{"id":8630,"date":"2020-12-31T15:30:00","date_gmt":"2020-12-31T14:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/was-ist-ein-demokratisches-wahlrecht\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:27","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:27","slug":"was-ist-ein-demokratisches-wahlrecht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/231-232\/publikation\/was-ist-ein-demokratisches-wahlrecht\/","title":{"rendered":"Was ist ein demokratisches Wahlrecht?"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 231\/232 (3-4\/2020), S. 187-190<\/p>\n<p><i>100 Jahre, nachdem das Frauenwahlrecht in Deutschland eingef&uuml;hrt wurde, herrscht beim passiven Wahlrecht immer noch keine Geschlechtergerechtigkeit. In den letzten Jahren war der Frauenanteil im Deutschen Bundestag r&uuml;ckl&auml;ufig, derzeit sind nur 31 Prozent der 709 Abgeordneten Frauen.[1] In den Landesparlamenten liegt ihr Anteil aktuell zwischen 22 (Sachsen-Anhalt) und 44 Prozent (Hamburg).[2] Einen echten Fortschritt in Richtung echter Geschlechtergleichheit versprachen zwei Parit&auml;tsgesetze in Brandenburg und Th&uuml;ringen, mit denen die Parteien zur Aufstellung geschlechtergerechter Wahllisten verpflichtet werden sollten. Rosemarie Will kommentiert die Entscheidungen der Landesverfassungsgerichte, mit denen beide Gesetze als verfassungswidrig zur&uuml;ckgewiesen wurden. Sie zeigt auch, welche Auswirkungen diese Entscheidungen auf k&uuml;nftige Bem&uuml;hungen um mehr Geschlechtergerechtigkeit haben.<\/i><\/p>\n<p>Brandenburg und Th&uuml;ringen haben 2019 als erste Bundesl&auml;nder die politischen Parteien gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Wahllisten parit&auml;tisch aufzustellen, also je h&auml;lftig mit Frauen und M&auml;nner zu besetzen. &Uuml;ber das Brandenburgische Parit&eacute;gesetz und den dazu gef&uuml;hrten verfassungsrechtlichen und politischen Streit haben wir in den vorg&auml;ngen (Nr.&nbsp;225\/226, S.&nbsp;183-192) ausf&uuml;hrlich berichtet. Nach den Debatten war klar, dass dazu die jeweiligen Landesverfassungsgerichte angerufen werden w&uuml;rden. Aus der NPD und der AfD kamen dann auch schnell die Antr&auml;ge, die Verfassungswidrigkeit der Gesetze festzustellen. Die CDU hielt beide Gesetze ebenfalls f&uuml;r verfassungswidrig. Sie &uuml;berlie&szlig; es aber den Rechtsau&szlig;en-Parteien, diesen Streit zu f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Das Verfassungsgericht Th&uuml;ringen hat das Parit&eacute;gesetz am 15.7.2020 (VerfG 2\/20) mit sechs zu drei Stimmen aufgehoben. Es gab zwei Minderheitenvoten von drei Richter* innen, an denen die beiden an der Entscheidung mitwirkenden Frauen beteiligt waren. Am 23.10.2020 erkl&auml;rte das Verfassungsgericht Brandenburg, dass mit f&uuml;nf M&auml;nnern und vier Frauen besetzt ist, das Landesparit&auml;tsgesetz einstimmig f&uuml;r verfassungswidrig (VfGBbg 9\/19, VfGBbg 55\/19).<br \/>Um weiter f&uuml;r ein parit&auml;tisches Wahlrecht zu streiten, ist die Auseinandersetzung mit beiden Urteilen n&ouml;tig. Obwohl beide Urteile im Ergebnis die Nichtigkeit der Gesetze feststellten, ist ihre Differenz bedeutsam &#8211; gerade f&uuml;r den kommenden Kampf um Wahlrechtsparit&auml;t.