{"id":8565,"date":"2018-11-22T22:00:00","date_gmt":"2018-11-22T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:59","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:59","slug":"zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1\/","title":{"rendered":"Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg&auml;nge 224 (4\/2018), S. 41 &#8211; 46<\/p>\n<p><i>Die AfD ist insbesondere im Osten stark, was mit den wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen und dem Gef&uuml;hl, abgeh&auml;ngt zu sein, begr&uuml;ndet wird. Aber wirtschaftlich schwache Regionen gibt es auch im Westen &ndash; etwa Bremerhaven und Duisburg-Marxloh. Dass die AfD hier Erfolge erzielt, ist deshalb nicht &uuml;berraschend. Aber sie erreichte auch in wirtschaftlich starken Regionen &ndash; etwa Ingolstadt &ndash; in bestimmten Bezirken &uuml;ber 30&nbsp;%. Es gibt deshalb keine pauschalen Bewertungen, sondern es bedarf einer eingehenden Analyse.<\/i><\/p>\n<p>Generell gilt Deutschland in Europa als ein weitgehend stabiles Land mit einer guten wirtschaftlichen Entwicklung und niedrigen Arbeitslosenzahlen. Und in der Tat ist das f&uuml;r dieses und f&uuml;r das n&auml;chste Jahr prognostizierte Wachstum mit rd. 2 Prozent ganz ordentlich im Vergleich zu anderen L&auml;ndern. Die Zahl der Erwerbst&auml;tigen ist 2017 erneut angestiegen &ndash; auf 44,3 Millionen. Die Arbeitslosenzahlen befinden sich zumindest in ihrer offiziellen Version auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Doch der Schein tr&uuml;gt. Die sozialen Widerspr&uuml;che sind gro&szlig; und haben in den letzten Jahren zugenommen. So weist Deutschland den gr&ouml;&szlig;ten Sektor an prek&auml;rer Arbeit in Westeuropa auf. Der Anteil der Niedrigl&ouml;hner liegt &uuml;ber 20 Prozent. Viele Menschen k&ouml;nnen von ihrer Arbeit nicht leben.&nbsp; 1,2 Millionen m&uuml;ssen zus&auml;tzlich zu ihrem Erwerbseinkommen Arbeitslosengeld beziehen. Die atypische Besch&auml;ftigung &ndash; Mini- und Midi-jobs, erzwungene Teilzeitarbeit, Leiharbeit &ndash; hat zugenommen.&nbsp; Besonders betroffen sind Alleinerziehende. Die Arbeitslosigkeit verfestigt sich und Langzeitarbeitslosigkeit ist ein l&auml;ngst nicht gel&ouml;stes gro&szlig;es soziales Problem. Das Armutsrisiko wird gr&ouml;&szlig;er. 19,7 Prozent waren 2016 von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen &ndash; so die j&uuml;ngsten zur Verf&uuml;gung stehenden Zahlen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. In seinem j&uuml;ngsten Jahresgutachten hat der parit&auml;tische Wohlfahrtsverband festgestellt, dass der Wirtschaftsboom an vielen Menschen vorbeigeht.[1]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-osten-hinkt-immer-noch-hinterher\">Der Osten hinkt immer noch hinterher<\/span><\/h2>\n<p>Die f&uuml;r Deutschland zu konstatierenden sozialen Probleme trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung insgesamt sind regional sehr unterschiedlich ausgepr&auml;gt. Dabei ist nach wie vor die unterschiedliche Entwicklung in Westdeutschland und Ostdeutschland bedeutsam. W&auml;hrend bei einer durchschnittlichen offiziellen Arbeitslosenquote von 5,1 % Westdeutschland eine Quote von 4,8&nbsp;% hat, liegt sie im Osten mit 6,8 % deutlich h&ouml;her. Noch gr&ouml;&szlig;er