{"id":9277,"date":"2009-04-30T13:29:00","date_gmt":"2009-04-30T11:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gegen-kirchliche-sonderrechte-in-berlin-10-irrtuemer-zu-pro-reli\/"},"modified":"2009-04-30T12:00:00","modified_gmt":"2009-04-30T10:00:00","slug":"gegen-kirchliche-sonderrechte-in-berlin-10-irrtuemer-zu-pro-reli","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/204\/publikation\/gegen-kirchliche-sonderrechte-in-berlin-10-irrtuemer-zu-pro-reli\/","title":{"rendered":"Gegen kirchliche Sonderrechte in Berlin \u0096 10 Irrt\u00fcmer zu \u201ePro Reli\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 204 (1\/2009), S. 13<\/p>\n<p>1. Unsinnig ist die Behauptung, dass das geltende Recht die freie Wahl zwischen Ethik und Religion verhindert. Ethik ist nicht Ersatz f\u00fcr Religion und Religion ist nicht Ersatz f\u00fcr Ethik. Wer f\u00fcr sich pers\u00f6nlich oder seine Kinder den Glauben f\u00fcr bedeutsam h\u00e4lt, kann derzeit noch Religionsunterricht in der Schule frei w\u00e4hlen &#8211; neben dem Ethikunterricht. Nach dem Willen von &#132;Pro Reli&#8220; soll das nicht mehr m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>2. Unwahr ist es zu behaupten, dass nur die Abwahl des Ethikunterrichts und die Wahl des getrennten Religionsunterrichts den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern die M\u00f6glichkeit bietet, ihre eigenen religi\u00f6sen Wurzeln kennen zu lernen. Niemandem wird zugemutet, in der Schule auf seine Religion zu verzichten. Richtig ist vielmehr: Die am Religionsunterricht teilnehmenden Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler erhalten die Chance, dar\u00fcber hinaus im Ethikunterricht auch fremde religi\u00f6se und kulturelle Wurzeln kennen zu lernen und sich mit Andersgl\u00e4ubigen auseinander zu setzen.<\/p>\n<p>3. Diffamiert wird das Fach Ethik als &#132;Zwangsfach&#8220;. Alle ordentlichen Unterrichtsf\u00e4cher in der Schule sind im Rahmen der Schulpflicht verpflichtend. F\u00fcr das Fach Ethik gilt nichts anderes. Mit Religionsfreiheit hat das Fach nichts zu tun, weil es in diesem um Kenntnisse und gerade nicht um das eigene Bekenntnis zu einer bestimmten Weltanschauung geht. Eine Abmeldung vom Ethikunterricht l\u00e4sst sich nicht religi\u00f6s begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>4. Unbewiesen ist die Unterstellung, im Ethikunterricht w\u00fcrden Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler staatlich indoktriniert oder zu Atheisten erzogen. Die religi\u00f6se und weltanschauliche Neutralit\u00e4t des Unterrichts ist ausdr\u00fccklich vorgeschrieben. Die Glaubensgemeinschaften waren und sind aufgerufen, an den Lehrpl\u00e4nen f\u00fcr den Ethikunterricht mitzuwirken, sie k\u00f6nnen den Unterricht in einzelnen Kooperationsphasen sogar mitgestalten.<\/p>\n<p>5. Unehrlich sind die Kirchen, wenn sie in Berlin die Freiheit der Wahl zwischen Religionsunterricht und dem angeblichen &#132;Zwangsfach&#8220; Ethik fordern. Nicht nur, dass sich die Freiheit der Wahl beim n\u00e4heren Betrachten als Zwang zur Entscheidung zwischen Ethik oder Religion entpuppt; in anderen Bundesl\u00e4ndern bestehen gerade die Kirchen darauf, dass Ersatzf\u00e4cher wie Ethik, Philosophie oder Werte und Normen f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verpflichtend sind, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. In einem Ersatzfach Ethik f\u00fcr Religionsverweigerer sehen Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche in Deutschland offenbar keine &#132;Bevormundung&#8220;, in einem normalen Schulfach hingegen schon. Haben die beiden christlichen Kirchen keine Hemmungen, anders- oder nichtgl\u00e4ubigen Kindern jenes &#132;Zwangsfach&#8220; aufzuerlegen, dass sie f\u00fcr die eigenen Glaubensanh\u00e4nger unbedingt verhindern wollen?