{"id":8917,"date":"2014-01-23T12:00:00","date_gmt":"2014-01-23T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/berichte-aus-den-regionalgruppen\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:43","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:43","slug":"berichte-aus-den-regionalgruppen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/222\/publikation\/berichte-aus-den-regionalgruppen\/","title":{"rendered":"Berichte aus den Regionalgruppen"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 222 (3\/2013), S. 18-20<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Bremen braucht keinen Verfas&shy;sungs&shy;schutz<\/h2>\n<p>In einer von der HU Bremen und der Internationalen Liga f&uuml;r Menschenrechte ausgerichteten Podiumsdiskussion gelang es dem Bremer Innensenator Ulrich M&auml;urer (SPD) und dem Vorsitzenden der Gr&uuml;nen-Fraktion in der B&uuml;rgerschaft Matthias G&uuml;ldner nicht, die von Till M&uuml;ller-Heidelberg (HU) und Rolf G&ouml;ssner (Liga) vorgetragenen Gr&uuml;nde f&uuml;r die Abschaffung des Bremer Verfassungsschutzes zu entkr&auml;ften.<\/p>\n<p>Die im Wallsaal der Stadtbibliothek gef&uuml;hrte Diskussion orientierte sich am Senatsvorschlag f&uuml;r ein reformiertes bremisches Verfassungsschutzgesetz. Dabei r&auml;umten M&auml;urer als auch G&uuml;ldner zu Beginn ihrer Statements die skandalreiche Geschichte der deutschen Geheimdienste ein und nahmen auch den Bremer Verfassungsschutz nicht aus. G&uuml;ldner, zurzeit Vorsitzender der Parlamentarischen Kontrollkommission, beurteilte den Bremer Verfassungsschutz als &bdquo;noch bis 2008 undemokratisch und teilweise menschenverachtend&ldquo;. Mit dem neuen Gesetz stellten die beiden eine Kehrtwende in Aussicht, die sich im Lauf der Diskussion als haltlose Versprechung herausstellte.<\/p>\n<p>M&auml;urer verwies auf eine neue Ausrichtung des Geheimdienstes, der sich in Bremen gegen Gruppen richten solle, die als gewaltbereit gelten, insbesondere Rechtsradikale und Hass predigende Salafisten. Zuvor hatte M&uuml;ller-Heidelberg gewarnt, dass die Ausrichtung des Dienstes gegen Extremismus der Willk&uuml;r gleichkommt, denn nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts handelt es sich dabei um einen politischen Kampfbegriff: als extremistisch gelten stets die stark von der Mehrheitsmeinung abweichenden Ansichten. Insofern waren die Versprechungen des Innensenators zwar beruhigend gemeint, doch was derzeit (unter rot-gr&uuml;ner Regierung) als extremistisch und was als akzeptiert gilt, kann sich schnell umkehren. Hinsichtlich der vermeintlichen Ausrichtung auf gewaltbereite Personen wiesen G&ouml;ssner und M&uuml;ller-Heidelberg darauf hin, dass der Verfassungsschutz laut Gesetzesvorschlag nicht ausschlie&szlig;lich, sondern im &bdquo;Schwerpunkt&ldquo; gegen gewaltbereite Personen handeln solle. Dies erkl&auml;rt sich im &Uuml;brigen auch damit, dass ein Verfassungsschutz nach den bundesrechtlichen Vorgaben eben nicht Gewalttaten verhindern, sondern politischen Extremismus beobachten muss.<\/p>\n<p>Eine bessere Kontrolle durch Eingliederung des Amts in die Senatsbeh&ouml;rden und Ausweitung der Befugnisse der Parlamentarischen Kontrollkommission befanden M&auml;urer und G&uuml;ldner als wesentliche Faktoren einer demokratischen Einhegung des Verfassungsschutzes. Die Kontrolle bleibt jedoch dem Einblick der &Ouml;ffentlichkeit entzogen. Dort liegt der immanente Widerspruch zwischen Verfassungsschutz und Demokratie: ein Geheimdienst definiert sich dadurch, dass ihm die &Ouml;ffentlichkeit nicht auf die Finger schaut. Selbst wenn die Mitglieder der Bremer Kontrollkommission in selbstst&auml;ndig durchgef&uuml;hrten Ermittlungen erhebliche Grundrechtsverletzungen feststellen, sollen sie damit nur unter Zustimmung einer Zweidrittel-, also Regierungsmehrheit des Gremiums an die &Ouml;ffentlichkeit gehen k&ouml;nnen. So verwunderte auch nicht, dass G&ouml;ssner auf Nachfragen feststellte, dass die zahlreichen Geheimdienstskandale bislang nie durch Kontrolleure aufgedeckt wurden.