sind die Differenzen bei der Jugendarbeitslosigkeit. Aus einer Auswertung der Bundestagsfraktion der Partei DIE Linke geht hervor, dass es auch enorme Unterschiede beim Einkommen gibt. So lagen die Jahresbruttoarbeitsl&ouml;hne je Arbeitnehmer im Osten mit 30.172 Euro um fast 5.000 Euro unter denen im Westen mit durchschnittlich 35.084 Euro. Ende 2017 wies der Landkreis G&ouml;rlitz mit 2.183 Euro das niedrigste Median-Entgelt auf, Ingolstadt dagegen mit 4.635 Euro das h&ouml;chste. Das Medianeinkommen ist das mittlere Einkommen, das beim Vergleich aller Einkommen genau in der Mitte liegt. Die drei ersten westlichen Kreise hatten ein doppelt so hohes Entgelt wie die drei &ouml;stlichen Kreise, die am Ende der Skala liegen. Gleichzeitig waren aber die Arbeitszeiten im Osten h&ouml;her als im Westen.<\/p>\n<p>Deutliche Unterschiede im Hinblick auf Einkommen und Armutsrisiko zwischen Ost und West stellt auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer Studie fest.[2] Entsprechend dieser Studie, deren Zahlen sich auf das Jahr 2014 beziehen, betrug der durchschnittliche Anteil der Menschen mit Einkommensarmut in Deutschland 15,4&nbsp;%, im Westen 14,4&nbsp;% und im Osten 19,1&nbsp;%. Unter Einkommensarmut versteht man Menschen mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des bedarfsgerechten Medianeinkommens. Ber&uuml;cksichtigt man das unterschiedliche Preisniveau und damit die Kaufkraft werden die Unterschiede etwas geringer. Danach betrug der Anteil armer Menschen im Bundesdurchschnitt 15,3&nbsp;%, im Westen 14,9&nbsp;% und im Osten 16,8&nbsp;%.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"regionale-unterschiede\">Regionale Unter&shy;schiede<\/span><\/h2>\n<p>Doch der Vergleich Ostdeutschland &#8211; Westdeutschland ist nicht ausreichend, um die regionalen Unterschiede in den Arbeits- und Lebensbedingungen wirklich zu erfassen. Westdeutschland steht keineswegs durchweg besser dar. So nimmt Bremen sowohl bei der Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 10&nbsp;% als auch bei der Armutsgef&auml;hrdung mit einer Quote von 22,6&nbsp;% den Spitzenplatz ein, gefolgt allerdings von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, w&auml;hrend Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg sich am unteren Ende der Skala befinden. Dagegen nehmen Sachsen und Berlin beim Wirtschaftswachstum einen Spitzenplatz ein. Und wenn man die wirtschaftliche Entwicklung &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum verfolgt, liegt Th&uuml;ringen an der Spitze, w&auml;hrend Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Bremen die Schlusslichter bilden. Man kann in diesem Zusammenhang weniger von einem Ost-West-Gegensatz reden, sondern mehr von einem wirtschaftlich starken S&uuml;den, der sich deutlich vom Westen und Norden absetzt.<\/p>\n<p>Dennoch ist es eine Tatsache, dass der Osten noch dem Westen hinterherhinkt. Dies zeigt sich auch bei einer Aufschl&uuml;sselung der Daten f&uuml;r die Einkommensarmut nach Bundesl&auml;ndern. Entsprechend der Studie des IW wiesen Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern mit einem Anteil von 11,4 bzw. 11,5 % den geringsten Anteil an Einkommensarmut auf, w&auml;hrend Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit 21,3 bzw. 21,2&nbsp;% mit die h&ouml;chsten Anteile zu verzeichnen hatten. Allerdings ist Schlusslicht nicht ein ostdeutsches Bundesland, sondern der Stadtstaat Bremen mit einem Anteil von 24,3&nbsp;%. Das Bild differenziert sich weiter, wenn man die Kaufkraft, also die unterschiedliche Preisentwicklung ber&uuml;cksichtigt. Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg haben wiederum mit 12,4 bzw. 12,6 % die niedrigsten Anteile. Ostdeutsche L&auml;nder wie Th&uuml;ringen liegen mit 14,1 % nicht viel schlechter, w&auml;hrend Berlin mit 21,3 % und wiederum Bremen mit 24,4 % den h&ouml;chsten Anteil an Armut aufweisen. Auch Nordrhein-Westfalen (NRW) hat mit 17,7 % einen doch recht hohen Anteil.<\/p>\n<p>Noch sehr viel differenzierter und damit aussagekr&auml;ftiger im Hinblick auf die Lebenslage der Menschen wird das Bild, wenn man nicht nur die L&auml;nder, sondern auch die Landkreise und St&auml;dte betrachtet. Hier sehen Teile Westdeutschlands au&szlig;erordentlich schlecht aus. Gelsenkirchen und Bremerhaven liegen beim Einkommen mit Abstand auf den beiden letzten Pl&auml;tzen, das gilt auch beim Einbezug der Kaufkraft.&nbsp; An der Spitze befinden sich Landkreise um M&uuml;nchen wie Dachau, Starnberg oder aber auch die Bodenseeregion. Auch die N&uuml;rnberger Region oder die s&uuml;dliche Pfalz weisen relativ geringe Armutsquoten auf. Die Gebiete mit der niedrigsten Armutseinkommensquote liegen &uuml;berwiegend in Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg. Auf der anderen Seite liegen die St&auml;dte und Kreise, die einen sehr hohen Anteil von Einkommensarmut aufweisen, zum &uuml;berwiegenden Teil in NRW. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang vor allem das Ruhrgebiet. Die Spitzenstellung im Hinblick auf Armut und soziale Probleme nimmt allerdings Bremerhaven ein.<\/p>\n<p>Auch stellt das IW ein Stadt-Land-Gef&auml;lle fest. Die Einkommensarmut betr&auml;gt in St&auml;dten 18,7&nbsp;%, dagegen in den nicht-urbanen Regionen 14,5&nbsp;%. St&auml;dtische Ballungsr&auml;ume weisen h&ouml;here soziale Probleme und Ungleichheiten auf. Ein typisches Beispiel daf&uuml;r ist K&ouml;ln, wo es eine erhebliche Einkommensspreizung gibt. Dass es gerade auch in ansonsten wirtschaftlich starken Metropolen wie M&uuml;nchen oder Frankfurt erhebliche soziale Probleme gibt, ist bekannt. Hier ist die soziale Polarisierung stark ausgepr&auml;gt. Dabei spielt in den letzten Jahren die Wohnungsproblematik eine zentrale Rolle. Gerade in Ballungsgebieten ist es f&uuml;r viele Menschen kaum noch m&ouml;glich, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Nach einer Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung fehlen fast zwei Millionen erschwingliche Wohnungen. Bruttowarmmieten von 30 % und mehr des Einkommens gelten als nicht mehr bezahlbar. Und davon sind in den Gro&szlig;st&auml;dten zunehmend mehr Menschen betroffen.[3] Dies erh&ouml;ht das Armutsrisiko stark. Die Mieten in den Gro&szlig;st&auml;dten sind enorm gestiegen. Der h&ouml;chste Mietpreis ist in M&uuml;nchen mit durchschnittlich 17,90 &euro; zu verzeichnen. Am st&auml;rksten angewachsen sind die Mieten in Berlin, wo sie im Zeitraum von 2012 bis 2017 um 51 % anstiegen. Der Anstieg war im Osten insgesamt geringer. Zum Teil gab es nur geringe Mietsteigerungen wie in Jena, wo die Mieten in diesem Zeitraum nur um 1 % anstiegen oder in Rostock, wo sie sogar um 4 % sanken.