<\/p>\n<p>6. Besch\u00e4mend ist es, den Bef\u00fcrwortern der geltenden Rechtslage Religionsfeindlichkeit zu unterstellen. Das Gegenteil ist der Fall: Allen B\u00fcrger der Stadt soll weiterhin die Freiheit bleiben, sich zu ihrer Weltanschauung oder ihrer Religion zu bekennen und sie auch \u00f6ffentlich auszu\u00fcben. Zur Religionsfreiheit geh\u00f6rt aber auch die Freiheit,\u00a0 sich von Religionen abzuwenden oder ihnen fern zu bleiben. Die Bef\u00fcrworter der geltenden Sach- und Rechtslage wollen die vielf\u00e4ltigen religi\u00f6sen Wurzeln unserer Kultur weder verleugnen noch bek\u00e4mpfen, die kulturellen Leistungen der Religion sind wesentlicher Bestandteil unserer Geschichte. Vermieden werden soll allein ein Sonderunterricht in Religion und die damit verbundene konfessionelle Aufteilung der Sch\u00fclerschaft.<\/p>\n<p>7. Bagatellisiert wird von &#132;Pro Reli&#8220; die durchaus nicht selbstverst\u00e4ndliche Tatsache, dass an den Schulen der Stadt seit langem Religionsunterricht stattfindet, namentlich auch f\u00fcr die evangelischen und katholischen Christen, einer deutlichen Minderheit der Stadtbev\u00f6lkerung. F\u00fcr diesen Bekenntnisunterricht zahlt das Land Berlin j\u00e4hrlich rund 50 Mio. Euro, die von allen steuerzahlenden B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern der Stadt aufgebracht werden, unabh\u00e4ngig von ihrer Konfession.<\/p>\n<p>8. Unterschlagen wird von den Bef\u00fcrwortern des Volksbegehrens, dass die verfassungsrechtliche Zul\u00e4ssigkeit des Ethikunterrichts l\u00e4ngst gekl\u00e4rt ist. Bereits im M\u00e4rz 2007 hat das Bundesverfassungsgericht \u00fcber eine Klage gegen den Ethikunterricht im Berliner Schulgesetz entschieden. Das eindeutige Urteil: Der Ethikunterricht verst\u00f6\u00dft nicht gegen unsere Verfassung. Die Richter ber\u00fccksichtigten sowohl die besondere Situation Berlins und pr\u00fcften sorgf\u00e4ltig jene Argumente gegen das Ethikfach, die von &#132;Pro Reli&#8220; weiterhin \u00f6ffentlich verbreitet werden.<\/p>\n<p>9. Irref\u00fchrend ist die Forderung von &#132;Pro Reli&#8220;, das Grundrecht auf Teilnahme am Religionsunterricht als ordentlichem Lehrfach nach Artikel 7 Abs. 3 Grundgesetz m\u00fcsse auch in Berlin gelten. Abgesehen davon, dass es umstritten ist, ob Artikel 7 Grundgesetz in den anderen Bundesl\u00e4ndern \u00fcberhaupt als Grundrecht anzusehen ist, wird hier verschwiegen, dass das Grundgesetz selbst die Geltung von Artikel 7 in Berlin ausdr\u00fccklich suspendiert (Artikel 141 Grundgesetz). Es w\u00e4re deshalb Aufgabe des Senats, pr\u00fcfen zu lassen, ob das Grundgesetz \u00fcberhaupt eine Regelung zulie\u00dfe, die Religionsunterricht in Berlin als ordentliches Lehrfach vorsieht.<\/p>\n<p>10. Untersch\u00e4tzt werden die Chancen, die das Fach Ethik gerade in einer Stadt wie Berlin bietet, die so viele unterschiedliche Kulturen, Ethnien, Glaubensgemeinschaften und Lebensstile umfasst. Wo kann Integration vorbereitet, ge\u00fcbt und gelebt werden, wenn nicht in der Schule? Wo kann dies besser geschehen als in einem gemeinsamen Fach, in dem religi\u00f6se, ethische und existenzielle Fragen gestellt und er\u00f6rtert werden, die unser aller Zusammenleben ber\u00fchren? Der gemeinsame Unterricht aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Klassen 7 bis 10 im Fach Ethik und die M\u00f6glichkeit, dar\u00fcber hinaus Religionsunterricht zu w\u00e4hlen, bieten ein H\u00f6chstma\u00df an Freiheit und Integration.<\/p>\n<p><i>Johann-Albrecht Haupt<br \/>ist Mitglied des Bundesvorstandes der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[183],"publikationen":[930],"class_list":["post-9277","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-johann-albrecht-haupt","publikationen-930"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gegen kirchliche Sonderrechte in Berlin \u0096 10 Irrt\u00fcmer zu \u201ePro Reli\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/204\/publikation\/gegen-kirchliche-sonderrechte-in-berlin-10-irrtuemer-zu-pro-reli\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gegen kirchliche Sonderrechte in Berlin \u0096 10 Irrt\u00fcmer zu \u201ePro Reli\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 204 (1\/2009), S. 13 1. 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