{"id":9022,"date":"2012-06-04T16:34:00","date_gmt":"2012-06-04T14:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-x-fuer-ein-u-vorgemacht\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:24","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:24","slug":"ein-x-fuer-ein-u-vorgemacht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/215-216\/publikation\/ein-x-fuer-ein-u-vorgemacht\/","title":{"rendered":"Ein X f\u00fcr ein U vorgemacht"},"content":{"rendered":"<p>Politiker in Bund und L&auml;ndern deuten das Verfassungsgebot zur Abl&ouml;sung der Staatsleistungen. Mitteilungen Nr. 215\/216 (Heft 1\/2012), S. 13f.<\/p>\n<p>Bund und L&auml;nder weigern sich beharrlich, die verfassungsrechtlich gebotene Abl&ouml;sung und Einstellung der Staatsleistungen an die Kirchen voranzubringen. Eine jetzt vorgelegte <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HU-Korr_Staatsleistungen.pdf\">Dokumentation der Humanistischen Union (HU)<\/a> zeigt, wie es den zust&auml;ndigen Politikern gelingt, einen glasklaren Verfassungsauftrag zu ignorieren und zugleich jegliches Unrechtsbewusstsein zu vermeiden:<\/p>\n<p>Da erkl&auml;rt das f&uuml;r die Grunds&auml;tze der Abl&ouml;sung zust&auml;ndige Bundesinnenministerium, die Staatsleistungen seien durch Kirchenvertr&auml;ge der L&auml;nder &#8222;<i>einvernehmlich neu und in vereinfachter Form geregelt<\/i>&#8220; &#8211; und der Verfassungsauftrag damit obsolet. (Welche Verfassungsbestimmungen lassen sich eigentlich noch mit einfachem Vertrag au&szlig;er Kraft setzen?) Die CDU erkl&auml;rt die bezuschussten Kirchen kurzerhand zu &#8222;<i>St&uuml;tzen des Gemeinwesens<\/i>&#8220; &#8211; die man offenbar nach den Gesetzen der Statik nicht einfach k&uuml;rzen kann. Die Gr&uuml;nen deuten das aus der Weimarer Reichsverfassung stammende Abl&ouml;segebot (Art. 138 Abs. 1 WRV) &#8211; nach unschuldiger Lesart eine Bestimmung, die Zahlungen einzustellen &#8211; zur g&uuml;ltigen Rechtsgrundlage f&uuml;r das Gegenteil um, n&auml;mlich den Fortbestand der staatlichen Zahlungen.<\/p>\n<p>Auch die Reaktionen aus den Bundesl&auml;ndern lassen einen erstaunlichen Einfallsreichtum in der Argumentation erkennen: Baden W&uuml;rttemberg bem&uuml;ht das funktionalistische Argument &#8211; die Staatsleistungen dienten der Aufrechterhaltung der kirchlichen Organisation. (Und man fragt sich: Geht derart pragmatische Notwendigkeit &uuml;ber Verfassungsrecht? Und sind Staatsleistungen, die ca. 2-3 Prozent der j&auml;hrlichen Einnahmen der Kirchen ausmachen, wirklich so existentiell?) &Auml;hnlich funktionalistisch, n&auml;mlich auf die kirchliche &Ouml;konomie bedacht, argumentiert Brandenburg: Die Kirchen h&auml;tten mit den bisherigen Zahlungen noch keinen Kapitalstock aufbauen k&ouml;nnen, der eine Abl&ouml;sung zulasse. Ob sich allerdings eine hoch verschuldete &ouml;ffentliche Hand um die Zahlungsf&auml;higkeit zweier Kirchen, die im Gegensatz zu ihr verm&ouml;gend und schuldenfrei sind, sorgen muss, bleibt dahingestellt.<\/p>\n<p>Offensiver argumentiert das zust&auml;ndige Ministerium in Rheinland-Pfalz: Die Landesverfassung (Art. 45) gew&auml;hre einen Fortbestand der Staatsleistungen selbst f&uuml;r den Fall, dass der Bund ein Gesetz &uuml;ber die Grunds&auml;tze der Abl&ouml;sung verabschieden sollte. Man r&auml;umt zwar ein, dass formal betrachtet das Grundgesetz gegen&uuml;ber der Landesverfassung vorrangig sei &#8211; nur um im n&auml;chsten Satz wortreich zu erkl&auml;ren, dass die besondere Gew&auml;hrleistung der Landesverfassung dann doch &uuml;ber der Bundesverfassung st&uuml;nde. Schleswig-Holstein greift dagegen auf ein taktisches Kalk&uuml;l zur&uuml;ck: Man stecke gerade mitten in der Neuverhandlung des Staatskirchenvertrages &#8211; eine Erf&uuml;llung des Verfassungsauftrags komme deshalb gegenw&auml;rtig nicht in Betracht. Eine &Uuml;berraschung h&auml;lt schlie&szlig;lich noch das Land Berlin parat: Es behauptet einfach, man stecke schon mitten im Prozess der Abl&ouml;sung der Staatsleistungen &#8211; allerdings wurde vergessen, das voraussichtliche Ende der Zahlungen mitzuteilen.