{"id":8551,"date":"2019-07-17T12:01:00","date_gmt":"2019-07-17T10:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/staatliches-vorgehen-gegen-hate-speech-im-konflikt-mit-der-meinungsfreiheit\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:07","slug":"staatliches-vorgehen-gegen-hate-speech-im-konflikt-mit-der-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/staatliches-vorgehen-gegen-hate-speech-im-konflikt-mit-der-meinungsfreiheit\/","title":{"rendered":"Staatliches Vorgehen gegen Hate Speech im Konflikt mit der Meinungsfreiheit*"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 135-139<\/p>\n<h5><span id=\"juengste-verfahren-beim-bundesverfassungsgericht-und-us-amerikanische-perspektiven\">J&uuml;ngste&nbsp; Verfahren beim Bundes&shy;ver&shy;fas&shy;sungs&shy;ge&shy;richt und US-ame&shy;ri&shy;ka&shy;ni&shy;sche Perspek&shy;tiven<\/span><\/h5>\n<p>Der Bedeutungsgewinn populistischer Parteien und Gruppierungen sowie neue technische M&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Verbreitung rassistischer, diskriminierender oder hasserf&uuml;llter Positionen im Internet haben in vielen L&auml;ndern neue Fragen zum Spannungsfeld zwischen erlaubten Meinungs&auml;u&szlig;erungen und staatlichen Verboten aufgeworfen.[2] Debatten, die fr&uuml;her an Stammtischen gef&uuml;hrt wurden, haben sich heute in Social Media-Plattformen wie Facebook oder die Leser*innen-Kommentare mehr oder minder seri&ouml;ser Websites verlagert. Oft handelt es sich um spontane Reaktionen; das schnell Geschriebene und Ver&ouml;ffentlichte bleibt aber meist f&uuml;r lange Zeit einsehbar.<\/p>\n<p>Das Spannungsfeld zwischen berechtigtem Vorgehen gegen Hate Speech (w&ouml;rtlich: Hassrede) und Meinungsfreiheit hat sich in den letzten Jahren zu einem Dauerthema kontroverser &ouml;ffentlicher Debatten entwickelt. In Deutschland geht es bei diesen Diskussionen h&auml;ufig um die Frage, ob &Auml;u&szlig;erungen den Straftatbestand der Volksverhetzung (&sect;&nbsp;130 Strafgesetzbuch, StGB) erf&uuml;llen. Auch die Frage, welche Inhalte private Social-Media-Anbieter (z.&nbsp;B. Facebook) aufgrund von Regelungen zur Hate- Speech-Bek&auml;mpfung sperren oder l&ouml;schen d&uuml;rfen oder m&uuml;ssen, hat sich international zu einer zentralen Achse dieser Diskussion entwickelt, in Deutschland auch im Zusammenhang mit dem 2017 verabschiedeten Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz &#8211; NetzDG).[3]<\/p>\n<h5><span id=\"verfassungsgerichtliche-interventionen-fuer-die-meinungsfreiheit-vor-der-europawahl\">Verfas&shy;sungs&shy;ge&shy;richt&shy;liche Inter&shy;ven&shy;ti&shy;onen f&uuml;r die Meinungs&shy;frei&shy;heit vor der Europawahl<\/span><\/h5>\n<p>Vor der Europawahl 2019 musste sich das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) innerhalb von wenigen Tagen in gleich drei Eilentscheidungen zu der Frage &auml;u&szlig;ern, inwieweit Rundfunkanstalten, Stadtverwaltungen oder die Social Media-Plattform Facebook gegen Wahlwerbung oder andere &Auml;u&szlig;erungen vorgehen d&uuml;rfen, deren Inhalte sie als strafbare Volksverhetzung einstufen. Am 15. Mai 2019 hatte die 2. Kammer des Ersten BVerfG-Senats &uuml;ber den Antrag der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) auf einstweilige Anordnung zur Ausstrahlung eines Wahlwerbespots durch den Rundfunk Berlin-Brandenburg zu entscheiden.