{"id":8568,"date":"2018-11-22T20:45:00","date_gmt":"2018-11-22T19:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zwischen-oeffnung-und-abschottung-ungarns-weg-vom-gulaschkommunismus-bis-zur-fidesz-gesellschaft\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:00","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:00","slug":"zwischen-oeffnung-und-abschottung-ungarns-weg-vom-gulaschkommunismus-bis-zur-fidesz-gesellschaft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/zwischen-oeffnung-und-abschottung-ungarns-weg-vom-gulaschkommunismus-bis-zur-fidesz-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Zwischen \u00d6ffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit Lajos Kossuth. In: vorg&auml;nge Nr. 224 (4\/2018), S. 77-85<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/silhouette_man_s.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3900 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/silhouette_man_s.jpg\" alt=\"Zwischen &Ouml;ffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/silhouette_man_s.jpg 300w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/silhouette_man_s-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/silhouette_man_s-250x250.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Ungarn galt bis 1989 als eines der wenigen sozialistischen L&auml;nder, die sich wirtschaftlich, politisch und kulturell vorsichtig f&uuml;r den Westen und die Demokratie &ouml;ffneten. Diese Zeiten sind vorbei, unter Viktor Orb&aacute;n nimmt das Land mehr und mehr eine kritische Haltung zur Europ&auml;ischen Union ein, setzt in Politik und Kultur auf eine nationalistische Abschottung, schafft liberale, rechtsstaatliche Standards ab und dr&auml;ngt auf eine Gleichschaltung des &ouml;ffentlichen Lebens. Im folgenden Interview schildert Kossuth die politische Entwicklung Ungarns im 20. Jahrhundert zwischen den Lagern sowie die aktuellen Entwicklungen der nationalistischen Abschottung und Entdemokratisierung. Aus diesem Grund drucken wir das folgende Interview nur unter einem Pseudonym ab. Bei dem Gespr&auml;chspartner handelt es sich um einen 60j&auml;hrigen Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften aus Budapest. Rosemarie Will, die das Interview f&uuml;hrte, kennt ihn von fr&uuml;heren Studien- und Forschungsaufenthalten aus der Zeit vor Glasnost und Perestroika, als in Ungarn noch die weitest gehenden Ans&auml;tze zur Reform des Sozialismus innerhalb des Ostblocks diskutiert wurden.&nbsp;&nbsp;<\/i><\/p>\n<p><i>In Ungarn &#8211; einem Mitglied der EU &#8211; sind wie in den USA und in Polen nationalistische Populisten an der Macht. Wie ist es dazu gekommen? <\/i><\/p>\n<p>Ich denke die Gr&uuml;nde f&uuml;r das, was in Ungarn gegenw&auml;rtig passiert, liegen in der ungarischen Historie. Was meine ich? Ungarn liegt in der Mitte von Europa, ein Land zwischen Osten und Westen. Ungarn wollte immer zum Westen geh&ouml;ren und als Land christlich sein. St&auml;ndiges Thema war die Entwicklung zur Moderne und die Unabh&auml;ngigkeit Ungarns. Dabei k&auml;mpften die politischen Klassen meistens gegeneinander. Paradoxerweise war Ungarn tats&auml;chlich eine Nation in der &ouml;sterreichisch-ungarischen Monarchie, nach der Revolution 1848. Aber die Feudalstrukturen in der Wirtschaft, in der ganzen Gesellschaft und in der Mentalit&auml;t existierten weiter, bis in die Horthy-Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg. Es gab keine starke ungarische B&uuml;rgerschaft, keine