{"id":8539,"date":"2019-07-16T23:15:00","date_gmt":"2019-07-16T21:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/soziale-netzwerke-begriffsbestimmung-und-rueckschluesse-fuer-eine-grundrechtliche-einordnung-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:04","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:04","slug":"soziale-netzwerke-begriffsbestimmung-und-rueckschluesse-fuer-eine-grundrechtliche-einordnung-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/soziale-netzwerke-begriffsbestimmung-und-rueckschluesse-fuer-eine-grundrechtliche-einordnung-1\/","title":{"rendered":"Soziale Netzwerke: Begriffsbestimmung und R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr eine grundrechtliche Einordnung"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 17-24<\/p>\n<p><i>Der rechtliche Umgang mit der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist insbesondere durch das Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz &#8211; NetzDG) stark ins Blickfeld der &ouml;ffentlichen und juristischen Diskussion geraten. Der Beitrag befasst sich vor diesem Hintergrund mit der Frage, was unter dem Begriff des sozialen Netzwerkes zu verstehen ist. Hierzu werden Ans&auml;tze f&uuml;r eine Begriffsbestimmung sowohl auf dem Gebiet der Rechtswissenschaften als auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen dargestellt und herausgearbeitet, welchen Beitrag ein exaktes begriffliches Verst&auml;ndnis f&uuml;r die grundrechtliche Einordnung der Kommunikation in sozialen Netzwerken leisten kann.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"einleitung\">Einleitung<\/span><\/h2>\n<p><i>&#8222;Give people the power to build community and bring the world closer together&#8220;<\/i>[1] &#8211; mit diesem Satz beschreibt Facebook seine sich selbst zugeschriebene &#8222;Aufgabe&#8220;. Auch wenn angesichts der Eigeninteressen des Unternehmens Facebook zweifellos Vorsicht im Umgang mit dieser Selbstbeschreibung geboten ist, l&auml;sst sich konstatieren, dass soziale Onlinenetzwerke wie Facebook im Zuge der Digitalisierung in der Tat zu einem wichtigen Kommunikationsweg des freien Meinungsflusses geworden sind.[2] Aktuelle Studien belegen diesen Befund: so kam eine repr&auml;sentative Umfrage im Auftrag des BITKOM Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. aus dem Jahr 2018 zu dem Ergebnis, dass 87 Prozent aller Internetnutzer_innen bei einem sozialen Netzwerk angemeldet sind.[3]<\/p>\n<p>Durch die Diskussion um das am 1.&nbsp;Oktober 2017 in Kraft getretene Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist der rechtliche Umgang mit Kommunikationsprozessen in sozialen Netzwerken verst&auml;rkt ins Blickfeld der juristischen Literatur geraten.[4] F&uuml;r die in diesem Zusammenhang diskutierten Fragen ist es von gro&szlig;er Bedeutung, ein exaktes Verst&auml;ndnis des Begriffs des sozialen Netzwerks zu entwickeln und zu fragen, was &uuml;berhaupt unter einem sozialen Netzwerk zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Der vorliegende Beitrag befasst sich deshalb sowohl mit Ans&auml;tzen f&uuml;r eine Begriffsbestimmung au&szlig;erhalb der Rechtswissenschaft als auch mit der rechtswissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs. Ausgehend hiervon soll abschlie&szlig;end dargelegt werden, welche R&uuml;ckschl&uuml;sse und weitergehenden Fragen mit Blick auf die grundrechtliche Einordnung sozialer Netzwerke sich aus einer Analyse des Begriffs des sozialen Netzwerkes ergeben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ansaetze-fuer-eine-begriffsbestimmung-ausserhalb-der-rechtswissenschaft\">Ans&auml;tze f&uuml;r eine Begriffs&shy;be&shy;stim&shy;mung au&szlig;erhalb der Rechts&shy;wis&shy;sen&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>In einem sozialwissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff des sozialen Netzwerks bereits lange vor dem Entstehen von Internetangeboten verwendet, um soziale Beziehungen zwischen Menschen zu beschreiben.