[4]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-lage-in-westdeutschland\">Die Lage in Westdeut&shy;sch&shy;land<\/span><\/h2>\n<p>Zwar sind die Unterschiede im Hinblick auf die Einkommensarmut und die damit verbundenen sozialen Probleme zwischen den alten und neuen Bundesl&auml;ndern durchaus noch signifikant. Doch schon beim Einbezug der Kaufkraft &ndash; dies zeigt die Studie des IW &ndash; verschwimmen die Unterschiede allm&auml;hlich. Festzustellen ist jedenfalls, dass die Regionen mit besonders hohen sozialen Problemen, wie sie sich in der Armutsgef&auml;hrdung ausdr&uuml;cken, sich keineswegs auf Ostdeutschland beschr&auml;nken. In Westdeutschland gibt es eine ganze Reihe von Gebieten, die &auml;hnliche prek&auml;re Verh&auml;ltnisse aufweisen. Dazu z&auml;hlen viele Gebiete in NRW und insbesondere&nbsp; der Stadtstaat Bremen.<\/p>\n<p>Auch wenn die Armut und Armutsgef&auml;hrdung sicherlich am deutlichsten die sozialen Probleme ausdr&uuml;cken,&nbsp; gibt es doch eine Reihe weiterer Faktoren, die die Lebensbedingungen betreffen. Dazu z&auml;hlen M&auml;ngel in der Infrastruktur insbesondere auf kommunaler Ebene. Nach Angaben des Deutschen St&auml;dtetags lag der Investitionsr&uuml;ckstand in den Kommunen bei 132 Milliarden Euro (Mai 2015). Mit ein Grund daf&uuml;r sind die rasant gestiegenen Sozialausgaben, die in eben diesem Jahr 2015 auf 54 Milliarden angestiegen sind. Dabei sind im Hinblick auf die Finanzkraft erhebliche regionale Unterschiede festzustellen.<i> &bdquo;Deutlich &uuml;berdurchschnittliche, positive Finanzierungssalden waren in Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu verzeichnen. Deutlich unterdurchschnittliche, zudem negative Finanzierungssalden verbuchten hingegen die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz<\/i>.&ldquo;[5] Dort, wo aufgrund der sozialen Problemlage die Sozialausgaben besonders hoch sind, besteht die Gefahr der Verk&uuml;mmerung der kommunalen Infrastruktur.<\/p>\n<p>Als ein besonderes Beispiel f&uuml;r ein ziemlich heruntergekommenes Gebiet gilt Duisburg-Marxloh mit verwahrlosten Wohnungen, Aufgabe von Gesch&auml;ften und verm&uuml;llten Stra&szlig;en.&nbsp; Angezogen durch die zwar maroden, aber leerstehenden H&auml;user wohnen dort einem Bericht des WDR zufolge vor allem <i>&#8222;bettelarme Zuwanderer aus Rum&auml;nien und Bulgarien&#8220;<\/i>[6]. Skrupellose Eigent&uuml;mer lassen ihre Immobilien verk&uuml;mmern und &uuml;berbelegen sie mit verarmten Zuwanderern. Dies hat eine britische Journalistin, die sich einen Tag lang umgesehen hat, veranlasst, in der &#8222;Daily Mail&#8220; einen Horrorbericht &uuml;ber die Folgen von Merkels Fl&uuml;chtlingspolitik zu schreiben.