{"id":8504,"date":"2020-07-12T13:01:00","date_gmt":"2020-07-12T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/dr-dr-hc-burkhard-hirsch\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:15","slug":"dr-dr-hc-burkhard-hirsch","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/dr-dr-hc-burkhard-hirsch\/","title":{"rendered":"Dr. Dr. h.c. Burkhard Hirsch"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 229 (1\/2020), S. 161-164<\/p>\n<p><i>&#8222;Ein Streiter f&uuml;r B&uuml;rgerrechte, ein unbeugsamer K&auml;mpfer, f&uuml;r den politischer Liberalismus und soziale Gerechtigkeit untrennbar zusammen geh&ouml;rten, hat uns verlassen. Seine klare Haltung gegen Rechts und gegen Antisemitismus, f&uuml;r den Erhalt des Asylrechts, gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr im Kosovo und seine erfolgreichen Klagen gegen den Gro&szlig;en Lauschangriff (gemeinsam mit Gerhart Baum und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger), die Vorratsdatenspeicherung und den Staatstrojaner sind uns bleibendes Vorbild f&uuml;r unbeirrbare Zivilcourage im Interesse der Grund- und Freiheitsrechte.&#8220; <\/i><\/p>\n<p>So lautete die Anzeige in der &#8222;Tageszeitung&#8220;, unter der sich im M&auml;rz 2020 die Namen von &uuml;ber hundertzwanzig Personen, zumeist ehemalige JungdemokratInnen finden, die heute in vier Parteien, bei der SPD, den Gr&uuml;nen, der Linken und noch in der FDP aktiv sind. F&uuml;r viele war Burkhard Hirsch zur b&uuml;rgerrechtlichen Institution geworden, zusammen mit Gerhart R. Baum ein unbequemer Mahner und einer der letzten aufrechten Liberalen f&uuml;r Rechtsstaatlichkeit, Liberalit&auml;t im Recht und Mahner gegen die Vertreter von &#8222;Law and Order&#8220;, die immer mehr Zuspruch finden &#8211; inzwischen sogar bei FDP und Gr&uuml;nen. Aber auch f&uuml;r einen konsequenten sozialen Liberalismus.<\/p>\n<p>Burkhard Hirsch war nicht immer so. Ich erinnere mich an harte Auseinandersetzungen mit ihm als NRW-Innenminister von 1975 bis 1980. Als Polizeiminister war er gef&uuml;rchtet und lag im Streit mit uns Jungdemokraten der 1970er und 80er Jahre, deren Landesratspr&auml;sident in NRW er immerhin von 1959-64 gewesen ist. Noch 1978 wollte er an der damaligen Praxis der Regelanfrage beim Verfassungsschutz und der Berufsverbote festhalten &#8211; bis er sich einer von seinem ehemaligen Jugendverband organisierten Mehrheit auf dem Bundesparteitag in Mainz geschlagen geben musste. Ob es der Verlust des Ministeramtes aufgrund der verlorenen NRW-Wahl 1980 war oder das D&auml;mmern der &#8222;Wende&#8220; der rechten FDP-Protagonisten Genscher, Lambsdorff, Scheel und Co. schon am Abend der Bundestagswahl 1980 &#8211; von da an z&auml;hlte Burkhard Hirsch zu den profiliertesten Verteidigern der sozialliberalen Koalition und linksliberaler Politik.<\/p>\n<p>Worin er niemals zur&uuml;ckwich, das war seine tiefe &Uuml;berzeugung, dass von deutschem Boden niemals mehr Krieg ausgehen und der Faschismus niemals mehr eine Chance haben d&uuml;rfe. Und er hasste Verlogenheit. Zum 100 Jahre-Jubil&auml;um der Jungdemokraten schrieb er 2019 [1], dass er als &#8222;Pimpf&#8220; in Uniform auf der Stra&szlig;e mit einer alten Frau zusammenstie&szlig;, die sich &auml;ngstlich vor ihm an die Seite dr&uuml;ckte und niemand sp&auml;ter ihm erkl&auml;ren wollte, was es mit dem