{"id":9077,"date":"2011-10-11T11:38:00","date_gmt":"2011-10-11T09:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/diskussion-pro-contra-praeimplantationsdiagnostik\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:13","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:13","slug":"diskussion-pro-contra-praeimplantationsdiagnostik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/214\/publikation\/diskussion-pro-contra-praeimplantationsdiagnostik\/","title":{"rendered":"Diskussion: Pro &amp; Contra Pr\u00e4implantationsdiagnostik"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 214 (3\/2011), S. 31-33<\/p>\n<p>(Red.) Die Begr&uuml;ndung eines PID-Verbotes von Anke P&ouml;rksen in der letzten Ausgabe der HU-Mitteilungen (&#8222;Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind&#8220; &#8211; Ein Pl&auml;doyer gegen die Freigabe der Pr&auml;implantationsdiagnostik, in: Mitteilungen Nr. 213, S. 11-13) hat manche Zustimmung erfahren, aber auch viele kritische Stellungnahmen provoziert. Obwohl die Debatte um die PID im Bundestag vorerst abgeschlossen ist, setzen wir die Diskussion an dieser Stelle fort &#8211; die Fragen &uuml;ber den Umgang mit menschlichen Eingriffen in das werdende Leben kommen ja wieder.<\/p>\n<p>Die falsche Leid-Kultur<\/p>\n<p>Jedes Kind w&uuml;nscht sich liebevolle verantwortungsbewusste Eltern, die mit seiner Pflege und Erziehung nicht &uuml;berfordert sind, die auf seine Gesundheit achten und darauf, dass es nicht zu Schaden kommt. &#8211; Leider erf&uuml;llen bei weitem nicht alle Eltern diese berechtigten Anforderungen.<\/p>\n<p>Viele Eltern rauchen w&auml;hrend der Schwangerschaft, und es gibt werdende M&uuml;tter, die Alkohol trinken. Liebevolle Eltern dagegen werden versuchen, alles zu tun, damit ihr Kind gute Startchancen hat. Dazu geh&ouml;rt eben in bestimmten F&auml;llen auch, schwere Erbkrankheiten durch PID zu verhindern. Es ist leicht, dies in Sonntagsreden mit ethischen oder theologischen Erw&auml;gungen abzulehnen, aber unendlich schwer, im Alltag mit entsprechenden Erbsch&auml;den zu leben.<\/p>\n<p>Ich pers&ouml;nlich kann mit meiner schicksalhaften Behinderung (Tetraspastik) gut leben; vor allem auch deshalb, weil meine Eltern alles getan haben, mir trotzdem exzellente Startbedingungen zu verschaffen. Mit einer Behinderung, die sich leicht durch entsprechende Diagnostik h&auml;tte verhindern lassen, k&auml;me ich dagegen nicht so gut zurecht. Mit eindeutig geregelter und durch transparente Verfahren gut abgesicherter PID lassen sich viel Leid &#8211; auch in Gestalt sp&auml;terer Schwangerschaftsabbr&uuml;che &#8211; verhindern, und die Gesellschaft kann ihre moralische Kompetenz unter Beweis stellen, indem sie sich mit umso mehr Zuwendung um die k&uuml;mmert, die mit einer Behinderung klarkommen m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Im &Uuml;brigen hat der Bundesgerichtshof bereits in den fr&uuml;hen 1950er Jahren entschieden, dass jedes Kind ein Recht auf einen gesunden K&ouml;rper hat und deshalb auch schon pr&auml;konzeptive Handlungen, die zu einer Sch&auml;digung f&uuml;hren, rechtswidrig sind. (BGH II ZR 141\/51, BGHZ 8243 v. 20.12.1952). Im Wege der Rechtsfortbildung lie&szlig;e sich sagen, dass eine definierte Gruppe von Embryonen das Recht auf Wahl eines gesunden Embryos f&uuml;r die Einpflanzung in die Geb&auml;rmutter hat. Etwas zugespitzt: Das Unterlassen von k&uuml;nstlicher Befruchtung und PID bei vollem Wissen um das Risiko schwerer Erbsch&auml;den ist eine Art &#8222;russisches Roulette&#8220; zu Lasten des gew&uuml;nschten Kindes.