam. Das Firmenschild war denen der Rechtsanw\u00e4lte nachgeahmt; Oberstaatsanwalt war in meiner Vorstellung so etwas wie ein besserer Rechtsanwalt. So ganz schief war dies nicht, und wenn ich heute in der Lage w\u00e4re, die juristischen Berufsbezeichnungen selbstherrlich zu \u00e4ndern, w\u00fcrde ich bestimmt die Staatsanw\u00e4lte Rechtsanw\u00e4lte nennen. Die aus autorit\u00e4ren Zeiten stammende Bezeichnung Staatsanwalt pa\u00dft nicht; der Staatsanwalt vertritt nicht den Staat, er ist nicht der Anwalt irgendwelcher Staatsr\u00e4son oder irgendwelcher Staatsinteressen, sondern des Rechts der Menschen und ihrer sozialen Existenz gegen private und staatliche Willk\u00fcr. Er ist an die Gesetze gebunden, deren wichtigste die Menschenrechte sind.<\/p>\n<p>Das Berufsbild, das ich mir als Elfj\u00e4hriger machte, hatte seine Geschichte. Der &#132;staatliche Rechtsanwalt&#148;, der mir damals vorschwebte, entsprach dem Polizisten mit Pickelhaube, Schlepps\u00e4bel und martialischem Schnurrbart, der mir noch einige Jahre zuvor als das Gro\u00dfartigste auf Erden erschienen war, aber meinen sozialen Anspr\u00fcchen nun nicht mehr gen\u00fcgte. Warum ich aber Polizist werden wollte, wei\u00df ich heute noch ganz genau. Als ich einige Wochen in die &#132;Elementarschule&#148; ging, zeigte der Lehrer eine kleine B\u00fcchse und fragte, was wohl drinnen sei. Wir riefen &#132;Schreibfedern&#148;, &#132;Schwamm&#148; und alles m\u00f6gliche andere. Alles war falsch. Endlich antwortete ich &#132;Luft&#148; und bekam die B\u00fcchse. Einige meiner Kameraden waren sehr b\u00f6se und nach der Schule fielen sie \u00fcber mich her. Sie wollten die B\u00fcchse. Dabei schrie einer (und andere folgten ihm nach) : Du und deine Eltern, Ihr habt Christus umgebracht! Nach einigen Minuten wurde es ihnen zu dumm und zu langweilig, sie h\u00f6rten damit auf. Bei meiner Mutter suchte ich Trost. Sie bem\u00fchte sich redlich. Trotzdem war ich sehr ungl\u00fccklich. Damals wollte ich Polizist werden, weil man ihm mit seinem S\u00e4bel nichts anhaben konnte. Aber es ging doch noch einiges mehr in meinem Kopfe herum. Die Polizisten sind dazu da, da\u00df niemandem Unrecht geschieht, und ich hatte das Gef\u00fchl, es geschehe mir Unrecht. Da\u00df Unrecht geschehen k\u00f6nne, war mir eine neue Erfahrung. Ich war auch \u00fcber Christus, den Proze\u00df gegen ihn und die Kreuzigung, erschrocken. Das sei damals gewesen, sagte mir meine Mutter, heute w\u00fcrde dergleichen bestimmt nicht mehr vorkommen. Damals, so res\u00fcmierte ich, hat es noch keine Polizisten gegeben; sie h\u00e4tten sicher verh\u00fctet, da\u00df etwas Verkehrtes geschehe.<\/p>\n<p>Das Kindheitserlebnis steht mir noch heute deutlich vor Augen, als w\u00e4re es gestern geschehen. Was der junge ABC-Sch\u00fctze an Leid und Entt\u00e4uschung damals erfuhr, sein unklares Aufbegehren gegen Unrecht, wo immer es geschehe, sein Widerstandswille und sein Tagtraum von einer besseren, einer guten Welt, hat sich, um mit <i>Goethes <\/i>Urworten zu sprechen, &#132;lebend entwickelt&#148;.<\/p>\n<p>Das Leitbild vom Polizisten, auf dessen Schlepps\u00e4bel ich jedoch bald verzichtete und den ich auch in Gedanken nie mit dem f\u00fcrchterlichen Richtschwert der Justitia vertauschte, hat mich nicht nur zum Juristen, sondern auch zum politisch interessierten und aktiven Menschen gemacht. &#132;Politisch Lied, ein garstig Lied&#148; galt auch in meiner v\u00e4terlichen Familie, aber meine Mutter hatte mir schon fr\u00fch von ihrem Vater erz\u00e4hlt, der &#132;Politiker&#148; sei. Was das sei, fragte ich, und meine Mutter erkl\u00e4rte, er sorge f\u00fcr B\u00e4nke im Walde und neue Wege, auf denen wir spazierengehen k\u00f6nnten. Dieser kommunale Versch\u00f6nerungsverein, personifiziert in meinem Gro\u00dfvater, hat mir sehr imponiert, und da ich meinen Gro\u00dfvater und seine weitausholenden Er\u00f6rterungen vieler Dinge zwischen Himmel und Erde bewunderte und sah, wie er Hinz und Kunz mit Rat und Tat beistand, war der Bann gebrochen, der sonst einen braven B\u00fcrgersohn von den Bereichen des Politischen abh\u00e4lt. Mit f\u00fcnfzehn Jahren erlebte ich, wie unser Philosophieprofessor, der meinen geisteswissenschaftlichen Durst stillte, pl\u00f6tzlich Kultusminister der ersten