{"id":8959,"date":"2012-12-18T22:00:00","date_gmt":"2012-12-18T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-buergerrecht-fuer-alle\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:34","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:34","slug":"ein-buergerrecht-fuer-alle","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/ein-buergerrecht-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Ein B\u00fcrgerrecht f\u00fcr alle"},"content":{"rendered":"<p>Zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Asylbewerberleistungsgesetz.<\/p>\n<p>Mitteilungen 218\/219 (III\/IV) &#8211; Dezember 2012, Seite 12-13<\/p>\n<p><i>Die Entscheidung des h&ouml;chsten deutschen Gerichts verdeutlicht einmal mehr: Sondergesetze f&uuml;r Ausl&auml;nder nach dem Muster des Asylbewerberleistungsgesetzes sind menschenunw&uuml;rdig und geh&ouml;ren abgeschafft. Es verbietet sich nach unserer Verfassung, mit den Sorgen um die eigene Existenzsicherung Druck auf Fl&uuml;chtlinge auszu&uuml;ben. Ein gesichertes Existenzminimum gilt f&uuml;r alle in Deutschland lebenden Menschen &#8211; ohne Ausnahme! <\/i><\/p>\n<p>In den drei Leits&auml;tzen seiner Entscheidung (BVerfG, 1BvL 10\/10 vom 18. Juli 2012) hat der Erste Senat das Asylbewerberleistungsgesetz f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt:<\/p>\n<ol>\n<li>Die seit dem Inkrafttreten des Gesetzes 1993 unver&auml;ndert gebliebene H&ouml;he der Geldleistungen ist &#8222;evident unzureichend&#8220;. <\/li>\n<li>Das Grundrecht auf Gew&auml;hrung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums, dass das Verfassungsgericht in seiner Entscheidung zur Grundsicherung im Sozialgesetzbuch II am 9. Februar 2010 (BVerfGE 125, 175) ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet hatte, ist ein Menschenrecht. Dieser Anspruch auf ein menschenw&uuml;rdiges Exstenzminimum <em>&#8222;umfasst sowohl die physische Existenz des Menschen als auch die Sicherung der M&ouml;glichkeit zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und ein Mindestma&szlig; an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. Das Grundrecht steht deutschen und ausl&auml;ndischen Staatsangeh&ouml;rigen, die sich in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten, gleicherma&szlig;en zu.&#8220;<\/em><\/li>\n<li>Das Gericht fordert &#8222;unverz&uuml;glich&#8220; eine Neuregelung, aber setzt dem Gesetzgeber sehr eindeutig formulierte Grenzen, &#8222;falls&#8220; er bei der Festlegung des menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums die Besonderheiten bestimmter Personengruppen ber&uuml;cksichtigen will. Bis zur Neuregelung ordnete das Gericht mit 6 zu 2 Stimmen eine &Uuml;bergangsregelung an, die r&uuml;ckwirkend zum 1. Januar 2011 gilt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus den drei Leits&auml;tzen sind aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht drei Thesen und Forderungen abzuleiten:<\/p>\n<ol>\n<li>Seit nahezu zwanzig Jahren verst&ouml;&szlig;t die Politik, die Bund, L&auml;nder und Kommunen gegen&uuml;ber Ausl&auml;ndern betreiben, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, gegen die Menschenw&uuml;rde und das Sozialstaatsgebot.<\/li>\n<li>Das menschenw&uuml;rdige Existenzminimum, das seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010 f&uuml;r Hilfebed&uuml;rftige aus der Grundsicherung (SGB II) und der Sozialhilfe (SGB XII) gilt, gilt uneingeschr&auml;nkt und unabh&auml;ngig von der Dauer des Aufenthalts auch f&uuml;r ausl&auml;ndische Staatsangeh&ouml;rige, die in Deutschland leben.<\/li>\n<li>Nach diesem Urteil gibt es f&uuml;r Sondergesetze nach dem Muster des Asylbewerberleistungsgesetzes keine Begr&uuml;ndung mehr. Eine wie auch immer geartete Neuauflage dieser Gesetzgebung ist aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht abzulehnen. <\/li>\n<\/ol>\n<p>Eingehend besch&auml;ftigt sich der Erste Senat mit der Vor- und Entstehungsgeschichte des strittigen Gesetzes, der &Auml;nderung des Asylrechts (1992) und den Kampagnen gegen die Asylbewerber, an denen sich nicht zuletzt Medien und Ministerpr&auml;sidenten unterschiedlicher politischer Couleur massiv beteiligten. Das Gesetz sollte und wollte abschrecken, daher blieben die Sach- und Geldleistungen so niedrig wie m&ouml;glich. <i>&#8222;Die Entstehungsgeschichte des Asylbewerberleistungsgesetzes l&auml;sst insofern keinen ernsthaften Zweifel daran zu, dass der Gesetzgeber damit an die Grenze des zur Sicherung einer menschenw&uuml;rdigen Existenz Notwendigen auch unter Ber&uuml;cksichtigung eines nur kurzen Aufenthalts gehen wollte&#8220;, <\/i>hei&szlig;t es im Urteil. Der im Gesetz vorgesehene Anpassungsmechanismus, nach dem jeweils zum 1. Januar eines Jahres die H&ouml;he der Leistungen neu festgesetzt werden mussten, ist seit dem Inkrafttreten von keiner Regierung eingel&ouml;st worden. Auch eine formalisierte Umstellung von Mark auf Euro blieb aus. Inzwischen liegt das Existenzminimum, das auf der Grundlage des Asylbewerberleistungsgesetzes gew&auml;hrt wird, im Schnitt um ein Drittel niedriger als das menschenw&uuml;rdige Existenzminimum nach SGB II und XII, bei Kindern und Jugendlichen ist die Kluft noch gr&ouml;&szlig;er, weil sie beispielsweise nur in wenigen L&auml;ndern (z.B. Hamburg und Berlin) das so genannte Bildungspaket bekommen haben.