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus verschweigen die Gegner dieser Selektion schamhaft, dass die &uuml;berz&auml;hligen Embryonen, ob erblich belastet oder nicht, in aller Regel keine Chance haben. Zun&auml;chst bleiben sie eingefroren &#8211; sicher, um aber irgendwann, wenn andere Dinge wichtiger sind, vergessen und damit vernichtet zu werden.<\/p>\n<p>Auch die historische Belastung durch Euthanasieprogramm und Rassenwahn der Nazis ist kein Grund f&uuml;r eine andere Sichtweise. Selbstverst&auml;ndlich hat die PID nichts mit der Rassenhygiene auf Grund der N&uuml;rnberger Gesetze des Hitler-Regimes zu tun, wie z.B. Dr. Peter Radtke bef&uuml;rchtet. W&auml;hrend der NS-Zeit wurden zweimal Olympische Spiele f&uuml;r Propagandazwecke missbraucht. Die Olympischen Spiele in M&uuml;nchen waren dagegen bis zu dem schrecklichen Terroranschlag ein wunderbarer Gegenentwurf mit Transparenz und spielerischer Leichtigkeit. So geht es auch bei der PID nicht um menschenverachtende Auslese, sondern um Menschenfreundlichkeit und Empathie.<\/p>\n<p>Und dann gibt es ja noch das Argument, Behinderte seien besonders wertvoll f&uuml;r die Gemeinschaft und man d&uuml;rfe sich nicht, wie ein fr&uuml;herer Landesbischof meinte, &#8222;am Leid vorbeimogeln&#8220;. Da werde ich dann vollends w&uuml;tend. Wer w&uuml;rde denn beispielsweise auf eine Bypass-OP oder eine Spenderniere verzichten, um das mit der Krankheit verbundene Leid weiter &#8222;auszukosten&#8220; und damit vielleicht ein besserer Mensch zu sein? Aber dem aufgrund einer Erbkrankheit Schwerstbehinderten darf man sp&auml;ter sagen, er sei nur deshalb nicht gesund, weil man aus moralischen Gr&uuml;nden auf eine PID verzichtet habe.<\/p>\n<p>Aber zur&uuml;ck zur Sachlichkeit. Ein letztes Argument ist die Einheit der Rechtsordnung, die durch die Entscheidung des Bundestages gewahrt wird. Der k&uuml;nftigen Mutter, die schon jetzt wei&szlig;, dass sie kein durch Erbkrankheit behindertes Kind (mehr) will, bleibt durch die M&ouml;glichkeit der PID eine im Fall des Falles rechtlich m&ouml;gliche Abtreibung erspart.<\/p>\n<p>Helmut Knett (Regensburg)<\/p>\n<p>Humanismus ist machbar &#8211; und soll gemacht werden<\/p>\n<p>Der Artikel von Frau P&ouml;rksen ist polemisch zugespitzt, und er scheint mir an diesem Thema eine eigene Agenda zu verfolgen. Im Folgenden werde ich f&uuml;r die v&ouml;llige Freigabe mit definierten Ausnahmen argumentieren, und ich werde versuchen, diese christliche Agenda ansatzweise zu benennen.