republikanischen Regierung in W\u00fcrttemberg wurde. Die liberalen Ideale der schw\u00e4bischen 48er schlugen blitzartig ein. Wilhelm Meisters Wanderjahre, die ich damals las, wurden mir zu einem sozialen Vorbild; vor mir sah ich eine fruchtbare Kameradschaft t\u00e4tiger Genossen im Dienste der Forderung des Tages. Wenige Jahre sp\u00e4ter habe ich Kurt Schumacher getroffen, der einarmig vom Kriege zur\u00fcckkehrte. Als junger Assessor und Richter war ich viel mit ihm zusammen. In den Tagen der Weimar-Republik, sp\u00e4ter nach dem Zusammenbruch des NS-Staates, nicht zuletzt aber im Konzentrationslager habe ich seinen bergeversetzenden Glauben und seinen Mut bewundert. Ich erinnere mich noch, wie er 1933, als er von der spalierbildenden Wachmannschaft des Lagers mit Brennesseln blutig geschlagen war und der Lagerleiter h\u00f6hnisch die Frage an ihn richtete: &#132;Warum, Schumacher, sind Sie hier?&#148;, ohne Z\u00f6gern antwortete: &#132;Weil ich zur besiegten Partei geh\u00f6re&#148;. Die freim\u00fctige Antwort hat sogar dem Lagerleiter die sonst \u00fcbliche ordin\u00e4re Schimpfrede verschlagen. Ich, der kleinm\u00fctig die Stunde der Freiheit ersehnte, habe ihn dann gefragt, wie lange dies alles wohl daure. Ohne mit der Wimper zu zucken, meinte er: &#132;Ich bleibe hier 10 bis 12 Jahre, dann ist der Spuk vorbei.&#148; Diese Gewi\u00dfheit lie\u00df ihn \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Die Verbindung von juristischer, auch richterlicher T\u00e4tigkeit mit politischer Arbeit ist mir nie widersinnig erschienen. Sie erg\u00e4nzen sich. Selbstverst\u00e4ndlich ist jeder Jurist verpflichtet, ohne Ansehen der Person das Recht zu pflegen. Das w\u00e4re ein trauriger Jurist, der einen anderen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Herkunft, seines Glaubens oder seiner politischen Anschauung wegen benachteiligen oder bevorzugen wollte. Es geht um etwas ganz anderes. Es gibt keinen politikleeren Raum. Wenn einer seine Kinder pr\u00fcgelt, ein anderer die Pr\u00fcgel l\u00e4\u00dft, wenn einer Rembrandt liebt, ein anderer Picasso, so ist dies Politik; man kann keinen Nagel in die Wand schlagen, ohne Politik zu treiben. Der Jurist wei\u00df, da\u00df jedes Gesetz unvermeidbar L\u00fccken hat, er mu\u00df sie schlie\u00dfen. Tausenderlei Zweifelsfragen melden sich, er mu\u00df sie beantworten. Hier tritt er an die Stelle des Gesetzgebers. Seine sch\u00f6pferische Entscheidung ist notwendigerweise von seinem Rechtsgef\u00fchl diktiert, das einmalig wie alles Menschliche ist, sie ist undenkbar ohne sein Bild vom Staat und Einzelnen, von Freiheit und Gleichheit, Krieg und Frieden. Der Jurist, der dies leugnen wollte, etwa sich einbildete, seine Urteile seien frei von diesen Erdenresten unvermeidlicher Subjektivit\u00e4t, betr\u00fcgt sich selbst und andere. Es fehlt ihm schon jene Selbstkritik, welche die notwendige Grundlage jeden Willens zur Objektivit\u00e4t ist. Hier wie \u00fcberall tut Offenheit und Aufrichtigkeit not, alles andere ist Nebelbildung. Es gibt noch ein Weiteres und Wichtigeres. &#132;Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort, sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte und r\u00fccken sacht von Ort zu Ort.&#148; Gesetz und Recht sind immer reformbed\u00fcrftig, immer geht es um das Recht, das mit uns geboren ist. Die Forderungen des Tages melden sich; Hexenprozesse sind nicht ausgestorben; menschliche und soziale Not gibt es \u00fcberall, bei uns, in \u00dcbersee. Nur eine Tr\u00e4gheit des Herzens kann dies leugnen. Wer ist mehr als der Jurist, der sich dem Kampf ums Recht verschrieben hat, berufen, hier seine Stimme zu erheben? In seiner akademischen Antrittsrede hat <i>Schiller<\/i> die Frage aufgeworfen, warum so leicht &#132;dem Rechtsgelehrten seine Rechtswissenschaft entleide&#148;. Seine Antwort lautet: &#132;Er f\u00fchlt sich abgeschnitten, herausgerissen aus dem Zusammenhang der Dinge, weil er unterlassen hat, seine T\u00e4tigkeit an das gro\u00dfe Ganze der Welt anzuschlie\u00dfen.