starke Intelligenz. Es gab eine sehr gro&szlig;e Bauernschaft und eine Aristokratie, die sehr stolz darauf war, ungarisch zu sein. Der soziologische Begriff Gentry bildet das ab. Gemeint sind Ungarn adeliger Abstammung mit verlorenem Grundbesitz, die sich als R&uuml;ckgrat der ungarischen Gesellschaft betrachteten und trotz bescheidenem Einkommen einen &#8222;herrschaftlichen&#8220; Lebensstil f&uuml;hrten. Ich nenne das Neo-Barock: Der arme, aber stolze ungarische Adel errichtete eine reiche Fassade auf Kredit; eine Aristokratie, die fast nichts leistete, mit antidemokratischen Handlungsmustern.<\/p>\n<p>Hinzu kam der Vertrag von Trianon, der 1920 die Sezessionen aus dem K&ouml;nigreich Ungarn besiegelte. Nach dem f&uuml;r &Ouml;sterreich-Ungarn verlorenen Krieg musste Ungarn v&ouml;lkerrechtlich verbindlich zur Kenntnis nehmen, dass zwei Drittel seines Territoriums den Nachbar- und Nachfolgestaaten zufielen. Trianon ist bei uns bis heute ein Symbol f&uuml;r den nationalen Abstieg.<\/p>\n<p><i><br \/>Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was Trianon f&uuml;r Ungarn darstellt und dem Versailler Vertrag f&uuml;r Deutschland?<\/i><\/p>\n<p>Sie unterscheiden sich mental. Die dominanten Koordinaten in Ungarn waren nicht links oder rechts, sondern oben und unten.<\/p>\n<p><i>Hei&szlig;t das, Ungarn bleibt nach 1918, nach der Aufl&ouml;sung der &ouml;sterreichisch-ungarischen Monarchie, vormoderner Staat?<\/i><\/p>\n<p>Ja, ein halbfeudaler. Die Aristokratie blieb an der Macht. Sie hatte zwar abgewirtschaftet, aber sie erhielt den antidemokratischen Stil in der Horthy-Zeit. Am Ende orientierte sich Horthy an Hitler und paktierte mit ihm. Die Ungarn mussten sich im 20. Jahrhundert immer wieder anpassen, wegen &Auml;nderungen ihrer Staatsgrenzen oder ihrer Staatsform. Die Grenzen haben sich viermal, die Formen der Machtaus&uuml;bung achtmal ge&auml;ndert. Jede Staatsbildung setzte eine neue Ideologie durch, meist entgegengesetzt zur vorherigen, und forderte neue politische Loyalit&auml;ten. Die Leute mussten ihre Identit&auml;t immer wieder &auml;ndern. Das tat ihrer Selbstst&auml;ndigkeit, Autonomie, Solidarit&auml;t und Zivilcourage nicht gut. Es ist auch wichtig, dass es in Ungarn keine richtige Mittelschicht gab. Es gibt sie bis heute nicht.<\/p>\n<p><i>Auch f&uuml;r Deutschland ist das Jahr 1918\/19 ein Fiasko. Deutschland hat den Krieg verloren, es kommt zum Versailler Vertrag und dann zur Weltwirtschaftskrise. Deutschland ist 1918 ein modernes, industrielles Land; es gibt die Weimarer Republik mit ihrer Reichsverfassung. Aber die Demokratie hat zu wenig tatkr&auml;ftige Verteidiger, deswegen wird Hitler 1933 Reichskanzler und kann seine Diktatur errichten.<\/i><\/p>\n<p>Im Unterschied zu Hitler war Horthy nicht popul&auml;r. Hitler hat z.B. mit seinem Aggressionsdrang nach Osten oder dem Erbfolgegesetz die Interessen von Bauern aufgegriffen. In Ungarn dagegen waren die Bauern die gr&ouml;&szlig;te soziale Schicht, aber fast ohne politische Vertretung. Es gab zwar die Volkspartei, die war aber sehr schwach und intellektualisiert, voll mit Schriftstellern und Dichtern, die die Sprache des Volkes nicht gesprochen haben.