{"id":8534,"date":"2019-11-26T21:15:00","date_gmt":"2019-11-26T20:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-vornehmes-menschenrecht\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:12","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:12","slug":"ein-vornehmes-menschenrecht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/227\/publikation\/ein-vornehmes-menschenrecht\/","title":{"rendered":"Ein vornehmes Menschenrecht"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 227 (3\/2019), S. 165-168<\/p>\n<p><i>Jasper Prigge: Versammlungsfreiheit &#8211; Ein Praxisleitfaden. D&uuml;sseldorf: felix halle verlag, M&auml;rz 2019. <\/i><\/p>\n<p>D&uuml;rfen Demonstrationsteilnehmende campen? Darf eine Versammlungsbeh&ouml;rde die Demonstrierenden auf eine andere Route als die gew&uuml;nschte lenken? Darf die Polizei anreisende Demonstranten*innen in Kontrollstellen kontrollieren? Diese Fragen haben zuletzt Aktivisten*innen, Beh&ouml;rden und Gerichte im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forsts besch&auml;ftigt. Diesen und anderen versammlungstypischen Fragen geht Jasper Prigge in seinem im M&auml;rz 2019 erschienenen Taschenbuch &#8222;Versammlungsfreiheit &#8211; Ein Leitfaden&#8220; nach.<\/p>\n<p>Der D&uuml;sseldorfer Rechtsanwalt Prigge schreibt laut Einleitung sein Buch ausdr&uuml;cklich aus der Praxis f&uuml;r die Praxis (S. 10) und will &#8211; so die Aussage auf dem Buchdeckel &#8211; Aktive aus sozialen Bewegungen, Initiativen, Gewerkschaften, Verb&auml;nden, Parteien sowie Journalisten* innen ansprechen. Allerdings fokussiert Prigge &#8211; ohne dass er das ausdr&uuml;cklich schreibt &#8211; wohl eher auf Demonstrierende aus einem Mitte-Links-Spektrum. F&uuml;r Rechte enth&auml;lt das Buch vermutlich nicht die entscheidenden Infos (zum Beispiel welches Hakenkreuz-&auml;hnliche Zeichen noch erlaubt und welches verboten ist); im Gegenteil: Prigge zeigt im Anhang mit Mustertexten auf, wie Veranstalter einer Versammlung in geschlossenen R&auml;umen bereits in der Versammlungseinladung deutlich machen k&ouml;nnen, dass der rechten Szene angeh&ouml;rige Menschen nicht erw&uuml;nscht sind. Aber auch f&uuml;r andere Gruppen wie die Kurden*innen d&uuml;rfte das Buch nicht die entscheidenden praxisrelevanten Informationen zu zul&auml;ssigen Inhalten von Transparenten liefern. F&uuml;r einen Teil der Demonstrierenden im Hambacher Forst ist der Ratgeber m&ouml;glicherweise nicht radikal genug, weil er zum Beispiel keine Informationen dazu enth&auml;lt, inwieweit im Zusammenhang mit Versammlungen Festgehaltene die Angabe ihrer Personalien verweigern d&uuml;rfen. Dazu gibt es aber aus anderen Quellen einschl&auml;gigere Rechtsratgeber, etwa von &#8222;Ende Gel&auml;nde&#8220;.[2]<\/p>\n<p>F&uuml;r die breite Masse von Demonstrierenden wird Prigge jedoch dem Praxistauglichkeitsanspruch mit Form und Inhalt gerecht: Das Buch ist von handlichem Format, &uuml;bersichtlich gegliedert, erkl&auml;rt die h&auml;ufigsten Abk&uuml;rzungen und enth&auml;lt im Anhang Muster f&uuml;r h&auml;ufig im Rahmen von Versammlungen ben&ouml;tigte Texte, wie die Anmeldung einer Versammlung oder den Antrag auf &Uuml;bersendung des Protokolls eines Kooperationsgespr&auml;ches mit der Polizei. Hier fehlt allerdings der Hinweis, dass Versammlungsbeh&ouml;rden in der Regel im Netz Formulare zum Anmelden einer Versammlung anbieten.[3] Ebenso w&auml;re w&uuml;nschenswert gewesen, dass Prigge die im Laufe des Buches vorgestellten Checklisten (beispielsweise zum &#8222;Kooperationsgespr&auml;ch&#8220;, S.&nbsp;56) am Ende geb&uuml;ndelt wiederholt h&auml;tte.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel zeigt Prigge die vier Phasen einer Versammlung kurz auf: Vorbereitungs-, Verhandlungs-, Durchf&uuml;hrungs- und Nachbereitungsphase. Sodann gibt er eine &Uuml;bersicht &uuml;ber die Grundlagen der Versammlungsfreiheit aus Artikel&nbsp;8 Grundgesetz und die Regelungen des Versammlungsgesetzes: Versammlungen im Sinne des Artikel&nbsp;8 Grundgesetz sind &ouml;rtliche Zusammenk&uuml;nfte von mindestens zwei Personen zwecks gemeinschaftlicher Er&ouml;rterung und Kundgebung mit dem Ziel der Teilhabe an der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung.[4] Auch Konzerte sowie Veranstaltungen mit kommerziellem Anteil k&ouml;nnen Versammlungen sein, solange der Schwerpunkt der Veranstaltung bei der Meinungs&auml;u&szlig;erung liegt (S.&nbsp;26f.). Versammlungen sind allerdings nur dann von Artikel&nbsp;8 Grundgesetz gesch&uuml;tzt, wenn die Teilnehmenden friedlich und ohne Waffen sind. Eine Versammlung ist jedoch erst dann unfriedlich, wenn Gewaltt&auml;tigkeiten gegen Personen oder Sachen stattfinden (S.&nbsp;29). Sollten nur einzelne Teilnehmende gewaltt&auml;tig sein, muss die Polizei zun&auml;chst nur gegen diese vorgehen (S.&nbsp;30). Sitzblockaden machen eine Versammlung nicht unfriedlich, auch wenn sie strafrechtlich teilweise als N&ouml;tigung gewertet werden k&ouml;nnen (S.&nbsp;30 f.). Entgegen dem Wortlaut des Versammlungsgesetzes f&uuml;hrt die Nichtanmeldung einer Versammlung nicht zu deren Verbot. Versammlungen m&uuml;ssen ebenso wenig genehmigt werden (S.&nbsp;21). Unterschieden wird zwischen Versammlungen unter freiem Himmel und solchen in geschlossenen R&auml;umen, f&uuml;r die weniger strenge Vorgaben gelten, weil von ihnen in der Regel weniger Gefahren ausgehen. Versammlungen unter freiem Himmel sind solche, zu denen der Zugang seitlich nicht begrenzt ist, auch wenn die Versammlung in der Abfertigungshalle eines Flughafens stattfindet (S.&nbsp;33). Was in diesem Grundlagen-Kapitel allerdings fehlt ist die mittlerweile diskutierte Frage, ob virtuelle Versammlungen den Schutz der Versammlungsfreiheit genie&szlig;en.<\/p>\n<p>Auf die Struktur des Versammlungsgesetzes geht der Autor im dritten Kapitel zu kurz ein. Hier fehlen erstens kurze Ausf&uuml;hrungen zum Verh&auml;ltnis von Versammlungsfreiheit und Versammlungsgesetz; zweitens w&auml;ren zumindest einige wenige rechtspolitische &Auml;u&szlig;erungen dazu, warum die L&auml;nder seit 2006 nur so sp&auml;rlich Gebrauch von der Gesetzgebungsbefugnis im Versammlungsrecht gemacht haben, w&uuml;nschenswert gewesen. Insbesondere fehlt aber, dass der Autor im gesamten Text, wann immer er Normen aus dem Bundesversammlungsgesetz nennt, die entsprechenden Normen aus den Versammlungsgesetzen Bayerns, Niedersachsens, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Schleswig-Holsteins nennt, um das Buch auch f&uuml;r Aktive aus diesen L&auml;ndern m&ouml;glichst praxistauglich zu machen.&nbsp;<\/p>\n<p>Im vierten Kapitel &uuml;ber die Anmeldung einer Versammlung (S.&nbsp;39 ff.) f&uuml;hrt Prigge an, dass Versammlungen zwar nicht zwingend angemeldet werden m&uuml;ssen, aber grunds&auml;tzlich angemeldet werden sollten, weil sie sonst leichter verboten werden k&ouml;nnen, weil die Polizei ohne Vorbereitung m&ouml;glicherweise nicht schnell genug auf die von einer Versammlung ausgehenden Gefahren, etwa die Beeintr&auml;chtigungen des Stra&szlig;enverkehrs, eingehen kann. Er zeigt die Unterschiede zwischen Eil- und Spontanversammlungen und Flashmobs hinsichtlich der &#8222;Anmeldepflicht&#8220; auf. Sehr erfreulich ist bereits in diesem Kapitel, aber insbesondere im Nachfolgekapitel &#8222;Das Kooperationsgespr&auml;ch&#8220; (S.&nbsp;49 ff.), dass Prigge einerseits deutlich macht, dass eine gute Kooperation zwischen Versammlungsbeh&ouml;rde und Veranstaltern* innen eine gelingende Durchf&uuml;hrung der Versammlung erleichtern kann, andererseits aber herausstellt, dass die Veranstalter*innen keine Bittsteller gegen&uuml;ber der Beh&ouml;rde sind, sondern ein &#8222;Selbstbestimmungsrecht&#8220; &uuml;ber ihre Versammlung haben (S.&nbsp;57 f.). Hilfreich sind praxisbezogene Tipps, wie dass die Veranstalter nicht alleine zum Kooperationsgespr&auml;ch gehen sollen, weil sie meistens mehreren Beh&ouml;rdenvertretern*innen gegen&uuml;bersitzen (S.