&#148; Das mu\u00df nicht sein. Statt seine Passivit\u00e4t, die bequeme Haltung eines politischen &#132;ohne-mich&#148;, als Objektivit\u00e4t, die sie in Wahrheit gar nicht ist, auszugeben, sollte er mit gutem Beispiel vorangehen und sich seiner staatsb\u00fcrgerlichen Rechte und Pflichten besinnen, die nicht nur darin bestehen, bisweilen geheim zu w\u00e4hlen. Demokratie ist kein Dampfer, dessen Kapit\u00e4n man sich anvertraut, sondern ein Boot, in dem wir alle mitrudern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Blo\u00dfe Gesetzesh\u00f6rigkeit macht den Juristen leicht zum reinen Techniker, der durch logische Operationen, Auslegungen und Unterlegungen zum Kern der Dinge vorzusto\u00dfen sucht. Dann arbeiten die Gesetze und ihre Techniker wie eine Maschine; ihre Leistungen m\u00f6gen standardisiert und berechenbar sein, aber dahinter steht das erbarmungslose Pathos des kalten Satzes: es lebe das Gesetz, mag auch die Welt untergehen. Gerade in unserer technisierten Zeit sollte aber kein Raum mehr f\u00fcr solch juristisches Technokratentum sein. Dem menschlichen Faktor eine Gasse zu bahnen, ist die Aufgabe aller Berufe, vor allem der Juristen, denn Gesetze sind nun einmal nicht auf Pergament, sondern auf empfindliche Menschenhaut geschrieben. Vom Gesetzesfetischismus f\u00fchrt ein schnurgerader Weg zu den Konzentrationslagern von Auschwitz und Buchenwald. Der knechtische Respekt vor allem, was formal als Gesetz auftritt, hat einem bedeutenden deutschen Juristen an der Jahrhundertwende den Satz in die Feder diktiert, der Staat sei rechtlich durch keine Schranke gebunden; selbst brutale Gewaltakte w\u00fcrden, wenn sie in der Form des Gesetzes auftr\u00e4ten, formell Recht sein und Gerichte, Verwaltungsbeh\u00f6rden und Untertanen binden. Eine Justiz, die zu einer solchen blo\u00dfen Gesetzestechnik entartete, war dann auch dem Ansturm des nazistischen Unrechtsstaates, der Unrecht in Gesetzesform schuf, nicht gewachsen.<\/p>\n<p>Mit 18 Jahren kam ich nach Heidelberg, um zu studieren. Ich kaufte mir das Corpus juris und <i>Gustav Radbruchs <\/i>wunderbare &#132;Einf\u00fchrung in die Rechtswissenschaft&#148;. Das Corpus juris war zu dick, um in die Fr\u00fchjahrslandschaft Heidelbergs mitgenommen zu werden, aber Radbruchs Einf\u00fchrung las ich bewegt, begeistert in den W\u00e4ldern rings um das Schlo\u00df. Hier unterscheidet Radbruch zwischen zwei Juristentypen, dem Juristen aus Ordnungssinn und dem aus Freiheitssinn. Der &#132;Neigung zur Reglementierung und Rationalisierung ein Gegengewicht zu bieten, ist die historische Aufgabe des Juristen aus Freiheitssinn, vom Amtsrichter, der \u00dcbergriffe der polizeilichen Verordnungsgewalt als solche kennzeichnet, bis zum Verteidiger, der die Kunst gegen unz\u00fcchtige Betrachter sch\u00fctzt. Diese Juristen sind die Vorposten des Rechtsstaats gegen unseren angeborenen Hang zum Polizeistaat. Rechtsstaat ist aber f\u00fcr uns nicht nur ein politischer, sondern ein kultureller Begriff. Er bedeutet die Wahrung der Freiheit gegen die Ordnung, des Lebens gegen den Verstand, des Zufalls gegen die Regel, der F\u00fclle gegen das Schema.&#148; Die Worte sind von mir dick unterstrichen worden; ich habe gewu\u00dft, wohin ich geh\u00f6ren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>In Mitteleuropa, vor allem in Deutschland, war das Recht des Einzelnen zum Widerstand gegen staatliches Unrecht seit den Tagen des absoluten Staates in Vergessenheit geraten. Das war um so \u00fcberraschender, als dieses Recht auf germanischem Boden erwachsen ist. Manegold von Lautenbach und der Sachsenspiegel haben ihm im Mittelalter beredten Ausdruck verliehen. Schiller hat ihm im Wilhelm Teil ein unsterbliches Denkmal gesetzt. Dort spricht Stauffacher von den ew&#8217;gen Rechten, die droben hangen unver\u00e4u\u00dferlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst, und die, wenn kein anderes Mittel mehr verfangen will, selbst mit dem Schwert verteidigt werden d\u00fcrfen. Im nazistischen Unrechtsstaat war die Br\u00fcchigkeit eines juristischen Formalismus, f\u00fcr den Gesetz Gesetz und Befehl Befehl ist, deutlich geworden, aber auch die Begrenztheit blo\u00df nationaler Normen. Es gibt ein Recht, das allen nationalen Gesetzgebungen vorgelagert und \u00fcbergeordnet ist und durch keine Beschl\u00fcsse eines Parlaments oder den Befehl eines &#132;F\u00fchrers&#148; au\u00dfer Kraft gesetzt werden kann. Es ist durch eine Art Plebiszit des modernen Menschen geschaffen; es hat durch den