<\/p>\n<p>Johann-Albrecht Haupt, der f&uuml;r die Humanistische Union in den vergangenen Monaten intensiv bei der Bundesregierung, den Landesregierungen und den Fraktionen des Bundestages f&uuml;r eine Erf&uuml;llung des Verfassungsgebots warb, fasst die Ergebnisse so zusammen: &#8222;<i>Der Verfassungsauftrag wird von den zust&auml;ndigen Bundes- und Landesministerien entweder uminterpretiert, f&uuml;r un-einl&ouml;sbar erkl&auml;rt oder schlicht ignoriert.<\/i>&#8220; Die Verweigerungshaltung von Bund und L&auml;ndern sei rechtspolitisch unhaltbar &#8211; eine glatte Ignoranz der Verfassungslage. &#8222;<i>Daran &auml;ndert auch der Umstand nichts, dass die Staatsleistungen inzwischen in einigen Landesverfassungen und in Vertr&auml;gen oder Konkordaten der L&auml;nder mit den Kirchen festgeschrieben sind. Denn &#8218;Bundesrecht bricht Landesrecht&#8216;, sagt unser Grundgesetz in Artikel 31<\/i>&#8222;, so Haupt. Weder Landesverfassungen noch Kirchenvertr&auml;ge, die von den L&auml;ndern geschlossen wurden, k&ouml;nnen das grundgesetzliche Abl&ouml;sungsgebot au&szlig;er Kraft setzen.<\/p>\n<p>Bisher hatten die zust&auml;ndigen Politiker die Abl&ouml;sung immer mit Verweis auf den gro&szlig;en finanziellen Aufwand abgelehnt &#8211; ohne je mit den Kirchen verhandelt zu haben, wie hoch eigentlich deren Forderungen sind und in welchem Umfang die seit 1919 gezahlten Leistungen dabei ber&uuml;cksichtigt werden. Die HU hatte im vergangenen Jahr die bisher entrichteten Staatsleistungen ermittelt (rund 14,6 Milliarden Euro) und ihre Ergebnisse den zust&auml;ndigen Ministerien zur Verf&uuml;gung gestellt. Nachdem die Kirchen bereits Verhandlungsbereitschaft &uuml;ber eine Abl&ouml;sung erkennen lie&szlig;en, fordert die HU eine baldige Umsetzung des Verfassungsauftrages ein.<\/p>\n<p>Von den im Bundestag vertretenen Parteien haben die Fraktionen von CDU, SPD, B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen und FDP erkl&auml;rt, dass sie nicht gesetzgeberisch t&auml;tig werden wollen. Auf den zitierten Verfassungsauftrag gehen sie durchweg nicht ein und ignorieren ihn. Dagegen hat die Fraktion der Linkspartei inzwischen einen eigenen Gesetzentwurf &uuml;ber die Grunds&auml;tze zur Abl&ouml;sung der Staatsleistungen an Religionsgemeinschaften in den Bundestag eingebracht (BT-Drs. 17\/8791). Die HU begr&uuml;&szlig;t diesen Vorsto&szlig;, h&auml;lt jedoch die in Aussicht gestellten Entsch&auml;digungszahlungen (das Zehnfache des Jahresbetrages der Staatsleistungen) im Hinblick auf die seit mehr als 92 Jahre geleisteten Zahlungen f&uuml;r nicht gerechtfertigt.<\/p>\n<p><i>Sven L&uuml;ders<\/i><\/p>\n<p><i>Wir dokumentieren hier Ausz&uuml;ge aus den Stellungnahmen der Parteien, des Bundes und der L&auml;nder. Die vollst&auml;ndige Dokumentation zu den Bem&uuml;hungen der HU um eine &#8222;Abl&ouml;sung der Staatsleistungen&#8220; (Stand: April 2012) ist &uuml;ber die Online-Ausgabe der Mitteilungen bzw. auf der HU-Webseite unter&nbsp; <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/kirche-finanzen\/\"><i>https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/srw\/finanzen\/<\/i><\/a><i> erh&auml;ltlich; sie kann in der Bundesgesch&auml;ftsstelle abgerufen werden. <\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[713],"autoren":[139],"publikationen":[921],"class_list":["post-9022","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-finanzen","autoren-sven-lueders","publikationen-215-216"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein X f\u00fcr ein U vorgemacht - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/215-216\/publikation\/ein-x-fuer-ein-u-vorgemacht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein X f\u00fcr ein U vorgemacht - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Politiker in Bund und L&auml;ndern deuten das Verfassungsgebot zur Abl&ouml;sung der Staatsleistungen. 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