{"id":9219,"date":"2009-12-17T12:28:00","date_gmt":"2009-12-17T11:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/verharzte-republik-zwischenfazit-eines-keynesianers\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:45","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:45","slug":"verharzte-republik-zwischenfazit-eines-keynesianers","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/207\/publikation\/verharzte-republik-zwischenfazit-eines-keynesianers\/","title":{"rendered":"Verharzte Republik: Zwischenfazit eines Keynesianers"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 207 (Heft 4\/2009), S.28-29<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/mueller2009.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4152 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/mueller2009-317x450.jpg\" alt=\"Verharzte Republik: Zwischenfazit eines Keynesianers\" width=\"317\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/mueller2009-317x450.jpg 317w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/mueller2009-237x337.jpg 237w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/mueller2009.jpg 352w\" sizes=\"auto, (max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Tobias M&uuml;ller: Was haben die Hartz-Reformen bewirkt? Zu Ausma&szlig;, Ursachen und Folgen der Arbeitslosigkeit in Deutschland<br \/>Berlin 2009, Wei&szlig;ensee Verlag<br \/>284 S., 38.- &#8364;<\/p>\n<p>&#8222;Mit der Frage, ob mit den Hartz-Reformen, mit der die deutsche Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik umfassend modernisiert wurde, die Arbeitslosigkeit wirksam bek&auml;mpft werden konnte, besch&auml;ftigt sich dieses Buch&#8220;. Diese Ank&uuml;ndigung des Autors aus der Einleitung ist pures Understatement. Denn Tobias M&uuml;ller hat f&uuml;nf Jahre nach Einf&uuml;hrung von &#8222;Hartz IV&#8220; im kleinen Berliner Wei&szlig;ensee-Verlag eine umfangreiche, 284 Seiten starke Studie &uuml;ber den politischen Kontext und die Auswirkungen von Harz I-IV vorgelegt. Der Autor holt dabei weit aus: Die psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit, die popul&auml;rsten arbeitsmarktheoretischen Herleitungen sowie die statistischen Dimensionen des Problemfelds werden thematisiert. Im Mittelpunkt seiner Darstellung aber steht das zentrale politische Projekt der Schr&ouml;der-Regierung: die Hartz-Reformen. Das Leitbild, die einzelnen Reformbausteine und die konkreten Umsetzungsschritte werden detailliert beschrieben. <br \/>Vorneweg: Der Autor bietet zwar eine profunde r&uuml;ckblickende Darstellung der einzelnen Eckpunkte der Agenda 2010 bzw. der Hartz-Reformen, l&auml;sst aber letztlich eine angemessene kritische Bewertung und entsprechende Handlungsempfehlungen vermissen. Als ausgewiesener Keynesianer mit unersch&uuml;tterlichem Glauben an eine m&ouml;gliche Vollbesch&auml;ftigung ist sein analytisches und politisches Instrumentarium schlicht zu begrenzt, um &uuml;berzeugende Alternativen zur beschriebenen strukturellen Misere anbieten zu k&ouml;nnen.<br \/>Ausgehend von dem hohen Stellenwert der Erwerbsarbeit in der heutigen Gesellschaft beschreibt M&uuml;ller die individuellen psychologischen Folgen der Arbeitslosigkeit. Seine Diagnose gipfelt in der Aussage: &#8222;Gerade Langzeitarbeitslose zeigen h&auml;ufig pathologische Symptome, die denen Sterbender &auml;hneln&#8220; (S. 16). Ausgehend von dieser Pr&auml;misse weist der Autor die mediengeleitete Stigmatisierung Arbeitsloser als &#8222;Sozialschmarotzer&#8220; und &#8222;Dr&uuml;ckeberger&#8220; explizit zur&uuml;ck &#8211; und unterstreicht damit seine Forderung, eine R&uuml;ckkehr zur Vollbesch&auml;ftigung einzuschlagen. M&uuml;llers These: Erwerbslose wollen arbeiten und brauchen Arbeit. M&uuml;llers Problem: Er reduziert Arbeit auf Erwerbsarbeit.<br \/>Aufbauend auf seine Einf&uuml;hrung in das Problemfeld Arbeitslosigkeit befasst sich der Autor in zwei zentralen Kapiteln ausf&uuml;hrlich mit den Vorschl&auml;gen der Hartz-Kommission vom August 2002 sowie deren Umsetzung. Sein Fazit f&auml;llt ern&uuml;chternd aus: Der aktivierende Sozialstaat hat nicht daf&uuml;r gesorgt, die fehlenden Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, daf&uuml;r aber die Prekarisierung vieler Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse gef&ouml;rdert. M&uuml;ller beschr&auml;nkt sich bei der Analyse der einzelnen Hartz-Module auf das Kriterium der m&ouml;glichen besch&auml;ftigungsf&ouml;rdernden Wirkung. Von der Einrichtung der heute schon fast vergessenen Personal-Service-Agenturen (PSA) &uuml;ber die zwischenzeitlich ebenfalls abgeschafften Ich-AGs bis hin zur Neugestaltung der geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse (Mini- und Midi-Jobs) belegt der Wissenschaftler, dass die angestrebte Vermehrung von Arbeitspl&auml;tzen nicht stattgefunden hat.