griechischen Humanismus, die biblische Ethik, durch die K\u00e4mpfe erst der B\u00fcrger, sp\u00e4ter der Arbeiter um Freiheit und Gleichheit Gestalt gewonnen. Vieles mag hier noch strittig sein, vieles mag kommenden Geschlechtern noch zu tun \u00fcbrig bleiben, aber es steht fest, da\u00df menschliche Gemeinschaft, Friede und Gerechtigkeit auf der Welt nicht denkbar sind ohne den Respekt vor der W\u00fcrde eines jeden Menschen. Daraus folgt auch der verbrecherische Charakter eines jeden Angriffskriegs, auch der Verzicht auf die Heiligerkl\u00e4rung der Vaterl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Im deutschen Widerstandskampf 1933&#151;1945 war diese Rechtsauffassung Wirklichkeit geworden. Als ausgerechnet Remer, der mitgewirkt hat, am 20. Juli 1944 den Kampf um Ritterlichkeit, Recht und Menschlichkeit niederzuschlagen, durch die deutschen Lande zog und die Widerstandsk\u00e4mpfer Hoch- und Landesverr\u00e4ter schalt, galt es zuzugreifen, nicht nur um des Andenkens der M\u00e4nner und Frauen willen, die f\u00fcr die Erhaltung der Menschenrechte in den Tod gegangen waren, sondern vor allem auch, um das Widerstandsrecht, das in der deutschen Rechtslehre und Praxis v\u00f6llig verk\u00fcmmert und in das Rarit\u00e4tenkabinett der Rechtsgeschichte verbannt war, erneut zu sanktionieren. Dies ist denn auch geschehen. Remer wurde nach einer langen Verhandlung, in der evangelische und katholische Theologen sich aus ihrer religi\u00f6sen Sicht zum Widerstandsrecht, ja zur Widerstandspflicht gegen Unrecht bekannten, zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von einigen Monaten verurteilt, deren Verb\u00fc\u00dfung er sich \u00fcbrigens durch Flucht entzog. Ob die Strafe hoch oder niedrig war, war dem Staatsanwalt ganz gleichg\u00fcltig; es ging allein um das Prinzip, um die Feststellung dessen, was Recht und was Unrecht war. Auch in vielen anderen Prozessen ist diese Feststellung allein wichtig.<\/p>\n<p>Der Widerstand der &#151; nicht zuletzt auch germanischen &#151; V\u00f6lker gegen die Tyrannei ihrer treulosen Herrscher, der Widerstand der Kirchen und St\u00e4nde gegen Eingriffe in ihre wohlerworbenen Rechte, der unerschrockene Kampf einzelner Unentwegter wie <i>Voltaire<\/i>, der sich zeitlebens f\u00fcr religi\u00f6s und politisch Verfolgte eingesetzt hat, nachdem er selber die Pr\u00fcgel eines hochadligen Herrn des alten Frankreich einstecken mu\u00dfte, hat geschaffen, was wir heute Europa und die abendl\u00e4ndische Kultur nennen. Ihre Bejahung bleibt .ein leeres Lippenbekenntnis, wenn die Bedeutung des jahrhundertalten Protests gegen alle Gleichmacherei und gegen alle angeblich alleinseligmachenden Heilslehren verschwiegen und wenn nicht in der Resistance aller Zeiten ein die Gegenwart und Zukunft verpflichtendes Erbe gesehen wird.<\/p>\n<p>Die Industrialisierung unserer Zeit schafft ein Netz von Abh\u00e4ngigkeiten, in dem wir oft vergeblich nach Luft schnappen. Im modernen Massenstaat werden die zwischenmenschlichen Beziehungen organisiert; dies ist oft unvermeidlich. Aber die Organisationen haben ein Eigenleben, sie wachsen und wuchern. Wir sind oft kaum mehr Herr der Werkzeuge, die wir selber schufen. Die eigene Verantwortung schwindet, es wird uns schwer gemacht, unseren Lebensinhalt selbst zu bestimmen. Oft sind auch die Menschen allzu gerne bereit, innere und \u00e4u\u00dfere Unfreiheit auf sich zu nehmen und sich den Sachverst\u00e4ndigen und Managern aller Art zu verschreiben. Sie suchen R\u00fcckhalt in der Gleichf\u00f6rmigkeit und Disziplin und unterwerfen sich willig und kritiklos den M\u00e4chten und Parolen der Stunde. Menschliche und mitb\u00fcrgerliche Tugenden leiden Not; es erlahmt das Gef\u00fchl f\u00fcr Treue, Vertrauen und Toleranz. Das Leben regelt sich von oben nach unten, vertikal. Das Wir, die horizontalen Bindungen l\u00f6sen sich auf. Wenn wir die Demokratie wirklich ernst nehmen, bedarf es eines g\u00fcnstigen Klimas f\u00fcr jede Behauptung und Verteidigung staatsb\u00fcrgerlicher Rechte; jedem ist der R\u00fccken zu st\u00e4rken und Mut zu machen, der h\u00e4ufig nichts anderes ist als ein kleines Atom in irgendeinem Gro\u00dfbetrieb irgendeines Gro\u00dfstaates, aber in der Tretm\u00fchle des Alltags sich gegen \u00dcbergriffe staatlicher oder