<\/p>\n<p><i>Deutschland bekam 1919 eine wirklich grandiose Verfassung, trotzdem kommt 1933 Hitler an die Macht. <\/i><\/p>\n<p>In der Horthy-Zeit hatte Ungarn keine schriftliche Verfassung. Im 2. Weltkrieg wirken wir mit Hitler zusammen, betrieben schlechte Diplomatie und hatten sehr hohe Verluste. Nach dem Krieg kamen die Russen rein. Eigentlich hatten wir nur drei Wahlen: Die erste 1945 war noch demokratisch, danach im Jahr 1947 die so genannten &#8222;Blaue-Zettel-Wahlen&#8220; war schon verf&auml;lscht. So triumphierten bereits im Mai 1949 die Kommunisten, bei den Parlamentswahlen standen ausschlie&szlig;lich Kommunisten zur Wahl. Im August nahm die Nationalversammlung eine Verfassung an, die Ungarn zur Volksrepublik, das hei&szlig;t zur kommunistischen Diktatur erkl&auml;rte.<\/p>\n<p><i>Wie ging die Entwicklung Ungarns unter der Herrschaft von Kommunisten und Sozialisten weiter?<\/i><\/p>\n<p>An der ungarischen Geschichte des Kommunismus finde ich interessant, welche Mentalit&auml;t sich daraus entwickelt hat. Die K&aacute;d&aacute;r-Zeit war durch eine sogenannte doppelte Sozialisation gepr&auml;gt: Die Diskrepanz zwischen den von der Politik erwarteten Normen und den Praktiken im privaten Leben (Familie, Arbeitsplatz usw.) f&uuml;hrte zu Anpassungs- und Gegenmechanismen. Nach verbreiteter Ansicht war Politik nur eine &#8222;sanfte Feigheit&#8220;. Die Macht erlaubte es den Menschen, ihren eigenen kleineren &#8222;Frieden&#8220; in der Wirtschaft oder in der Kultur zu finden, w&auml;hrend ihr Handeln eine Art Ironie oder Zynismus zeigte.<\/p>\n<p><i>Aber vor Kadar kommt doch Imre Nagy! Gilt Nagy nicht bis heute als Symbol f&uuml;r den Widerstand gegen den Stalinismus? <\/i><\/p>\n<p>Die Figur von Imre Nagy ist nicht eindeutig. Schon unter R&aacute;kosi war er Minister und betrieb zum Beispiel gegen Bauern eine aggressive Politik, lie&szlig; die Steuern mit Terror eintreiben und erh&ouml;hte die Abgaben. Als er dann nach Stalins Tod eine sehr aufgekl&auml;rte Politik durchsetzen wollte, war die Frage, ob die Leute das glaubten. K&ouml;nnen die Kommunisten sich &auml;ndern? F&uuml;r die gegenw&auml;rtigen Machthaber ist Imre Nagy &uuml;brigens eine unerw&uuml;nschte Figur.<\/p>\n<p><i>Na gut, solche Figuren gibt es in der Geschichte des Kommunismus immer wieder, denke nur an Dubcek 1968 in der Tschechoslowakei.<\/i><\/p>\n<p>Der gescheiterte Ungarnaufstand 1956 war kurz. Danach kam K&aacute;d&aacute;r mit Hilfe der Russen an die Macht und herrschte mit Gef&auml;ngnissen und politischen Prozessen. Bis 1962 war es still im Land. Dann wurden viele Leute amnestiert und aus den Gef&auml;ngnissen entlassen. Es ist bemerkenswert, wie die Machaus&uuml;bung sich praktisch und technisch ver&auml;nderte. Man sagt, unter K&aacute;d&aacute;r machten die Kommunisten einen Kompromiss mit dem Volk. Das Privatleben konnte sich neu organisieren, die Gesellschaft ver&auml;nderte sich. In der Wirtschaft, auf dem Land, in den D&ouml;rfern, durch kleine landwirtschaftliche und handwerkliche Produktionsgenossenschaften wurde eine gewisse Autonomie geschaffen. Auch die Literatur und die Wissenschaft wurden freier. Das war nicht nur ein bisschen Ver&auml;nderung, in Ungarn war es viel besser und lockerer als in den anderen sozialistischen L&auml;ndern. Wichtiger noch als die Meinungsfreiheit aber war die Entwicklung des Rechtsstaates. Einige Rechtspolitiker und Wissenschaftler hatten Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit. Sie wussten welche Institutionen dazu geh&ouml;ren. Ihnen war klar, was es bedeutet einen Verfassungsgerichtshof, ein Versammlungsrecht, die Meinungsfreiheit, das Mehrparteiensystem, die Menschenrechte usw. zu haben.