<\/p>\n<p>Schon hinter dem Titel steht die Unterstellung, dass in Frage st&uuml;nde, es g&auml;be ein Recht auf ein gesundes Kind. Aber niemand hat meines Wissens diese Behauptung in der PID-Debatte je ernsthaft aufgestellt. Es geht gar nicht um ein Recht auf irgendetwas, sondern in einem freien und demokratischen Rechtsstaat geht es bei Strafgesetzgebung immer darum, ein Verbot zu begr&uuml;nden, also die Einschr&auml;nkung des allgemeinen Rechtes auf freie Entscheidung, wie man handeln will. In diesem Fall geht es um die Freiheit, alle verf&uuml;gbaren Mittel zu nutzen, um ein gesundes Kind zu bekommen, besonders, wenn man eine bekannte erbliche Vorbelastung hat. Hier hat der Staat die Autonomie der Menschen so weit zu garantieren, wie die Freiheit des einen mit der des anderen zu vereinbaren ist, ohne Leid oder Schaden f&uuml;r die unmittelbar Betroffenen, f&uuml;r andere oder f&uuml;r die gesamte Gesellschaft zu verursachen. Der Mensch soll autonom sein, nicht allein Mittel zum Zweck anderer Menschen. Der Ansatz dieses Artikels erweist ihn schon als polemisch.<\/p>\n<p>Kann man also mit guten Gr&uuml;nden vertreten, dass die PID verboten werden sollte, ganz oder teilweise oder unter bestimmten Umst&auml;nden? Wenn die Freiheit aller Rechtssubjekte das zentrale Thema ist, dann ist nat&uuml;rlich die erste Frage: &Uuml;ber wen reden wir hier? Oder: Wer oder was ist ein Mensch? Das ist eine Frage, &uuml;ber die keineswegs, wie Frau P&ouml;rksen uns glauben machen will, schon weitgehend Einigkeit besteht: &#8222;Weitgehend unumstritten ist unter Juristinnen und Juristen, dass das werdende Leben im Mutterleib Tr&auml;ger des Grundrechts auf Leben ist.&#8220; Selbst wenn das unter Juristen so w&auml;re &#8211; unter Philosophen ist das keineswegs Konsens! Und hier geht es nicht um eine juristische Fachfrage allein, sondern um die gesellschaftlich relevante Frage, wie wir uns als Menschen sehen. Die umk&auml;mpften Unterschiede liegen hier auf einem Spektrum zwischen den folgenden beiden Gegenpositionen:<\/p>\n<p>1.&nbsp;Schon einer befruchteten Eizelle, jedenfalls aber einer Blastozyste von wenigen hundert Zellen, kommt eine menschliche Qualit&auml;t zu, die Schutzrechte begr&uuml;ndet, auch wenn es keine Voraussetzung f&uuml;r irgendeine aktuelle Empfindungsf&auml;higkeit gibt; diese Position wird in der Regel aus einem religi&ouml;sen Glauben oder aus einer spontanen emotionalen Haltung heraus vertreten. Zur St&uuml;tzung dient die Berufung auf die Menschenw&uuml;rde, vgl. dazu Birnbacher, Pinker.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br \/>2.&nbsp;In so fr&uuml;hem Stadium liegt nur eine Ansammlung von Zellen vor, die noch nicht im entferntesten leidensf&auml;hig, geschweige denn bewusstseinsf&auml;hig ist, und damit noch nichts Menschliches an sich hat. Dem F&ouml;tus w&auml;chst erst im Prozess der Reifung allm&auml;hlich menschliche Qualit&auml;t zu, und erst mit der Geburt wird er vollends zum Rechtssubjekt. In der Zeit zwischen Befruchtung und Geburt durchl&auml;uft der F&ouml;tus ein Kontinuum, in dem die Abw&auml;gung seiner Rechte mit der weiteren Reifung immer schwerer wiegt.