<\/p>\n<p>Gegen Ende der zweist&uuml;ndigen Veranstaltung erkl&auml;rte der Innensenator, dass er die Einw&auml;nde der B&uuml;rgerrechtler ja verstehe, aber nicht die Verantwortung tragen wolle, wenn es nach einer Abschaffung des Verfassungsschutzes zu Terroranschl&auml;gen k&auml;me. Zudem sei Bremen gegen&uuml;ber anderen Bundesl&auml;ndern und Bund zur Kooperation verpflichtet, da k&ouml;nne es nicht als einziges Bundesland seinen Verfassungsschutz abschaffen. Hier erwiderten M&uuml;ller-Heidelberg und G&ouml;ssner, dass die Gefahrenabwehr die Aufgabe von Polizei und Staatsanwaltschaften ist, die diese Aufgabe inzwischen ohnehin schon weit im Vorfeld von Straftaten wahrn&auml;hmen. Der Verfassungsschutz unterliege nicht dem Legalit&auml;tsprinzip und m&uuml;sse Straftaten nicht zur Anzeige bringen. So habe der Geheimdienst in anderen Bundesl&auml;ndern schon von Gewaltverbrechen durch eigene V-Leute gewusst, ohne einzuschreiten. Die beiden B&uuml;rgerrechtler verwiesen auch darauf, dass eine Abschaffung des Bremer Geheimdienstes durchaus mit Bundesrecht vereinbar sei. Einem Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz k&ouml;nnten sehr wohl die geheimdienstlichen Instrumente entzogen werden.<\/p>\n<p>Insgesamt hinterlie&szlig; die Veranstaltung einen positiven Eindruck. Die vier Podiumsteilnehmer lieferten sich eine konstruktive Diskussion, in der auf die Statements der jeweils anderen eingegangen wurde. Den etwa 100 Besuchern, die unserem Eindruck nach nicht alle mit einer vorgefertigten Meinung gekommen waren, erleichterte dies gewiss, die Argumente nachzuvollziehen. Wer allerdings zu dem Schluss kommt, dass es keine demokratiefreundliche L&ouml;sung f&uuml;r Geheimdienste gibt &ndash; au&szlig;er ihrer Abschaffung &ndash; der wei&szlig; auch: ein Bundesland muss den Anfang machen. Insofern erscheint der aus dem Publikum stammende Vorschlag eines Volksentscheids &uuml;ber den Verfassungsschutz bedenkenswert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Marburg: Vortrag zu Netzpolitik<\/h2>\n<p>Der Staat hat die verfassungsm&auml;&szlig;ige Pflicht, die Privatsph&auml;re der B&uuml;rger wirksam zu sch&uuml;tzen. Dennoch sollte man sich nicht auf den Staat verlassen und die eigenen Daten selbst m&ouml;glichst gut vor unerlaubtem Zugriff sichern. Auf diese Kurzform k&ouml;nnte man die Diskussion &uuml;ber den Vortrag von Stefan H&uuml;gel am Freitag (29. November) im K&auml;te-Dinnebier-Saal des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Marburg bringen. Auf Einladung der Humanistischen Union Marburg (HU) sprach der Vorsitzende des HU-Ortsverbands Frankfurt und des &bdquo;Forums Informatiker f&uuml;r Frieden und Soziale Verantwortung&ldquo; (FIfF) unter dem Titel &bdquo;Das belagerte Internet&ldquo; &uuml;ber Netzpolitik in Zeiten der Geheimdienste.