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht denke ich, wir haben unsere Situation, diesen &#8222;Gulaschkommunismus&#8220; und seine kapitalistischen Keime oder L&ouml;sungen &uuml;bersch&auml;tzt. In Ungarn ist sehr viel reformiert worden, aber jetzt denke ich, wir haben das &uuml;berbewertet.<\/p>\n<p><i>Wie passt das zu der vorherigen Einsch&auml;tzung, dass Ungarn zwischen den Lagern immer einem gro&szlig;en Anpassungsdruck ausgesetzt war? War der eigenst&auml;ndige Weg Ungarns nicht etwas Besonderes?<\/i><\/p>\n<p>Wir wollten glauben, dass wir die Vorreiter waren; und auch der Westen hat an uns als ein Vorbild gedacht. Nach meiner Meinung fehlten uns die b&uuml;rgerlichen, zivilen und rechtsstaatlichen Voraussetzungen. Deshalb habe ich auf unsere Mentalit&auml;t hingewiesen: Was sich in Ungarn entwickelte, ist weit entfernt vom klassischen Kapitalismus im Weberschen Sinne, noch weiter vom Sozialstaat entfernt.<\/p>\n<p>In der Produktion herrschen wirtschaftsfremde Gesetze: Es fehlt eine Markthaltung, es gibt keinen fairen Wettbewerb und kein Rentabilit&auml;tsprinzip. Im internationalen Vergleich sind nur wenige Menschen, aber die in extremen Ausma&szlig; und sehr schnell reich geworden. Ein Drittel der Bev&ouml;lkerung lebt in Armut und gef&auml;hrdeten Verh&auml;ltnissen. Zugleich gibt es in den letzten Jahren weniger offizielle Statistiken &uuml;ber den sozialen Wandel in Ungarn.<\/p>\n<p>Beim friedlichen &Uuml;bergang in Ungarn spielte das Rechtssystem eine wichtige Rolle. Heute ist jedoch klar, dass Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die Kontrolle der Macht durch das Verfassungsgericht, Versammlungsfreiheit usw. zu leeren Formeln geworden sind und diese Prinzipien nicht in der ungarischen Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Sozialwissenschaftler sagen, dass Ungarn nicht reif genug f&uuml;r die Demokratie und die Mitgliedschaft in der EU ist. Ohne die ungarische Geschichte und die ungarische Mentalit&auml;t kann man das heutige System nicht verstehen.<\/p>\n<p><i>Was hat sich ge&auml;ndert seit dem letzten Umbruch in Ungarn?<\/i><\/p>\n<p>Die Demokratie im klassischen Sinne &#8211; konkurrierende Parteien, ein faires Wahlsystem, unabh&auml;ngige Institutionen &#8211; all das war in Ungarn gerade am Entstehen, als die Fidesz an die Macht gelangte. Und nun verschwindet es schon wieder. Wie konnte das passieren? Man sagt manchmal, dass System Orb&aacute;n stammt aus einem Studentenwohnheim. Victor Orb&aacute;n, derzeit Ministerpr&auml;sident, J&aacute;nos &Aacute;der, seit 2012 Staatspr&auml;sident, Laslo K&ouml;ver, heute Vizepr&auml;sident des Parlaments, und andere Prominenten stammen alle aus einer Generation. W&auml;hrend ihrer Studienzeit lebten sie zusammen in einem kleinen Wohnheim, das den Namen Istv&aacute;n Bib&oacute; tr&auml;gt. Bib&oacute; war ein ungarischer Politikwissenschaftler, eine Symbolfigur, der als Privatmann wie als Politiker f&uuml;r die Moralit&auml;t stand. Bib&oacute; war Staatsminister in der Nagy-Regierung und blieb 1956 im Parlament, als die Russen in Ungarn einmarschierten. Sein ber&uuml;hmtes Zitat: &#8222;Demokratie bedeutet &#8218;keine Angst&#8216;.&#8220; Unter Fidesz ist Angst in der Gesellschaft allt&auml;glich geworden. In diesem Wohnheim jedenfalls entstand Fidesz, zuerst als Studenten-Kollegium, danach als ein Verband junger Demokraten, als liberale Partei; sp&auml;ter wurde daraus der sogenannte ungarische B&uuml;rgerbund, die Fidesz &#8211; heute m&auml;chtigste Partei Ungarns. Man kann auch sagen, Fidesz entstand unter dem Schirm der letzten Regierung des Kadarismus &#8211; der damalige Leiter des Wohnheims war der Schwiegersohn des Innenministers &#8211; und mit Unterst&uuml;tzung von George Soros.