{"id":8498,"date":"2020-07-14T15:00:00","date_gmt":"2020-07-14T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kennzeichnungspflicht-fuer-polizistinnen-mit-solider-gesetzlicher-grundlage-in-bund-und-laendern-ge\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:18","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:18","slug":"kennzeichnungspflicht-fuer-polizistinnen-mit-solider-gesetzlicher-grundlage-in-bund-und-laendern-ge","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/kennzeichnungspflicht-fuer-polizistinnen-mit-solider-gesetzlicher-grundlage-in-bund-und-laendern-ge\/","title":{"rendered":"Kennzeichnungspflicht f\u00fcr Polizist*innen \u0096 mit solider gesetzlicher Grundlage in Bund und L\u00e4ndern geboten"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 229 (1\/2020), S. 117-124<\/p>\n<p>Die Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizist*innen ist eine langj&auml;hrige Forderung von B&uuml;rger*innen- und Menschenrechtsverb&auml;nden wie der Humanistischen Union und Amnesty International. Dieser Beitrag zeigt, dass eine Kennzeichnungspflicht auf gesetzlicher Grundlage nach Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts, des Landesverfassungsgerichts Sachsen-Anhalt und des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte aus den Jahren 2019 bzw. 2017 nicht nur zul&auml;ssig, sondern auch geboten ist.<\/p>\n<p>In vielen deutschen Bundesl&auml;ndern wurden in den 2010er Jahren Regelungen eingef&uuml;hrt, die Polizist*innen verpflichten, im Dienst eine individuelle Kennzeichnung zu tragen, insbesondere in geschlossenen Einheiten (zur Entwicklung: Spitzer 2016, S.&nbsp;37ff.; Thinnes 2014, S. 14ff.; Bandau &amp; Bothner 2020; Aden 2010 und 2012). Diese Regelungen gehen auf langj&auml;hrige Forderungen von Menschenrechtler*innen zur&uuml;ck, in Deutschland u.a. auf die Humanistische Union und Amnesty International (insbesondere Amnesty International 2010, S.&nbsp;74f.). Die Forderungen bezogen sich zumeist auf F&auml;lle rechtswidriger Gewaltanwendung durch Polizist*innen, die oftmals nicht aufgekl&auml;rt und daher straf- oder disziplinarrechtlich nicht sanktioniert werden konnten, weil nur feststand, dass ein Fehlverhalten Polizeibediensteten zuzuordnen war, aber unklar blieb, welche Personen konkret handelten (Beispiele bei Amnesty International 2010).<\/p>\n<p>Innerhalb der Landespolizeien f&uuml;hrte die Pflichtkennzeichnung zu kontroversen Diskussionen, teils auch zu vehementen Widerst&auml;nden, die auch in Klageverfahren zum Ausdruck kamen. Im Jahr 2019 stellten das Bundesverwaltungsgericht und das Landesverfassungsgericht Sachsen-Anhalt klar, dass die Pflichtkennzeichnung mit den Grundrechten der Polizist*innen vereinbar ist, wenn sie auf einer gesetzlichen Grundlage beruht. Bereits 2017 hatte der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte Deutschland zur Einf&uuml;hrung einer Pflichtkennzeichnung f&uuml;r behelmte Polizist*innen aufgefordert, um den Verpflichtungen aus Art.&nbsp;3 der Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) nachzukommen. In F&auml;llen, in denen Polizist*innen Misshandlungen vorgeworfen werden, verpflichtet Art.&nbsp;3 EMRK die Mitgliedstaaten zu effektiven Ermittlungen.