[5]<\/p>\n<p>Mit Blick auf die hier untersuchten sozialen Onlinenetzwerke wurden Versuche einer Begriffsbestimmung sowie der Herausarbeitung spezifischer Merkmale sozialer Netzwerke vor allem auf dem Gebiet der Medien- und Kommunikationswissenschaften unternommen. <br \/>Erste Definitionsans&auml;tze aus englischsprachigen Arbeiten gehen hierbei von verschiedenen Kernfunktionen sozialer Netzwerke aus: die M&ouml;glichkeit zum Anlegen eines Profils, die Option der Verkn&uuml;pfung des Profils mit anderen Nutzer_innen sowie die &ouml;ffentliche oder zumindest innerhalb des Netzwerks gegebene Einsehbarkeit der Kontaktliste der Nutzer_innen.[6] Andere Arbeiten verweisen erg&auml;nzend auf die wirtschaftliche Bedeutung der ausgetauschten Informationen im Sinne eines &#8222;<i>knowing capitalism<\/i>&#8220; hin und sehen diesen Aspekt als wichtigen Punkt bei der Besch&auml;ftigung mit sozialen Netzwerken an.[7]<\/p>\n<p>Weiterhin werden auch die M&ouml;glichkeiten zur Kommunikation mit anderen Nutzer_innen als charakteristisches Element sozialer Netzwerke angesehen und in der Folge eine Definition als ein in sich geschlossenes soziales System, welches der Abbildung, dem Aufbau und der Pflege (realweltlicher und virtueller) zwischenmenschlicher sozialer Beziehungen im Internet dient,[8] vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Ein anderer Beitrag schl&auml;gt vor, die Funktionen sozialer Netzwerke in sechs Gruppen einzuteilen: Expertensuche, Identit&auml;tsmanagement, Kontaktmanagement, Unterst&uuml;tzung von Kontextawareness, Unterst&uuml;tzung von Netzwerkawareness sowie Unterst&uuml;tzung eines gemeinsamen Austausches.[9]<\/p>\n<p>Weitere Untersuchungen sehen die Awareness-Aspekte nicht ausdr&uuml;cklich als pr&auml;gende Merkmale sozialer Netzwerke an, betonen stattdessen aber den engen Bezug zu realen Sozialbindungen sowie die strukturierte Form der Datendarstellung als Charakteristika sozialer Netzwerke.[10]<\/p>\n<p>Beim Vergleich dieser verschiedenen Ans&auml;tze f&uuml;r eine Begriffsbestimmung f&auml;llt auf, dass ganz &uuml;berwiegend die von sozialen Netzwerken bereitgestellten Funktionen herangezogen werden und die Definitionsversuche folglich auf der Funktionalit&auml;t der jeweiligen Angebote beruhen.[11] Pr&auml;gende Elemente scheinen hierbei vor allem die von sozialen Netzwerken angebotenen M&ouml;glichkeiten der Kontaktpflege und der Kommunikation mit anderen Nutzer_innen zu sein. Nach alledem liegt es nahe, soziale Netzwerke anhand der von ihnen angebotenen Kommunikationsm&ouml;glichkeiten zu definieren und sie auf dieser Grundlage von anderen Angeboten abzugrenzen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-begriff-des-sozialen-netzwerks-in-der-rechtswissenschaft\">Der Begriff des sozialen Netzwerks in der Rechts&shy;wis&shy;sen&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>Der Begriff des sozialen Netzwerkes hat im deutschen Recht und in der Rechtswissenschaft&nbsp; lange Zeit keine Rolle gespielt.[12] Dies &auml;nderte sich durch das Inkrafttreten des NetzDG. Denn das NetzDG enth&auml;lt nunmehr eine Legaldefinition des sozialen Netzwerks in &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG. Danach sind soziale Netzwerke im Sinne des NetzDG Telemediendiensteanbieter, die mit Gewinnerzielungsabsicht Plattformen im Internet betreiben, die dazu bestimmt sind, dass Nutzer beliebige Inhalte mit anderen Nutzern teilen oder der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich machen.<\/p>\n<p>Diese Definition setzt mithin zun&auml;chst voraus, dass es sich bei den Netzwerkbetreibern um Diensteanbieter von Telemedien im Sinne von &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1 Telemediengesetz (TMG) handelt. Telemedien im Sinne dieser Vorschrift sind alle elektronischen Informations- und Kommunikationsdienste, soweit sie nicht Telekommunikationsdienste nach &sect;&nbsp;3&nbsp;Nr.