{"id":8549,"date":"2019-07-16T20:45:00","date_gmt":"2019-07-16T18:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/alternativen-zur-gated-community-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:06","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:06","slug":"alternativen-zur-gated-community-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/alternativen-zur-gated-community-1\/","title":{"rendered":"Alternativen zur Gated Community"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 109-119<\/p>\n<p><i>Gegen die Informationsflut, die soziale Netzwerkanbieter wie Facebook und Co. heute &uuml;ber ihre Nutzer*innen speichern und auswerten, sehen viele Geheimdienste blass aus. Doch die umfassende &Uuml;berwachung der eigenen Mitglieder und ihrer Kontakte in der &#8222;Au&szlig;enwelt&#8220; ist nur ein kritischer Aspekt der sog. Social Media. Katharina Nocun und Patrick Breyer skizzieren, mit welchen Mitteln diese Anbieter <\/i>Gated Communities<i> aufbauen, die im Gegensatz zur vielbeschworenen Offenheit und Pluralit&auml;t des Netzes stehen und es den einmal gewonnenen Kund*innen schwer machen sollen, daraus wieder auszubrechen. Nocun und Breyer stellen Alternativen zu den marktdominierenden Netzwerken vor, die technologisch offene L&ouml;sungen verfolgen und damit f&uuml;r eine Demokratisierung der Social Media stehen.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-ueberwachung\">I &Uuml;berwachung<\/span><\/h2>\n<p>Es gibt viele gute Gr&uuml;nde, Facebook &amp; Co. den R&uuml;cken zu kehren. Im Dezember 2018 ver&ouml;ffentlichte Gillian Brockell ihr ganz pers&ouml;nliches Trauma. In der Washington Post schreibt sie: &#8222;<i>Ich wei&szlig;, dass ihr wusstet, das ich schwanger war. Es war meine Schuld. Ich konnte diesen Instagram-Hashtags nicht widerstehen &#8211; #30weekspregnant, #babybump. Ich klickte sogar ein oder zweimal auf Umstandsmoden-Werbung, die Facebook mir vorsetzte. Was soll ich sagen, ich bin der ideale &#8218;interagierende&#8216; Nutzer.&#8220; <\/i>Gillian Brockell beschreibt in ihrem Beitrag eine Datenspur, die viele werdende Eltern unbewusst anlegen: Poster der Babyparty werden auf Facebook geteilt, die Wiege wird bei Google recherchiert und Amazon wei&szlig; anhand der Bestellungen, ab wann man von der Schwangerschaft wusste.<\/p>\n<p>Personalisierte Werbung ist f&uuml;r viele ein &Auml;rgernis. F&uuml;r Gillian Brockell war es weit mehr als das. Den IT-Giganten dieser Welt h&auml;lt sie vor: &#8222;<i>Habt ihr mich nicht &#8218;&Uuml;bungswehen vs. Fr&uuml;hgeburt&#8216; und &#8218;Baby bewegt sich nicht&#8216; googeln sehen? Habt ihr nicht meine drei Tage der Stille in sozialen Netzwerken mitbekommen, die h&ouml;chst ungew&ouml;hnlich f&uuml;r eine Intensivnutzerin wie mich waren? Und dann der Post mit Schlagw&ouml;rtern wie &#8218;todungl&uuml;cklich&#8216;, &#8218;Problem&#8216; und &#8218;Fehlgeburt&#8216; und die 200 Tr&auml;nen-Emojis von meinen Freunden? Ist das nichts, dass ihr tracken k&ouml;nntet?&#8220; <\/i>In den Monaten nach ihrer Fehlgeburt wurde Gillian Brockell online von Werbung verfolgt, zu deren Zielgruppe sie nicht mehr geh&ouml;rte: Still-Kleidung, DVDs mit Ratgebern f&uuml;r den gesunden Babyschlaf und Kinderwagen. In der Parallelwelt der personalisierten Werbung war Gillian Brockell Mutter. In der Realit&auml;t weinte sie sich in den Schlaf.<\/p>\n<p>Innerhalb k&uuml;rzester Zeit ging diese Geschichte in den sozialen Netzwerken viral. Das Mitgef&uuml;hl war ebenso gro&szlig; wie die Emp&ouml;rung. Nat&uuml;rlich meldete sich bald ein Facebook-Vertreter mit dem Hinweis, Nutzer k&ouml;nnten in ihren Einstellungen einige wenige Werbekategorien (Alkohol, Haustiere, Kinder) gezielt stumm schalten. Das stimmt wohl. Aber reicht das? Gillian Brockell schreibt, ihr fehlte in der schweren Situation einfach die Kraft dazu, sich durch die (f&uuml;r &Uuml;bersichtlichkeit nicht gerade bekannten) Einstellungen Facebooks zu w&uuml;hlen. Vielen Nutzern wird es &auml;hnlich ergangen sein. Allein in den USA gibt es j&auml;hrlich gesch&auml;tzte 24 000 Fehlgeburten. Es g&auml;be eine einfache aber wirkungsvolle L&ouml;sung, mit diesem Problem umzugehen. Aber dass Facebook-Nutzer eines Tages aktiv in bestimmte Werbekategorien wie z.B. <i>&#8222;Ja, ich will Hochzeitskleider angezeigt bekommen&#8220;<\/i> einwilligen, oder die Plattform ganz auf personalisierte Werbung verzichtet, ist extrem unwahrscheinlich. Informationen &uuml;ber Lebensumbr&uuml;che wie &#8222;Hochzeit&#8220; und &#8222;Familiengr&uuml;ndung&#8220; und die M&ouml;glichkeit, dazu passende Werbung schalten zu k&ouml;nnen, ist f&uuml;r Werbekunden hochattraktiv. Wahrscheinlicher ist, dass der Facebook-Algorithmus eines Tages Fehlgeburten anhand trauriger Posts erkennen und dann bestimmte Werbekategorien von alleine ausblenden wird; oder dass Instagram automatisiert geplatzte Hochzeitstr&auml;ume wahrnimmt. Doch ob es zur L&ouml;sung beitragen w&uuml;rde, die eine &Uuml;bergriffigkeit durch eine noch gr&ouml;&szlig;ere reparieren zu wollen, ist aus Datensch&uuml;tzer-Sicht mehr als fraglich.