<\/p>\n<h5><span id=\"1-pflichtkennzeichnung-in-brandenburg-und-sachsen-anhalt\">1. Pflicht&shy;kenn&shy;zeich&shy;nung in Brandenburg und Sachsen-An&shy;halt<\/span><\/h5>\n<p>In Brandenburg und Sachsen-Anhalt wurde die Kennzeichnungspflicht gesetzlich geregelt. Das Land Brandenburg erg&auml;nzte die bereits zuvor bestehende Pflicht von Polizist*innen, sich auf Verlangen Betroffener auszuweisen (Legitimationspflicht), im Juni 2011 um eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht. &sect;&nbsp;9 des Brandenburgischen Polizeigesetzes bestimmt:<\/p>\n<p><i>&#8222;(2) Polizeivollzugsbedienstete tragen bei Amtshandlungen an ihrer Dienstkleidung ein Namensschild. Das Namensschild wird beim Einsatz geschlossener Einheiten durch eine zur nachtr&auml;glichen Identit&auml;tsfeststellung geeignete Kennzeichnung ersetzt. <br \/>(3) Die Legitimationspflicht und die namentliche Kennzeichnung gelten nicht, soweit der Zweck der Ma&szlig;nahme oder Amtshandlung oder &uuml;berwiegende schutzw&uuml;rdige Belange des Polizeivollzugsbediensteten dadurch beeintr&auml;chtigt werden. <br \/>(4) Das f&uuml;r Inneres zust&auml;ndige Mitglied der Landesregierung regelt Inhalt, Umfang und Ausnahmen von diesen Verpflichtungen durch Verwaltungsvorschrift.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Ausf&uuml;hrlicher, aber im Ergebnis &auml;hnlich ist die 2017 eingef&uuml;hrte Regelung in &sect;&nbsp;12 des Sicherheits- und Ordnungsgesetzes Sachsen-Anhalt konzipiert.<\/p>\n<p><i>&#8222;(2) Polizeibeamte des Landes Sachsen-Anhalt tragen bei Amtshandlungen in Sachsen-Anhalt an ihrer Dienstkleidung ein Namensschild (namentliche Kennzeichnungspflicht). Die namentliche Kennzeichnungspflicht gilt nicht, soweit im Einzelfall der Zweck der Amtshandlung oder &uuml;berwiegende schutzw&uuml;rdige Belange des Polizeibeamten dadurch beeintr&auml;chtigt werden k&ouml;nnten. In diesen F&auml;llen tragen die Polizeibeamten anstelle des Namensschildes ein Schild mit einer zur nachtr&auml;glichen Identifizierung geeigneten f&uuml;nfstelligen Dienstnummer (Dienstnummernschild).<\/i><\/p>\n<p><i>(3) Polizeibeamte in Einsatzeinheiten tragen anstelle des Namensschildes und des Dienstnummernschildes eine zur nachtr&auml;glichen Identifizierung geeignete taktische Kennzeichnung. Die taktische Kennzeichnung besteht aus der Buchstabenfolge &#8222;ST&#8220; und einer f&uuml;nfstelligen Ziffernfolge.<\/i><\/p>\n<p><i>(4) Die personenbezogenen Daten eines Polizeibeamten des Landes Sachsen-Anhalt sind mit der Vergabe und vor der Benutzung von Dienstnummern und taktischen Kennzeichnungen zu erheben und zu speichern. Zweck der Erhebung ist die Sicherstellung einer nachtr&auml;glichen Identifizierung eines Polizeibeamten des Landes Sachsen-Anhalt bei der Durchf&uuml;hrung von Amtshandlungen. Diese personenbezogenen Daten d&uuml;rfen nur genutzt werden, wenn<\/i><\/p>\n<ol>\n<li><em>tats&auml;chliche Anhaltspunkte die Annahme rechtfertigen, dass bei der Durchf&uuml;hrung einer Amtshandlung eine strafbare Handlung oder eine nicht unerhebliche Dienstpflichtverletzung begangen worden und die Identifizierung auf andere Weise nicht oder nur unter erheblichen Schwierigkeiten m&ouml;glich ist, oder<\/em><\/li>\n<li><em>dies zur Abwehr einer gegenw&auml;rtigen Gefahr f&uuml;r Leib, Leben oder Freiheit einer Person erforderlich ist.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><i>Die personenbezogenen Daten sind drei&nbsp;Monate nach dem Abschluss der tats&auml;chlichen oder einger&auml;umten Benutzung der dienstlich zur Verf&uuml;gung gestellten Dienstnummer oder taktischen Kennzeichnung zu l&ouml;schen, sofern sie nicht f&uuml;r den Erhebungszweck weiterhin erforderlich sind. [&#8230;].