&nbsp;24&nbsp;Telekommunikationsgesetz (TKG), die ganz in der &Uuml;bertragung von Signalen &uuml;ber Telekommunikationsnetze bestehen, telekommunikationsgest&uuml;tzte Dienste nach &sect;&nbsp;3&nbsp;Nr.&nbsp;25 TKG (mithin nach der dortigen Legaldefinition Dienste, die keinen r&auml;umlich und zeitlich trennbaren Leistungsfluss ausl&ouml;sen, sondern bei denen die Inhaltsleistung noch w&auml;hrend der Telekommunikationsverbindung erf&uuml;llt wird) oder Rundfunk nach &sect;&nbsp;2 des Rundfunkstaatsvertrages sind. Die Einordnung sozialer Netzwerke wie Facebook unter diese Definition von Telemedien bereitet in der Regel keine Probleme,[13] auch die Anbieter&shy;eigenschaft der Betreiber sozialer Netzwerke erscheint vor dem Hintergrund der weiten Begriffsfassung des TMG unproblematisch.[14] In einigen Konstellationen stellen sich allerdings Abgrenzungsfragen zum Rundfunk, insbesondere bei Live-Streaming-Angeboten auf sozialen Netzwerken, die durch den Anbieter linear verbreitet werden und nicht zu unterschiedlichen Zeiten abgerufen werden k&ouml;nnen.[15]<\/p>\n<p>Weiteres Definitionsmerkmal ist die Gewinnerzielungsabsicht des Betreibers eines sozialen Netzwerkes. Diese Absicht ist bei den Betreibern gro&szlig;er Plattformen wie Facebook oder Twitter ohne Weiteres gegeben. Das Erfordernis der Gewinnerzielungsabsicht f&uuml;hrt allerdings dazu, dass rein private Kommunikationsplattformen oder non-profit Plattformen nicht unter die Definition des sozialen Netzwerkes nach &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG fallen.[16]<\/p>\n<p>Die von &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG erfassten Plattformen m&uuml;ssen zudem dazu bestimmt sein, dass Nutzer_innen beliebige Inhalte mit anderen teilen oder der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich machen. Erg&auml;nzend bestimmt &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;3 NetzDG, dass Plattformen nicht als soziale Netzwerke im Sinne des NetzDG gelten, wenn sie zur Individualkommunikation oder zur Verbreitung spezifischer Inhalte bestimmt sind. Zu Recht werden diese Abgrenzungskriterien angesichts ihrer Unsch&auml;rfe kritisiert. Gerade die von der Regelung vorausgesetzte klare Unterscheidbarkeit zwischen Diensten der Individualkommunikation und Diensten der Massenkommunikation geht an der tats&auml;chlichen Funktionsweise vieler Plattformen vorbei, da h&auml;ufig Angebote anzutreffen sind, die sowohl f&uuml;r Individual- als auch f&uuml;r Massenkommunikation genutzt werden k&ouml;nnen.[17] Auch der Ausschluss von Plattformen zur Verbreitung spezifischer Inhalte wird wegen zu geringer Abgrenzungssch&auml;rfe kritisiert.[18] Zudem wird in diesem Zusammenhang auch auf die Gefahr einer missbr&auml;uchlichen Inhaltsspezifizierung verwiesen, um auf diesem Weg ganz bewusst einen Ausschluss des Anwendungsbereichs des NetzDG herbeizuf&uuml;hren.[19]<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus sieht &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;2 NetzDG vor, dass das Gesetz nicht f&uuml;r Plattformen mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten gelten soll, die vom Diensteanbieter selbst verantwortet werden. Hierbei d&uuml;rfte es sich allerdings um eine blo&szlig; deklaratorische Regelung handeln, da solche journalistischen Angebote in aller Regel bereits nicht die von &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG geforderte Zweckbestimmung aufweisen d&uuml;rften.[20] Schlie&szlig;lich schr&auml;nkt &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;2&nbsp;NetzDG den Anwendungsbereich auf Anbieter sozialer Netzwerke mit mindestens zwei Millionen registrierten Nutzer_innen ein, wobei das Gesetz offen l&auml;sst, auf welchen Zeitraum sich diese quantitative Grenze beziehen soll.