<\/p>\n<p>Es wundert kaum, dass immer wieder Nachrichten durchs Netz geistern mit der Frage: <i>&#8222;H&ouml;rt die Facebook-App mich heimlich ab?&#8220; <\/i>Wenn Nutzer erschreckend passende Werbung angezeigt bekommen, und sie selbst &uuml;berzeugt davon sind, keinerlei Informationen z.B. &uuml;ber den Umstand einer Schwangerschaft oder Urlaubspl&auml;ne preis gegeben zu haben, dann muss dies noch nicht hei&szlig;en, dass die App mith&ouml;rt. Diese wiederkehrenden Erlebnisse vieler Nutzer zeichnen vielmehr ein sehr gutes Bild der umfassenden M&ouml;glichkeiten von <i>Big-Data<\/i>-Analysen. Mit Hilfe gro&szlig;er Datensammlungen lassen sich Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten ermitteln. Nutzer brauchen nicht zu verk&uuml;nden, dass sie bald heiraten. Die Statistik gibt gute Hinweise darauf, wie hoch die Heiratswahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit anderen Faktoren wie etwa Geschlecht, Herkunft und Alter sowie dem Verhalten im Freundes- und Familienkreis steht. Was wir bei Facebook vorgesetzt bekommen, h&auml;ngt nicht nur von unserem Verhalten, sondern auch von dem Verhalten unserer Kontakte sowie statistischen Werten ab. Facebooks Datensammlung kann man sich kaum entziehen. Durch Eingaben Dritter wird selbst ein Facebook-Asket mit hoher Wahrscheinlichkeit l&auml;ngst miterfasst. Hunderte Millionen hochgeladene Adressb&uuml;cher erlauben sogar R&uuml;ckschl&uuml;sse &uuml;ber Offline-Beziehungen. Facebook trackt au&szlig;erdem das Verhalten von Nutzern und Nicht-Nutzern au&szlig;erhalb des Netzwerks per Like-Button. Die Linie zwischen personalisierter Werbung und psychologischem Profiling verschwimmt dabei zunehmend, wenn Werbekategorien wie &#8222;Stress&#8220; etabliert werden. 2017 berichtete die Zeitung The Australian unter Berufung auf interne Dokumente von Facebook, das Unternehmen k&ouml;nne anhand der Datenspur emotional instabile Teenager gezielt aufsp&uuml;ren. Facebook dementierte dies nicht, sondern stellte nur klar, diese Daten w&uuml;rden nicht f&uuml;r Werbezwecke verwendet. Das ist wenig beruhigend.Es kann durchaus aufschlussreich sein, als Inhaber eines Facebook-Accounts einen Teil seiner Nutzerdaten zum Download anzufordern. Zwar gibt Facebook nur einen winzig kleinen Teil seines Datenschatzes an die Betroffenen heraus. Doch selbst dieser vergleichsweise kleine Datensatz kann sehr aussagekr&auml;ftig sein. Alle Suchanfragen seit dem ersten Tag der Anmeldung k&ouml;nnten alle Schw&auml;rmereien der Teenagerzeit abbilden. Wer bei der Smartphone-App zwischenzeitlich die Standorterfassung aktiviert hatte, kann die Routen von Reisen und Kneipentouren aus l&auml;ngst vergangener Zeit bis auf die Hausnummer genau nachverfolgen. Nicht wenige Nutzer stellen bei derartigen Datenabfragen fest, dass Unternehmen ihre Kundendaten ohne Rechtsgrundlage mit Facebooks &#8222;<i>Custom Audience<\/i>&#8222;-Programm abgeglichen haben. Als der &ouml;sterreichische Datenschutz-Aktivist Max Schrems im Jahr 2011 seine Nutzerdaten bei Facebook anforderte, sorgte die 1.222 Seiten umfassende Antwort f&uuml;r einen globalen Skandal. Es stellte sich heraus, dass Facebook sogar nie abgeschickte Nachrichten und gel&ouml;schte Mitteilungen gespeichert hatte. Das muss wohl dieser &#8222;rechtsfreie Raum Internet&#8220; sein, von dem in Innenministerkonferenzen so h&auml;ufig die Rede ist.<\/p>\n<p>Viele Nutzer haben ihren Beziehungsstatus bei Facebook nicht gesetzt. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Betreiber des Sozialen Netzwerks diesen l&auml;ngst kennt. Eine von Facebook unterst&uuml;tzte Studie befasste sich ausgiebig mit der Frage, ob sich romantische Beziehungen anhand der Datenspur erkennen lassen. In den ersten 100 Tagen, bevor zwei Facebook-Nutzer ihren Beziehungsstatus &ouml;ffentlich machen, nimmt die Zahl der ausgetauschten Timeline-Posts f&uuml;r gew&ouml;hnlich kontinuierlich zu und ebbt nach dem Beziehungs-Coming-Out wieder deutlich ab. Die Profile von Lebensgef&auml;hrten zeigen im Verlauf der Zeit eine sehr charakteristische &Uuml;berschneidung von Freundeskreisen. Am Tag der Trennung steigt die Zahl unserer Interaktionen mit dem (Ex-)Partner laut einer Facebook-Studie im Schnitt um 225 Prozent an. Nach der ersten Trennungswoche stabilisiert sich die Anzahl der Nachrichten wieder auf einem niedrigen Niveau. Die gr&ouml;&szlig;te Sammlung von Verhaltensdaten, die es jemals in der Menschheitsgeschichte gab, ist in privater Hand. Und die Informationen, die daraus &uuml;ber unser Intimleben abgeleitet werden k&ouml;nnen, sind alles andere als trivial.