{"id":9149,"date":"2010-10-29T10:30:00","date_gmt":"2010-10-29T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-recht-auf-kirchlichkeit-interview-mit-pascal-kober\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:55","slug":"das-recht-auf-kirchlichkeit-interview-mit-pascal-kober","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/210\/publikation\/das-recht-auf-kirchlichkeit-interview-mit-pascal-kober\/","title":{"rendered":"Das Recht auf Kirchlichkeit. Interview mit Pascal Kober"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 210 (3\/2010), S. 18\/19<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Kober_bw.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4120 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Kober_bw-450x450.jpg\" alt=\"Das Recht auf Kirchlichkeit. 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Berliner Gespr&auml;che zum Thema &#8222;Die Privilegien der Kirchen und das Grundgesetz&#8220; teil, f&uuml;r die Friedrich-Naumann-Stiftung hielt er das Schlusswort der Veranstalter. Sein Resum&eacute; der Tagung fiel zwiesp&auml;ltig aus: Es fehle an gegenseitigem Verst&auml;ndnis, insbesondere bem&auml;ngelte er den neidvollen Blick der s&auml;kularen Verb&auml;nde auf die Kirchen bei den Vertretern der s&auml;kularen Verb&auml;nde. Im Interview wehrt sich Pascal Kober gegen die Kritik an seinen Beitr&auml;gen, wie sie Ulrich Finckh in den letzten HU-Mitteilungen vortrug (s. Mitteilungen 208, S. 24f.).<\/i><\/p>\n<p><i>Herr Kober, Sie haben nach den Diskussionen der 4. Berliner Gespr&auml;che der Humanistischen Union, aber auch s&auml;kular\/atheistischen Verb&auml;nden in staatskirchenrechtlichen Fragen eine Haltung des Neides unterstellt. Was meinen Sie damit? <\/i><\/p>\n<p>Das ist so nicht ganz richtig. Ich sprach von einer Haltung des &#8222;Nicht G&ouml;nnens&#8220;. &#8222;Neid&#8220; beinhaltet ja die Motivation, dasjenige, das ein anderer hat, auch selbst f&uuml;r sich zu bekommen. Den Eindruck hatte ich von den Teilnehmern unsere Gespr&auml;chsrunde nicht. Stattdessen habe ich den Eindruck gewonnen, dass es den Gespr&auml;chspartnern darum geht, den Mitgliedern der Kirchen das Recht auf Kirchlichkeit im Rahmen des g&uuml;ltigen Staatskirchenrechtes zu bestreiten, ohne aber zugleich etwas Vergleichbares f&uuml;r sich oder andere Religionsgemeinschaften erwirken zu wollen. Das habe ich mit einer Haltung des &#8222;Nicht G&ouml;nnens&#8220; gemeint.<\/p>\n<p>Es scheint mir darum zu gehen, Mitb&uuml;rger in ihrer Religionsfreiheit einzuschr&auml;nken, ohne selbst nach Entfaltungsm&ouml;glichkeiten in dieser Richtung zu streben, oder begr&uuml;ndbar darlegen zu k&ouml;nnen, wie die eigene Freiheit durch die Religionsaus&uuml;bung unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig eingeschr&auml;nkt wird.<\/p>\n<p><i><br \/>In welcher Weise ist der Staat f&uuml;r die Sinnstiftung in unserer Gesellschaft verantwortlich?<\/i><\/p>\n<p>Hier will ich in zwei gedanklichen Schritten antworten: 1. Jeder Staat, jedes Rechtssystem basiert auf Werten, die wiederum in gewisser Weise einem &#8222;Sinn&#8220; zugeordnet sind. Das Recht auf Leben beispielsweise beinhaltet in gewisser Weise die gesellschaftliche Vorstellung, dass &#8222;Leben&#8220; etwas Gutes ist. Sinn hat etwas mit &#8222;Bedeutung&#8220; zu tun. Bedeutung hei&szlig;t Bewertung. Bewertung hat etwas mit Sinnhaftigkeit zu tun.<\/p>\n<p>2. Indem der Staat sein &#8222;Wertesystem&#8220; durch sein Rechts- und Bildungssystem durchsetzt und erh&auml;lt, ist der Staat immer qua Existenz in der Situation, dass er, ob er nun will oder nicht, weltanschaulich positioniert und t&auml;tig ist. Weltanschaulich neutral kann ein Staatswesen nur dadurch sein, dass es auch und gerade sich selbst in seiner Totalit&auml;t zur&uuml;cknimmt, indem es anderen Weltanschauungen in einem gewissen (bei uns: grundgesetzlichen) Rahmen nicht nur gestattet, t&auml;tig zu sein, sondern diese T&auml;tigkeit auch geradezu &#8222;ermuntert&#8220;. Weltanschauliche Neutralit&auml;t gibt es nur bei weltanschaulicher Pluralit&auml;t und durch diese. Sie muss existieren, sonst wirkt der Staat aus sich selbst heraus weltanschaulich total. Um seiner Freiheitlichkeit willen muss der Staat ein Interesse an vitaler weltanschaulicher T&auml;tigkeit durch von ihm unterschiedene Organisationen und Gruppen haben.