<\/i><\/p>\n<p><i>(5) Das f&uuml;r Polizei zust&auml;ndige Ministerium wird erm&auml;chtigt, Inhalt, Umfang und Ausnahmen von den Verpflichtungen nach den Abs&auml;tzen 2 bis 4 durch Verordnung zu bestimmen. Ausnahmen k&ouml;nnen f&uuml;r bestimmte Amtshandlungen zugelassen werden, wenn die Art und Weise der Amtshandlung oder die dabei zu tragende Dienstkleidung dies erfordert und eine nachtr&auml;gliche Identifizierung auf andere geeignete Weise m&ouml;glich ist.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Beide Regelungen enthalten Ausnahmeklauseln im Interesse &uuml;berwiegender schutzw&uuml;rdiger Belange, etwa f&uuml;r Polizeibedienstete, die sich durch eine namentliche Kennzeichnung gef&auml;hrdet f&uuml;hlen. Dies k&ouml;nnte z.B. der Fall sein, wenn Polizist*innen nachvollziehbar &Uuml;bergriffe in ihrem Privatleben bef&uuml;rchten. Die Pflicht beschr&auml;nkt sich damit faktisch auf eine Identifikationsnummer, die im Rahmen offener Polizeima&szlig;nahmen getragen werden muss, also ein Pseudonym das die R&uuml;ckverfolgung eines Handels zu einer bestimmten Beamt*in erm&ouml;glicht. Dies setzt allerdings voraus, dass diese Nummer festgestellt werden kann, z.B. auf Foto- oder Videoaufnahmen. F&uuml;r geschlossene Einsatzeinheiten, die u.a. bei Demonstrationen eingesetzt werden, erfolgt die Kennzeichnung in Brandenburg und Sachsen-Anhalt sogar stets durch eine solche pseudonymisierte Kennziffer. &Uuml;berkompliziert formulierte Ausnahmevorschriften bergen indes die Gefahr, dass die Ziele der Kennzeichnungspflicht in manchen F&auml;llen verfehlt werden (hierzu auch Barczak 2014, S. 395).<\/p>\n<p>Weitere Bundesl&auml;nder haben eine Pflichtkennzeichnung eingef&uuml;hrt, allerdings auf der Basis unterschiedlich konzipierter interner Dienstvorschriften, etwa Berlin (hierzu kritisch Barczak 2014) und Rheinland-Pfalz (&Uuml;bersicht bei Daimag&uuml;ler &amp; Drexler 2018, S.&nbsp;1531). Auf eine gesetzliche Regelung wurde hier bisher verzichtet. In L&auml;ndern wie Bayern konnte sich die Pflichtkennzeichnung bisher nicht durchsetzen, in Nordrhein-Westfalen wurde sie nach der Abl&ouml;sung der Koalition aus SPD und Gr&uuml;nen durch eine CDU\/FDP-Regierungsmehrheit wieder abgeschafft. Eine k&uuml;rzlich erschiene Analyse hat gezeigt, dass die Pflichtkennzeichnung vor allem in Bundesl&auml;ndern eingef&uuml;hrt wurde, in denen Gr&uuml;ne oder Linkspartei an der Regierung beteiligt waren; allerdings mussten neben der Regierungsbeteiligung einer dieser Parteien weitere Bedingungen hinzukommen, damit sich die Pflichtkennzeichnung durchsetzte (Bandau &amp; Bothner 2020).<\/p>\n<h5><span id=\"2-polizeigewerkschaften-als-gegner-der-kennzeichnungspflicht\">2. Polizei&shy;ge&shy;werk&shy;schaften als Gegner der Kennzeich&shy;nungs&shy;pflicht<\/span><\/h5>\n<p>Die beiden gro&szlig;en Polizeigewerkschaften &#8211; die Gewerkschaft der Polizei (GdP) als Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes und die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) &#8211; geh&ouml;rten und geh&ouml;ren zu den Hauptkritikern einer Kennzeichnungspflicht (vgl. Thinnes, 2016, S. 35ff.; Aden 2012, S. 150ff.).