<\/p>\n<p>Das Ausma&szlig; nachrichtendienstlicher &Uuml;berwachung habe der Whistleblower Edward Snowden der internationalen &Ouml;ffentlichkeit klar gemacht. Was vorher h&auml;ufig als angebliche &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; abgetan wurde, sei durch ihn dokumentiert und bis jetzt in keinem wesentlichen Punkt widerlegt worden. H&uuml;gel skizzierte eine Chronologie der Ver&ouml;ffentlichungen von der Bekanntgabe des &Uuml;berwachungsprogramms PRISM und seines britischen Pendants Tempora &uuml;ber die Offenlegung der Erfassungs-Software XKeyScore bis hin zum Abh&ouml;ren des Handys der Bundeskanzlerin Angela Merkel und weiterer Spitzenpolitiker. Die Emp&ouml;rung &uuml;ber den Lauschangriff auf Merkel sei angesichts der milliardenfachen Absch&ouml;pfung von Daten der B&uuml;rger allerdings nicht besonders &uuml;berzeugend. Zudem bewertete H&uuml;gel die Gegenma&szlig;nahmen der Bundesregierung als halbherzig. Verwundern k&ouml;nne das allerdings nicht, seien doch deutsche Geheimdienste wie der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Verfassungsschutz selbst in gro&szlig;em Stil in die &Uuml;berwachung der Bev&ouml;lkerung eingebunden.<\/p>\n<p>&Auml;hnliche Profile erstellen indes nicht nur staatliche Stellen, sondern auch private Internetdienste. Anhand entsprechender Daten beliefere beispielsweise Google seine Nutzer mit individuell abgestimmter Werbung und pers&ouml;nlich zugeschnittenen Suchergebnissen.<\/p>\n<p>Besonders problematisch findet H&uuml;gel, dass die National Security Agency (NSA) Zugriff auf diese Daten der Internetdienstleister hat. Der US-Geheimdienst verf&uuml;gt sowohl &uuml;ber direkte Zug&auml;nge zu ihren Rechnern als auch &uuml;ber zus&auml;tzliche Sp&auml;hprogramme zum Anzapfen ihrer internen Netze.<br \/>Anhand einer Erkl&auml;rung der Funktionsweise des Internet sowie des internationalen TOR-Netzes zum Verwischen von Datenspuren leitete H&uuml;gel zu m&ouml;glichen Gegenma&szlig;nahmen &uuml;ber. Leider w&uuml;rde die notwendige Medienkompetenz in diesem Bereich an Schulen nur sehr unzureichend vermittelt, bedauerte er. Auch wenn die NSA an der Entschl&uuml;sselung von verschl&uuml;sselten Nachrichten arbeite, sei dieser Schutz nach wie vor sinnvoll. Notwendig sei allerdings, einen sehr langen Schl&uuml;ssel zu verwenden, der das Knacken wesentlich erschwert, empfahl H&uuml;gel. Noch besser sei, sensible Daten gar nicht &uuml;ber das Internet oder Telefone weiterzugeben. Zudem m&uuml;sse man sich bewusst sein, dass ein Mobiltelefon jede Bewegung registriert und dem Provider meldet.<\/p>\n<p>Letztlich wolle aber wohl kaum jemand auf die M&ouml;glichkeiten der modernen Informationstechnologie verzichten, bemerkte H&uuml;gel. Ohne Handy und Internet sei man &#8211; vor allem in j&uuml;ngeren Altersgruppen &#8211; vom sozialen Miteinander weitgehend ausgeschlossen. Notwendig sei deshalb ein bewusster Umgang mit diesen Technologien und ein konsequenter Verzicht auf die unn&ouml;tige Weitergabe pers&ouml;nlicher Informationen.<\/p>\n<p><i>Das Skript und eine Video-Dokumentation des Vortrags von Stefan H&uuml;gel ist &uuml;ber die Webseite der HU Marburg abrufbar unter <\/i><a href=\"http:\/\/humr.de\/sh1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/humr.de\/sh1<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[2531],"autoren":[169,135],"publikationen":[915],"class_list":["post-8917","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-regionen","autoren-bjoern-schreinermacher","autoren-franz-josef-hanke","publikationen-915"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Berichte aus den Regionalgruppen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/222\/publikation\/berichte-aus-den-regionalgruppen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Berichte aus den Regionalgruppen - 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