<\/p>\n<p><i><br \/>Kann man Menschen, die einen Schutz vor Benachteiligung und Diskriminierung einfordern, nicht immer Neid unterstellen?<\/i><\/p>\n<p>Den Unterschied zwischen Neid und Nicht-G&ouml;nnen habe ich weiter oben schon deutlich gemacht. Wer sich gegen Diskriminierung wendet, m&ouml;chte, dass alle gleich behandelt werden. Das l&auml;sst sich in zweierlei Richtung erreichen: Ich nehme dem einen seine Rechte und M&ouml;glichkeiten oder aber ich m&ouml;chte die mir vorenthaltenen Rechte und M&ouml;glichkeiten auch bekommen. In ersterem Fall haben alle weniger, in letzterem Fall alle mehr.<\/p>\n<p><i>Welche Bedeutung hat es f&uuml;r Sie, dass vor den h&ouml;chsten Gerichten ein Grundrecht wie die Religionsfreiheit vor allem von den beiden Kirchen, von der religi&ouml;sen Mehrheit in Anspruch genommen wird? Sollten Grundrechte urspr&uuml;nglich nicht dem Schutz von Minderheiten dienen?<\/i><\/p>\n<p>Grundrechte sind Rechte, die &#8222;unbedingt&#8220; gelten. Das hei&szlig;t also, dass sie auch nicht an quantitative Aspekte gebunden sind. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Grundrechte gelten aus sich selbst heraus, sie haben nichts mit Mehrheits- oder Minderheitsverh&auml;ltnissen zu tun.<\/p>\n<p><i>Finden Sie es akzeptabel, dass staatskirchenrechtliche Privilegien (oder Anspr&uuml;che, wenn Sie so wollen), vom Organisationsgrad einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft abh&auml;ngig gemacht werden? Wie vertr&auml;gt sich das mit der subjektivrechtlichen Begr&uuml;ndung unserer Grundrechte? <\/i><\/p>\n<p>Der Staat muss in seinem Tun auch in der Praxis verwirklicht werden k&ouml;nnen. In der Theorie ist manches denkbar, was in der Praxis &#8211; auch mit Blick auf &#8222;Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit&#8220; &#8211; nicht oder nur schwer umsetzbar ist. Auch das Vereinsrecht, also vereinsrechtliche Anspr&uuml;che, sind an ganz konkrete Bedingungen gekn&uuml;pft. Oder nehmen Sie das Recht der Demonstrationsfreiheit, der Pressefreiheit &#8211; auch diese sind in der Praxis an konkrete rechtliche &#8222;Bedingungen&#8220; gekn&uuml;pft. Man muss von jedem in der Gesellschaft erwarten, dass er sich in ihr so verh&auml;lt, dass der Einzelne oder die Gesellschaft keinen Schaden nimmt. Aber reicht das? Eine Gesellschaft kann auf diesem Minimalkonsens nicht erhalten werden. Es funktioniert nur, wenn sich die Mehrheit der Gesellschaft gegen&uuml;ber konstruktiv und unterst&uuml;tzend verh&auml;lt. Insofern ist auch m.E. in diesem Zusammenhang die R&uuml;ckfrage zu stellen, ob es wirklich unzumutbar ist, sich so oder so gegen&uuml;ber der Gesellschaft, dem Staat und seinen Institutionen zu verhalten.<\/p>\n<p><i>Inwiefern sehen Sie bei religionspolitischen Entscheidungen der Parlamente eine Befangenheit der Abgeordneten, die mehrheitlich den beiden christlichen Kirchen angeh&ouml;ren?<\/i><\/p>\n<p>Wir unterscheiden ja in unserer Gesetzgebung aus guten Gr&uuml;nden Rechte, die unver&auml;nderbar sind, Rechte, die nur durch eine sehr gro&szlig;e Mehrheit, und Rechte, die durch einfache Mehrheit ver&auml;nderbar sind. F&uuml;r letztere beiden gilt: Es geh&ouml;rt zum Wesen der repr&auml;sentativen Demokratie, dass die Abgeordneten nur &#8222;ihrem Gewissen&#8220; verpflichtet sind. Von ihnen wird eine ganz pers&ouml;nliche Entscheidung und Position verlangt. Wie sie davon Gebrauch machen, ist ihre pers&ouml;nliche Verantwortung und alle vier Jahre die Verantwortung der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler.<\/p>\n<p><i>Was bedeutet f&uuml;r Sie der Anspruch unserer Verfassung, wonach keine Staatskirche mehr bestehe? <\/i><\/p>\n<p>Das ist f&uuml;r mich als Lutheraner und Liberaler zugleich konstitutiv f&uuml;r mein Staatsverst&auml;ndnis.<\/p>\n<p><i>Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang dieBehauptung, dass die Kirchen heutzutage &uuml;ber die gleichen Rechte wie zu Zeiten der Staatskirche verf&uuml;gen? <\/i><\/p>\n<p>Ich bezweifle den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4120,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[139],"publikationen":[927],"class_list":["post-9149","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","autoren-sven-lueders","publikationen-927"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Recht auf Kirchlichkeit. 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