[21]<\/p>\n<p>Die dargestellte Kritik an der Legaldefinition des sozialen Netzwerks in &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG zeigt, dass diese Definition noch nicht alle Abgrenzungsfragen im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken in zufriedenstellender Weise l&ouml;st. Neben begrifflichen Unsch&auml;rfen im Detail scheint dies vor allem daran zu liegen, dass die Formulierung in &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1&nbsp;NetzDG von alternativen, sich nicht &uuml;berschneidenden Kategorien (Massen- vs. Individualkommunikation, spezifische vs. beliebige Inhalte) ausgeht. Gerade eine solch klare Kategorisierung bereitet angesichts der Vielfalt von Nutzungsm&ouml;glichkeiten sozialer Netzwerke nicht selten Schwierigkeiten &#8211; ein Grundproblem, das im Rahmen der rechtswissenschaftlichen Befassung mit sozialen Netzwerken an vielen Stellen anzutreffen ist.[22]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"rueckschluesse-und-weitergehende-fragen-insbesondere-mit-blick-auf-die-meinungsaeusserungsfreiheit-in-sozialen-netzwerken\">R&uuml;cksch&shy;l&uuml;sse und weiter&shy;ge&shy;hende Fragen insbe&shy;son&shy;dere mit Blick auf die Meinungs&shy;&auml;u&shy;&szlig;e&shy;rungs&shy;frei&shy;heit in sozialen Netzwerken<\/span><\/h2>\n<p>Ungeachtet der Kritik an einzelnen Definitionsmerkmalen und an den Ans&auml;tzen zur Begriffsbestimmung lassen sich anhand eines Vergleichs der verschiedenen Definitionen wertvolle Ansatzpunkte f&uuml;r ein verbessertes Verst&auml;ndnis sozialer Netzwerke ziehen. <br \/>Bei einem Vergleich der Definition des sozialen Netzwerkes in &sect;&nbsp;1&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;Satz&nbsp;1 NetzDG mit den Definitionsans&auml;tzen au&szlig;erhalb der Rechtswissenschaft f&auml;llt auf, dass in beiden F&auml;llen soziale Netzwerke ma&szlig;geblich &uuml;ber ihre Funktion als Mittel der Kommunikation definiert werden. W&auml;hrend die nicht-juristischen Definitionsans&auml;tze hierbei allerdings von einer Vielzahl verschiedener Kommunikationsformen (insbesondere auch mit Blick auf die Gr&ouml;&szlig;e des Teilnehmer_innenkreises an bestimmten Kommunikationsprozessen) auszugehen scheinen, beschr&auml;nkt die Definition des NetzDG soziale Netzwerke auf den Bereich der Massenkommunikation und fasst Plattformen, auf denen Individualkommunikation stattfindet, nicht unter den Begriff des sozialen Netzwerks. Daraus l&auml;sst sich schlie&szlig;en, dass aus medien- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht von der Kommunikation in sozialen Netzwerken nicht zwingend die mit Massenkommunikation verbundene Breitenwirkung ausgehen muss, w&auml;hrend eine solche Breitenwirkung von der Definition im NetzDG offenbar als konstituierendes Merkmal eines sozialen Netzwerkes angesehen wird.<\/p>\n<p>Auch bei der verfassungsrechtlichen Einordnung der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist somit zu untersuchen, inwieweit eine Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation im Bereich der sozialen Netzwerke &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. Gerade soziale Netzwerke bieten sowohl die technischen Voraussetzungen f&uuml;r eine reine Individualkommunikation (beispielsweise &uuml;ber den &#8222;Facebook Messenger&#8220;) als auch f&uuml;r eine Kommunikation, die sich an einen unbestimmten Personenkreis richtet und damit jedenfalls potentiell massenkommunikativ wirkt. Anschaulichstes Beispiel hierf&uuml;r sind Posts von Nutzer_innen sozialer Netzwerke, die f&uuml;r alle anderen Nutzer_innen im Netzwerk sichtbar sind. Zwischen diesen klar als Individual- oder Massenkommunikation einzuordnenden Kommunikationsformen lassen sich in sozialen Netzwerken allerdings auch Kommunikationsformen beobachten, die sich nur schwer einer dieser beiden Kategorien zuordnen lassen: Wenn