[4] Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht waren zu dem Schluss gekommen, der Wahlwerbespot enthalte in seiner Gesamtschau einen evidenten und schwerwiegenden Versto&szlig; gegen &sect;&nbsp;130 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 StGB, da er Migrantinnen und Migranten pauschal als Kriminelle diffamiere und eine Zweiteilung der Gesellschaft in Deutsche und (kriminelle) Ausl&auml;nder propagiere. Eine andere Auslegungsm&ouml;glichkeit zu Gunsten der Antragstellerin sei ausgeschlossen. Das BVerfG gab dem NPD-Antrag dagegen statt. Zur Begr&uuml;ndung f&uuml;hrte es an, aus den Entscheidungen der Verwaltungsgerichte ergebe sich nicht mit hinreichender Gewissheit, dass dem Wahlwerbespot ein solcher volksverhetzender Inhalt entnommen werden m&uuml;sse.[5]<\/p>\n<p>Am 22. Mai hatte dieselbe Kammer &uuml;ber einen Eilantrag der Partei &#8222;Der III. Weg&#8220; zu entscheiden,[6] die mit einer Liste f&uuml;r die Europawahl kandidierte. Im Januar 2019 hatte die Partei auf ihrer Facebook-Seite einen Link zu einem Text ver&ouml;ffentlicht, den Facebook als Hassrede einstufte. Facebook sperrte zun&auml;chst das Nutzerkonto und l&ouml;schte es sp&auml;ter. Ein Antrag der Partei bei dem zust&auml;ndigen Landgericht auf Erlass einer einstweiligen Verf&uuml;gung gegen Facebook blieb ebenso erfolglos wie die anschlie&szlig;ende Beschwerde beim Oberlandesgericht. Das BVerfG verpflichtete Facebook hingegen dazu, das Nutzerkonto der Partei zumindest bis zum Abschluss der Wahl wieder bereitzustellen. In seiner Entscheidung beschr&auml;nkte sich das Gericht auf die Folgenabw&auml;gung im Rahmen des einstweiligen Rechtsschutzes (&sect;&nbsp;32 Abs. 1 BVerfGG). Der Fall werfe schwierige Rechtsfragen auf, die im Verfahren des vorl&auml;ufigen Rechtsschutzes nicht entschieden werden k&ouml;nnten. Neben der Meinungsfreiheit ber&uuml;cksichtigte das Gericht in diesem Fall auch den Umstand, dass die Partei f&uuml;r die Europawahl kandidierte. Die BVerfG-Ausf&uuml;hrungen zur Bedeutung von Facebook d&uuml;rften auch &uuml;ber den Fall hinaus von Bedeutung sein: &#8222;Die Antragstellerin bedient sich des Angebots der Antragsgegnerin [Facebook], das nach deren Werbeangaben von &uuml;ber 30 Millionen Menschen in Deutschland monatlich genutzt wird, um ihre politischen Auffassungen darzulegen und zu Ereignissen der Tagespolitik Stellung zu nehmen. Die Nutzung dieses von der Antragsgegnerin zum Zweck des gegenseitigen Austausches und der Meinungs&auml;u&szlig;erung er&ouml;ffneten Forums ist f&uuml;r die Antragstellerin von besonderer Bedeutung, da es sich um das von der Nutzerzahl her mit Abstand bedeutsamste soziale Netzwerk handelt. Gerade f&uuml;r die Verbreitung von politischen Programmen und Ideen ist der Zugang zu diesem nicht ohne weiteres austauschbaren Medium von &uuml;berragender Bedeutung. Durch den Ausschluss wird der Antragstellerin eine wesentliche M&ouml;glichkeit versagt, ihre politischen Botschaften zu verbreiten und mit Nutzern des von der Antragsgegnerin des Ausgangsverfahrens betriebenen sozialen Netzwerks aktiv in Diskurs zu treten.