gro&szlig;en gelben Stern auf sich hatte, den sie am Mantel trug. <br \/>Dann kamen die Amerikaner, dann die russischen Besatzer nach Halle &#8211; und die Lehrer, die vor Wochen noch &#8222;Heil Hitler&#8220; br&uuml;llten, sprachen von der roten Armee als ihren &#8222;Freunden&#8220;. Noch in der DDR trat er in die LDPD ein und als die Russen ihn &#8222;sprechen wollten&#8220; machte er &#8222;eine lange Fu&szlig;wanderung&#8220; durch den Harz und kam in Marburg an, wo er sich als Kreiskassierer der FDP und mit dem Verkauf von Rasierklingen &uuml;ber Wasser hielt.[2] Dort musste er mit Abscheu feststellen, dass die FDP damals von ehemaligen Nazis und Waffen-SS Leuten wie August-Martin Euler[3] und Albert Dederichsweiler gef&uuml;hrt wurde und sich schon 1950 f&uuml;r ein Ende der Entnazifizierung einsetzte. Die damals ausgestellten sogenannten Persilscheine[4] waren f&uuml;r ihn die &#8222;<i>gr&ouml;&szlig;te L&uuml;gensammlung der deutschen Geschichte<\/i>&#8220;.&nbsp;<\/p>\n<p>Die Haltung eines Menschen, der aus der Geschichte gelernt hat, zeichnete Hirsch zeitlebens aus. Er teilte sie mit Fritz Bauer, der sich gegen das Vergessen stemmte und daf&uuml;r k&auml;mpfte, aus der Geschichte zu lernen und die richtigen Schl&uuml;sse zu ziehen. Als er 2006 den Fritz-Bauer Preis der Humanistischen Union entgegen nahm, machte er das in seiner Rede deutlich. Er, der 1950 als Jurastudent im Amerikahaus die Berichte der N&uuml;rnberger Prozesse gelesen und sich gesch&auml;mt hatte, sch&auml;mte sich wieder 1998 f&uuml;r die Rede Martin Walsers anl&auml;sslich des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels; welcher nicht nur die Stirn besa&szlig;, von der &#8222;<i>Moralkeule Auschwitz<\/i>&#8220; zu bramarbasieren, &#8222;<i>von der er sich befreien<\/i>&#8220; wolle, sondern f&uuml;r diese Uns&auml;glichkeit auch noch von der Mehrheit der in der Paulskirche Versammelten st&uuml;rmischen Beifall erntete; unter den Augen von Ignaz Bubis, dem langj&auml;hrigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden und seiner Frau.<\/p>\n<p>Burkhard Hirsch setzte sich daf&uuml;r ein, dass die von Rechten angefeindete &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220; in Bonn im <i>Haus der Geschichte <\/i>gezeigt werden solle &#8211; zun&auml;chst wurden technische Gr&uuml;nde vorgeschoben; dann betont, man habe ja schon eine Ausstellung &uuml;ber russische und deutsche Kriegsgefangene dort gehabt. F&uuml;r Hirsch ein Grund, dieses Haus nie mehr zu betreten. Er geh&ouml;rte konsequenterweise als einziger Liberaler zu den Abgeordneten, die 1998 im Deutschen Bundestag gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr im Kosovo stimmten.<\/p>\n<p>Burkhard Hirsch war auch in NRW, wohin er Mitte der 1950er Jahre &uuml;bersiedelte, mit Gerhart Baum und anderen Jungdemokraten der &Uuml;berzeugung, dass die neue Ostpolitik mit der Anerkennung der Oder-Nei&szlig;e Linie, der &Uuml;berwindung der Hallstein-Doktrin und Anerkennung der DDR notwendig war, auch wenn er bei den damaligen harten innerparteilichen Machtk&auml;mpfen nicht profiliert in Erscheinung trat. Das tat er um so deutlicher in der &#8222;Perspektivkommission&#8220; unter Leitung von Gerhart Baum, die ein neues, b&uuml;rgerrechtliches und &ouml;kologisches Profil der sozialliberalen FDP entwickelt hatte, jedoch 1977 gegen den