&nbsp;51) und dass sie das Kooperationsgespr&auml;ch protokollieren sollen. W&uuml;nschenswert w&auml;re allerdings gewesen, dass Prigge noch st&auml;rker herausgestellt h&auml;tte, dass angesichts der Anmeldefreiheit des Grundgesetzes, die immer noch im Versammlungsgesetz enthaltene Strafsanktion f&uuml;r Veranstalter, die eine Versammlung nicht angemeldet haben (&sect;&nbsp;26 Nr.&nbsp;2 Bundes-Versammlungsgesetz), dringend abgeschafft werden muss.<\/p>\n<p>Im sechsten Kapitel &uuml;ber &#8222;Verbot, Auflagen und Rechtsschutz&#8220; stellt Prigge sauber dar, welch hohe Anforderungen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts an das Verbot oder die Aufl&ouml;sung einer Versammlung gekn&uuml;pft sind. Auch Auflagen, die den Zeitpunkt oder den Streckenverlauf einer Versammlung, aber auch den Alkoholkonsum oder das Mitf&uuml;hren von Transparenten betreffen k&ouml;nnen, sind nur zul&auml;ssig zur Abwehr einer von der Versammlung ausgehenden Gefahr, f&uuml;r die die Versammlungsbeh&ouml;rde eine nachvollziehbare Prognose aufstellen muss (S.&nbsp;79).<\/p>\n<p>Im siebten Kapitel &#8222;Durchf&uuml;hrung einer Versammlung&#8220; sind insbesondere die Hinweise zur Stellung der Versammlungsleitung und deren Rechten und Pflichten besonders hilfreich f&uuml;r die Praxis. Allerdings fehlen Informationen zu g&auml;ngigen polizeilichen Ma&szlig;nahmen, die im Kontext von Versammlungen durchgef&uuml;hrt werden: So geht der Autor nicht auf den Pr&auml;ventivgewahrsam ein, obwohl die Polizei immer wieder im Vorfeld von oder w&auml;hrend der Versammlungen Menschen in Gewahrsam nimmt, von denen sie eine Gewaltaus&uuml;bung erwartet oder die sie als St&ouml;rer aus einer Versammlung herausgefiltert hat. Im Zusammenhang mit der polizeilichen Kamera&uuml;berwachung w&auml;hrend Versammlungen (S.&nbsp;127&nbsp;ff.) fehlt eine Auseinandersetzung mit Bodycams, die bereits in mehreren Bundesl&auml;ndern von der Polizei in geschlossenen Eins&auml;tzen bei Versammlungen verwendet werden. Zudem fehlt ein Hinweis darauf, dass nicht nur Journalisten*innen die Polizei im Einsatz grunds&auml;tzlich filmen und fotografieren d&uuml;rfen (S.&nbsp;133f.), sondern auch die Demonstranten*innen selbst, wenn sie eine Demobeobachtung organisieren.<\/p>\n<p>Prigge w&uuml;nscht sich, dass mehr Menschen durch das Buch dazu bef&auml;higt werden, von ihrer Versammlungsfreiheit Gebrauch zu machen (S.&nbsp;11). Sein Buch ermuntert Menschen in der Tat dazu, dass sie ihre Gegenmeinungen zu politischen und gesellschaftlichen Tatsachen mit anderen gemeinsam auf der Stra&szlig;e zum Ausdruck bringen, ohne dass sie den b&uuml;rokratischen Aufwand und Konflikte mit der Versammlungsbeh&ouml;rde und der Polizei zu stark f&uuml;rchten m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>2 S. <a href=\"https:\/\/www.ende-gelaende.org\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/legalteam_broschuere-3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.ende-gelaende.org\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/legalteam_broschuere-3.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>3 S. zur &Uuml;bersicht: <a href=\"https:\/\/demonstrare.de\/demonstration-anmelden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/demonstrare.de\/demonstration-anmelden\/<\/a>.<\/p>\n<p>4 S. 25 mit dem Verweis auf Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 12.7.2001 &#8211; 1 BvQ 28\/01 &#8211; Loveparade \/ Fuckparade.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[168],"publikationen":[877],"class_list":["post-8534","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-kirsten-wiese","publikationen-877"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein vornehmes Menschenrecht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/227\/publikation\/ein-vornehmes-menschenrecht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein vornehmes Menschenrecht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 227 (3\/2019), S. 165-168 Jasper Prigge: Versammlungsfreiheit &#8211; Ein Praxisleitfaden. 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