&#8220;[7] Das BVerfG st&uuml;tzt seine Erw&auml;gungen somit ma&szlig;geblich auf die Marktmacht von Facebook als privates Unternehmen, das mit seiner Entscheidung &uuml;ber die weitere Verbreitung oder L&ouml;schung von Inhalten auf Wahlentscheidungen Einfluss nehmen kann.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp&auml;ter ging es schlie&szlig;lich erneut um einen Eilantrag der Partei &#8222;Der III. Weg&#8220;, diesmal gegen die Entscheidung der Stadt Chemnitz, Wahlplakate der Partei mit der Aufschrift &#8222;Multikulti t&ouml;tet&#8220; abzuh&auml;ngen. Diesen Antrag lehnte dieselbe BVerfG-Kammer allerdings ab. Die vorgebrachte Begr&uuml;ndung gen&uuml;ge nicht den Anforderungen an ein Eilrechtsschutzbegehren.[8]<\/p>\n<h5><span id=\"us-amerikanisches-plaedoyer-fuer-eine-hohe-gewichtung-der-meinungsfreiheit\">US-ame&shy;ri&shy;ka&shy;ni&shy;sches Pl&auml;doyer f&uuml;r eine hohe Gewichtung der Meinungs&shy;frei&shy;heit<\/span><\/h5>\n<p>Hate. Why We Should Resist It with Free Speech, Not Censorship ist der programmatische Titel einer 2018 erschienenen engagierten Streitschrift zu diesem Thema, vorwiegend aus US-amerikanischer Perspektive, aber mit zahlreichen international vergleichenden Einsichten. Hass sei nicht mit Zensur, sondern mit dem Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung zu begegnen. Nadine Strossen, Professorin f&uuml;r Verfassungsrecht an der New York University Law School und von 1991 bis 2008 Vorsitzende der B&uuml;rger*innenrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU), bearbeitet dieses Thema aus der Perspektive des US-Verfassungsrechts. Die dahinter stehenden Grundsatzfragen und Konfliktlinien sind aber auch im europ&auml;ischen Kontext interessant.<\/p>\n<p>Obwohl das Buch in einem renommierten Wissenschaftsverlag erschienen ist, handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Ver&ouml;ffentlichung im klassischen Stil. So verzichtet das Buch vollst&auml;ndig auf genauere Quellenangaben. Wer diese nachlesen m&ouml;chte, findet sie immerhin auf der Website der Autorin.[9]<\/p>\n<p>Im Vergleich zu Deutschland hat die Meinungsfreiheit im Verh&auml;ltnis zur Bek&auml;mpfung rassistischer oder extremistischer &Auml;u&szlig;erungen in den USA seit langem ein h&ouml;heres Gewicht. Nadine Strossen kann ihr Pl&auml;doyer f&uuml;r eine h&ouml;here Gewichtung der Meinungsfreiheit auf seit Jahrzehnten etablierte Rechtsprechung des Supreme Courts, des US-Verfassungsgerichts, st&uuml;tzen. Zentraler Ankn&uuml;pfungspunkt ist der Erste Verfassungszusatz (First Amendmend) aus dem Jahr 1791: &#8222;Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the government for a redress of grievances.&#8221; <br \/>Eckpunkte der Interpretation der Meinungsfreiheit aus dem First Amendment sind in der Analyse von Strossen die Viewpoint Neutrality und der Emergency Test. Nach dem Prinzip der Viewpoint Neutrality haben staatliche Beschr&auml;nkungen f&uuml;r die freie Rede inhaltlich neutral zu sein. In einer Reihe von Entscheidungen hat der Supreme Court in den letzten Jahrzehnten Differenzierungen f&uuml;r unzul&auml;ssig erkl&auml;rt, die nicht auf zwingenden Gr&uuml;nden basieren.