<\/p>\n<p><i>Was hatte Soros mit der Studentengruppe zu tun? <\/i><\/p>\n<p>Er hat Orb&aacute;n und viele andere mit Stipendien unterst&uuml;tzt, einige studierten an der Central European University, der von ihm finanzierten Privat-Universit&auml;t in Budapest.<\/p>\n<p><i>Gibt es eine ungarische Bourgeoisie? Wer hat die &ouml;konomische Macht in Ungarn, wer hat die Verm&ouml;gen? In Ostdeutschland wurden die Dinge, die es gab, mehr oder weniger an die Wessis verteilt. Hier gibt es das B&uuml;rgertum des Westens. Aber in Ungarn gibt es ja kein Gegen&uuml;ber wie in Deutschland.<\/i><\/p>\n<p>Sofort nach der Wende kam eine Debatte: Wie macht man den B&uuml;rger? Wer ist der B&uuml;rger: &ouml;konomisch, gesellschaftlich und politisch? Inzwischen wurde das gesamte staatliche Verm&ouml;gen direkt oder in Form von Entsch&auml;digungsscheinen verteilt. Viele Immobilien, Fabriken und Hotels wurden umsonst oder zum symbolischen Preis von 1 Forint verkauft.<\/p>\n<p><i>An Privatleute?<\/i><\/p>\n<p>Ja, zum Beispiel an j&uuml;ngere Funktion&auml;re des Kommunistischen Jugendverbands. Teilweise kauften Privatleute die Entsch&auml;digungsscheine auf. Die Gas- und Stromversorgung, aber auch Banken wurden privatisiert und verkauft &#8211; wie &uuml;berall. Orb&aacute;n wusste genau, dass er ein wirtschaftlich homogenes Hinterland braucht. Er sagte, wir brauchen eine neue wirtschaftliche Schicht, eine neue B&uuml;rgerschaft, eine neue Oligarchie. Aber diese Schicht ist sehr d&uuml;nn, ein paar Dutzend Leute nur, fast alle in Orb&aacute;ns Alter. Orb&aacute;n selbst und seine Familie sollen die reichsten Leute in Ungarn sein &#8211; obwohl er sein Verm&ouml;gen vor der &Ouml;ffentlichkeit geheim h&auml;lt.<\/p>\n<p>Die wenigen freien Medien sind voll mit Skandalen &uuml;ber Strohm&auml;nner etc., aber die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht oder findet kein Vergehen, als beispielsweise das Europ&auml;ische Amt f&uuml;r Betrugsbek&auml;mpfung (OLAF) den systematischen Missbrauch von EU-Geldern r&uuml;gte, u.a. durch eine Firma, die einst Istv&aacute;n Tiborcz (dem Schwiegersohn Orb&aacute;ns) mit geh&ouml;rte. Umgekehrt kommen Oppositionelle ins Gef&auml;ngnis &#8211; ohne Beweise.<\/p>\n<p>Es gibt eine Mittelschicht im wirtschaftlichen Sinne, aber auch die h&auml;ngt von Orb&aacute;n ab, weil er Unterst&uuml;tzungen und Kredite verteilen l&auml;sst. Im Land sind die meisten kommunalen Verwaltungen und nahezu alle B&uuml;rgermeister Fans von Fidesz. Durch diese B&uuml;rgermeister werden wirtschaftliche M&ouml;glichkeiten f&uuml;r diese Schicht &#8222;organisiert&#8220;. Sie sind die Reichen auf dem Lande, sie haben sch&ouml;ne Autos, H&auml;user, sie veranstalten B&auml;lle, verreisen zusammen &#8230; Das nennt man bei uns die Mittelschicht. Sie sind weder kritisch noch intellektuell. Sie sind keine B&uuml;rger im emphatischen Sinn, sie haben keine b&uuml;rgerlichen Gedanken. Wenn etwa jemand als B&uuml;rgermeister unabh&auml;ngig von Fidesz sein will, ist klar, dass seine Stadt oder sein Dorf kein Geld mehr bekommt. Die kommunale Verwaltung ist daher kein Gegengewicht zur zentralen Macht.