{"id":9003,"date":"2012-07-11T14:05:00","date_gmt":"2012-07-11T12:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/michael-th-greven-7-maerz-1947-7-juli-2012\/"},"modified":"2022-05-19T10:32:41","modified_gmt":"2022-05-19T08:32:41","slug":"michael-th-greven-7-maerz-1947-7-juli-2012","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/217\/publikation\/michael-th-greven-7-maerz-1947-7-juli-2012\/","title":{"rendered":"Michael Th. Greven (7. M\u00e4rz 1947 \u0096 7. Juli 2012)"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 217 (Heft 2\/2012), S. 28\/29<\/p>\n<p>Michael Th. Greven ist gestorben. Er war neben seiner wissenschaftlichen Karriere, die \u00fcber lange Zeit mit einem hochschulpolitischen Engagement in den diversen Gremien verbunden war, seit den siebziger Jahren Mitglied der Humanistischen Union, deren Beirat er seit kurzem angeh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Seit 1984 war er Mitglied der Redaktion der <i>vorg\u00e4nge <\/i>und wurde im Laufe der Jahre immer mehr zu ihrem Alter Ego, ein intellektueller Kopf und Ideengeber, der auf einem schier unersch\u00f6pflichen Fundus an Wissen zur\u00fcckgreifen konnte, der seine Autorit\u00e4t immer nur aus der Kraft des Arguments zog, dem eine anregende Debatte mehr galt, als ein \u201erichtiges&#8220; Ergebnis.<\/p>\n<p>Anfang der achtziger Jahre gr\u00fcndete er das Komitees f\u00fcr Grundrechte und Demokratie mit, war in der Schader-Stiftung wie in der Aby-Warburg Stiftung t\u00e4tig, zeitgleich noch in der DVPW engagiert.<\/p>\n<p>Bereits dieser kurze Abriss weist den politischen Wissenschaftler Michael Th. Greven als einen politischen Menschen aus, f\u00fcr den beides eine untrennbare Einheit bildete. Seine wissenschaftliche Arbeit galt der politischen Gesellschaft, deren alle Lebensbereiche durchdringenden Kontingenz, die auch die Nicht-Haltung zur Haltung werden l\u00e4sst, und der Demokratie als Modus der Selbsteinwirkung dieser Gesellschaft, nicht allein genommen als normatives Leitbild, sondern als realer, subjektiv, prozedural und institutionell voraussetzungsvoller Prozess, der zunehmend gepr\u00e4gt ist von der Entscheidbarkeit immer weiterer Lebensprozesse und der gleichzeitigen Nicht-Entscheidbarkeit, der Auskoppelung elementarer Fragen der Gesellschaft aus dem Prozess der Selbstregierung, indem diese in den Bereich systemischer und \u00f6konomischer Zw\u00e4nge verwiesen werden.<\/p>\n<p>Sein treffender Blick auf die Verh\u00e4ltnisse lie\u00df ihn zuletzt zweifeln, ob sie das Pr\u00e4dikat demokratisch noch verdienen, doch fl\u00fcchtete er vor diesem Dilemma nicht in die Ver\u00e4stelungen normativer Betrachtungen.<\/p>\n<p>Sein politisches Denken war geradezu hanseatisch n\u00fcchtern gepr\u00e4gt von \u201e<i>Politik als <\/i><i>einem Feld tats\u00e4chlicher oder m\u00f6glicher menschlicher Handlungen <\/i><i>sowie der zugeh\u00f6rigen Motive, Interessen und Rechtfertigungen. <\/i><i>Wo \u201epolitisches Denken&#8220; ge\u00e4u\u00dfert wird, geht es performativ in Handeln \u00fcber und steht dem ebenso bezeichneten \u201eFeld&#8220; nicht blo\u00df anschauend gegen\u00fcber. Hier bew\u00e4hrt\u00a0 sich die alter Weisheit, dass nicht so praktisch sei, wie eine gute Theorie \u2026.<\/i>\u201c Damit bescheidete er sich keineswegs mit dem h\u00e4ufiger anzutreffenden politologischen Selbstbild, dass die Arbeit an Theorie bereits ein ersch\u00f6pfender Beitrag zur gesellschaftlichen Praxis sei. Er intervenierte, und er intervenierte gerne. Er war der Initiator des letztlich erfolgreichen Protestes, als seine Hamburger Universit\u00e4t 2004 Wladimir Putin die Ehrendoktorw\u00fcrde verleihen wollte. Er sprach sich Jahre zuvor f\u00fcr eine milit\u00e4rische Intervention im jugoslawischen B\u00fcrgerkrieg aus und ging mit dem Gesinnungs- Pazifismus, dem auch Teile seiner politischen Weggef\u00e4hrten fr\u00f6nten,Beziehungen riskierend ins Gericht.Er entwickelte nicht nur in diesenbeiden Fragen einen Gleichklang mit der B\u00fcrgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR, von der er offen eingestanden hat, sie zu Zeiten ihrer system-oppositionellen Existenz nicht auf seinem, des westdeutschen B\u00fcrgerrechtlers Radar gehabt zu haben. Auch dieser offene Umgang mit den eigenen Br\u00fcchen machte seine St\u00e4rke aus.