<\/p>\n<p>Im Mai 2011 ver&ouml;ffentlichte der GdP-Bundesvorstand ein Positionspapier mit dem Titel <i>&#8222;Ein klares Nein zur Kennzeichnungspflicht&#8220;<\/i>. Darin wurde u.a. argumentiert, es stelle <i>&#8222;eine nicht akzeptable Zumutung f&uuml;r die Einsatzkr&auml;fte dar, wenn sie &uuml;ber ihren Dienst hinaus, permanent mit ihrer beruflichen T&auml;tigkeit konfrontiert werden und in ihrer Freizeit Beschimpfungen, Sachbesch&auml;digungen und Nachstellungen erleiden k&ouml;nnten&#8220;<\/i> (GdP 2011 S. 3). Zudem bef&uuml;rchtete die Gewerkschaft <i>&#8222;negative Auswirkung der Ma&szlig;nahme auf die Motivation der eingesetzten Beamten, insbesondere von geschlossenen Einheiten. Durch die fl&auml;chendeckende videographische Beobachtung und digitale Speicherung von Einsatzgeschehen wird von vielen einsatzerfahrenen Kolleginnen und Kollegen konkret bef&uuml;rchtet, massiv durch Beschwerden und Strafanzeigen insbesondere aus den politisch extremen Szenen unter Druck gesetzt zu werden&#8220;<\/i> (ebd., S. 4).<\/p>\n<p>Auch die DPolG sprach sich mit &auml;hnlichen Argumenten regelm&auml;&szlig;ig gegen die Kennzeichnungspflicht aus. <i>&#8222;Die Einf&uuml;hrung der Kennzeichnungspflicht der Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten kommt einem Misstrauensvotum gegen die gesamte Polizei gleich und stellt die gesamte Polizei unter Generalverdacht&#8220;<\/i> (DPolG Sachsen-Anhalt 2017).<\/p>\n<h5><span id=\"3-kennzeichnungspflicht-als-gerechtfertigter-eingriff-in-die-informationelle-selbstbestimmung-der-polizistinnen\">3. Kennzeich&shy;nungs&shy;pflicht als gerecht&shy;fer&shy;tigter Eingriff in die infor&shy;ma&shy;ti&shy;o&shy;nelle Selbst&shy;be&shy;stim&shy;mung der Polizist*innen <\/span><\/h5>\n<p>In Brandenburg klagte im Jahr 2013 eine Polizeioberkommissarin mit Unterst&uuml;tzung der Gewerkschaft der Polizei gegen die 2011 eingef&uuml;hrte Kennzeichnungspflicht. Neben den gewerkschaftlich vorgetragenen Kritikpunkten wie bef&uuml;rchteter &Uuml;bergriffe im Privatleben argumentierte die Kl&auml;gerin insbesondere, die Regelung sei nicht verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig, weil gen&uuml;gend andere Instrumente zur Aufkl&auml;rung von Fehlverhalten zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden. Das Verwaltungsgericht Potsdam und das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg wiesen die Klage im Dezember 2015 bzw. im September 2018 ab.[1] Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) wies die Revision der Kl&auml;gerin im September 2019 zur&uuml;ck.[2]<\/p>\n<p>Im Kern entschied das BVerwG, dass die Pflichtkennzeichnung in das Grundrecht der Polizeibediensteten auf informationelle Selbstbestimmung eingreift, wie es das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in der Volksz&auml;hlungsentscheidung 1983[3] aus Art.&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 GG (allgemeine Handlungsfreiheit) und Art.&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 GG (Menschenw&uuml;rde) abgeleitet hat. Die Informationen, die Polizeibeamt*innen mit einem Namensschild oder einer anderen pseudonymisierten Kennzeichnung preisgeben, sind zwar vom Umfang her gering, die Informationen haben aber einen klaren Personenbezug (so bereits Aden 2010, S.&nbsp;350). Denn auch die Pseudonymisierung ist so angelegt, dass die Dienstbeh&ouml;rde den Personenbezug wiederherstellen kann, indem sie dokumentiert, welche konkrete Person dem Kennzeichen zugeordnet ist.