privater Machtkonzentrationen zur Wehr setzt und, da nicht die V\u00f6lker, wohl aber die Individuen ohne Raum sind, um jeden Quadratmeter seines privaten Eigenlebens streitet. Die privaten Existenzen geben in der Demokratie dem Staat Gesicht und Gepr\u00e4ge, nicht umgekehrt. Da wir das Ruhebed\u00fcrfnis der Besitzenden und Satten und den Herdentrieb, den geheimen und offenen Hang der Menschen zur Ein- und Unterordnung, zur Uniformit\u00e4t und Konformit\u00e4t kennen, brauchen wir nicht zu f\u00fcrchten, da\u00df diese Aufforderung zur Resistance in Wissenschaft, Politik, Kunst und Gesellschaft zur Anarchie und permanenten Revolution f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Pflege nonkonformistischer Gesinnung und T\u00e4tigkeit nicht nur im Kampf gegen Unrechtsstaaten, sondern auch gegen alle gef\u00e4hrliche Gleichschaltungsbestrebungen von oben und unten ist ein Teilaspekt staatlicher Sozialhygiene unserer Zeit. Andere Aufgaben kommen hinzu. Die Menschen f\u00fchlen sich nicht wohl. Kriege und Arbeitslosigkeit liegen hinter ihnen. Wasserstoff- und Kobaltbomben drohen, deren radioaktive Stoffe Kontinente verseuchen. Ein Selbstmord unseres ganzen Globus ist technisch m\u00f6glich. Die Arbeitsst\u00e4tten, die Gemeinden und Staaten wachsen, alles wird gro\u00dfr\u00e4umig; die sozialen Beziehungen erstarren, und menschliche Bindungen k\u00fchlen ab. Die R\u00e4derwerke funktionieren, die Menschen stehen an laufendem Band. Aber ein R\u00e4derwerk und ein Flie\u00dfband ist keine menschliche Gemeinschaft. Die Menschen haben Angst, sie f\u00fcrchten auch die anonyme Gewalt der Staaten und ihrer B\u00fcrokratien, auch wenn es demokratische Staaten sind. Sie lieben die Staaten nicht, obwohl sie doch einiges f\u00fcr sie tun. Kein Jurist kann \u00fcberh\u00f6ren, da\u00df es der t\u00e4gliche Wunsch sehr vieler anst\u00e4ndiger B\u00fcrger ist, nur nichts mit den Gerichten zu tun zu haben. Der ganze Betrieb unserer Zivil- und Strafjustiz jagt ihnen Furcht und Schrecken ein. Der Ausweg aus der ver\u00e4ngstigten Gejagtheit ist die Flucht in die kollektivierte Freizeit, aber kein Sport, Film oder Radio, keine Massenpresse ersetzt das Wir, nach dem sich die Menschen sehnen.<\/p>\n<p>Politiker und Beamte k\u00f6nnen nie genug von dem wissen, was au\u00dferhalb ihrer Mauern gef\u00fchlt und gedacht wird. Akten sind ein d\u00fcrftiges Informationsmittel. Dem hohen Politiker mag vielleicht ein Verfassungsschutzamt oder eine Gallupuntersuchung zur Verf\u00fcgung stehen; in den Korridoren der Politiker m\u00f6gen die Vertreter der verschiedenartigsten Interessengruppen jammern und klagen. Der Beamte hat in aller Regel nicht einmal sie, seine Mitarbeiter sind in der Regel Schleusen, die mehr zur\u00fcckhalten als weiterleiten. Hier bleibt nur der alte Weg des Harun al Raschid, der seine Kalifenw\u00fcrde zu Hause lie\u00df und anonym auf den M\u00e4rkten und in den Kneipen Bagdads nach der Wahrheit forschte. Der Weg des Kalifen ist auch heute m\u00f6glich. Wer sich etwa auf den Autobahnen unserer &#132;Anhalter&#148; annimmt, wird bald Bescheid bekommen, was deutsche und europ\u00e4ische Jugend meint. An Erlebnissen fehlt es mir nicht. Ich treffe einen jungen Menschen, der auf dem Weg nach Arbeit im Ruhrgebiet ist. Bald wei\u00df ich, da\u00df er neulich aus einem Gef\u00e4ngnis entlassen wurde. Ich erfahre viel von dem, was dort vor sich ging. Im Laufe des Gespr\u00e4chs erz\u00e4hle ich ihm, wer den letzten Fu\u00dfballkampf beim Sportfest des Gef\u00e4ngnisses gewann. Dies und manche andere Andeutung machen ihn stutzig und zuletzt ahnt er, wer ich bin. Wir bleiben aber trotzdem Kameraden und finden auch eine Arbeit an seinem Heimatort. Oder ein F\u00fcrsorgez\u00f6gling ist auf dem Weg nach Hamburg; er will als blinder Passagier nach Amerika. Er hat soeben seinen freien Sonntag dazu benutzt, &#132;abzuhauen&#148;. Es ist nicht ganz einfach, ihn zur Umkehr zu bewegen; es kostet auch nicht wenig M\u00fche, einigerma\u00dfen rechtzeitig wieder in seinem Heim zu sein und eine glaubw\u00fcrdige Entschuldigung vorzubringen. Ich glaube aber, wir haben es vereint geschafft!