[10] Diese Rechtsprechung weist einige &Auml;hnlichkeiten mit den Anforderungen an die Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit auf, wie sie in Deutschland das Bundesverfassungsgericht entwickelt hat. Einschr&auml;nkende Regelungen m&uuml;ssen meinungsneutral sein. Bestimmte Meinungen d&uuml;rfen dabei nicht gegen&uuml;ber anderen bevorzugt werden. Eine stark umstrittene Ausnahme machte das BVerfG allerdings gerade f&uuml;r die Bestimmung des Strafgesetzbuches, nach der eine (Hass-)Rede, die die &#8222;nationalsozialistische Gewalt- und Willk&uuml;rherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt&#8220;,&nbsp; als strafbare Volksverhetzung eingestuft wird.[11] Das BVerfG argumentierte in seiner Entscheidung aus dem Jahr 2009: &#8222;Angesichts des sich allgemeinen Kategorien entziehenden Unrechts und des Schreckens, die die nationalsozialistische Herrschaft &uuml;ber Europa und weite Teile der Welt gebracht hat, und der als Gegenentwurf hierzu verstandenen Entstehung der Bundesrepublik Deutschland ist Art.&nbsp;5 Abs.&nbsp;1 und&nbsp;2 GG f&uuml;r Bestimmungen, die der propagandistischen Guthei&szlig;ung der nationalsozialistischen Gewalt- und Willk&uuml;rherrschaft Grenzen setzen, eine Ausnahme vom Verbot des Sonderrechts f&uuml;r meinungsbezogene Gesetze immanent.&#8220;[12]<\/p>\n<p>Mit dem Emergency Test schr&auml;nkt der US Supreme Court Ma&szlig;nahmen gegen Hassreden noch wesentlich weiter ein. Dies gilt gerade im Vergleich zur Rechtslage in Deutschland und vielen anderen EU-Staaten. Demnach sind meinungsbeschr&auml;nkende Ma&szlig;nahmen gegen Hassreden nur dann zul&auml;ssig, wenn sich die betreffenden &Auml;u&szlig;erungen gezielt als Bedrohung unmittelbar gegen bestimmte Personen richten. Abstrakte &Auml;u&szlig;erungen, die von bestimmten Gruppen oder Personen als bedrohlich empfunden werden k&ouml;nnten, sind dagegen vom First Amendment gesch&uuml;tzt und d&uuml;rfen weder unter Strafe gestellt noch verboten werden.[13] Nach den Ma&szlig;st&auml;ben des deutschen Rechts w&auml;re der Straftatbestand einer Bedrohung (im Sinne von &sect;&nbsp;241 Abs. 1 StGB) die Schwelle, ab der Einschr&auml;nkungen der Meinungs&auml;u&szlig;erungsfreiheit auch nach der restriktiven US-Linie zul&auml;ssig w&auml;ren.<br \/>Nadine Strossen streitet in ihrem Buch f&uuml;r diese restriktive Linie und f&uuml;hrt daf&uuml;r zahlreiche Argumente an. Dabei zieht sie auch viele Beispiele aus anderen L&auml;ndern heran, insbesondere aus Europa. Anti-Hate-Speech-Gesetze zeichneten sich in der Regel durch eine &uuml;berm&auml;&szlig;ige Breite und Unbestimmtheit aus (S.