<\/p>\n<p>Was kann in dieser Situation Ma&szlig;stab der Gesetzgebung sein? Die vage bestimmte Menschenw&uuml;rde und eine keineswegs mehr allgemein anerkannte theologische Tradition? Je nach Wunsch kann man damit sehr viel begr&uuml;nden. &#8211; Die biologischen Tatsachen k&ouml;nnen nicht vorschreiben, wie etwas rechtlich zu handhaben ist, aber sie k&ouml;nnen helfen, den Rahmen des Sachgerechten abzustecken:<\/p>\n<p>&middot;&nbsp;Die befruchtete Eizelle teilt sich unabl&auml;ssig und entwickelt nach der Einnistung ein Zentralnervensystem, das Grundvoraussetzung ist f&uuml;r Empfindungs- und Leidensf&auml;higkeit. <br \/>&middot;&nbsp;In der H&auml;lfte der F&auml;lle geht die Blastozyste ohne Einnistung ab.<br \/>&middot;&nbsp;Vor der Einnistung kann sich noch eine Zwillingsbildung ergeben; das hei&szlig;t, es nisten sich zwei Blastozysten ein.<\/p>\n<p>Deshalb w&uuml;rde ich die Einnistung f&uuml;r eine passende und nachvollziehbare Z&auml;sur halten, das Menschsein beginnen zu lassen. Diese Z&auml;sur liegt immer noch viel fr&uuml;her als die bisherige Frist f&uuml;r Abtreibung, w&auml;re also auch durch die Abw&auml;gung der Rechte der Mutter gegen&uuml;ber dem noch nicht sehr weit entwickelten F&ouml;tus bereits gedeckt und allein deshalb schon analog straffrei zu stellen. Wenn man der noch nicht eingenisteten Blastozyste noch kein eigentliches Lebensrecht zuspr&auml;che, w&uuml;rde das keine dramatischen Folgen f&uuml;r unsere rechtlichen Vorstellungen mit sich bringen, w&uuml;rde aber erlauben, per PID legal eingreifen zu k&ouml;nnen. Die Wahl dieses Zeitpunktes als Beginn menschlichen Lebens w&auml;re plausibel und keineswegs willk&uuml;rlicher als die Wahl des Zeitpunktes der Befruchtung.<\/p>\n<p>Ein erfreulicher Nebeneffekt w&auml;re, dass analog auch endlich die Stammzellenforschung freizugeben w&auml;re. Hier werden seit mehr als einem Jahrzehnt medizinische M&ouml;glichkeiten verschenkt, einzig weil es Pressure Groups gibt f&uuml;r ein christliches Menschenbild, (&#8222;Leid bringt n&auml;her zu Gott. Dem Menschen ist sein eigenes Leben nicht verf&uuml;gbar.&#8220;). Das ist aber nicht mehr konsensf&auml;hig, insbesondere wird es das nicht mehr sein, wenn in anderen L&auml;ndern die daraus abzuleitenden M&ouml;glichkeiten zu haben sein werden.<br \/>Letztlich scheint mir diese Diskussion darum, ob sich bei den befruchteten Eizellen schon um einen Menschen handelt, nicht den Punkt zu treffen, den die PID-Gegner eigentlich meinen. So hebt Frau P&ouml;rksen hervor, dass doch das Leben &auml;rmer w&uuml;rde, wenn es keine Behinderten mehr g&auml;be, von deren Lebensfreude man doch viel lernen k&ouml;nnte. Also w&auml;re sie auch gegen jede Methode, die schon vor der Befruchtung eine Behinderung ausschl&ouml;sse. Mag sein, dass es einmal m&ouml;glich w&uuml;rde, die schadhaften Spermien auszusondern vor der Befruchtung &#8211; das f&auml;nde sie sicher auch schlimm.<\/p>\n<p>Sicher kann das Leben mit Behinderten uns Aspekte zeigen, die wir sonst nicht s&auml;hen. Ebenso wie man von der Tapferkeit Krebskranker lernen kann &#8211; und doch wird an der Behandlung von Krebs ganz zurecht massiv geforscht. Die Vorstellung, dass Behinderte sich durch PID und deren Auswahl-Kriterien verletzt f&uuml;hlen m&uuml;ssten, ist f&uuml;r mich vielleicht psychologisch, nicht aber rational nachvollziehbar. Aber hat dieses Gef&uuml;hl mehr Berechtigung als die Eifersucht gegen&uuml;ber einem v&ouml;llig treuen Partner? Gef&uuml;hle k&ouml;nnen schlicht unangemessen sein.