<\/p>\n<h5><span id=\"das-thueringer-urteil-und-der-wille-des-historischen-verfassungsgebers\">Das Th&uuml;ringer Urteil und der Wille des histo&shy;ri&shy;schen Verfas&shy;sungs&shy;ge&shy;bers<\/span><\/h5>\n<p>Das Th&uuml;ringer Urteil erging zu einem Normenkontrollantrag der AfD Fraktion. Es stellte eine Verletzung der Freiheit und Gleichheit der Wahl und eine Verletzung des Rechts der politischen Parteien aus Art. 21 GG fest. Die Verpflichtung zur Gleichstellung von Frauen und M&auml;nnern nach Art.&nbsp;2 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 Th&uuml;rVerf verm&ouml;ge zwar grunds&auml;tzlich auch Beeintr&auml;chtigungen der Freiheit und Gleichheit der Wahl sowie der Chancengleichheit politischer Parteien zu rechtfertigen, weil sie auf derselben Rangstufe wie die Wahlrechtsgrunds&auml;tze in Art. 46 Abs. 1 Th&uuml;rVerf und Art. 21 Abs. 1 GG als Teil des Landesverfassungsrechts stehe. F&uuml;r den Fall einer parit&auml;tischen Frauenquote im Wahlrecht habe dies der historische Verfassungsgeber aber ausgeschlossen. Das Urteil st&uuml;tzt sich dabei auf die Entstehungsgeschichte des Gleichstellungsgebotes aus Art. 2 Abs. 2 Satz&nbsp;2 Th&uuml;rVerf. Weil im Entstehungsprozess konkretere Vorschl&auml;ge zur Zul&auml;ssigkeit von Parit&auml;tsregelungen erfolglos geblieben seien, <i>&#8222;zwing[e]&#8220;<\/i> die Entstehungsgeschichte zu der Folgerung, dass die verfassungsgebende Gewalt mit dem Gleichstellungsgebot <i>&#8222;nicht die M&ouml;glichkeit&#8220;<\/i> habe er&ouml;ffnen wollen, <i>&#8222;parit&auml;tische Quotierungen einzuf&uuml;hren&#8220;<\/i> (vgl. Urteilsumdruck, S.&nbsp;42-44; Zitat: S. 44).<\/p>\n<p>Bez&uuml;glich des Ausschlusses von Parit&auml;tsregeln im Wahlrecht durch den historischen Verfassungsgeber widerspricht Richterin He&szlig;elmann in ihrem Sondervotum. Die Debatte der Experten im Verfassungsausschuss sei zu wenig systematisch gewesen, um gegen den eindeutigen Wortlaut des Art. 2 Abs. 2 Satz 2 Th&uuml;rVerf eine Listenparit&auml;t innerhalb eines personalisierten Verh&auml;ltniswahlrechts ausschlie&szlig;en zu k&ouml;nnen. In der Tat k&ouml;nnen die vom Verfassungsgerichtshof im Urteil mitgeteilten entstehungsgeschichtlichen Indizien nicht &uuml;berzeugend darlegen, dass <i>&#8222;quotierende Parit&auml;tsregelungen&#8220;<\/i> vom Verfassungsgeber Th&uuml;ringens generell ausgeschlossen worden w&auml;ren. Im zweiten Sondervotum der Richterin Licht und des Richters Pertermann wird dieser Art der statisch-historischen Auslegung auch aus methodischen Gr&uuml;nden widersprochen.<\/p>\n<p>In diese Richtung geht auch die Kritik in der rechtswissenschaftlichen Literatur: Sich auf eine historische Auslegung einer Norm, gegen ihren Wortlaut zu berufen, widerspreche g&uuml;ltigen Auslegungsstandards. In der Tat: Ein Verfassungsgericht, dass einen Diskussionsstand von 1993 zur Frauenquote, heute noch f&uuml;r ma&szlig;geblich und streitentscheidend h&auml;lt, ist bald 30 Jahre zu sp&auml;t.<\/p>\n<h5><span id=\"das-brandenburger-urteil-und-das-ganze-volk-als-demos\">Das Branden&shy;burger Urteil und das &bdquo;ganze&ldquo; Volk als Demos<\/span><\/h5>\n<p>Das Brandenburger Urteil beschied das Organstreitverfahren der NPD (VfGbg 9\/19) und die Verfassungsbeschwerde von vier AfD-Mitgliedern (VfGBbg 55\/19) positiv. Den Antrag des Landesverbandes der AfD im Organstreitverfahren hielt es f&uuml;r unzul&auml;ssig.