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, dass die Kennzeichnungspflicht in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung eingreift, bedeutet allerdings keinesfalls, dass sie unzul&auml;ssig ist. Denn bereits in der Volksz&auml;hlungsentscheidung betonte das BVerfG, dass dieses Grundrecht nicht schrankenlos gew&auml;hrleistet ist, sondern durch Gesetze im &uuml;berwiegenden Allgemeininteresse beschr&auml;nkt werden kann. Das BVerwG hatte also f&uuml;r die Klage der Polizeibeamtin aus Brandenburg zu pr&uuml;fen, ob &uuml;berwiegende Allgemeininteressen die Kennzeichnungspflicht rechtfertigen. Das Gericht beantwortete diese Frage mit einem klaren &#8222;Ja&#8220; und begr&uuml;ndete dies ausf&uuml;hrlich. Die St&auml;rkung der Transparenz polizeilicher Arbeit und die Erleichterung der straf- und disziplinarrechtlichen Aufkl&auml;rung von F&auml;llen rechtswidrigen Polizeiverhaltens erkennt das Gericht ausdr&uuml;cklich als legitime Zwecke an, die eine gesetzliche Einschr&auml;nkung des Grundrechts der Polizeibeamt*innen auf informationelle Selbstbestimmung rechtfertigen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Das BVerwG kn&uuml;pft in seiner Argumentation auch an die Entscheidung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte (EGMR) vom 9.&nbsp;November 2017 an (hierzu auch Daimag&uuml;ler &amp; Drexler 2018, S. 1532f.). In diesem Verfahren gegen Deutschland ging es um Misshandlungsvorw&uuml;rfe gegen bayerische Polizeibeamte. Der EGMR betonte in seiner Entscheidung, dass eine fehlende individuelle Kennzeichnung von behelmten und maskierten Polizeibeamt*innen ein Hindernis bei der Aufkl&auml;rung von Verst&ouml;&szlig;en gegen das Folterverbot (Art.&nbsp;3 EMRK) darstelle.[4] In st&auml;ndiger Rechtsprechung leitet der EGMR aus Art.&nbsp;3 EMRK auch die Pflicht der Mitgliedstaaten ab, bei glaubhaften Behauptungen einer Verletzung des Art.&nbsp;3 EMRK nachtr&auml;glich unabh&auml;ngige, unparteiische, schnelle und sorgf&auml;ltige Ermittlungen durchzuf&uuml;hren. Diese Anforderungen waren im Falle der bayerischen Misshandlungsvorw&uuml;rfe verletzt worden. Daher verurteilte der EGMR Deutschland wegen eines Versto&szlig;es gegen Art.&nbsp;3 EMRK.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich stellte das Bundesverwaltungsgericht auch fest, dass im Land Brandenburg hinreichende Regelungen zur Umsetzung der EU-Datenschutzrichtlinie 2016\/ 680\/EU f&uuml;r den Polizei- und Strafjustizbereich geschaffen wurden, die daf&uuml;r sorgen, dass die personenbezogenen Daten der Polizist*innen, die im Zusammenhang mit der Kennzeichnung anfallen, angemessen gesch&uuml;tzt sind.<\/p>\n<p>Im Ergebnis &auml;hnlich argumentierte das Landesverfassungsgericht (LVG) Sachsen-Anhalt in seinem Urteil aus dem Mai 2019, mit dem es die dortige gesetzliche Regelung zur Polizeikennzeichnung f&uuml;r mit der Landesverfassung vereinbar erkl&auml;rte.[5] In diesem Fall war allerdings keine Polizeigewerkschaft Initiatorin des Verfahrens. Vielmehr handelte es sich um ein Normenkontrollverfahren, das 22 Landtagsabgeordnete der Partei &#8222;Alternative f&uuml;r Deutschland&#8220; (AfD) beim LVG initiierten. Das LVG lehnte die beantragte Aufhebung der gesetzlichen Regelung zur Kennzeichnungspflicht ab und argumentierte in seiner Begr&uuml;ndung &auml;hnlich wie wenige Monate sp&auml;ter das Bundesverwaltungsgericht: Die gesetzlich angeordnete Polizeikennzeichnung greife zwar in das Grundrecht der Polizist*innen auf informationelle Selbstbestimmung ein, sei aber durch &uuml;berwiegende Allgemeinwohlbelange gerechtfertigt. Diese seien in dem Landesgesetz hinreichend bestimmt und verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig ausgestaltet.