<\/p>\n<p>Ein anderes Erlebnis hat mir manches zu denken gegeben, und ich glaube, es pa\u00dft hierher. Es war auf einem der kleinen Dampfer des Canal Grande. Neben mir stehen drei deutsche Studenten und eine Studentin. Sie waren soeben auf verschiedenen Wegen &#132;per Anhalter&#148; nach Venedig gekommen, das sie nicht kennen. Sie unterhalten sich und sind gl\u00fccklich, sich getroffen zu haben. Venedig imponiert ihnen nicht, sie ignorieren es. Als die ersten Gondeln auftauchen, meint einer beil\u00e4ufig: &#132;Die machen in Lyrik&#148;. Keine Ca&#8217;d&#8217;Oro, kein Palazzo wird beachtet; nur an der Rialtobr\u00fccke murmelt einer: &#132;Das sollte ich doch kennen.&#148; Sie erz\u00e4hlen von dem Autofahren und den; Autofahrern, die sie mitgenommen haben; es waren viele. Ich ahnte nicht, wie interessant Autofahrer sein k\u00f6nnen. Aber ich h\u00f6re, da\u00df sie gute Erfahrungen machten, der eine oder andere Autobesitzer war sogar gro\u00dfartig gewesen. Die Wahrheit gebietet zu schreiben, da\u00df sie einige Minuten lang sich auch der Frage widmeten, ob es nicht hygienischer w\u00e4re, die Kan\u00e4le Venedigs trockenzulegen. Bald aber sprachen sie wieder von ihren Autofahrern, und als sie am Markusplatz angekommen waren, war das Thema noch immer nicht ersch\u00f6pft. Einige Monate sp\u00e4ter erz\u00e4hlte ich mein etwas schockierendes venezianisches Erlebnis einem anderen Studenten, der ebenfalls mit ein paar Mark in der Tasche auf dem Weg ins Ausland war. Er sch\u00fcttelte den Kopf und gab mir unrecht. Bildungserlebnisse hin, Bildungserlebnisse her, meinte er. Entscheidend sei nicht die Ca&#8217;d&#8217;Oro, sondern das Menschliche. Eine gute Reisebekanntschaft sei auch ihm wichtiger als Architektur. Er sagte noch viel, aber dies war das Wichtigste. Hiernach habe ich meinen Vier von Venedig verziehen.<\/p>\n<p>Nach so viel H\u00e4rte, so vielen Unmenschlichkeiten aller Spielarten, die wir in diesem Jahrhundert erlebt haben, sehnen wir uns nach gegenseitiger Hilfe und etwas Bruderschaft im Herzen. Glaube an den Menschen und jene bescheidene Menschlichkeit, die wir im Getriebe des Alltags zu beweisen imstande sind, kann Berge versetzen. Damit soll nicht gesagt sein, da\u00df ein H\u00e4ndedruck gen\u00fcgt. So billig kommen wir nicht davon. Auch ein H\u00e4ndedruck kann die Wirklichkeit nicht \u00fcberspringen; es m\u00fcssen auch die realen Lebensm\u00f6glichkeiten verbessert werden. Das gerade ist die Wirksamkeit des Marxschen Ethos und der sozialistischen Bewegung, das bleibend Bedeutende an ihnen, da\u00df ihr Humanismus nicht nur eine gro\u00dfe und sch\u00f6ne Geste im Allgemeinen und Privaten war und ist, sondern da\u00df es ihnen immer zugleich um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung geht, die allen einen angemessenen Teil an den materiellen und geistigen Leistungen sichern mu\u00df, welche in der Gemeinschaft hervorgebracht werden. Humanismus ohne Wirtschafts-, Sozial-und Erziehungspolitik ist blo\u00dfe Don-Quichotterie. Aber auch der \u00e4u\u00dferste Perfektionismus eines Wohlfahrtsstaates, den wir noch lange nicht haben, bliebe unzul\u00e4nglich. Es geht ohne jene Liebe nicht, von der geschrieben steht, da\u00df einer mit Menschen- und Engelszungen reden k\u00f6nnte, und ohne sie doch nur ein t\u00f6nendes Erz und eine klingende Schelle w\u00e4re. Sozialismus ist nicht nur eine wirtschaftliche und politische Bewegung, sondern, was gerade auch dem jungen Karl Marx deutlich vor Augen stand, eine Bewegung von Menschen, denen es um den Menschen geht, um die Vermenschlichung der Menschen in der Gesellschaft. Von hier bekommen auch Strafrecht und Strafrechtspflege neue Impulse. Sie sind der Reform bed\u00fcrftig; freilich gilt auch hier der Satz &#132;men, not measures&#148;, und nicht nur manche Juristen, sondern auch die breite \u00d6ffentlichkeit sollte versuchen, die Dinge neu zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>Unser Strafrecht entstand, bevor die modernen Natur-und Sozialwissenschaften begannen, unser ganzes Denken und Handeln zu pr\u00e4gen. Von moderner Kriminalstatistik, von der Psychiatrie unserer Zeit, von der Psychologie des Bewu\u00dften und Unbewu\u00dften wei\u00df es wenig. Sicher ist auch unser heutiges Wissen vom menschlichen Handeln d\u00fcrftig genug, \u00fcber Bruchst\u00fccke kommen wir nicht hinaus. Dies zwingt zu Bescheidenheit und Vorsicht, zu unerm\u00fcdlichen Bem\u00fchungen, mehr und mehr zu erfahren. &#132;Wir m\u00fcssen mit dem Verbrecher bekannt werden, ehe er handelt&#148;, lesen wir schon bei <i>Schiller<\/i>. &#132;Wir m\u00fcssen ihn sein Handeln nicht blo\u00df vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten und noch weit mehr an den Quellen dieser Gedanken als an den Folgen der Tat. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erkl\u00e4ren. Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen Menschen umgaben?&#148; Schiller fragt nach dem Charakter und dem Milieu des T\u00e4ters. Die Schwierigkeiten der Fragestellung und die Begrenztheit menschlichen Wissens haben nicht nur die vergangenen Jahrtausende verleitet, sondern verf\u00fchren auch gerne die Gegenwart dazu, statt den Menschen aus Fleisch und Blut und die Gesellschaft, der er entstammt und die ihn umgibt, zu erforschen, in eine Welt konstruierter Begriffe zu fl\u00fcchten, die logisch denkbar, aber nicht psychologisch und soziologisch fundiert sind. Plato hat gemeint, wer nach oben gaffend oder nach unten blinzelnd versuche, etwas sinnlich Wahrnehmbares zu erfassen, treibe wissenschaftlichen Unfug, auch seine Seele blicke nicht hinauf zur H\u00f6he, sondern in die Tiefe hinab. Wir l\u00e4cheln heute \u00fcber seine Forderung, der Physiker solle auf Beobachtungen verzichten und der Astronom seine Augen von den Sternen abwenden. Die Welt, die sich <i>Plato<\/i> und alle seine philosophischen Nachfolger mit der reinen Vernunft als Quelle ausdachten, war zwar eines logischen und mathematischen Gottes w\u00fcrdig, sie hat nur der Erfahrung nicht standgehalten. Beobachtungen f\u00fchren zu keiner Gewi\u00dfheit (diese ist uns Menschen versagt), nur zu Wahrscheinlichkeiten, aber sie sind keine bequeme und feige Flucht aus der unangenehmen Wirklichkeit, sie sind nachpr\u00fcfbar und dem Wandel unserer Erkenntnis unterworfen.<\/p>\n<p>Im Strafrecht scheut man viel zu oft die Realit\u00e4t, obwohl es seinem Wesen nach Menschenbehandlung wie die Medizin und P\u00e4dagogik ist. Man operiert mit der Tat, nicht dem T\u00e4ter, seinen Vorz\u00fcgen und Schw\u00e4chen. Manchmal hat man den Eindruck, als seien A und B, die in unseren mathematischen Schulaufgaben um die Wette graben, noch mehr aus Fleisch und Blut als die Angeklagten in der Strafrechtspflege; dort gr\u00e4bt A wenigstens doppelt so viel wie B. Mit Worten wie Schuld und S\u00fchne, an die sich trefflich glauben l\u00e4\u00dft, wird ein System bereitet. Dabei hat schon Kant, wenn er die jenseitigen Bereiche reiner und praktischer Vernunft mit dem Diesseits vertauschte, gewu\u00dft, da\u00df &#132;Verdienst und Schuld uns g\u00e4nzlich verborgen bleiben&#148;, weil wir nicht wissen, was mit freiem Willen, was kraft Natur, etwa infolge unverschuldeter Fehler des Temperaments, geschieht. \u00d6ffentlichkeit und Justiz moralisieren gerne, das ist billig und selbstgerecht. Das Gesetz verbietet, wie <i>Anatole France <\/i>so sch\u00f6n von dieser blinden Gerechtigkeit meinte, in seiner majest\u00e4tischen Gleichheit dem Reichen wie dem Armen, unter Br\u00fccken zu schlafen, auf der Stra\u00dfe zu betteln und Brot zu stehlen. Es ist einfach, dem J\u00e4hzornigen zu sagen, er m\u00f6ge die Gesetze halten; die schwere Aufgabe, die uns gestellt ist, hei\u00dft, aus den J\u00e4hzornigen Sanftm\u00fctige zu machen. Das fordert mehr als den blo\u00dfen Klingklang gro\u00dfer Worte. Die \u00d6ffentlichkeit reagiert heftig, wenn furchtbare Verbrechen geschehen; der primitive Schrei nach der Todesstrafe ert\u00f6nt, obwohl ihre \u00dcberfl\u00fcssigkeit nicht nur durch die Kriminalstatistik, sondern auch die Erkenntnis gelehrt wird, da\u00df der T\u00e4ter an eine Strafe, gleichg\u00fcltig ob Todes- oder Freiheitsstrafe, in aller Regel \u00fcberhaupt nicht denkt, sei es, da\u00df er in einem Affekt handelt oder \u00fcberzeugt ist, seine Tat werde nie entdeckt werden. Stammt die Reaktion der \u00d6ffentlichkeit, auch der Ruf nach dem blutigen Henker nicht teilweise daher, da\u00df wir unklar ein Versagen von uns selbst f\u00fchlen und bewu\u00dft oder unbewu\u00dft ein Problem simplifizieren, dem wir nicht gewachsen sind? Noch Xerxes lie\u00df w\u00fctend das Meer peitschen, weil es f\u00fcr seine Schiffe zu unruhig war. Wir sollten an die Stelle blinder Leidenschaft ein Bem\u00fchen um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Wirksamkeit menschlicher Triebe und f\u00fcr soziale Mechanismen setzen.