Nutzer_innen einen Post in einem sozialen Netzwerk ver&ouml;ffentlichen, der nur f&uuml;r ihre &#8222;Freund_innen&#8220; in diesem Netzwerk und damit f&uuml;r einen bestimmten Adressat_innenkreis sichtbar ist, so fehlt es einerseits an der f&uuml;r eine Massenkommunikation charakteristischen &Ouml;ffentlichkeit der &Auml;u&szlig;erung. Andererseits wird zu Recht darauf hingewiesen, dass in solchen F&auml;llen auch keine Individualkommunikation im typischen Sinne vorliegt, da nicht wenige Nutzer_innen einen sehr weit gefassten und damit un&uuml;berschaubaren &#8222;Freundeskreis&#8220; innerhalb des sozialen Netzwerks haben und damit Zweifel an der f&uuml;r eine Individualkommunikation pr&auml;genden bewussten Auswahl konkret-individueller Kommunikationspartner_innen angebracht erscheinen.[23]<\/p>\n<p>Die Kommunikationsgrundrechte des Art.&nbsp;5&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;GG sind jedoch zumindest nach traditioneller Auslegung gerade durch eine klare Trennung zwischen der auf Individualkommunikation zugeschnittenen Meinungsfreiheit und den auf Massenkommunikation ausgerichteten Medienfreiheiten gepr&auml;gt.[24] Um der Multifunktionalit&auml;t konvergenter Medienangebote wie sozialer Netzwerke Rechnung zu tragen, wird in der juristischen Literatur teilweise unter Verweis auf die Schwierigkeiten der Abgrenzung zwischen Individual- und Massenkommunikation vorgeschlagen, s&auml;mtliche in Art.&nbsp;5&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;GG genannten Grundrechte als einheitliches Kommunikationsgrundrecht zu verstehen.[25] Dieser Ansatz wird von anderen Stimmen insbesondere mit dem Argument abgelehnt, dass er nicht mit Wortlaut und Systematik des Art.&nbsp;5&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;GG vereinbar sei.[26] Dieser Meinungsstreit zeigt beispielhaft, dass die Erfassung der Multifunktionalit&auml;t sozialer Netzwerke nicht nur von Bedeutung ist, wenn im Rahmen einer Begriffsbestimmung gefragt wird, was unter einem sozialen Netzwerk zu verstehen ist. Vielmehr bringen die unterschiedlichen Kommunikationsfunktionen, die soziale Netzwerke auf ihren Plattformen anbieten, auch f&uuml;r die grundrechtliche Einordnung besondere Herausforderungen mit sich.<\/p>\n<p>Weiterhin f&auml;llt auf, dass die Rolle der Netzwerkbetreiber_innen f&uuml;r den Kommunikationsprozess sowohl in den medien- und kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten als auch in der Legaldefinition des NetzDG offenbar als eine neutrale Bereitstellung der f&uuml;r die jeweiligen Kommunikationsfunktionen erforderlichen Instrumente und technischen Voraussetzungen angesehen wird. Die durch die Netzwerkbetreiber_ innen mittels entsprechender Algorithmen ausge&uuml;bten Filter- und Steuerungsfunktionen bei der Anzeige und Sortierung von Beitr&auml;gen im Newsfeed bzw. in der Chronik werden mithin f&uuml;r die spezifische Funktionsweise sozialer Netzwerke nicht als unabdingbar angesehen.[27] Diese Erkenntnis ist insbesondere f&uuml;r die Frage, welchen Einfluss die Netzwerkbetreiber_innen auf den Kommunikationsprozess aus&uuml;ben, von erheblichem Interesse. Dies kann vor allem auch f&uuml;r eine Untersuchung relevant sein, inwieweit und in welchen Konstellationen sich neben den Nutzer_innen auch die Betreiber auf den kommunikationsgrundrechtlichen Schutz durch Art.&nbsp;5 Abs.&nbsp;1&nbsp;GG berufen k&ouml;nnen. Denn im Anschluss an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts k&auml;me f&uuml;r die Netzwerkbetreiber_innen ein Schutz durch die Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit nicht in Betracht, soweit ihre Rolle als blo&szlig;e technische Verbreitung von &Auml;u&szlig;erungen zu bewerten w&auml;re.