<\/p>\n<p>Neben offenkundigen Vers&auml;umnissen h&auml;lt der Erste Senat dem Gesetzgeber ferner vor, immer mehr Gruppen von Ausl&auml;ndern in das Gesetz hineingepackt zu haben: Kriegsfl&uuml;chtlinge, Opfer von Menschenhandel, Drittstaatsangeh&ouml;rige, dazu die Ehegatten, Lebenspartner, minderj&auml;hrige Kinder. Insgesamt handele es sich, so das Gericht, <i>&#8222;um Personen, die zwar alle kein Daueraufenthaltsrecht, ansonsten aber einen sehr unterschiedlichen Aufenthaltsstatus haben und deren Aufenthalt in Deutschland auf unterschiedlichen Lebenssituationen beruht&#8220;. <\/i>Auch den Mythos von der kurzen Dauer des Aufenthalts in Deutschland zerst&ouml;rt der Senat mit dem Hinweis auf eine Antwort der Bundesregierung vom Februar 2010.<\/p>\n<p>Von den rund 150.000 Menschen, die im Jahr 2009 unter das Gesetz fielen, hielten sich &uuml;ber Zweidrittel seit &uuml;ber sechs Jahren in Deutschland auf. &Uuml;ber 50.000 Menschen <i>&#8222;suchten Schutz vor einem Krieg in ihrem Heimatland&#8220;, <\/i>90 Prozent von ihnen waren bereits l&auml;nger als sechs Jahre hier. <i>&#8222;Die im Asylbewerberleistungsgesetz in der Festlegung des Kreises der Berechtigten (&#8230;) angelegte Vermutung, sie alle hielten sich nur kurzzeitig in Deutschland auf, ist vor diesem Hintergrund jedenfalls erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken ausgesetzt&#8220;. <\/i>Doch ob kurze oder lange Aufenthaltsdauer gilt: <i>&#8222;Ausl&auml;ndische Staatsangeh&ouml;rige verlieren den Geltungsanspruch als soziale Individuen nicht dadurch, dass sie ihre Heimat verlassen und sich in der Bundesrepublik Deutschland nicht auf Dauer aufhalten (&#8230;). Die einheitlich zu verstehende menschenw&uuml;rdige Existenz muss daher ab Beginn des Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland realisiert werden.&#8220;<\/i> Auch &#8222;migrationspolitischen Erw&auml;gungen&#8220;, d.h. politischen Entscheidungen, die abschreckend wirken sollen, erteilt das Gericht eine eindeutige Absage: <i>&#8222;Die in Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz garantierte Menschenw&uuml;rde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Zu den gesetzgeberischen Konsequenzen h&auml;lt sich das Gericht zur&uuml;ck, auch wenn es ab sofort und r&uuml;ckwirkend &Uuml;bergangsregeln angeordnet hat. Aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht aber l&auml;sst das Urteil nur eine L&ouml;sung zu: Das Asylbewerberleistungsgesetz ist abzuschaffen, ebenso menschenunw&uuml;rdige Praktiken in L&auml;ndern und Kommunen (Residenzpflicht, kein Recht auf Ausbildung und Arbeit, kein Bargeld, Lebensmittelpakete ohne R&uuml;cksicht auf Sitten, Gebr&auml;uche und Religionen). F&uuml;r deutsche und ausl&auml;ndische Staatsangeh&ouml;rige, die hier leben und hilfebed&uuml;rftig sind, gilt ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum, wie es das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 9. Februar 2010 begr&uuml;ndet hat. Wenn dar&uuml;ber hinaus ein Drittel der M&auml;nner, Frauen und Kinder, die unter das strittige Gesetz fallen, vor Kriegen geflohen sind, dann sollte die deutsche Gesellschaft ihnen eine Chance bieten, hier heimisch zu werden. Im Kern ist dieses Urteil aus Karlsruhe eine Mahnung an die deutsche Gesellschaft insgesamt, ihre misstrauische, abwehrende und fremdenfeindliche Haltung gegen&uuml;ber ausl&auml;ndischen Menschen, die hier gestrandet sind, zu &uuml;berpr&uuml;fen und zu korrigieren.<\/p>\n<p><i>Jutta Roitsch-Wittkowsky<br \/>im September 2012<\/i><\/p>\n<p><i>Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts<br \/><\/i><a href=\"http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/ls20120718_1bvl001010.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/entscheidungen\/ls20120718_1bvl001010.html<\/i><\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[691,817,716],"autoren":[399],"publikationen":[871],"class_list":["post-8959","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-asyl-migration","tag-migrantinnen","tag-soziale-grundrechte","autoren-jutta-roitsch-wittkowsky","publikationen-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein B\u00fcrgerrecht f\u00fcr alle - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/ein-buergerrecht-fuer-alle\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein B\u00fcrgerrecht f\u00fcr alle - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Asylbewerberleistungsgesetz. 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