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung von Wissenschaftlern der renommierten Cambridge Universit&auml;t kam zu dem Ergebnis, dass eine Analyse unserer Facebook-Likes vollkommen ausreicht, um daraus intime Informationen &uuml;ber uns ableiten zu k&ouml;nnen. Allein anhand der Likes konnten die Wissenschaftler in einem Versuch mit 58.466 Freiwilligen erstaunliche Schl&uuml;sse ziehen. In 88 Prozent der F&auml;lle konnten die Forscher erfolgreich erraten, ob ein Mann schwul war &#8211; und zwar selbst dann, wenn er dies nicht in seinem Profil erw&auml;hnte. 85 Prozent der Teilnehmer konnten treffsicher als Republikaner oder Demokrat identifiziert werden. Bei 82 Prozent traf die Prognose zu, ob die Versuchsteilnehmer Christ oder Muslim waren. Selbst Raucher erkannte die Software zu 73 Prozent. Auch Informationen zu Intelligenz, Drogenkonsum oder ob das Profil zu einem Scheidungskind geh&ouml;rt, konnten mit gewisser Wahrscheinlichkeit aus den Likes abgeleitet werden. Forscher der US-Universitaat Stanford geben an, anhand von 70 Likes sagen zu k&ouml;nnen, ob jemand eher ein introvertierter oder extrovertierter Typ ist.<\/p>\n<p>Eine Studie der Wissenschaftlerin Wu Youyou von der University of Cambridge und ihrer Kollegen best&auml;tigt, dass es m&ouml;glich ist, anhand der Facebook-Likes Einblick in die &raquo;Big Five&laquo; eines Menschen zu bekommen. In der Persoanlichkeitspsychologie wer den damit die f&uuml;nf essenziellen Pers&ouml;nlichkeitseigenschaften des Menschen zusammengefasst: Offenheit f&uuml;r neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit, Empathie und Neurotizismus. Wer die &raquo;Big Five&laquo; eines Menschen kennt, hat als Werber leichtes Spiel, denn unser Kaufverhalten wird nachweislich von den jeweiligen Auspr&auml;gungen dieser Charaktereigenschaften beeinflusst. Bereits zehn ausgewertete Likes erlaubten dem Algorithmus genauere Vorhersagen &uuml;ber unsere Pers&ouml;nlichkeit zu treffen als es ein Arbeitskollege vermag. Bei 70 Likes &uuml;bertraf der Algorithmus die Kenntnisse enger Freunde, bei 150 die der Eltern oder Geschwister und bei 300 ausgewerteten Likes sogar die Genauigkeit der Einsch&auml;tzung des Lebensgef&auml;hrten.<\/p>\n<p>Diese immense Datensammlung dient vor allem der Maximierung des Unternehmensgewinns. Soziale Netzwerke generieren Werbeeinnahmen durch das knappe Gut Aufmerksamkeit. Die Kunden sind nicht wir Nutzer, sondern andere. Die rote Linie, wie weit wir Unternehmen in unseren innersten Kern lassen, wie weit wir unser Handeln &ouml;konomisch verwertbar machen, hat sich stillschweigend bis in die Mitte von auf Facebook ausgetragenen Beziehungskonflikten verschoben. Der Bilder-Dienst Instagram geh&ouml;rt heute ebenso zu Facebook wie WhatsApp. Der Konzern ist damit endg&uuml;ltig zum ultimativen Datensilo f&uuml;r soziale Interaktionen geworden. Unter den Millionen Nachrichten, die &uuml;ber die zum Konzern geh&ouml;renden Dienste t&auml;glich ausgetauscht werden, sind die ersten Schritte des Enkelkinds, politische Aufrufe &#8211; oder erotische Fotos. Facebook kann anhand seiner Daten mit hoher Treffsicherheit nicht nur die politische Einstellung vorhersagen, sondern auch, wer Wortf&uuml;hrer und wer nur Mitl&auml;ufer ist. F&uuml;r ein Unternehmen, das seinen Gewinn mit personalisierter Werbung macht, sind solche Informationen Gold wert. F&uuml;r repressive Regimes sind solche Listen allerdings ebenfalls ein feuchter Traum.<\/p>\n<p>Soziale Netzwerke sind ein zentraler Ort f&uuml;r gesellschaftliche Debatten, sie sind Werkzeug politischer Willensbildung. Es ist wahr, dass auch kleine Initiativen ohne gro&szlig;es Budget von Facebook profitieren. Aber wer viel Geld hat, der kann sich bei Facebook eben auch eine &Uuml;berholspur kaufen. Im Zwei-Klassen-Netzwerk ist Reichweite, und damit Aufmerksamkeit, k&auml;uflich. In Bezug darauf, was &#8222;echt&#8220; und was finanziell gepusht wurde, l&auml;sst die Transparenz zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Nutzer sehen nicht, wie hoch der Anteil von durch Werbung erzielten &#8222;Likes&#8220; zu einem Post ist. Ist ein Beitrag wirklich beliebt oder hat jemand einfach nur ein gro&szlig;es Werbebudget darauf geworfen? Derzeit haben Nutzer keine M&ouml;glichkeit, dies zu durchblicken. Dabei k&ouml;nnen solche Informationen sich stark darauf auswirken, wie wir Parteien oder Organisationen sehen. Derzeit ist es m&ouml;glich, sich mit hinreichender Finanzkraft so zu pr&auml;sentieren, als w&auml;re eine Initiative in der Bev&ouml;lkerung extrem popul&auml;r &#8211; selbst wenn dies nicht stimmt. Doch das ist nicht das einzige Problem. Bei sogenannten &#8222;Dark Posts&#8220; bleibt verborgen, welchen Zielgruppen welche Postings angezeigt werden. Ein Anrecht darauf, das &#8222;ganze Bild&#8220; eine Kampagne sehen zu k&ouml;nnen &#8211; etwa um zu &uuml;berpr&uuml;fen, ob Wahlversprechen an verschiedene Zielgruppen einander widersprechen &#8211; gibt es nicht. Transparenz fehlt auch beim Newsfeed-Algorithmus. Nutzer haben keine M&ouml;glichkeit nachzuvollziehen, warum ihnen bestimmte Nachrichten bevorzugt angezeigt werden &#8211; und andere daf&uuml;r gar nicht. Facebook &uuml;berwindet damit nicht nur die alte Gatekeeper-Funktion des klassischen Journalismus, sondern ersetzt sie durch einen neuen Mechanismus: seine Algorithmen zur Generierung des Newsfeeds. Die Regeln, die sie vorgeben, sind hochproblematisch (s. dazu auch den Beitrag von Donges in diesem Heft).