<\/p>\n<p>Anders als der Th&uuml;ringische Verfassungsgerichtshof sah das Brandenburger Verfassungsgericht aber nicht einfach nur die Freiheit der Parteien und die Freiheit und Gleichheit der Wahlen als verletzt an, sondern ging in seiner Entscheidung weiter. Die vom Parit&auml;tsgesetz bewirkten Einschr&auml;nkungen der Parteienfreiheit sowie der Wahl-Freiheit und -Gleichheit seien eine Modifikation des Demokratieprinzips, die dem Demokratieprinzip der Brandenburger Verfassung und der des Grundgesetzes widerspr&auml;chen. Aus diesem Grund sei eine Regelung zur Parit&auml;t im Wahlrecht dem einfachen Gesetzgeber entzogen. Nur der Verfassungsgeber selbst k&ouml;nne diese Regeln &auml;ndern. Nur er k&ouml;nne in der Verfassung, bei der Regelung der Wahlgrunds&auml;tze, die M&ouml;glichkeit des parit&auml;tischen Wahlrechts zulassen, weil &#8222;das Demokratieprinzip in seiner aus der derzeitigen Landesverfassung zum Ausdruck kommenden Form eine Parit&auml;tsvorgabe f&uuml;r die Wahl zum Landtag nicht erlaubt.&#8220; (VfGBbg 55\/19, Rdnr. 176).<\/p>\n<p>Damit ging es nicht mehr wie beim Th&uuml;ringer Verfassungsgerichtshof nur darum, die Durchsetzung des Gleichstellungsauftrags der Verfassung im Wahlrecht zu verhindern. Mit der Brandenburger Entscheidung ging es dar&uuml;ber hinaus auch darum, eine Demokratieauffassung abzuwehren und zu diskreditieren, die mehr als formale Rechtsgleichheit will, die auf die Herstellung faktischer Freiheit und Gleichheit zwischen den Geschlechtern zielt. Eine solche Rechtsauffassung widerspr&auml;che dem Grundgesetz und damit auch der Landesverfassung. Warum? Das ganze Volk m&uuml;sse die Macht aus&uuml;ben, nicht eine Gruppe der M&auml;nner und eine Gruppe der Frauen, so das Brandenburger Verfassungsgericht. Aber warum sind beide Gruppen, die der M&auml;nner und der Frauen, zusammen nicht das ganze Volk, sondern im Verst&auml;ndnis des Gerichtes etwas anderes? Im &Uuml;brigen steht in der Regelung des Art. 20 Abs. I GG nur: <i>&#8222;Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus&#8220;<\/i>. Das hei&szlig;t nur: vom Volk, von niemand anderem als dem Volk. Wer das Volk ist, steht nicht in Art.&nbsp;20 Abs. I GG, es wird den Regelungen des Gesetzgebers &uuml;berlassen, dies zu bestimmen. Es steht im Art.&nbsp;20 Abs. I GG auch nichts vom &#8222;ganzen Volk&#8220;, wie es das Brandenburger Verfassungsgericht feststellt.<\/p>\n<p>So wenig wie die Verfassung vorgibt, wer das Volk sein soll, und seine Bestimmung dem Gesetzgeber &uuml;berl&auml;sst, sowenig legt sich der Verfassungsgeber darin fest, wen er f&uuml;r das <i>&#8222;ganze Volk&#8220;<\/i> h&auml;lt. Das &#8222;Ganze&#8220; soll der Abgeordnete nach Art. 38 GG vertreten. Art. 38 Abs.&nbsp;1 Satz 2 GG sagt von den gew&auml;hlten Abgeordneten: <i>&#8222;Sie sind die Vertreter des ganzen Volkes.