<\/p>\n<h5><span id=\"4-ausblick-gesetzlich-abgesicherte-kennzeichnungspflicht-nun-auch-in-den-anderen-bundeslaendern-und-fuer-die-bundespolizei-ueberfaellig\">4. Ausblick: Gesetzlich abgesi&shy;cherte Kennzeich&shy;nungs&shy;pflicht nun auch in den anderen Bundes&shy;l&auml;n&shy;dern und f&uuml;r die Bundes&shy;po&shy;lizei &uuml;berf&auml;llig<\/span><\/h5>\n<p>Die in diesem Beitrag besprochenen Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts, des Landesverfassungsgerichts Sachsen-Anhalt und des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte zeigen in der Gesamtschau, dass eine individuelle Kennzeichnung f&uuml;r Polizist*innen &#8211; zumindest bei uniformierten und behelmten Eins&auml;tzen &#8211; mit den Grundrechten der Polizist*innen vereinbar und dar&uuml;ber hinaus sogar geboten ist. Denn nur so k&ouml;nnen die Landespolizeien und die Bundespolizei den Anforderungen des Art.&nbsp;3 EMRK an eine effektive Aufkl&auml;rungen von Misshandlungsvorw&uuml;rfen gerecht werden.<\/p>\n<p>Die Entscheidungen best&auml;tigen allerdings auch, dass die Kennzeichnungspflicht gesetzlich geregelt werden muss. Zwar hatten sich das BVerwG und das LVG Sachsen-Anhalt nicht mit der Frage zu befassen, ob die Einf&uuml;hrung der Kennzeichnungspflicht durch Verwaltungsvorschriften den Anforderungen gen&uuml;gt, wenn sie die gesetzlichen Regelungen &uuml;ber die Dienstkleidung konkretisieren (hierzu Barczak 2011 und 2014). Allerdings unterstreichen die Ausf&uuml;hrungen beider Gerichte zur notwendigen Bestimmtheit von Regelungen, die Eingriffe in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zulassen, dass die Praxis einiger Bundesl&auml;nder, darunter Berlin, die Kennzeichnung durch verwaltungsinterne Regelungen anzuordnen, nicht ausreicht (so auch Spitzer 2016, S.&nbsp;226). Die L&auml;nder, die bisher keine Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizist*innen eingef&uuml;hrt oder keine Gesetzesregelung hierzu erlassen haben, sollten also unverz&uuml;glich gesetzliche Regelungen schaffen. Gleiches gilt f&uuml;r die Bundesgesetzgebung in Bezug auf eine Pflichtkennzeichnung der Bundespolizist*innen.<\/p>\n<p><i>PROF.&nbsp;DR.&nbsp;HARTMUT&nbsp;ADEN&nbsp;&nbsp; ist Jurist und Politikwissenschaftler. Er ist Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht, Europarecht, Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Recht Berlin, zugleich Vizepr&auml;sident f&uuml;r Forschung (seit April 2020) und Mitglied des Forschungsinstituts f&uuml;r &Ouml;ffentliche und Private Sicherheit (F&Ouml;PS Berlin). Webseite: <\/i><a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n<p>Literatur<br \/>Aden, Hartmut 2010: Die Kennzeichnung von Polizeibediensteten, in: <i>Die Polizei<\/i> (101.&nbsp;Jg., Nr. 12), S. 347-352.<\/p>\n<p>Aden, Hartmut 2012: Polizeikennzeichnung &#8211; Konfliktlinien und Akteurskoalitionen in einer jahrzehntelangen Debatte, in: Jochen-Thomas Werner &amp; Thomas Ohlemacher (Hg.), Empirische Polizeiforschung XIII: Polizei und Gewalt, Frankfurt am Main: Verlag f&uuml;r Polizeiwissenschaft, S. 143-157.<\/p>\n<p>Amnesty International 2010: T&auml;ter unbekannt. Mangelnde Aufkl&auml;rung von mutma&szlig;lichen Misshandlungen durch die Polizei in Deutschland, Bonn\/ Berlin.<\/p>\n<p>Bandau, Frank &amp; Bothner, Fabio 2020: Die Einf&uuml;hrung der Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizeibeamte: Ein QCA-basierter Bundesl&auml;ndervergleich, in: Zeitschrift <i>f&uuml;r Vergleichende Politikwissenschaft <\/i>(14. Jg., Nr. 1), <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12286-020-00443-8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/s12286-020-00443-8<\/a>.