<\/p>\n<p>Es ist wichtig zu hinterfragen, ob die Art und Weise, wie Facebook die Dienstleistung &raquo;soziales Netzwerk&laquo; organisiert, f&uuml;r uns nicht langfristig vor allem Nachteile bringt. Datenschutzdebatten, die einzig um die individuelle Betroffenheit kreisen, verfehlen den Kern des Problems. Das Risikopotential ist gr&ouml;&szlig;er als die Summe der Einzelschicksale. Es geht auch um kollektive Risiken f&uuml;r die demokratisch verfassten Gesellschaften. Deshalb w&uuml;rden selbst fortschrittliche Datenschutzgesetze, die zu verbindlichen L&ouml;schfristen und umfassender Datensparsamkeit f&uuml;hren, eines der zentralen Probleme nicht l&ouml;sen: die zentralistisch aufgebaute Infrastruktur etablierter sozialer Netzwerke. Sie tr&auml;gt dazu bei, dass wir uns haben &uuml;berhaupt in diese Situation man&ouml;vrieren lassen. Es ist nur folgerichtig bei der Suche nach L&ouml;sungen aus dieser Misere den Staat in die Pflicht zu nehmen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-alternative-soziale-netzwerke\">II Alternative soziale Netzwerke<\/span><\/h2>\n<p>Das neue Jahr f&auml;ngt bei vielen mit guten Vors&auml;tzen an. Am 21. Januar 2019 postete der frisch ernannte Bundesbeauftragte f&uuml;r Datenschutz und Informationsfreiheit Ulrich Kelber folgende Nachricht auf Twitter: &#8222;<i>Guten Morgen, ich habe mich entschlossen, neben Twitter auch Mastodon zu nutzen, &uuml;ber die Instanz <\/i><a href=\"http:\/\/bonn.social\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/bonn.social<\/i><\/a><i> (Hallo, @Sascha_Foerster). Freue mich auch dort &uuml;ber Gespr&auml;chspartner und bin gespannt, ob automatisches Crossposting funktioniert <\/i>:-)&#8220; Den Ansto&szlig; f&uuml;r diese Entscheidung k&ouml;nnte ein offener Brief des Bloggers und IT-Sicherheitsexperten Mike Kuketz gegeben haben, in dem es hei&szlig;t: &#8222;<i>Offenen bzw. freien Netzwerken wie Mastodon fehlt es noch immer an Medien, &ouml;ffentlichen Institutionen und Politikern, die mit gutem Beispiel vorangehen und die Alternativen unterst&uuml;tzen. Sie w&auml;ren &uuml;berrascht, wie viele Menschen bereits jetzt schon auf Mastodon aktiv sind, denen das Thema Datenschutz wirklich am Herzen liegt<\/i>.&#8220; F&uuml;r das alternative soziale Netzwerk Mastodon war dieser Neuzugang ein gro&szlig;er Gewinn, erh&ouml;hte diese Nachricht doch seine Sichtbarkeit als alternatives soziales Netzwerk. Die Entwickler und F&ouml;rderer der dezentralen Plattformen k&ouml;nnen Verb&uuml;ndete gut gebrauchen, denn sie stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Wie tritt man in Konkurrenz zu einem Netzwerk, dass alles daran setzt, Wettbewerb gar nicht erst zuzulassen?<\/p>\n<p>Ulrich Kelber hat seinen Twitter-Account mit Mastodon gekoppelt. Seine Tweets werden automatisch auch von seinem Mastodon-Account verbreitet. Die M&ouml;glichkeit derartiger Br&uuml;cken steigert die Attraktivit&auml;t der neuen Netzwerke immens. Wie viele Nutzer haben schlie&szlig;lich die Zeit, noch ein zus&auml;tzliches Netzwerk zu f&uuml;ttern? Beim Telekommunikationsmarkt ist garantiert, dass stets Interkonnektivit&auml;t zwischen Telefonnetzen gew&auml;hrleistet werden muss. Die <i>Gated Community <\/i>von Facebook zu verlassen, stellt Nutzer hingegen vor ein vergleichbares Problem, als w&uuml;rden sie zu einem Telefonanbieter wechseln, bei dem man Kunden aus anderen Netzen nicht mehr anrufen kann &#8211; und leider machen diese 90 Prozent des eigenen Adressbuchs aus. Betreiber alternativer sozialer Netzwerke versuchen zwar best&auml;ndig, einen automatisierten Austausch zwischen Facebook-Nutzerkonten und ihrem Netzwerk zu erm&ouml;glichen.Die Bem&uuml;hungen scheitern jedoch regelm&auml;&szlig;ig daran, dass Facebook schlichtweg kein Interesse daran hat, eine solche Kompatibilit&auml;t zuzulassen. Facebook erlaubt seinen Nutzern bewusst keine gleichberechtigte Kommunikation mit Accounts anderer Netzwerke. Neben anderen Argumenten, die dagegen sprechen, w&uuml;rde eine solche &Ouml;ffnung nicht zuletzt auch die eigene marktbeherrschende Position gef&auml;hrden. Denn Kompatibilit&auml;t verschiebt den Referenzpunkt des Netzwerkeffekts von einem Anbieter zu allen Anbietern der selben Technologie. Derzeit profitieren die &#8222;Big Player&#8220; vor allem vom Netzwerkeffekt in Kombination mit einer Struktur der &#8222;<i>Gated Communities<\/i>&#8222;.