{"id":8633,"date":"2020-12-31T14:00:00","date_gmt":"2020-12-31T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gerhard-stuby-1934-2020\/"},"modified":"2020-12-31T12:00:00","modified_gmt":"2020-12-31T11:00:00","slug":"gerhard-stuby-1934-2020","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/231-232\/publikation\/gerhard-stuby-1934-2020\/","title":{"rendered":"Gerhard Stuby (1934 &#8211; 2020)"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 231\/232 (3-4\/2020), S. 213-214<\/p>\n<p>Mit Gerhard Stuby starb am 24. August 2020 im Alter von 86 Jahren ein gro\u00dfer Jurist, ein Vertreter kritischer Wissenschaft. Er war kein Rechtswissenschaftler im Elfenbeinturm, vielmehr verstand er es, in sozialwissenschaftlichen und historischen Kategorien zu denken und politisch zu handeln. Er mischte sich ein und gestaltete nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs, indem er die Juristinnen- und Juristenausbildung in Bremen f\u00fcr die Sozialwissenschaften \u00f6ffnete, die einstufige Juristinnenausbildung in Bremen mit aufbaute und die darin enthaltene Reform zu seiner Sache machte; einer Sache, die er auch vertrat, nachdem in Bremen der Schritt zur\u00fcck zum Alten wieder angetreten worden war.<\/p>\n<p>Gerhard Stuby wuchs in Saarbr\u00fccken auf, studierte Rechtswissenschaft, katholische Theologie und Philosophie in Trier, M\u00fcnchen, Grenoble und abschlie\u00dfend in Freiburg, wo er die juristischen Staatsexamina ablegte und bei Erik Wolf im Jahre 1963 seine Dissertation \u00fcber <i>&#8222;Recht und Solidarit\u00e4t bei Albert Camus&#8220;<\/i> schrieb, mit der er seine konsequente interdisziplin\u00e4re Denkweise eindrucksvoll bewies. Dar\u00fcber hinaus belegt sie aber auch eine suchende Haltung nach einer gesellschaftlichen Ordnung, die auf den Grunds\u00e4tzen der Solidarit\u00e4t, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit basiert.<\/p>\n<p>Seine Habilitationsschrift <i>&#8222;Wissenschaft und Bildungsplanung&#8220;<\/i> wurde wegen &#8222;marxistischer Ans\u00e4tze&#8220; abgelehnt &#150; eine Ablehnungsbegr\u00fcndung, die in den bleiernen Zeiten des Kalten Krieges m\u00f6glich war. In seinem Buch <i>&#8222;Disziplinierung der Wissenschaft&#8220;<\/i> verteidigte Stuby im Jahre 1970 die Studentinnen- und Studentenbewegung und positionierte sich eindeutig.<\/p>\n<p>Es folgten Assistenzjahre an den Universit\u00e4ten Freiburg und Mannheim und eine Vertretungsprofessur in Marburg, wo Wolfgang Abendroth, der Nestor einer historisch und dialektisch orientierten Politikwissenschaft, zu seinem F\u00f6rderer wurde. Abendroth riet ihm, einen Ruf an die Universit\u00e4t Bremen anzunehmen. 1971 erhielt Gerhard Stuby dort eine Professur f\u00fcr \u00f6ffentliches Recht und wissenschaftliche Politik an der gerade gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t. Der Berufung gingen allerdings heftige Angriffe gegen ihn voraus.<\/p>\n<p>Nahezu drei\u00dfig Jahre lehrte, forschte und arbeitete Gerhard Stuby bis zu seiner Emeritierung im Wintersemester 1999\/2000 in Bremen. Er war Mitglied in der Gesetzgebungskommission f\u00fcr die einstufige Juristinnen- und Juristenausbildung und zwischenzeitlich Konrektor der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>In die drei Jahrzehnte an der Universit\u00e4t Bremen f\u00e4llt sein Wirken bei der Gr\u00fcndung der <i>Vereinigung Demokratischer Juristen<\/i> (VDJ), deren erster und langj\u00e4hriger Vorsitzender er werden sollte. Gerhard Stuby engagierte sich gegen die Praxis der Berufsverbote in der Bundesrepublik und f\u00fcr den Menschenrechtsschutz, letzteres vornehmlich im Rahmen seiner Arbeit der 1946 gegr\u00fcndeten Internationalen <i>Vereinigung demokratischer Juristen<\/i>, die einen Beratungsstatus bei der UNO besa\u00df und deren Vizevorsitzender er wurde. In dieser Funktion nahm er an zahlreichen Missionen im Irak, in Chile, El Salvador, in Kambodscha, Pal\u00e4stina und Mexiko teil. Gerhard Stuby forschte und stritt f\u00fcr ein demokratisches, Emanzipation erm\u00f6glichendes V\u00f6lkerrecht. Das besa\u00df f\u00fcr ihn eine Bedeutung, die sein Leben und seine Arbeit pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Angesichts seiner Haltung f\u00fcr eine demokratisch verfasste und auf Solidarit\u00e4t fu\u00dfende Gesellschaft scheute Stuby nicht die Zusammenarbeit mit Kommunistinnen und Kommunisten, was seine Arbeit im VDJ, in den auch Juristinnen und Juristen aufgenommen wurden, die Mitglied einer kommunistischen Partei waren, verdeutlicht. Es war diese fehlende Scheu und eine opportunismusbefreite Haltung, die f\u00fcr Stuby einschneidende Folgen hatte, als er im Jahre 1978 aus der SPD ausgeschlossen wurde. Dieser Versuch politischer Isolation hatte f\u00fcr den Wissenschaftler weitreichende Folgen, f\u00fchrte der Parteiausschluss doch zugleich zum Ausschluss von Publikationsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Gerhard Stuby blieb trotzdem einem sozialdemokratischen Grundverst\u00e4ndnis von Solidarit\u00e4t und sozialer Gerechtigkeit, von Demokratie und Gleichheit treu. 1989 gelang ihm mit der F\u00fcrsprache durch sozialdemokratische Prominenz die Wiederaufnahme in die Partei. Trotzdem k\u00e4mpfte er &#150; sich selbst treu &#150; f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr das Recht der PDS auf Einzug in den Bundestag. In einem gemeinsamen Gutachten mit seinem Freund und Kollegen Norman Paech konnte das Bundesverfassungsgericht von der Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit des Vorgehens von CDU und SPD gegen den Einzug der PDS in den Bundestag \u00fcberzeugt werden.<\/p>\n<p>Diese konsequente Haltung widerspiegelt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit und der ihr innewohnenden steten Verbindung von historischer Reflexion, politik- und rechtswissenschaftlicher Analyse. Gerhard Stubys historisches Verstehen des Grundgesetzes als antifaschistisch begr\u00fcndet begleitete auch seine letzten Arbeiten \u00fcber internationale Vertr\u00e4ge von Versailles \u00fcber Rapallo, Locarno, dem Briand-Kellogg-Pakt bis zum Hitler-Stalin-Pakt.<\/p>\n<p>Dieses gebildete und sich Bilder machende Betrachten der Welt \u00fcber den Tellerrand des Faches hinaus machte Gerhard Stuby zum Lehrer nicht nur f\u00fcr Juristinnen und Juristen, sondern in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr Sozialwissenschaftler, Historikerinnen und all jene, die Zusammenh\u00e4nge und ihre komplexen Wirkmechanismen verstehen wollen.\u00a0 Ihnen h\u00e4tte Gerhard Stuby mit dem Worten des \u00dcberlebenden der Shoa, Roman Kent, das elfte Gebot ins Stammbuch geschrieben: <i>&#8222;Du sollst nicht gleichg\u00fcltig sein.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>Wolfram Grams<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1488],"publikationen":[893],"class_list":["post-8633","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfram-grams","publikationen-231-232"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gerhard Stuby (1934 - 2020) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/231-232\/publikation\/gerhard-stuby-1934-2020\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gerhard Stuby (1934 - 2020) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 231\/232 (3-4\/2020), S. 213-214 Mit Gerhard Stuby starb am 24. 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