<\/p>\n<p><i>Kapitalismus entsteht mit der Privatisierung von Eigentum. In den osteurop&auml;ischen Staaten gibt es &#8211; abgesehen vom Sonderfall Ostdeutschland &#8211; so etwas wie eine urspr&uuml;ngliche Akkumulation des Kapitals, die die neue wirtschaftliche Macht der Oberschicht, der Oligarchie begr&uuml;ndet. Kann man so etwas auch f&uuml;r Ungarn beschreiben? <\/i><\/p>\n<p>Die ungarische Oberschicht ist durch EU-Gelder und durch Korruption entstanden. Da ist diese riesige Menge EU-F&ouml;rdergelder, die durch das System Orb&aacute;n verteilt wird. Das ist kein klassischer rationaler Kapitalismus, h&ouml;chstens staatlicher Kapitalismus.<\/p>\n<p><i>Die ungarische Wirtschaft stelle ich mir eher schwach vor, sie war doch immer stark landwirtschaftlich gepr&auml;gt.<\/i><\/p>\n<p>Das ist sie nicht mehr. Es gibt heute leider nicht viele Informationen dazu. Man kann derzeit keine klaren gesellschaftlichen Strukturen f&uuml;r Ungarn beschreiben, auch keine Wirtschaftsstrukturen. Wir wussten beispielsweise f&uuml;r die 1980er Jahre, dass der Anteil der Landwirtschaft am Wirtschaftsaufkommen bei 17&nbsp;Prozent lag. Jetzt wei&szlig; man es nicht mehr. Vor einigen Jahren waren das drei Prozent. Dabei besitzen die reichsten zwei Prozent der Grundbesitzer zwei Drittel der gesamten ungarischen L&auml;ndereien und W&auml;lder. &Auml;hnlich sieht es bei den Energieversorgern aus.<\/p>\n<p>In Ungarn boomt derzeit der Bau von Stra&szlig;en und &ouml;ffentlichen Geb&auml;ude. Die Firmen, die das ausf&uuml;hren, geh&ouml;ren einigen wenigen Leuten. Sie leben von der staatlichen Auftragsvergabe. Die staatlichen Auftr&auml;ge m&uuml;ssen ausgeschrieben werden, theoretisch k&ouml;nnten sich auch Unternehmen aus der EU darauf bewerben. Die Vergabe der Auftr&auml;ge erfolgt in Ungarn nach einer Art Rotationsprinzip zwischen A, B und vielleicht noch C. Der Markt ist zwischen ihnen aufgeteilt. Kommt A diesmal zum Zuge, kommen beim n&auml;chsten Mal B und C dran. Es geht um sehr wenige Unternehmer, die genau wissen, was sie vom Staat bekommen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Auf dem Arbeitsmarkt gibt es eine gro&szlig;e Zahl von &ouml;ffentlichen, kommunalen Arbeitern: Wenn man arbeitslos ist, muss man sich bei einem Rat oder beim B&uuml;rgermeister um diese Arbeit bewerben. Auf dem Land ist diese Arbeitsart weit verbreitet. Die Arbeiter &#8211; das sind heute etwa 200.000 im ganzen Land &#8211; bekommen f&uuml;r acht Stunden kommunaler Arbeit pro Arbeitstag ein l&auml;cherliches Monatsgehalt von umgerechnet netto etwa 150 Euro. Man bekommt nur dann Geld, wenn man arbeitet; aber es gibt nur Arbeit, wenn man f&uuml;r Fidesz stimmt. Daraus entsteht eine tote Schicht, denn diese Leute sind arm und sprachlos. Diese kommunale Arbeit bessert vor allem die Arbeitslosenstatistik auf.<\/p>\n<p><i>Gibt es so etwas wie unabh&auml;ngige, &ouml;konomisch selbst&auml;ndige B&uuml;rger in Ungarn?<\/i><\/p>\n<p>Unabh&auml;ngige B&uuml;rger gibt es, aber dass sie als Schicht eine gemeinsame Stimme oder Meinung gegen&uuml;ber dem Staat vertreten, so etwas gibt es meines Wissens nicht. Man h&ouml;rt zum Beispiel, dass Angestellte in der Verwaltung mit dem Handy fotografieren sollten, wie sie w&auml;hlen, damit sie ihrem Chef zeigen k&ouml;nnen, wem sie ihre Stimme gegeben haben. Oder es gibt privilegierte Angestellte, etwa an der neuen Universit&auml;t f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst. Dort werden alle Staatsdiener, Polizisten, Milit&auml;rs, und Verwaltungsbeamte ausgebildet. Sie bekommen doppelt so hohen Lohn, aber von ihnen wird eine besondere Loyalit&auml;t zum Staat erwartet.