Wirtschaftsfl&uuml;gel eine bittere Niederlage einstecken musste. F&uuml;r Hirsch war dies ein Schl&uuml;sselerlebnis, das schlie&szlig;lich in den von Genscher betriebenen Koalitionsbruch mit der SPD (1982) und das Ende des organisierten sozialen Liberalismus in Deutschland m&uuml;ndete. Diese Wendung trieb ihn bis zuletzt um; er k&auml;mpfte weiter, verlor gegen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Kampf ums Justizressort und fand schlie&szlig;lich im kongenialen Gerhart Baum den Partner f&uuml;r zahlreiche erfolgreiche Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht.<\/p>\n<p>Als &uuml;berzeugter Parlamentarier war er 1998 als &#8222;Sonderermittler&#8220; eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Bundeskanzleramt t&auml;tig, um Licht in die Umst&auml;nde der Aktenvernichtungsaktion zu bringen, die es nach Kohls Wahlniederlage im Kanzleramt gegeben hatte. Hirsch fand umfangreiche Aktenl&uuml;cken um den Verkauf der Leuna-Minol[5], bei der es Schmiergeldzahlungen an Helmut Kohl gegeben haben soll; bei R&uuml;stungsgesch&auml;ften um den Fuchs-Sp&uuml;rpanzer; einer Panzerfabrik in Kanada und Treuhand-Privatisierungen. Sein trockener Humor pr&auml;gte die Bezeichnung der Aff&auml;re als &#8222;Bundesl&ouml;schtage&#8220;[6]. Gegen den &#8222;Gro&szlig;en Lauschangriff&#8220;, die Vorratsdatenspeicherung, den NRW-Staatstrojaner und gegen das &#8222;Luftsicherheitsgesetz&#8220; klagte er zusammen mit Gerhart Baum erfolgreich. Seine besondere Besorgnis gegen&uuml;ber schwindender Rechtsstaatlichkeit kam im Engagement gegen das sogenannte &#8222;Luftsicherheitsgesetz&#8220; zum Ausdruck, das den Abschuss von Passagiermaschinen bei putativ bevorstehenden Terrorakten legalisieren sollte:<\/p>\n<p><i>&#8222;Wir beginnen, die Ma&szlig;st&auml;be zu verlieren. Es war f&uuml;r mich erschreckend, da&szlig; Offiziere eines Jagdgeschwaders erkl&auml;rt haben, sie w&uuml;rden auf Befehl auch ein vollbesetztes entf&uuml;hrtes Passagierflugzeug abschie&szlig;en, Befehl sei Befehl. Man m&uuml;sse dem System vertrauen und schulde ihm Gehorsam. W&uuml;rden sie das auch dann sagen, wenn sie die vielleicht hundert, vielleicht zweihundert M&auml;nner, Frauen und Kinder nicht mit einem Knopfdruck in ihrem Cockpit, sondern einzeln, einen nach dem anderen, erschie&szlig;en m&uuml;ssten Was f&uuml;r ein Kontrast zu dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das die Degradierung eines Offiziers der Bundeswehr aufhob, der sich aus Gewissensgr&uuml;nden geweigert hatte, indirekt an dem Irak-Krieg mitzuwirken, f&uuml;r den er keine v&ouml;lkerrechtliche Grundlage erkennen konnte! <\/i><br \/><i>Soll man sich dar&uuml;ber aufregen, wenn der Verteidigungsminister erkl&auml;rt, er w&uuml;rde ungeachtet des Urteils des Bundesverfassungsgerichts notfalls ein Flugzeug eben abschie&szlig;en lassen, wenn er also erkl&auml;rt, einen Mord anordnen zu wollen, n&auml;mlich die vorsorgliche T&ouml;tung mit gemeingef&auml;hrlichen Mitteln, &#8211; und der Rest des Kabinetts schweigt dazu? Ja, man muss sich dar&uuml;ber emp&ouml;ren, auch dar&uuml;ber, da&szlig; er hoffen kann, f&uuml;r seine markige Erkl&auml;rung Beifall zu erhalten. Der Minister sagt, er w&uuml;rde nach einem solchen Befehl zur&uuml;cktreten. Ist das alles? Er m&uuml;sste nicht nur entlassen, sondern vor Gericht gestellt werden, solange die Bundesrepublik ein Rechtsstaat ist.