[7] Dies wird jedoch den zwar schwierigen, aber doch auch differenzierteren Verh&auml;ltnissen nicht gerecht. Freilich ist Duisburg-Marxloh ein Beispiel f&uuml;r die Folgen eines nicht bew&auml;ltigten Strukturwandels, dort verursacht durch den Niedergang der Stahlindustrie mit entsprechenden sozialen Problemen. Diese ohnehin schon prek&auml;re Lage wird&nbsp; durch den Zuzug &auml;rmerer Menschen, vor allem Migranten, noch verst&auml;rkt. Doch Duisburg-Marxloh ist nur ein besonders markantes Beispiel. &Auml;hnliches gilt auch f&uuml;r andere Regionen des Ruhrgebiets. So verwundert es nicht, dass es gerade diese Gebiete&nbsp; sind, die bei der Armut und Armutsgef&auml;hrdung an der Spitze im bundesdeutschen Vergleich liegen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gelsenkirchen-und-ingolstadt-ein-ueberraschender-vergleich\">Gelsen&shy;kir&shy;chen und Ingolstadt &ndash; ein &uuml;berra&shy;schender Vergleich<\/span><\/h2>\n<p>Wie schon erw&auml;hnt, hat Gelsenkirchen nach Bremerhaven den h&ouml;chsten Anteil an einkommensarmen Menschen. Gelsenkirchen war in der Vergangenheit stark von der Montanindustrie und dabei besonders vom Steinkohlebergbau gepr&auml;gt. Die Umstellung auf andere Industriezweige und Dienstleistungen gelang jedoch nur teilweise. Dies dr&uuml;ckt sich in einer &uuml;berdurchschnittlichen Arbeitslosenquote von aktuell 11,1&nbsp;% aus, die damit doppelt so hoch ist wie der Bundesdurchschnitt.&nbsp; Ingolstadt liegt demgegen&uuml;ber beim Einkommen an der Spitze in Deutschland liegt, w&auml;hrend Gelsenkirchen am unteren Ende zu finden ist. Mit 2,0&nbsp;% hat Ingolstadt auch eine sehr viel niedrigere Arbeitslosenquote.<\/p>\n<p>Einer Bertelsmann-Studie zufolge sind Gebiete mit prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen besonders f&uuml;r rechte politische Parteien und Organisationen empf&auml;nglich.[8] So verwundert es nicht, dass in Gelsenkirchen die AfD bei der Bundestagswahl letztes Jahr 17&nbsp;% erreichte und damit im Westen die Hochburg der Partei war. Interessant ist allerdings, dass &Auml;hnliches f&uuml;r Ingolstadt gilt, das ganz andere Kennziffern aufweist und zu den reichsten St&auml;dten Deutschlands z&auml;hlt. Auch hier hat die AfD bei der Bundestagswahl mit 15,3&nbsp;% ein &uuml;berdurchschnittlich hohes Ergebnis erreicht &ndash; das h&ouml;chste in einer bayerischen Gro&szlig;stadt. Dieses auf den ersten Blick &uuml;berraschende Resultat erkl&auml;rt sich, wenn man sich die Verh&auml;ltnisse in Ingolstadt etwas genauer ansieht. Die sind sehr widerspr&uuml;chlich. Auf der einen Seite wird die Stadt durch das Unternehmen Audi gepr&auml;gt, das dort seinen Sitz hat und den gr&ouml;&szlig;ten Produktionsstandort unterh&auml;lt. Davon profitieren nicht nur die Besch&auml;ftigten selbst, sondern auch die gesamte Wirtschaft. Auf der anderen Seite ist das Unternehmen mit einem Kranz von Zulieferern und Dienstleistern umgeben, wo die L&ouml;hne zum Teil sehr niedrig sind. Bei den Logistikunternehmen wird oft nur wenig mehr als der Mindestlohn bezahlt. Das macht das Leben f&uuml;r diese und andere Menschen mit niedrigem Einkommen schwierig. Die Mieten sind von 2012 bis 2017 um 28&nbsp;% auf durchschnittlich 11,50 &euro; angestiegen. Und so weist Ingolstadt Problemviertel auf, wo die AfD mehr als 30&nbsp;% erreichte.<\/p>\n<p>Eine etwas differenziertere Betrachtung zeigt, dass in der Tat prek&auml;re Verh&auml;ltnisse die extreme Rechte beg&uuml;nstigen. Allerdings kommen AfD-W&auml;hler zu einem nicht unbetr&auml;chtlichen Teil auch aus den konservativen Milieus mit durchaus akzeptablen Arbeits- und Lebensbedingungen &ndash; insbesondere dann, wenn sie ihren Status (ob zu Recht oder zu Unrecht) bedroht sehen und&nbsp; einen Abstieg bef&uuml;rchten.