<\/p>\n<p><i>Was du beschreibst, klingt wie ein feudales System: lauter Abh&auml;ngigkeiten von der Politik, keine selbst&auml;ndige &ouml;konomische Macht.<\/i><\/p>\n<p>Es war von Anfang kein Kapitalismus. Es ist ein gemischtes System, das von staatlichen Geldern lebt. Es gibt heute nat&uuml;rlich kapitalistische Momente in Ungarn. In der Wirklichkeit gibt es nirgendwo ein reines System. Aber das in Ungarn ist eine Fehlgeburt.<\/p>\n<p><i>Wie verhalten sich die Opposition und die Linke in dieser Situation?<\/i><\/p>\n<p>Alte Kommunisten gibt es nicht mehr, die neuen Sozialisten sind noch nicht geboren und eine klassische Sozialdemokratie gibt es in Ungarn auch nicht. Die alte sozialistische Partei hat keinen guten Ruf. Die Leute glauben ihnen nicht. Neue linke Parteien, etwa die Partei &#8222;Politik kann anders sein&#8220; oder die Partei &#8222;Momentum&#8220;, spielen keine Rolle. Die Opposition ist insgesamt schwach, nicht kompromissf&auml;hig und k&auml;mpft oft gegeneinander. Immerhin thematisiert sie viele wichtige Probleme.<br \/>Au&szlig;erdem muss man daran erinnern, dass wohl die H&auml;lfte der W&auml;hler f&uuml;r Fidesz gestimmt hat, sie im Parlament jedoch zwei Drittel der Sitze haben. Dar&uuml;ber hinaus sind 98 Prozent der ungarischen Medien regierungsnah.<\/p>\n<p>Innerhalb von Fidesz gibt es keine erkennbaren Gruppierungen. Sie ist ein geschlossenes System, das sich der Transparenz verweigert. Es ist klar, dass Fidesz kein Programm hat! Sie haben im Wahlkampf kein Wort &uuml;ber Gesundheit, Schulen, Sozialsystem, Armut, Korruption oder Kultur verloren. Von ihnen kam nur: &#8222;Stop Soros!&#8220; und &#8222;Keine Migranten&#8220;. Das gr&ouml;&szlig;te Plakat, das ich von Fidesz gesehen habe, war nur mit einem Wort beschrieben: &#8222;Stop!&#8220;; ein Stoppschild und im Hintergrund Migranten &#8211; mehr nicht. Und es hat funktioniert!<\/p>\n<p><i>Warum funktioniert so etwas? Woran ist die Modernisierung in Ungarn gescheitert?<\/i><\/p>\n<p>Wie ich schon sagte, haben sich die demokratischen Traditionen in Ungarn als viel schw&auml;cher herausgestellt, als wir immer dachten. Nach einer kurzen Euphorie trat schnell die Ern&uuml;chterung ein. Vor ungef&auml;hr 10 oder 12 Jahren gab es eine Bev&ouml;lkerungsumfrage. Damals war Ungarn tief im wirtschaftlichen Chaos und in der Krise. Die Mehrheit der Befragten zeigte sich tief entt&auml;uscht vom Kapitalismus und von der Rechtsstaatlichkeit. Orb&aacute;n hat das genutzt. Es besteht kein Zweifel, dass Orb&aacute;n Charisma besitzt, und er l&auml;ngst zum Populismus &uuml;bergegangen ist. Sein Populismus baut stark auf der Angst vor Fremden, auf Nationalismus auf. Orb&aacute;n ist beliebt, besonders bei Menschen mit geringerer Bildung. Die Macht ist nicht nur vertikal, sondern auch horizontal monopolisiert, was man besonders auf dem Land und in den Familien sieht. Und nicht zu vergessen: Viele Leute schweigen aus Angst vor Repressionen!<\/p>\n<p><i>Was h&auml;ltst du von den kritischen Fragen der EU zum ungarischen Gerichtssystem und dem neuen Universit&auml;tsgesetz? Die Unabh&auml;ngigkeit der Gerichte sei nicht mehr gew&auml;hrleistet, und die von Soros gegr&uuml;ndete Europauniversit&auml;t (CEU) soll geschlossen werden.