[28] Keiner der dargestellten Ans&auml;tze f&uuml;r eine Begriffsbestimmung sieht es als konstituierendes Merkmal eines sozialen Netzwerks an, dass das Netzwerk eine &uuml;ber die neutrale Inhaltsvermittlung hinausgehende Rolle im Kommunikationsprozess &uuml;bernimmt. Ausgehend von den Ans&auml;tzen zur Begriffsbestimmung d&uuml;rfte es deshalb nahe liegen, soziale Netzwerke bei den dort stattfindenden Kommunikationsvorg&auml;ngen als blo&szlig;e technische Vermittler_innen fremder Meinungen zu verstehen, die somit in diesem Rahmen dem Schutz der Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit nicht unterfallen.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich f&auml;llt auf, dass der Begriff des sozialen Netzwerkes nach dem NetzDG auf Seiten der Netzwerkbetreiber_innen eine Gewinnerzielungsabsicht voraussetzt, w&auml;hrend die au&szlig;erjuristischen Definitionsans&auml;tze eine Abgrenzung anhand eines vorhandenen oder nicht vorhandenen Gewinnstrebens der Plattformen gerade nicht vornehmen. Auch dieser Befund ist bei der Frage nach dem subjektiven Grundrechtsschutz f&uuml;r die Betreiber_innen von gro&szlig;em Interesse. Denn gerade in diesem Zusammenhang kann es von besonderer Bedeutung sein, wie die T&auml;tigkeit der Netzwerkbetreiber_innen schwerpunktm&auml;&szlig;ig einzuordnen ist und ob es sich beim Betrieb entsprechender Plattformen vor allem um ein Gesch&auml;ftsmodell f&uuml;r ein wirtschaftliches Unternehmen oder um einen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Kommunikations- und Meinungsbildungsprozess handelt. Je nachdem, wie diese Frage beantwortet wird, liegt es nahe, die Betreiber_innen sozialer Netzwerke entweder dem Schutz der Berufsaus&uuml;bungsfreiheit nach Art.&nbsp;12&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;GG oder dem Schutz der Kommunikationsgrundrechte nach Art.&nbsp;5&nbsp;Abs.&nbsp;1&nbsp;GG zu unterstellen.<\/p>\n<p>Eine vertiefte Betrachtung der in diesem Beitrag aufgeworfenen Fragen scheint notwendig zu sein, denn nach wie vor ist in der Rechtswissenschaft eine gro&szlig;e Unsicherheit im Umgang mit sozialen Netzwerken festzustellen.[29] Insbesondere ist zu konstatieren, dass eine vertiefte Diskussion &uuml;ber die grundrechtliche Stellung sozialer Netzwerke noch in den Kinderschuhen steckt.[30] Eine Befassung mit dem Begriff des sozialen Netzwerkes und den hierzu entwickelten Definitionsans&auml;tzen kann dabei helfen, &uuml;berzeugende Antworten auf die in diesem Zusammenhang zu kl&auml;renden Fragen zu finden.<\/p>\n<p><b>TILL K&Ouml;STLER<\/b>&nbsp;&nbsp; <i>ist Doktorand bei Prof. Dr. Rosemarie Will und arbeitet derzeit an einer Dissertation zur Bedeutung der Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit bei der Kommunikation in sozialen Netzwerken. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestagsb&uuml;ro der Abgeordneten Dr.&nbsp;Eva&nbsp;H&ouml;gl.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h2>\n<p>1 Diese selbst zugeschriebene &#8222;Aufgabe&#8220; findet sich auf der eigenen Facebook-Seite des Unternehmens in der Rubrik &#8222;Informationen &uuml;ber das Unternehmen&#8220;: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/pg\/facebook\/about\/?ref=page_internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.facebook.com\/pg\/facebook\/about\/?ref=page_internal<\/a> (Stand: 27. Dezember 2018).<\/p>\n<p>2 Schwartmann, GRUR-Prax 2017, 317 (317).<\/p>\n<p>3 BITKOM Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Hrsg.), Social-Media-Trends 2018, abrufbar online unter <a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Anhaenge-an-PIs\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bitkom.org\/Presse\/Anhaenge-an-PIs\/<\/a> 2018\/180227-Bitkom-PK-Charts-Social-Media-Trends-2.pdf (Stand: 27. Dezember 2018).<\/p>\n<p>4 Vgl. zur insbesondere diskutierten Frage der Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit des NetzDG-Entwurfs beispielhaft Gersdorf, MMR 2017, 439.<\/p>\n<p>5 Weissensteiner\/Leiner, M&amp;K Medien- und Kommunikationswissenschaft 59 (4) 2011, 526 (527).