<\/p>\n<p>Die unsichtbare Hand des Marktes regelt sicherlich eine Menge &#8211; Wettbewerb auf dem Markt f&uuml;r soziale Netzwerke geh&ouml;rt nicht dazu. Netzwerkeffekte und mangelnde Kompatibilit&auml;t f&uuml;hren zu einer l&auml;hmenden &#8222;<i>The Winner takes it all<\/i>&#8222;-Struktur. Denn die meisten Menschen entscheiden sich nicht aufgrund von Features oder in den AGB garantierten Nutzerrechten f&uuml;r das &raquo;beste&laquo; soziale Netzwerk, sondern f&uuml;r das Netzwerk mit den meisten f&uuml;r sie relevanten Kontakten. In vielen Familien ist der WhatsApp-Familienchat l&auml;ngst zentrale Anlaufstelle f&uuml;r Neuigkeiten und Updates zu den Enkelkindern. Auch Content-Anbieter achten in erster Linie auf die Reichweite und damit die f&uuml;r sie relevante Nutzerzahl, jedoch weniger auf andere Aspekte. Als Online-Magazin auf diese Kan&auml;le zu verzichten, bedeutet oftmals, auf einen Gro&szlig;teil der Leser zu verzichten. Sich auszuklinken kann sowohl im beruflichen wie im privaten Kontext f&uuml;r den Einzelnen mit konkreten Nachteilen verbunden sein. Das wei&szlig; Facebook genauso gut wie jeder andere gro&szlig;e Plattformbetreiber. Von &#8222;freier Wahl&#8220; zu sprechen, wenn es quasi einen de facto-Standard der Mehrheit gibt, ist eine Farce.<\/p>\n<p>Aktionen wie &#8222;#Deletefacebook&#8220; werden von der Unternehmensleitung daher vermutlich eher gelassen gesehen. Die Nutzer haben eine extrem schlechte Verhandlungsposition. Die Wechsel- und Ausstiegskosten sind oft immens &ndash; materiell und immateriell. Das macht die Nutzer zu Bittstellern. Und das ist ein Problem. Wenn Verbraucher keine echte Wahl haben, werden Verhandlungen auf Augenh&ouml;he unm&ouml;glich. Die Ausnutzung einer marktbeherrschenden Position verbinden viele mit h&ouml;heren Preisen oder schlechterer Qualit&auml;t. Bei mehrseitigen Plattformm&auml;rkten wie sozialen Netzwerken kann sich dies einerseits in h&ouml;heren Preisen f&uuml;r Werbung und Transaktionsgeb&uuml;hren niederschlagen. Aber auch auf der Marktseite, die nur indirekt monetarisiert wird, kann Marktmacht negative Folgen haben, etwa in Form von Abstrichen beim Datenschutz und Nutzerrechten, einem &Uuml;berma&szlig; an Werbung sowie mangelhaftem Service (z.B. Fehlen von Beschwerdehotlines).<\/p>\n<p>Dezentrale Alternativen wie Mastodon, Diaspora oder Friendica haben sich vom Konzept des zentralen Anbieters verabschiedet. Die Software zum Betreiben einer &#8222;Instanz&#8220; des Netzwerks steht unter freier Lizenz. Es ist ausdr&uuml;cklich vorgesehen, dass die neuen Netzwerke aus m&ouml;glichst vielen solcher Datenknoten bestehen k&ouml;nnen. Zudem streben einige Netzwerke Kompatibilit&auml;t durch geteilte Standards untereinander an. Es geht diesen Projekten explizit nicht darum, ein &#8222;europ&auml;isches Facebook&#8220; als Gegenmodell zu erschaffen, sondern ein Netzwerk neuartiger Pr&auml;gung, das sich der Eigendynamik personalisierter Werbeformen ausdr&uuml;cklich entziehen will. Ziel ist ein dezentrales Netzwerk der Netzwerke, welches den Nutzern maximale Freiheit erlauben soll, sich den Server oder das Netzwerk ihrer Wahl selbst zu w&auml;hlen. Nutzer sollen selbst entscheiden k&ouml;nnen, wem sie ihre digitale Identit&auml;t anvertrauen wollen. Im Zweifel k&ouml;nnen Nutzer auch selbst ihre eigene &#8222;Instanz&#8220; innerhalb eines Netzwerks betreiben.<\/p>\n<p>Dezentrale soziale Netzwerke bergen nat&uuml;rlich auch neue Herausforderungen f&uuml;r den Datenschutz. Jeder Betreiber einer Instanz kann die Hausregeln selbst bestimmen &#8211; das gilt auch f&uuml;r den Datenschutz und die Sicherheitsstandards. Nutzer m&uuml;ssen sich entweder damit abfinden, dass &ouml;ffentliche Postings oder Profildaten global &ouml;ffentlich zug&auml;nglich sind, oder ihr Verhalten anpassen und deutlich mehr Vorsicht walten lassen, bevor sie einen Kontakt annehmen und ihm damit Zugriff auf ihre Daten gew&auml;hren. Die Verteilung von Daten auf dezentrale Netzwerke f&uuml;hrt eben auch zu einer Verteilung von Risiken und Verantwortung &#8211; im Guten, wie im Schlechten.<\/p>\n<p>Die Herausforderung, vor der man steht, ist gewaltig. Doch strategisch wurde einiges richtig gemacht. Bei lokalen Instanzen von Mastodon zeigt sich bereits, wie lokale Netzwerkeffekte Wachstum anregen. Statt sich wahllos um Nutzer zu bem&uuml;hen, ist die erfolgreichere Strategie, in der Nische zu wachsen. Nicht anders ist schlie&szlig;lich einst &#8222;The Facebook&#8220; vorgegangen, das den Zugang zum Netzwerk anfangs auf Studenten bestimmter Universit&auml;ten beschr&auml;nkte. Bei der dem CCC nahestehenden Mastodon-Instanz <i>chaos.social <\/i>waren im Januar 2019 5.000 zumeist deutschsprachige Nutzer angemeldet. Sie hatte im letzten Jahr zwischenzeitlich keine neuen Nutzer mehr aufgenommen, der Andrang war zu gro&szlig;. Man strebte lieber ein &#8222;gesundes Wachstum&#8220; an und wollte dem bestehenden Sozialgef&uuml;ge Zeit geben, um zusammenzuwachsen. Statt Wildwuchs zu f&ouml;rdern bem&uuml;hte man sich lieber darum, eine gesunde Debattenkultur zu etablieren, da dies f&uuml;r nachhaltiges Wachstum und den langfristigen Erfolg entscheidend ist. Dies bedeutet auch, dass nicht alle Inhalte hier toleriert werden. In den Hausregeln der Instanz untersagen die Betreiber ausdr&uuml;cklich rassistische, nationalistische und sexistische Inhalte. Das tr&auml;gt zu einem konstruktiven Ton bei.