<\/p>\n<p>In einer kontingenten Gesellschaftwird der Lebensentwurf des Einzelnen nicht mehr durch Tradierungen und Konventionen formiert, er\u00f6ffnen sich M\u00f6glichkeiten der Gestaltung, wenngleich diese sozial voraussetzungsvoll sind. Michael Th. Greven wird diese Kontingenz als Moment der Freiheit betrachtet haben, auch wenn seine sozialen Voraussetzungen ihm zun\u00e4chst keineswegs einen guten Platz zuwiesen. Seine Mutter war Vertriebene, er selbst \u201e<i>erlebt in den 1950er Jahren eine Jugend, die keinen der \u00fcblichen soziologischen Milieus zuzuordnen gewesen w\u00e4re &#8211; gewiss nicht dem b\u00fcrgerlichen. Daf\u00fcr fehlte es hinten und vorne an Geld.&#8220; <\/i>Es ist eine Jugend, in welcher der Status von gestern f\u00fcr das \u00dcberleben heute keine Bedeutung mehr hat und die Ungerechtigkeit, die darin liegt, aufgrund der politischen Verh\u00e4ltnisse und nicht wegen eigener Leistung auf die Seite der Verlierer geschoben zu sein, eine Verletztheit hervorruft, die hart machen kann.<i> \u201eAls meine Mutter ihren ersten fahrbaren Untersatz, ein zitronengelbes Goggomobil, Mitte der 1950er Jahre auf dem Parkplatz des Sportclubs zwischen all <\/i><i>den Isabellas, Opel Kapit\u00e4ns und ersten Mercedes-Kabriolets\u00a0<\/i><i>platzierte, erntete sie viel Spott und Gel\u00e4chter; ich bat sie, <\/i><i>mich mit diesem Gef\u00e4hrt nicht von der Schule abzuholen.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>Es ist die Erfahrung solcher Zur\u00fccksetzung, welche \u2013 was f\u00fcr viele von Grevens Generation galt \u2013 den Willen speist, sich durch Leistung nach oben zu k\u00e4mpfen. Diese Erfahrung macht aber auch im sp\u00e4teren b\u00fcrgerlichen Leben gegen\u00fcber dem eigenen Status sensibel, l\u00e4sst ihn nicht als etwas Selbstverst\u00e4ndliches, sondern als etwas Geschaffenes begreifen und sch\u00e4rft das Bewusstsein daf\u00fcr, dass das Leben auch andere Bahnen h\u00e4tte nehmen k\u00f6nnen. Michael Th. Greven hat dieses Bewusstsein gehabt, er war in der Lage, seine eigene Biografie als zweite Ebene der Reflexion in sein Denken aufzunehmen. Und es macht einen Unterschied, ob jemand \u00fcber Armut oder Ungleichheit lediglich als soziale Kategorie redet oder zugleich auch \u00fcber eine eigene Erfahrung. Zu dieser Erfahrung geh\u00f6rte f\u00fcr ihn auch, dass sich die Bedingungen des Lebens aus eigenem Antrieb \u00e4ndern lassen. Das bewahrte ihn davor, wie eine ganze Reihe seiner Zeitgenossen, sich theoretisch und politisch in der Klage \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse zu ersch\u00f6pfen. Sein wissenschaftlicher Ansatz war akteurszentriert, sein politisches Denken auf ein t\u00e4tiges Leben ausgerichtet, zu dem ein Jeder bef\u00e4higt sein oder werden sollte. Er hat ein solches t\u00e4tiges Leben gelebt. <i>\u201e<\/i><i>Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, <\/i><i>an denen etwas geschehen ist, das nicht h\u00e4tte <\/i><i>geschehen m\u00fcssen. Das beginnt mit der Geburt<\/i>&#8222;, so lautet eine der wenigen Aussagen von Niklas Luhmann, denen Michael Th. Greven wohl zugestimmt h\u00e4tte. Zu diesen Wendepunkten z\u00e4hlt auch der Tod, der ihn viel zu fr\u00fch ereilt hat.<\/p>\n<p><i>Dieter Rulff<br \/>\n<\/i><i>ist Redakteur der vorg\u00e4nge<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2995],"tags":[843],"autoren":[1591],"publikationen":[919],"class_list":["post-9003","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-vereinsnachrichten","tag-verband-beirat","autoren-nachruf","publikationen-919"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Michael Th. Greven (7. M\u00e4rz 1947 \u0096 7. 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