&nbsp;69&nbsp;ff.). Diese sei bereits dadurch bedingt, dass es bisher nirgends gelungen sei, die Abgrenzung zwischen erlaubter Meinungs&auml;u&szlig;erung und verbotener Hassrede klar zu definieren. Zudem sei die Wahrnehmung, was eine herabsetzende Hassrede ist, individuell sehr subjektiv gepr&auml;gt und damit sehr unterschiedlich, insbesondere bei religi&ouml;sen Themen (S. 79ff.). Strossen f&uuml;hrt au&szlig;erdem vielf&auml;ltige Beispiele auf, die belegen, dass oft gerade Angeh&ouml;rige von Minderheiten, die eigentlich durch Anti-Hate-Speech-Gesetze gesch&uuml;tzt werden sollen, nach solchen Bestimmungen verfolgt werden. Besonders eklatant sind die Defizite von solchen Regelungen dann, wenn sie die Kritik an hasserf&uuml;llten Inhalten, die notwendig die missbilligte &Auml;u&szlig;erung zitieren, gleich mit verbieten. Anti-Hate-Speech-Regelungen pr&auml;ziser zu fassen, sei jedoch kaum m&ouml;glich, da ihrer Konzeption zu viele und teils widerspr&uuml;chliche Anforderungen zugrunde l&auml;gen (S. 105&nbsp;ff.).<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus zieht Nadine Strossen auch die empirischen Pr&auml;missen der Bef&uuml;rworter*innen von Anti-Hate-Speech-Regelungen in Zweifel. Sie f&uuml;hrt zahlreiche Argumente an, die belegen, dass abstrakte &Auml;u&szlig;erungen bei den betroffenen Personengruppen kaum zu konkreten pers&ouml;nlichen Beeintr&auml;chtigungen f&uuml;hren (S.&nbsp;121ff.). Auch der Glaube daran, dass solche Regelungen Hassreden &uuml;berhaupt wirksam bek&auml;mpfen k&ouml;nnten, sei zu bezweifeln. Zumeist f&uuml;hrten repressive staatliche Ma&szlig;nahmen nicht dazu, dass die betreffenden &Auml;u&szlig;erungen nicht mehr vorkommen. Mit gezielten Provokationen k&ouml;nnten Menschen, die Hass verbreiten wollen, &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit f&uuml;r ihre Parolen erzeugen und auch Gerichtsverfahren, bei denen die Rechtm&auml;&szlig;igkeit ihrer &Auml;u&szlig;erungen &uuml;berpr&uuml;ft wird, gezielt propagandistisch nutzen. Diese &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit verhelfe den Inhalten oft zu gr&ouml;&szlig;erer Verbreitung.<\/p>\n<p>Im Internet-Zeitalter sei es au&szlig;erdem kaum mehr denkbar, dass staatliche Ma&szlig;nahmen die Verbreitung bestimmter Positionen und &Auml;u&szlig;erungen effektiv abstellten. Das pure Nichtbeachten solcher &Auml;u&szlig;erungen sei daher eine gute Alternative (S. 133ff.). Eine weitere wirksame und notwendige Alternative sei auch die konsequente Gegenrede durch Angeh&ouml;rige der Zivilgesellschaft und Repr&auml;sentant*innen staatlicher Institutionen. Verspreche der Staat hingegen die L&ouml;sung des Problems durch Verbotsregelungen, so lasse das zivilgesellschaftliche Engagement sogar nach, da sich die Menschen darauf verlie&szlig;en, der Staat werde das Problem l&ouml;sen. Durch Hassreden diskriminierte Menschen und Gruppen sollten daher darin unterst&uuml;tzt werden, selbstbewusst gegen Hassreden aufzutreten (S. 157&nbsp;ff.). Auch Bildung k&ouml;nne einen relevanten Beitrag zur Bek&auml;mpfung von Hassreden leisten.<\/p>\n<h5><span id=\"schlussfolgerungen-fuer-die-rechtspolitische-debatte-in-deutschland\">Schluss&shy;fol&shy;ge&shy;rungen f&uuml;r die rechts&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;sche Debatte in Deutschland<\/span><\/h5>\n<p>Im Kontext der Auseinandersetzungen &uuml;ber den Umgang mit populistischen und rechtsextremen Meinungs&auml;u&szlig;erungen, wie sie sich auch in den Eilentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts vor der Europawahl 2019 widerspiegeln, liefert Nadine Strossen zahlreiche Argumente f&uuml;r