<\/p>\n<p>Mastodon und andere dezentrale Netzwerke zeigen, dass die Vision sozialer Netzwerke zumindest in der Nische h&ouml;chst erfolgreich sein kann. Mastodon empf&auml;ngt Twitter-Nutzer mit einer &auml;u&szlig;erst vertrauten Nutzeroberfl&auml;che und Tools, um den Account mit einem Twitter-Konto zu verkn&uuml;pfen. W&auml;hrend einige wie Ulrich Kelber weiterhin bei Netzwerken wie Twitter aktiv sind und viele Postings &#8222;nur&#8220; nach Mastodon umleiten, sind andere ganz umgezogen. Wer im Bereich Datenschutz, IT-Security oder Netzpolitik unterwegs ist, kann sich in einigen Instanzen bereits heute recht heimisch f&uuml;hlen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-wie-kann-man-alternativen-netzwerken-zum-durchbruch-verhelfen\">III Wie kann man alter&shy;na&shy;tiven Netzwerken zum Durchbruch verhelfen?<\/span><\/h2>\n<p>Die Durchsetzung des Datenschutzrechts gegen die digitalen Quasi-Monopolisten k&ouml;nnte dazu beitragen, dass alternative Netzwerke eine faire Chance bekommen. Denn das oft &#8222;Datenkapitalismus&#8220; genannte Gesch&auml;ftsmodell von Facebook, Twitter oder Google beruht auf einer systematischen Missachtung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Die Konzerne verschaffen sich Wettbewerbsvorteile durch Rechtsbruch. Wer nicht von den Informationen und Kontakten auf diesen Plattformen abgeschnitten sein will, muss in die Aufzeichnung und Auswertung jeder Eingabe und jedes Klicks einwilligen &#8211; und damit quasi in einen permanenten Pers&ouml;nlichkeitstest. Obwohl Whistleblower, Dissidenten, Stalking-Opfer und andere Gruppen auf eine anonyme Nutzung angewiesen sind, verbieten die Konzerne dies und fordern den Klarnamen oder eine Handynummer ihrer Nutzer.<\/p>\n<p>Diese Totaldurchleuchtung im Netz d&uuml;rfte schon nach dem geltenden Datenschutzrecht unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig und illegal sein. Auch Einwilligungsklauseln sind Allgemeine Gesch&auml;ftsbedingungen, die von Gerichten darauf &uuml;berpr&uuml;ft werden k&ouml;nnen, ob sie die Nutzer unangemessen benachteiligen oder von Grundgedanken gesetzlicher Schutzregelungen abweichen. Schwammige Generalklauseln, tr&auml;ge Aufsichtsbeh&ouml;rden, eingeschr&auml;nkte Klagerechte und jahrelange Gerichtsverfahren durch alle Instanzen erschweren die Durchsetzung des Datenschutzrechts gegen die globalen Internetkonzerne aber ungemein. Die DSGVO erm&ouml;glicht den Beh&ouml;rden zwar, h&ouml;here Bu&szlig;gelder zu verh&auml;ngen, doch es wird noch dauern, bis sich Verbesserungen in den Nutzungsbestimmungen niederschlagen. Viele Probleme bleiben auch nach dem Inkrafttreten des neuen europ&auml;ischen Datenschutzrechts bestehen.<\/p>\n<p>Das fortschrittliche deutsche Telemediengesetz, das ein Recht auf Anonymit&auml;t und das Verbot einer Protokollierung unserer Online-Aktivit&auml;ten zum Grundsatz macht, wird seit Inkrafttreten der europ&auml;ischen Datenschutz-Grundverordnung nicht mehr angewandt. Die geplante europ&auml;ische Verordnung &uuml;ber den Datenschutz bei der elektronischen Kommunikation (ePrivacy-Verordnung) wird nach intensivem Lobbying der Werbebranche und der Verlage ausgebremst und aufgeweicht. Sie gilt au&szlig;erdem nur f&uuml;r einen Teil der Tracking-Technologie. Europa braucht deswegen ein Internet-Datenschutzgesetz, das explizit eine anonyme Internetnutzung erm&ouml;glicht und uns vor kommerziellem Stalking, n&auml;mlich der minuti&ouml;sen Aufzeichnung unserer Internetnutzung, sch&uuml;tzt. Gesch&auml;ftsmodelle, die auf eine Bespitzelung s&auml;mtlicher Nutzer ohne deren freie Einwilligung aufbauen, sind nicht schutzw&uuml;rdig. Es gibt keine &#8222;N&uuml;tzlichkeiten&#8220; und &#8222;Vorteile&#8220;, die einen derartigen Pers&ouml;nlichkeitsstriptease aufwiegen k&ouml;nnten.<\/p>\n<p>Daneben muss Europa den Nutzern kommerzieller sozialer Netzwerke und Messengerdienste erm&ouml;glichen, den Anbieter zu wechseln, ohne den Kontakt zu Informationsquellen und Freunden zu verlieren. Ein reines Recht auf &#8222;Datenportabilit&auml;t&#8220;, wie im Rahmen der DSGVO vorgesehen, reicht daf&uuml;r nicht aus. Eine Zusammenschaltung der sozialen Netzwerke &auml;hnlich der Mobilfunk-Netze w&uuml;rde es erm&ouml;glichen, sich auch nach dem Wechsel zu einem anderen Anbieter weiter mit seinen bisherigen Kontakten auszutauschen. Die Fachwelt nennt dies &#8222;Interoperabilit&auml;tspflicht&#8220;. Bisher haben die einflussreichen Konzerne verhindert, dass diese L&ouml;sung ernsthaft politisch diskutiert wird, doch mit jedem Datenskandal wird klarer, dass wir neue L&ouml;sungen brauchen. Auch wenn es keineswegs trivial ist, sich bei technisch diversen Netzwerken auf einheitliche Standards zu verst&auml;ndigen, sollten zumindest das Ziel gesetzt und die Umsetzungsm&ouml;glichkeiten intensiv ausgelotet werden. Ma&szlig;nahmen, die h&ouml;chstwahrscheinlich allein dem Ausbremsen von Konkurrenz dienen, m&uuml;ssen hinterfragt werden. Zus&auml;tzliche Funktionen &uuml;ber den gemeinsamen Standard hinaus bleiben jedem Anbieter unbenommen.