<\/p>\n<p>6 Boyd\/Ellison, Journal of Computer-Mediated Communication 13(1), 2008, 210 (211).<\/p>\n<p>7 Beer, Journal of Computer-Mediated Communication 13(2), 2008, 516 (525).<\/p>\n<p>8 M&ouml;rl\/Gro&szlig;, Soziale Netzwerke im Internet, 2008, S. 50.<\/p>\n<p>9 Richter\/Koch, Funktionen von Social-Networking-Diensten, Proc. Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2008, 1239 (1249).<\/p>\n<p>10 Ebersbach\/Glaser\/Heigl, Social Web, 2011, S. 96.<\/p>\n<p>11 Weissensteiner\/Leiner, M&amp;K Medien- und Kommunikationswissenschaft 59 (4) 2011, 526 (527).<\/p>\n<p>12 Spindler, K&amp;R 2017, 533 (533).<\/p>\n<p>13 Liesching, in: Spindler\/Schmitz\/Liesching, TMG, 2. Auflage, M&uuml;nchen 2018, &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG Rn. 43; Spindler, K&amp;R 2017, 533 (533).<\/p>\n<p>14 Liesching (Anm. 13), &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG Rn.&nbsp;45.<\/p>\n<p>15 Liesching (Anm. 13), &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG&nbsp;Rn. 43.<\/p>\n<p>16 Spindler, K&amp;R 2017, 533 (534), der in diesem Zusammenhang auf Unsicherheiten der Einordnung im Falle von creative commons-Lizenzen verweist.<\/p>\n<p>17 Liesching (Anm. 13), &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG&nbsp;Rn.&nbsp;60.<\/p>\n<p>18 Guggenberger, NJW 2017, 2577 (2578).<\/p>\n<p>19 Spindler, K&amp;R 2017, 533 (534); vgl. dazu allerdings auch Liesching (Anm. 13), &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG Rn. 63, der insoweit keine gro&szlig;en Probleme in der Praxis zu bef&uuml;rchten scheint.<\/p>\n<p>20 Liesching (Anm. 13), &sect;&nbsp;1&nbsp;NetzDG Rn. 57.<\/p>\n<p>21 Vgl. Spindler, K&amp;R 2017, 533 (534), der insoweit in Anlehnung an den halbj&auml;hrlichen Turnus der Berichtspflichten nach dem NetzDG vorschl&auml;gt, eine halbj&auml;hrliche Durchschnittszahl an Nutzer_ innen zugrunde zu legen.<\/p>\n<p>22 Vgl. allgemein f&uuml;r die Online-Kommunikation bereits H&auml;rting, K&amp;R 2012, 264 (264 f.).<\/p>\n<p>23 Gersdorf, MMR 2017, 439 (442).<\/p>\n<p>24 Pille, Meinungsmacht sozialer Netzwerke, Baden-Baden 2016, S. 150.<\/p>\n<p>25 Hain, K&amp;R 2012, 98 (103); Pille (Anm. 24), S. 194 ff.; in die gleiche Richtung gehend Hoffmann-Riem, Kommunikationsfreiheiten, Baden-Baden\/Hamburg, 2002, S. 89.<\/p>\n<p>26 M&ouml;llers, AfP 2008, 241 (250); Bethge, in: Sachs, GG, 8. Auflage, M&uuml;nchen 2018, Art.&nbsp;5&nbsp;Rn.&nbsp;89c.<\/p>\n<p>27 Vgl. zu negativen Auswirkungen der Algorithmen auf die Meinungsvielfalt im Kommunikationsprozess allerdings Drexl, ZUM 2017, 529.<\/p>\n<p>28 Vgl. BVerfG, Beschluss vom 25. Juni 2009 &#8211; 1 BvR 134\/03, NJW-RR 210, 470.<\/p>\n<p>29 Allgemein f&uuml;r die so genannten neuen Medien so auch Pille (Anm. 24), S. 19.<\/p>\n<p>30 Gersdorf, MMR 2017, 439 (442).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1501],"publikationen":[878],"class_list":["post-8539","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-till-koestler","publikationen-225-226"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Soziale Netzwerke: Begriffsbestimmung und R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr eine grundrechtliche Einordnung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/soziale-netzwerke-begriffsbestimmung-und-rueckschluesse-fuer-eine-grundrechtliche-einordnung-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Soziale Netzwerke: Begriffsbestimmung und R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr eine grundrechtliche Einordnung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 17-24 Der rechtliche Umgang mit der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist insbesondere durch das Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz &#8211; NetzDG) stark ins Blickfeld der &ouml;ffentlichen und juristischen Diskussion geraten. 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