<\/i><\/p>\n<p>Wegen dieser Universit&auml;t gibt es eine gro&szlig;e Aufregung unter den Intellektuellen in Ungarn. Aber das ist nur ein Teil der Soros-Geschichte. Der andere Teil ist eine ver&ouml;ffentlichte Liste mit Namen bestimmter Personen, die zu Soros&acute; Netz geh&ouml;ren sollen. Das wirkt wie eine Abstempelung ber&uuml;hmter Wissenschaftler, &auml;lterer Minister und bestimmter Schriftsteller, wie eine S&uuml;ndenliste. Eine solche Liste bedeutet f&uuml;r eine Gesellschaft immer, dass sie gro&szlig;e Probleme mit der Demokratie hat.<\/p>\n<p>Soros hat die Zivilgesellschaft in Ungarn umf&auml;nglich unterst&uuml;tzt. Er hat mehr gegeben als die ganze ungarische Elite zusammen. Nach dem sogenannten Stopp-Soros-Gesetz m&uuml;ssen alle zivilen Organisationen oder Vereine, die mehr als 7,3 Millionen Forint bekommen, das anmelden und 25% ihres Einkommens versteuern. Und alle zivilen Organisationen, die Migranten helfen, m&uuml;ssen das anmelden. Ich als Privatperson darf keine Migranten unterst&uuml;tzen, nicht einmal mit einem Sandwich.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen haben in Ungarn weder die Kraft noch den Mut, zivile Institutionen zu unterst&uuml;tzen oder daf&uuml;r zu arbeiten. Die, die sich mit Kranken, mit Kindern, mit armen Leuten oder mit Bildung besch&auml;ftigen, bekommen zu wenig Unterst&uuml;tzung. Die meisten wohlhabenden Leute sind kein Vorbild. Ein Durchschnittsmensch hat in Ungarn keine oder nur wenig Zeit f&uuml;r ziviles Engagement. Wenn man eine Arbeit hat, muss man sehr viel leisten. Ich mache z.B. drei verschiedene Jobs, damit ich &uuml;berhaupt &uuml;berlebe. Da bleibt keine Zeit f&uuml;r ziviles Engagement. Und man kann fast nichts geben, weil man wenig hat.<\/p>\n<p><i>Was ist mit den Vorhalten der EU zur ungarischen Justiz?<\/i><\/p>\n<p>Der Justiz wird mit den neuen Gesetzen die Unabh&auml;ngigkeit genommen. Sie wurde v&ouml;llig dem Justizministerium unterworfen, des sogenannte Amt der Richter wird manipuliert. Die Richter k&auml;mpfen immer noch um ihre Unabh&auml;ngigkeit. Sie m&uuml;ssen jetzt mit 64 Jahren in den Ruhestand gehen. Es ist geplant, den Obersten Gerichtshof mit dem Verfassungsgericht zu verschmelzen. Und die Verwaltungsgerichte hat man von der normalen Gerichtsstruktur getrennt. In unserem neuen System sollen die Richter an den Verwaltungsgerichten gar keine richtigen Richter mehr sein. Die neuen Richter kommen aus der Verwaltung, werden an einer neuen &#8211; von der Regierung gegr&uuml;ndeten &#8211; Universit&auml;t ausgebildet. Was hier stattfindet ist die Bildung eines Justizapparats, der sich gegen&uuml;ber dem Staat loyal verh&auml;lt.<\/p>\n<p><i>Das klingt schlimmer als die Berichte aus Russland. Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch und alles Gute f&uuml;r Dich.<\/i><\/p>\n<p><i>Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten Rosemarie Will und Sven L&uuml;ders.<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":3900,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[137,139],"publikationen":[879],"class_list":["post-8568","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rosemarie-will","autoren-sven-lueders","publikationen-879"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwischen \u00d6ffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/zwischen-oeffnung-und-abschottung-ungarns-weg-vom-gulaschkommunismus-bis-zur-fidesz-gesellschaft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwischen \u00d6ffnung und Abschottung: Ungarns Weg vom Gulaschkommunismus bis zur Fidesz-Gesellschaft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Gespr&auml;ch mit Lajos Kossuth. 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