<\/p>\n<p>Barczak, Tristan 2011: Die Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizeibeamte im Lichte des Verfassungsrechts, in: NVwZ &#8211; <i>Neue Zeitschrift f&uuml;r Verwaltungsrecht<\/i> (30. Jg., Nr. 14), S.&nbsp;852-855.<\/p>\n<p>Barczak, Tristan 2014: Die Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizeibeamte in Berlin und Brandenburg, in:<i> LKV &#8211; Landes- und Kommunalverwaltung <\/i>(24. Jg., Nr. 9), S. 391-395.<\/p>\n<p>Behr, Rafael 2008: Cop Culture &#8211; Der Alltag des Gewaltmonopols: M&auml;nnlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei, 2. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>B&uuml;rgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg 1996: Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses &#8222;Hamburger Polizei&#8220;, B&uuml;rgerschafts-Drucksache 15\/6200 vom 13.11.1996.<\/p>\n<p>Daimag&uuml;ler, Mehmet G&uuml;rcan &amp; Drexler, Niklas 2018: Die individuelle Kennzeichnung von Polizistinnen und Polizisten in geschlossenen Eins&auml;tzen, in: <i>NVwZ &#8211; Neue Zeitschrift f&uuml;r Verwaltungsrecht <\/i>(37. Jg., Nr. 20), S. 1530-1535.<\/p>\n<p>DPolG (Deutsche Polizeigewerkschaft) Sachsen-Anhalt 2017: DPolG weiterhin gegen Kennzeichnungspflicht von Polizeibeamten &#8211; Einsatz von Bodycams wird begr&uuml;&szlig;t, in: <i>Polizeispiegel<\/i> (51. Jg., Nr. 7-8), S. 9 (Landesseite Sachsen-Anhalt).<\/p>\n<p>GdP (Gewerkschaft der Polizei) Bundesvorstand 2011: Ein klares Nein zur Kennzeichnungspflicht, Berlin: GdP.<\/p>\n<p>Spitzer, Cordula 2016: Pers&ouml;nlichkeitsrecht von Amtstr&auml;gern? Zur Kennzeichnungspflicht von Polizeivollzugsbeamten, Stuttgart: Boorberg.<\/p>\n<p>Thinnes, Birgit 2014: Wege aus der Anonymit&auml;t des Staates &#8211; Ein kriminologisch-empirischer Beitrag zur Kennzeichnungspflicht der Polizei, Frankfurt\/Main: Verlag f&uuml;r Polizeiwissenschaft.<\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>1 OVG Berlin-Brandenburg, 4. Senat, Urteil vom 5.9.2018, Az. OVG 4 B 4.17.<br \/>2 BVerwG, 2. Senat, Urteil vom 26.9.2019, Az. 2 C 33.18 (ECLI:DE:BVerwG:2019:260919U2C33.18.0).<br \/>3 BVerfGE 65, 1.<br \/>4 EGMR, Urteil vom 9.11.2017, Application 47274\/15, Hentschel und Stark gegen Deutschland,<br \/>Abs. 99; online: <a href=\"http:\/\/hudoc.echr.coe.int\/eng?i=001-178381\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/hudoc.echr.coe.int\/eng?i=001-178381<\/a><br \/>5 Landesverfassungsgericht Sachsen-Anhalt, Urteil vom 7.5.2019, LVG 4\/18.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[49],"tags":[672,667],"autoren":[138],"publikationen":[875],"class_list":["post-8498","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-polizei","tag-polizei","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hartmut-aden","publikationen-875"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kennzeichnungspflicht f\u00fcr Polizist*innen \u0096 mit solider gesetzlicher Grundlage in Bund und L\u00e4ndern geboten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/kennzeichnungspflicht-fuer-polizistinnen-mit-solider-gesetzlicher-grundlage-in-bund-und-laendern-ge\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kennzeichnungspflicht f\u00fcr Polizist*innen \u0096 mit solider gesetzlicher Grundlage in Bund und L\u00e4ndern geboten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 229 (1\/2020), S. 117-124 Die Kennzeichnungspflicht f&uuml;r Polizist*innen ist eine langj&auml;hrige Forderung von B&uuml;rger*innen- und Menschenrechtsverb&auml;nden wie der Humanistischen Union und Amnesty International. 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