<br \/>M&uuml;ller selbst pl&auml;diert f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zu einem keynesianischen Wirtschaftsverst&auml;ndnis. Als prim&auml;ren Ansatzpunkt definiert er die St&auml;rkung des privaten Konsums u.a. mittels der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns und einer Anhebung der ALG-II-Regels&auml;tze. Au&szlig;erdem verweist er auf die zentrale Bedeutung einer massiven Arbeitszeitverk&uuml;rzung. Zur Kompensation dabei einzukalkulierender Lohneinbu&szlig;en w&auml;re &#8222;eine Art Grundeinkommen&#8220; (S. 258) denkbar, so M&uuml;ller. Weitere Pr&auml;zisierungen der einzelnen Vorschl&auml;gen unterbleiben allerdings. <br \/>Die St&auml;rken des Buches liegen eindeutig in der kritischen und statistisch untermauerten Evaluation der einzelnen Elemente, die zusammen unter dem Label &#8222;Hartz&#8220; firmieren. Alle am Thema Interessierten werden gerne auf die vom Autor flei&szlig;ig zusammengetragenen Fakten zu den einzelnen Hartz-Modulen sowie die Zusammenstellung von kritischen Stimmen aus Wissenschaft, Politik und Gewerkschaften zu den einzelnen Ma&szlig;nahmen zur&uuml;ckgreifen. <br \/>Tobias M&uuml;llers eigener Grundansatz zur L&ouml;sung des Problems der Arbeitslosigkeit aber ist nicht &uuml;berzeugend, weil thematisch und analytisch zu beschr&auml;nkt. Sein wesentlicher Kritikpunkt an den Hartz-Reformen ist, dass das Versprechen, m&ouml;glichst viele Erwerbslose &#8222;wieder in Arbeit zu bringen&#8220;, nicht eingel&ouml;st wurde. Er blendet v&ouml;llig aus, dass &#8222;Hartz&#8220; aus Sicht der Politik und der Wirtschaft ein durchaus erfolgreiches Projekt ist. Denn die offizielle Zielsetzung, die Arbeitslosigkeit im Interesse der Betroffenen wirksam bek&auml;mpfen zu wollen, sollte man nicht einfach f&uuml;r bare M&uuml;nze nehmen: Die Hartz-Regelungen und insbesondere die erfolgte Ausweitung der Ein-Euro-Jobs erweisen sich f&uuml;r Staat und Unternehmen als funktional, weil sie sich auf das allgemeine Lohngef&uuml;ge auswirken und somit einen umfangreichen und sp&uuml;rbaren Angriff auf die Tariflandschaft darstellen. Sie zielen zudem auf eine allgemeine Verunsicherung von Besch&auml;ftigten und Erwerbslosen gleicherma&szlig;en ab. Prekarit&auml;t soll die verallgemeinerte Norm f&uuml;r alle Lebens- und Arbeitsbereiche werden.<br \/>Der Autor ignoriert au&szlig;erdem wichtige b&uuml;rgerrechtlich relevante Aspekte. Die aktivierende Sozial- und Arbeitsmarktpolitik bedeutet beispielsweise keineswegs den R&uuml;ckzug des Staates, wie mehrfach in der Studie angedeutet, sondern vielmehr die Ausweitung der Durchgriffs- und Kontrollbefugnisse der sozialstaatlichen Instanzen bis in die private Lebensgestaltung hinein. Hartz IV steht f&uuml;r weniger Sozial-, hingegen f&uuml;r mehr &Uuml;berwachungsstaat (&#8222;Bedarfsgemeinschaften&#8220;, Kontrolle &uuml;ber Bankguthaben etc.). Dass die Sozialgerichte eine Flut von Klagen gegen fehlerhafte Hartz-IV-Bescheide bew&auml;ltigen m&uuml;ssen, veranschaulicht die Tendenz einer zunehmenden Entrechtlichung der Erwerbslosen. Soziale Leistungen werden dar&uuml;ber hinaus im Sinne von Hartz nur unter Vorbehalt gew&auml;hrt, d.h. Rechte nur eingeschr&auml;nkt anerkannt, weil nur unter Auflagen gew&auml;hrt. <br \/>Aber Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein &ouml;konomisches, individualpsychologisches oder juristisches, sondern auch ein politisch-kulturelles Problem. Die Fixierung des Autors auf Vollbesch&auml;ftigung bedeutet, dass die soziale Sicherung und die Einkommen in erster Linie an Erwerbsarbeit gebunden bleiben sollen. Eine unrealistische Perspektive, weil es Erwerbsarbeit in dem Umfang, der f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung notwendig w&auml;re, nicht mehr gibt. Eine ungerechte Perspektive, weil unbezahlte gesellschaftlich notwendige Arbeit gar nicht erst in den Blick ger&auml;t. Tobias M&uuml;llers prinzipiell richtige Forderungen nach einer radikalen Arbeitszeitverk&uuml;rzung und einem Mindestlohn sind durch ein Grundeinkommen, das bedingungslos gew&auml;hrt wird und ausreichend hoch ist, sowie &#8211; ganz wichtig &#8211; durch die F&ouml;rderung solidarischer Wirtschaftsformen zu erg&auml;nzen. Damit w&auml;re auch eine freiwillige individuelle Losl&ouml;sung von Erwerbsarbeit (mit ihren vielf&auml;ltigen Zumutungen!) m&ouml;glich und zugleich f&uuml;r viele Menschen das von M&uuml;ller zu Beginn seines Buches zitierte &#8222;Gespenst der Nutzlosigkeit&#8220; (R. Sennett) vertrieben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4152,"template":"","categories":[],"tags":[791],"autoren":[1615],"publikationen":[928],"class_list":["post-9219","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","autoren-joachim-maiworm","publikationen-928"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verharzte Republik: Zwischenfazit eines Keynesianers - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/207\/publikation\/verharzte-republik-zwischenfazit-eines-keynesianers\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verharzte Republik: Zwischenfazit eines Keynesianers - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 207 (Heft 4\/2009), S.28-29 Tobias M&uuml;ller: Was haben die Hartz-Reformen bewirkt? 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