<\/p>\n<p>Darf man die Freiheit und Autonomie von Eltern allein deshalb einschr&auml;nken, weil sich jemand dabei unbehaglich f&uuml;hlt? Ich denke, es ist f&uuml;r eine Einschr&auml;nkung n&ouml;tig, dass ein Schaden entsteht, nicht blo&szlig; Unbehagen. Diejenigen, die sich hier verfolgt f&uuml;hlen, haben &#8211; ganz im Gegensatz zu einer Blastozyste &#8211; ein berechtigtes aktuelles Interesse an ihrem Leben, das fraglos wie jedes andere Interesse zu respektieren ist. Behinderte haben von der Gesellschaft und unserem Rechtssystem die klare Zusicherung, dass sie ungleich behandelt werden: Dass ihnen n&auml;mlich aufgrund ihrer Konstitution mehr Hilfe zu leisten ist als anderen. Ihre Interessen sollen gleichrangig ber&uuml;cksichtigt werden, und diese Interessen m&uuml;ssen aufgrund ihrer Lebenssituation andere sein, als die eines Nicht-Behinderten.<\/p>\n<p>Die Realit&auml;t der Genforschung ist schon kurz davor, de facto &#8222;PID&#8220; w&auml;hrend der Schwangerschaft umzusetzen: Wie wir in der ZEIT vom 18. August 2011 lesen k&ouml;nnen, kann man schon aus einer Blutprobe der Mutter die Fragmente der DNA des Kindes extrahieren und per Computer rekonstruieren. Damit kann man die codierende Kindes-DNA bestimmen und Erbsch&auml;den feststellen &#8211; in der 10. Schwangerschaftswoche, noch innerhalb der legalen Abtreibungsfrist. Man sieht hier, dass es auf die Dauer eine konstruktivere Antwort braucht: Wir werden w&auml;hlen k&ouml;nnen. Und das soll mit der Autonomie, der Freiheit auch der jetzt Behinderten vertr&auml;glich bleiben. Sie sollen alle Unterst&uuml;tzung bekommen &#8211; aber sie k&ouml;nnen nicht verlangen, dass unsere Gesellschaft absichtlich auf Mittel verzichtet, die unerw&uuml;nschte Behinderungen verhindern k&ouml;nnten. Wenn es diese Mittel gibt, werden sie genutzt werden &#8211; hier oder in anderen westlichen Rechtsstaaten, und dort dann v&ouml;llig legal.<\/p>\n<p>Der Mensch ist das Ma&szlig; aller Dinge. &#8211; Das ist ein Satz, der Fromme erschaudern l&auml;sst, und doch ist er in den aufgekl&auml;rten westlichen Gesellschaften mehrheitsf&auml;hig. Wer sonst k&ouml;nnte auch das Ma&szlig; sein? Der Gott, der lange in Europa als Ma&szlig; galt, ist &#8211; Nietzsche hat da v&ouml;llig recht &#8211; faktisch tot. Auch in den K&ouml;pfen vieler Kirchenmitglieder. Und das ist gut so. Die Menschen sind durch ihn nicht besser geworden, ganz im Gegenteil, &uuml;ber die ganzen zwei Jahrtausende nicht. Wir leben besser als alle Generationen vor uns &#8211; nicht allein wirtschaftlich, auch moralisch stehen wir unseren Vorfahren nicht nach. Gerade die s&auml;kularsten Demokratien, z.B. Schweden, Kanada, sind die menschenfreundlichsten.<\/p>\n<p>Heute sind die meisten Menschen in westlichen Demokratien sich bewusst, dass wir die Ma&szlig;st&auml;be selber machen m&uuml;ssen. Wir wollen in einer guten Welt leben? Dann m&uuml;ssen wir sie gestalten. Dazu geh&ouml;rt auch PID, genauso wie alle andern Methoden, die im Laufe der Geschichte ersonnen wurden, um Krankheiten zu heilen und vorzubeugen, M&uuml;hsal zu erleichtern, vor Gefahren zu sch&uuml;tzen &#8211; auch wenn die Menschen, die ein m&uuml;hseliges Leben hatten, sicher auch gern das einzige Leben gelebt haben, das sie hatten. Jeder Mensch liebt das Leben, das er hat. Das taten unser Vorfahren, das tun Behinderte, das tun wir alle.