<\/p>\n<p>Wir brauchen kein europ&auml;isches Facebook, wenn es am Ende nur die problembehaftete Struktur des derzeitigen Platzhirsches kopiert. Es w&auml;re daher an der Zeit, dass sowohl Deutschland als auch die EU-Kommission st&auml;rker in die F&ouml;rderung von Forschungsprojekten zur Verbesserung dezentraler Alternativen investieren. Ebenso braucht es eine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Erarbeitung praktikabler gemeinsamer Standards. Die bisherigen Initiativen sind ma&szlig;geblich auf das Engagement engagierter Einzelpersonen aus der Freie-Software-Bewegung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Trotz nicht abrei&szlig;ender Kritik an Facebooks Gebaren im Zuge des Skandals um Cambridge Analytica h&auml;lt sich der Staat hier bei der konkreten Unterst&uuml;tzung bisher bedeckt. Das muss sich &auml;ndern.<\/p>\n<p>&Ouml;ffentliche Stellen sollten au&szlig;erdem ihrer Vorbildfunktion besser gerecht werden. Die in der Politik verbreitete Klage &uuml;ber die Dominanz von Facebook, Twitter und Co. steht in auff&auml;lligem Gegensatz zu der Anzahl an Pr&auml;senzen &ouml;ffentlicher Stellen und Amtstr&auml;ger auf eben diesen Plattformen. Internet-Quasimonopolisten mit Exklusivinformationen zu f&uuml;ttern und die Abh&auml;ngigkeit von ihnen dadurch weiter zu verst&auml;rken, sollte ein Ende haben. Es ist ein Leichtes, Informationen zumindest auch &uuml;ber nicht-kommerzielle Netzwerke zu verbreiten &#8211; wie es der Bundesdatenschutzbeauftragte neuerdings tut.<\/p>\n<p>Soziale Netzwerke sind Teil unserer politischen Wirklichkeit. Es ist essentiell, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft dar&uuml;ber diskutieren, nach welchen Regeln die neue &Ouml;ffentlichkeit funktionieren soll &#8211; und welche Formen der Verwertung und Manipulation wir als gef&auml;hrlich erachten. Darauf zu hoffen, dass eine Strategie zur Maximierung des Unternehmensgewinns zuf&auml;llig auch das gesellschaftlich bestm&ouml;gliche Ergebnis hervorbringt, w&auml;re mehr als naiv. H&ouml;chste Zeit, dass sich die Politik hier bewegt.<\/p>\n<p><b>DR. PATRICK BREYER<\/b> <i>Jahrgang 1977, ist Jurist, B&uuml;rgerrechtler und langj&auml;hriges Mitglied der Piratenpartei Deutschland. Er studierte Jura und promovierte 2004 an der Johann Wolfgang Goethe-Universit&auml;t Frankfurt am Main mit einer Arbeit &uuml;ber <\/i>&bdquo;Die systematische Aufzeichnung und Vorhaltung von Telekommunikations-Verkehrsdaten f&uuml;r staatliche Zwecke in Deutschland&ldquo;<i>. Nach einer Anstellung als Richter am Amtsgericht Meldorf geh&ouml;rte er von 2012 bis 2017 dem Landtag in Schleswig-Holstein an, wo er seit April 2016 Vorsitzender der Piratenfraktion war. Im Mai diesen Jahres wurde er f&uuml;r die Piratenpartei ins Europ&auml;ische Parlament gew&auml;hlt. Breyer geh&ouml;rt zu den Initiatoren der neuen (digitalen) Datenschutzbewegung in Deutschland und hat zahlreiche Klagen gegen Kommunikations-&Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen gef&uuml;hrt bzw. unterst&uuml;tzt, so etwa Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung, gegen den Passwortzugriff bei der Bestandsdatenauskunft nach dem TKG, gegen die Surfprotokollierung oder den Informationszugang zu Gerichtsverfahren.<\/i><\/p>\n<p><b>KATHARINA NOCUN<\/b> <i>ist B&uuml;rgerrechtlerin, Publizistin und &Ouml;konomin. Sie leitete bundesweit Kampagnen zum Schutz der B&uuml;rgerrechte, u.a. f&uuml;r die B&uuml;rgerbewegung Campact e.V., den Verbraucherzentrale Bundesverband und Mehr Demokratie e.V. Edward Snowden bedankte sich pers&ouml;nlich f&uuml;r die von ihr geleitete Kampagne &bdquo;Asyl f&uuml;r Snowden&ldquo;. Sie klagt derzeit gegen mehrere &Uuml;berwachungsgesetze vor dem Bundesverfassungsgericht (u.a. die Reform der Bestandsdatenauskunft sowie die Vorratsdatenspeicherung) und ist Mitglied im Beirat des Whistleblower-Netzwerk e.V. 2017 wurde sie von der Humanistischen Union Marburg und der Stadt Marburg f&uuml;r ihr zivilgesellschaftliches Engagement mit dem &bdquo;Marburger Leuchtfeuer f&uuml;r soziale B&uuml;rgerrechte&ldquo; ausgezeichnet.<\/i><\/p>\n<p>Den Autor*innen &uuml;ber alternative Kurznachrichtendienste folgen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/chaos.social\/%40kattascha\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/chaos.social\/@kattascha<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/pirati.cc\/patrickbreyer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/pirati.cc\/patrickbreyer<\/a>.