weniger aufgeregte Reaktionen. Dies gilt gerade f&uuml;r Deutschland mit seinen im internationalen Vergleich weitreichenden Verbotsbestimmungen f&uuml;r bestimmte Arten von Hassreden. Auch die wachsende Bedeutung von Social Media-Anbietern als nicht-staatliche Akteure bei der Bek&auml;mpfung hasserf&uuml;llter Inhalte bedarf gr&ouml;&szlig;erer politischer und zivilgesellschaftlicher Aufmerksamkeit &#8211; dies zeigt auch die Eilentscheidung des BVerfG zur L&ouml;schung von Facebook-Inhalten in Wahlkampfzeiten.[14] Die BVerfG-Eilentscheidungen im Vorfeld der Europawahl 2019 deuten darauf hin, dass das Gericht f&uuml;r das Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und staatlichen Ma&szlig;nahmen gegen hasserf&uuml;llte &Auml;u&szlig;erungen sensibilisiert ist &#8211; sicherlich nicht zuletzt aufgrund starker Kritik an seiner Entscheidung zur Volksverhetzung aus dem Jahr 2009.[15] Ob die Argumente, die Nadine Strossen anf&uuml;hrt, mittelfristig auch in anderen Teilen der Welt zu einer wirksamen Bek&auml;mpfung von Hate Speech ohne Verbote f&uuml;hren, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>[*1] Zugleich Besprechung von: Nadine Strossen, Hate. Why We Should Resist It with Free Speech, Not Censorship, Oxford und New York: Oxford University Press 2018, 199 Seiten, 16,99 &pound;.<\/p>\n<p>[2] Vgl. auch den Beitrag von Reinhardt in diesem Heft.<\/p>\n<p>[3] BBGBl.I, 2017, S. 3352; vgl. dazu die Dokumentationen sowie die Beitr&auml;ge von Buermeyer\/ Eifert, Gersdorf und Spielkamp in diesem Heft.<\/p>\n<p>[4] BVerfG, 1 BvQ 43\/19, Beschluss vom 15.5.2019.<\/p>\n<p>[5] Ebd., Rn. 13.<\/p>\n<p>[6] BVerfG, 1 BvQ 42\/19, Beschluss vom 22.5.2019.<\/p>\n<p>[7] Ebd., Rn. 17 und 19.<\/p>\n<p>[8] BVerfG, 1 BvQ 46\/19, Beschluss vom 24.5.2019.<\/p>\n<p>[9] <a href=\"http:\/\/www.nyls.edu\/faculty\/wp-content\/uploads\/sites\/148\/2018\/04\/endnotes.apr2818.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.nyls.edu\/faculty\/wp-content\/uploads\/sites\/148\/2018\/04\/endnotes.apr2818.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>[10] Z.B. U.S. Supreme Court, Police Dept. of City of Chicago v. Mosley, 408 U.S. 92 (1972).<\/p>\n<p>[11] &sect; 130 Abs. 4 StGB in der 2005 ge&auml;nderten Fassung.<\/p>\n<p>[12] BVerfG, 1 BvR 2150\/08, Beschluss vom 4.11.2009 (Leitsatz 1).<\/p>\n<p>[13] Z.B. U.S. Supreme Court, Watts v. United States, 394 U.S. 705 (1969); Brandenburg v. Ohio, 395 U.S. 444 (1969).<\/p>\n<p>[14] BVerfG, 1 BvQ 42\/19, Beschluss vom 22.5.2019.<\/p>\n<p>[15] BVerfGE 124, 300.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[138],"publikationen":[878],"class_list":["post-8551","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hartmut-aden","publikationen-225-226"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Staatliches Vorgehen gegen Hate Speech im Konflikt mit der Meinungsfreiheit* - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/staatliches-vorgehen-gegen-hate-speech-im-konflikt-mit-der-meinungsfreiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Staatliches Vorgehen gegen Hate Speech im Konflikt mit der Meinungsfreiheit* - 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