<\/p>\n<p>Einige reden von Humanit\u00e4tsduselei und andere jammern, alles verstehen hei\u00dfe alles verzeihen. Lassen wir uns nicht bange machen. Weder Humanit\u00e4t noch Verzeihen sind teuflische Laster. Aber darauf kommt es gar nicht an. Niemand ist berechtigt, auf ein Verstehen, das ihm m\u00f6glich ist, zu verzichten, m\u00f6gen die Folgen sein, wie sie wollen. Das Wissen um die Ursachen der Krankheiten f\u00fchrt zur Vorbeugung und Heilung. Dasselbe gilt f\u00fcr die Kriminalit\u00e4t. Die Ma\u00dfnahmen, die erforderlich sind, werden noch hart genug sein m\u00fcssen. Entscheidend mu\u00df aber sein, sie d\u00fcrfen nicht \u00fcber das Notwendige hinausgehen, sie m\u00fcssen den Ursachen angepa\u00dft werden. &#132;Die Einstellung der \u00d6ffentlichkeit zu Verbrechen und Verbrechern ist einer der unfehlbarsten Tests f\u00fcr die Zivilisation eines Landes. Unerm\u00fcdliche Anstrengungen, heilende und p\u00e4dagogische Ma\u00dfnahmen zu entdecken, und ein nie versagender Glaube, da\u00df, wenn wir nur suchen, im Herzen eines jeden Menschen ein Schatz begraben liegt, sind Zeichen und Beweise f\u00fcr die lebenden Tugenden eines Volkes.&#148; Das Wort stammt von <i>Winston Churchill<\/i>.<\/p>\n<p>Es ist den \u00c4rzten nicht gelungen, alle Erkrankungen zu heilen, auch Psychopathen sind nicht eben leicht zu normalen Menschen zu machen. Vieles, was an Schrecklichem geschieht, ist aber die Folge von Lieblosigkeiten, die ein Mensch in der Jugend oder auch sp\u00e4ter erf\u00e4hrt. Manches kann hier gut gemacht werden. Soziale Not kann gebannt, Erziehung und Lehrzeit k\u00f6nnen nachgeholt werden. Unmenschliche Ma\u00dfnahmen schaden nur; gepr\u00fcgelte Kinder pr\u00fcgeln wieder; Mord und Todesstrafe sind Zwillinge, sie heben sich nicht auf, sondern pflanzen sich fort.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten Erlebnissen meiner Arbeit, da\u00df es gelungen ist, einen Kreis uneigenn\u00fctziger M\u00e4nner und Frauen aller Altersklassen und Berufe zu finden, die bereit sind, Menschen, die strauchelten, dabei behilflich zu sein, in der Gemeinschaft wieder Wurzeln zu schlagen. Das erfordert kein Studium gro\u00dfer Wissenschaften, nur das Herz mu\u00df auf dem rechten Fleck sein. Gibt es etwas Sch\u00f6neres, als zu wissen, da\u00df ein junger heimatloser Gefangener am Gef\u00e4ngnistor von einem Menschen erwartet wird, der Vertrauen schenkt und Vertrauen empfangen will, der Kamerad und Freund sein m\u00f6chte. Er wird f\u00fcr den entlassenen Gefangenen antworten, wenn der Arbeitgeber fragt: Wo sind Sie zuletzt gewesen? Er wird da sein, wenn jene Schwierigkeiten mit der Familie, den Arbeitskameraden und den \u00c4mtern auftauchen, die oft auch einen Menschen, der besten Willens ist, mutlos machen und wieder in die alte Welt zur\u00fccktreiben, die er f\u00fcr immer aufgeben wollte. Vor mir liegt der Brief eines jungen Strafgefangenen, der kaum je die Nestw\u00e4rme einer Familie gesp\u00fcrt, in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit Schlimmes gesehen und geh\u00f6rt und zuletzt eine furchtbare Tat begangen hat. Der Brief lautet: &#132;Lieber Herr Generalstaatsanwalt! Sie wissen, wir haben viel Zeit, auch ich habe viel Zeit. In den letzten Tage habe ich mir \u00fcberlegt, wie ich Sie anreden soll. Sie sind mir sicher nicht b\u00f6se, wenn ich die obige \u00dcberschrift gew\u00e4hlt habe. So ist&#8217;s mir ums Herz. Sie haben mir Mut zu machen versucht, und wie Sie von der Welt und den Menschen gesprochen haben, war sehr sch\u00f6n. Aber Sie m\u00fcssen mir weiterhelfen. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht klarbekomme. Warum hat Gott mich auf die Welt kommen lassen? Warum hat er die Tat, meine Tat geschehen lassen? Warum hat er zugelassen, da\u00df Kinder ihren Vater verloren haben? Ich frage und frage . . .&#148; Der Fragen des jungen Hiob sind viele. Ich kann sie nicht beantworten. Ich habe sie dunkel kommen sehen, als ich Jurist wurde. Vielleicht habe ich damals geglaubt, ihrer Herr zu werden. Ich bin es nicht geworden. 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