&#8220;<\/i> Daran w&uuml;rde sich aber nichts &auml;ndern, wenn die Abgeordneten auf parit&auml;tischen Wahllisten zur Wahl gestellt werden. Es ist deshalb zutreffend festgestellt worden, dass Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG keine Vorgaben f&uuml;r das Wahlrecht macht. Obwohl auch das Brandenburger Verfassungsgericht davon ausgeht, dass die Landesverfassung den Begriff der demokratischen Repr&auml;sentation des Volkes im Landtag nicht definiert, unterstellt es trotzdem <i>&#8222;ein Modell der Gesamtrepr&auml;sentation des Volkes im LT&#8220;<\/i>(VfGBbg 55\/19, Rdnr. 183), dem <i>&#8222;die Idee, dass sich in der Zusammensetzung des Parlaments auch diejenigen der (wahlberechtigten) Bev&ouml;lkerung &#8230; widerspiegeln soll&#8220;<\/i>, widerspreche (VfGBbg 55\/19, Rdnr. 186). Konnte man den BayVerfGH in seiner Entscheidung von 26. M&auml;rz 2018 noch so verstehen, dass sich aus dem Demokratieprinzip kein Anspruch einer Bev&ouml;lkerungsgruppe ableitet, entsprechend ihrem (Wahl-)Bev&ouml;lkerungsanteil proportional im Parlament vertreten zu sein, so wird jetzt daraus in der Brandenburger Entscheidung ein verfassungsrechtliches Verbot, das Wahlrecht so zu gestalten, dass es auf die Herstellung differenzierender Repr&auml;sentation abzielt. Damit wird nicht nur wie in Th&uuml;ringen das verfassungsrechtliche Gleichstellungsgebot f&uuml;r Frauen im Bereich der politischen Repr&auml;sentation ausgehebelt, sondern es wird ein Demokratiemodell konserviert, das der Besitzstandswahrung der M&auml;nner dient.<\/p>\n<p><b>PROF.&nbsp;DR.&nbsp;ROSEMARIE&nbsp;WILL<\/b>&nbsp;&nbsp; <i>Jahrgang 1949, hatte bis 2014 an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin einen Lehrstuhl f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht, Staatslehre und Rechtstheorie inne. Von 1993 bis 1995 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht im Dezernat von Prof. Dr. Grimm, ab 1996 f&uuml;r zehn Jahre Richterin am Landesverfassungsgericht Brandenburg. Rosemarie Will war von 2005 bis 2013 Bundesvorsitzende der Humanistischen Union, in deren Bundesvorstand sie derzeit f&uuml;r bioethische Fragen zust&auml;ndig ist. Sie ist Mitherausgeberin der &#8222;Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik&#8220; und hat zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen zu Fragen des Rechtsstaats und des Grundrechteschutzes vorzuweisen.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>1 S. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frauenanteil_im_Deutschen_Bundestag_seit_1949\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frauenanteil_im_Deutschen_Bundestag_seit_1949<\/a>.<\/p>\n<p>2 S. <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/741909\/umfrage\/frauenanteil-in-den-landesparlamenten-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/741909\/umfrage\/frauenanteil-in-den-landesparlamenten-in-deutschland\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[137],"publikationen":[893],"class_list":["post-8630","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rosemarie-will","publikationen-231-232"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was ist ein demokratisches Wahlrecht? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/231-232\/publikation\/was-ist-ein-demokratisches-wahlrecht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was ist ein demokratisches Wahlrecht? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 231\/232 (3-4\/2020), S. 187-190 100 Jahre, nachdem das Frauenwahlrecht in Deutschland eingef&uuml;hrt wurde, herrscht beim passiven Wahlrecht immer noch keine Geschlechtergerechtigkeit. 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