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p>Brockwell, Gillian (2018): : Dear tech companies, I don&rsquo;t want to see pregnancy ads after my child was stillborn, in: Washington Post, 12.12.2018. Unter: <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/lifestyle\/2018\/12\/12\/dear-tech-companies-i-dont-want-see-pregnancy-ads-after-my-child-was-stillborn\/?noredirect=on&amp;utm_term=.eac113134e91\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.washingtonpost.com\/lifestyle\/2018\/12\/12\/dear-tech-companies-i-dont-want-see-pregnancy-ads-after-my-child-was-stillborn\/?noredirect=on&amp;utm_term=.eac113134e91<\/a> (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Chaos.Social (2019): Rules. Unter: <a href=\"https:\/\/chaos.social\/about\/more\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/chaos.social\/about\/more<\/a> (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Dachwitz, Ingo (2017): Verhaltensbasierte Werbung: Facebook identifiziert emotional verletzliche Jugendliche, in: Netzpolitik.org, 02.05.2017.Unter: <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2017\/verhaltensbasierte-werbung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/netzpolitik.org\/2017\/verhaltensbasierte-werbung<\/a>&#8211; facebook-australien-analysiert-emotionen-und-aengste-von- jugendlichen\/ (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Diuk, Carlos Greg (2014): The Formation of Love, in: Facebook Data Science, 14.02.2014.Unter: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/notes\/facebook-data-science\/the\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.facebook.com\/notes\/facebook-data-science\/the<\/a>&#8211; formation-of-love\/10152064609253859\/?fref=mentions (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Friggeri, Adrien (2014): When Love Goes Awry, in: Facebook Data Science, 15.02.2014.Unter: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/notes\/facebook-data-science\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.facebook.com\/notes\/facebook-data-science\/<\/a> when-love-goes-awry\/10152066701893859\/?fref=mentions (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Kelber, Ulrich: Twitter-Nachricht vom 21.01.2019: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/UlrichKelber\/status\/1087254951351541761\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/twitter.com\/UlrichKelber\/status\/1087254951351541761<\/a> (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Kosinski, Michal; Stillwell, David; Kohli, Pushmeet; Bachrach, Yoram; Graepel, Thore (2012): Personality and Website Choice, in: Proceedings of ACM Web Science Conference (WebSci &rsquo;12), ACM New York, 2012.<\/p>\n<p>Kosinski, Michal; Stillwell, David; Graepel, Thore (2013): Private traits and attributes are predictable from digital records of human behavior, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, PNAS Band 110\/15, S. 5802&ndash;8505, 09.04.2013.<\/p>\n<p>Kosinski, Michal; Stillwell, David; Matz, Sandra; Nave, Gideon (2017): Psychological targeting as an effective approach to digital mass persuasion, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, PNAS Band 114\/48, S. 12714&ndash;12719, 28.11.2017.<\/p>\n<p>Kuketz, Mike (2019: Offener Brief an den Bundesdatenschutzbeauftragten, in: kuketz-blog.de, 14.01.2019. Unter: <a href=\"https:\/\/www.kuketz-blog.de\/offener-brief-an-den-bundesdatenschutzbeauftragten-kelber\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.kuketz-blog.de\/offener-brief-an-den-bundesdatenschutzbeauftragten-kelber\/<\/a> (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n<p>Wu Youyou, Michal Kosinski, and David Stillwell (2015): Computer-based personality judgments are more accurate than those made by humans, in: PNAS January 27, 2015 112 (4) 1036-1040; published ahead of print January 12, 2015 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1073\/pnas.1418680112\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1073\/pnas.1418680112<\/a> (aufgerufen am: 25.01.2019).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1507,1508],"publikationen":[878],"class_list":["post-8549","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-katharina-nocun","autoren-patrick-breyer","publikationen-225-226"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Alternativen zur Gated Community - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/alternativen-zur-gated-community-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Alternativen zur Gated Community - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 109-119 Gegen die Informationsflut, die soziale Netzwerkanbieter wie Facebook und Co. heute &uuml;ber ihre Nutzer*innen speichern und auswerten, sehen viele Geheimdienste blass aus. 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