<\/p>\n<p>Frau P&ouml;rksen spricht die schiefe Ebene an, den Slippery Slope, auf den wir geraten, wenn die PID auch nur eingeschr&auml;nkt zugelassen wird. Was kann da Schlimmes passieren? Bald w&uuml;rde nicht mehr allein negativ ausgew&auml;hlt, um Krankheiten zu eliminieren, sondern die &#8222;Horror&#8220;-Vorstellung des Designer-Babys k&ouml;nnte Wahrheit werden.&nbsp;<\/p>\n<p>Zum einen: Von einem genetischen Bauplan des Lebens sind wir noch weit entfernt. Und selbst wenn es irgendwann m&ouml;glich sein wird: Was ist denn gegen ein Verfahren einzuwenden, das den Eltern einige Wahlm&ouml;glichkeiten b&ouml;te? Welche schlimmen Konsequenzen w&auml;ren zu erwarten? Es gibt Gefahren: In Asien wurden, seit es durch Ultraschallger&auml;te m&ouml;glich ist, das Geschlecht des F&ouml;tus fr&uuml;hzeitig zu erkennen, vorzugsweise M&auml;dchen abgetrieben, weil sie eine teure Mitgift kosten. Heute gibt es in Asien ein Defizit von ca. 160 Millionen Frauen. Das sind Erfahrungen, die sicher, wie in diesem konkreten Fall, eine Intervention durch Aufkl&auml;rung oder im Notfall auch gesetzliche Verbote angezeigt erscheinen lassen. Hier wirken sich Traditionen &uuml;bel aus &#8211; aber die Menschen k&ouml;nnen daraus lernen, sofern diese Traditionen nicht absichtlich vern&uuml;nftiger Diskussion entzogen werden, indem sie einen metaphysischen Status bekommen, der pragmatische Vernunftgr&uuml;nde wirkungslos macht.<\/p>\n<p>Selektion gibt es seit mehr als 3 Mrd. Jahren auf diesem Planeten durch &#8222;Mutter Natur&#8220;. Das Entscheidende f&uuml;r den Humanisten ist dabei: Mutter Natur selektiert auf brutal gleichg&uuml;ltige Art, was die Leiden der Betroffenen angeht. Wer dem Leben nicht gewachsen ist, wird zugrunde gehen. Das ist wohl kaum w&uuml;nschenswert, oder?&nbsp; Die jetzt verf&uuml;gbaren und absehbaren Verfahren, solches Leid zu vermeiden, sind in meinen Augen eine echte humane Errungenschaft, f&uuml;r die sich die Wissenschaft r&uuml;hmen kann, und sicher nicht entschuldigen muss. &#8211; Hier kann der Humanismus eintreten f&uuml;r ein gutes Leben, f&uuml;r die Vermeidung von Leid. Die einzigen, die hier das Leid bemessen und so eine Entscheidung treffen k&ouml;nnen, sind nat&uuml;rlich die (evtl. auch nur zuk&uuml;nftig) Leidenden, die Eltern &#8211; das sind die einzigen, die das angeht. Nun haben sie neue Mittel, sich zu helfen.<\/p>\n<p>Gegen eine derartige Selbstgestaltung des menschlichen Lebens gibt es viele Bedenken, und niemand darf Bedenkentr&auml;gern verbieten, sich ihren Bedenken entsprechend zu verhalten und sie in &ouml;ffentlicher Diskussion nachdr&uuml;cklich zu vertreten. Aber sie haben nicht das Recht, anderen ihre Vorstellungen per Gesetz aufzuzwingen, ohne Gr&uuml;nde zu liefern, die den Betroffenen einleuchten &#8211; Glaube hat keine Relevanz f&uuml;r Ungl&auml;ubige.