<br \/>&nbsp;<\/p>\n<p><b>HEINZ&nbsp;BIERBAUM&nbsp;<\/b><i>&nbsp; studierte Soziologie und Betriebswirtschaftslehre und ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Seit 1996 ist er Prof. f&uuml;r Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule f&uuml;r Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Von 2009 bis 2017 war er Abgeordneter des Saarl&auml;ndischen Landtags und Parlamentarischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der LINKEN-Fraktion im Landtag. Er geh&ouml;rte von 2010 bis 2018 dem Parteivorstand der LINKEN an und ist derzeit Vorsitzender der Internationalen Kommission der Partei.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h2>\n<p>1 Deutscher Parit&auml;tischer Wohlfahrtsverband, &#8222;Br&uuml;cken Bauen &ndash; Potenziale des Sozialen&#8220;. Parit&auml;tisches Jahresgutachten 2018, <a href=\"http:\/\/infothek.paritaet.org\/pid\/fachinfos.nsf\/0\/c5eda480fad73dc2c1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/infothek.paritaet.org\/pid\/fachinfos.nsf\/0\/c5eda480fad73dc2c1<\/a><br \/>2582e200306a7d\/$FILE\/Jahresgutachten_2018.pdf.<\/p>\n<p>2 Klaus-Reiner R&ouml;hl\/Christoph Schneider, Regionale Armut in Deutschland, IW-Analysen Nr. 113.<\/p>\n<p>3 Hans B&ouml;ckler Stiftung, Impuls 07\/2018.<\/p>\n<p>4 S. <a href=\"https:\/\/news.immowelt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/news.immowelt.de<\/a> 19.3.2018.<\/p>\n<p>5 Deutscher St&auml;dtetag, GleichwertigeLebensverh&auml;ltnisse von Aachen bis Zwickau. Gemeindefinanzbericht 2017, <a href=\"http:\/\/www.staedtetag.de\/imperia\/md\/content\/dst\/veroeffentlichungen\/gemeinde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.staedtetag.de\/imperia\/md\/content\/dst\/veroeffentlichungen\/gemeinde<\/a><br \/>finanzbericht\/gemeindefinanzbericht_2017_langfassung.pdf.<\/p>\n<p>6 &#8222;Der Bundespr&auml;sident kommt nach Marxloh&#8220;. Lokalzeit aus Duisburg, WDR v. 12.3.2018.<\/p>\n<p>7 Sue Reid, Angela Merkel&#8217;s real legacy is the lawless no-go areas that police fear to patrol &hellip;, Daily Mail v. 5.3.2018, <a href=\"https:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-5461211\/SUE-REID-Angela-Merkels-real-legacy.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.dailymail.co.uk\/news\/article-5461211\/SUE-REID-Angela-Merkels-real-legacy.html<\/a>.<\/p>\n<p>8 Vehrkamp, Robert\/Wegschaider, Claudia: Populaare Wahlen. Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus bei der Bundestagswahl 2017, hrsg. von der Bertelsmann Stiftung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1471],"publikationen":[879],"class_list":["post-8565","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinz-bierbaum","publikationen-879"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/zur-wirtschaftlichen-und-sozialen-lage-in-westdeutschland-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Westdeutschland - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg&auml;nge 224 (4\/2018), S. 41 &#8211; 46 Die AfD ist insbesondere im Osten stark, was mit den wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen und dem Gef&uuml;hl, abgeh&auml;ngt zu sein, begr&uuml;ndet wird. 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