&#8220; <\/i><\/p>\n<p>So Hirsch in seiner Rede anl&auml;sslich der Preisverleihung durch die Humanistische Union. Das Bundesverfassungsgericht hob 2006 das Luftsicherheitsgesetz als unvereinbar mit dem Recht auf Leben (Artikel&nbsp;2 Abs.&nbsp;2 GG) und der Menschenw&uuml;rde (Artikel&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 GG) auf.<\/p>\n<p>Selbst ehemaliger Innenminister, stellte Hirsch die Spirale der Gesetzesversch&auml;rfungen grunds&auml;tzlich in Frage: <i>&#8222;&#8230;es ist unverkennbar, da&szlig; unter Berufung auf immer neue Feinde des Rechtsstaats, die RAF, die Organisierte Kriminalit&auml;t, die Drogenmafia, die von Schleusern herbeigef&uuml;hrte Ausl&auml;nderschwemme, der massenhafte Missbrauch des Asylrechts, die Terroristen, die Islamisten, die Hassprediger, immer neue staatliche Eingriffs- und Kontrollrechte eingef&uuml;hrt worden sind, die unsere Freiheiten und B&uuml;rgerrechte wesentlich eingeschr&auml;nkt haben, insbesondere, wenn sie sich nicht nur gegen den T&auml;ter, sondern gegen Personen richten, die sich rechtm&auml;&szlig;ig verhalten, aber vorsorglich oder vorbeugend Objekt polizeilicher Ma&szlig;nahmen werden, weil die Polizei argw&ouml;hnt, sie k&ouml;nnten in Zukunft eine Straftat begehen wollen. Da fangen wir an, nicht b&ouml;se Taten, sondern vermutete b&ouml;se Gedanken zu verfolgen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Hirsch beschrieb damit schon 2006 genau die Probleme, die heute etwa &#8222;<i>Predictive Policing<\/i>&#8220; mit sich bringt und f&uuml;r das sich erst k&uuml;rzlich im Zuge der &#8222;<i>Black Lives Matter<\/i>&#8220; Bewegung US-amerikanische Mathematiker*innen weigerten, weiter Algorithmen zu schreiben. Burkhard Hirsch war Mitglied der Humanistischen Union und blieb in der FDP &#8211; aber er hat weit dar&uuml;ber hinaus gewirkt und sich um die Freiheitsrechte, den sozialen Liberalismus und die Demokratie verdient gemacht. Mit Gerhart Baum hat er sich bis ans Ende immer respektvoll gesiezt &#8211; obwohl die beiden sich &uuml;ber 60 Jahre kannten und nahe standen. Er wird uns fehlen.<\/p>\n<h5>Anmerkungen:<\/h5>\n<p>1 Grundrechte verwirklichen &#8211; Freiheit erk&auml;mpfen. 100 Jahre Jungdemokrat*innen, Academia 2019, S. 73 ff.<\/p>\n<p>2 A.a.O., S. 75.<\/p>\n<p>3 Der Vater jener Maja Stadler-Euler, in den 1970er Jahren Fraktionsvorsitzende der FDP Hamburg, die mit Gisela Will 1983 das legend&auml;re Volksz&auml;hlungsurteil vor dem Bundesverfassungsgericht erstritt.<\/p>\n<p>4 Allgemein &uuml;bliche Bezeichnung f&uuml;r bei der Entnazifizierung nicht als T&auml;ter eingestufte Personen.<\/p>\n<p>5 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leuna-Aff%E4re\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leuna-Aff&auml;re<\/a><\/p>\n<p>6 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundesl%F6schtage\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundesl&ouml;schtage<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2528,667],"autoren":[215],"publikationen":[875],"class_list":["post-8504","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-nachrufe","tag-vorgaenge-artikel","autoren-roland-appel","publikationen-875"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dr. Dr. h.c. 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