<\/p>\n<p>Mit der k&uuml;rzlich im Parlament getroffenen Entscheidung ist ein bescheidener Anfang gemacht: Die verf&uuml;gbaren Optionen waren schon im Vorfeld um die wesentlichste beschnitten: Kein Politiker hat sich getraut, offen die PID-Freigabe zu bef&uuml;rworten &#8211; ein dubioser Erfolg der frommen Lobby der beiden Gro&szlig;kirchen. Ich hoffe nachdr&uuml;cklichst, dass PID und andere Verfahren mit gleicher Zielrichtung bald freigegeben und nur in wohlbegr&uuml;ndete Ausnahmen verboten werden.<\/p>\n<p>Roland Pardon<br \/>ist promovierter Physiker und Philosoph aus der &Uuml;berzeugung, dass ein gutes Leben &#8222;von Vernunft geleitet und von Liebe durchw&auml;rmt sei&#8220; (Bertrand Russell). Er ist derzeit t&auml;tig in der IT-Industrie.<\/p>\n<p>Literaturempfehlungen (nur in der Online-Ausgabe verf&uuml;gbar):<\/p>\n<p>Gute Analyse der Bef&uuml;rchtungen von Behinderten:<br \/><a href=\"http:\/\/evidentist.wordpress.com\/2011\/06\/07\/peter-singer-und-der-kampf-um-anerkennung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/evidentist.wordpress.com\/2011\/06\/07\/peter-singer-und-der-kampf-um-anerkennung<\/a><\/p>\n<p>Dieter Birnbacher: Mehrdeutigkeiten im Begriff der Menschenw&uuml;rde, <a href=\"http:\/\/www.gkpn.de\/singer2.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.gkpn.de\/singer2.htm<\/a>.<\/p>\n<p>Steven Pinker: Der Begriff ist &uuml;berholt, <br \/><a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/die-menschenwuerde-ist-antastbar\/1247070.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/die-menschenwuerde-ist-antastbar\/1247070.html<\/a><\/p>\n<p>Christiane N&uuml;sslein-Volhard, Das Werden des Lebens, dtv, 2004<\/p>\n<p>Bernhard Schlink: Die W&uuml;rde in vitro. Zur Debatte des Bundestags um die Pr&auml;implantationsdiagnostik, in: Der Spiegel 25\/2011, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-79051505.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-79051505.html<\/a>.<\/p>\n<p>Thomas Hummitzsch: Ich finde diesen Paternalismus dreist [Kommentar zu Schlink], in:&nbsp; diesseits 02\/2011, <a href=\"http:\/\/www.diesseits.de\/aktuelles-heft\/ich-finde-diesen-paternalismus-dreist\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.diesseits.de\/aktuelles-heft\/ich-finde-diesen-paternalismus-dreist<\/a><\/p>\n<p>Giordano-Bruno-Stiftung: F&uuml;r eine Zulassung der Pr&auml;implantationsdiagnostik in erweiterten Grenzen. Stellungnahme der Ethikkommission der GBS, <a href=\"http:\/\/www.giordano-bruno-stiftung.de\/files\/pid.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.giordano-bruno-stiftung.de\/files\/pid.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[8],"tags":[767],"autoren":[1600],"publikationen":[922],"class_list":["post-9077","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-bioethik","tag-bioethik","autoren-helmut-knett-und-roland-pardon","publikationen-922"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Diskussion: Pro &amp; Contra Pr\u00e4implantationsdiagnostik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/214\/publikation\/diskussion-pro-contra-praeimplantationsdiagnostik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Diskussion: Pro &amp; Contra Pr\u00e4implantationsdiagnostik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 214 (3\/2011), S. 31-33 (Red.) 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