{"id":9317,"date":"2008-10-30T19:50:00","date_gmt":"2008-10-30T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/mehr-datenschutz-in-der-wirtschaft-gewinn-und-sicherheit-fuer-alle\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:21","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:21","slug":"mehr-datenschutz-in-der-wirtschaft-gewinn-und-sicherheit-fuer-alle","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/202\/publikation\/mehr-datenschutz-in-der-wirtschaft-gewinn-und-sicherheit-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Mehr Datenschutz in der Wirtschaft \u0096 Gewinn und Sicherheit f\u00fcr alle!"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 202, S. 3-6<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4223 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s-600x397.jpg\" alt=\"Mehr Datenschutz in der Wirtschaft &ndash; Gewinn und Sicherheit f&uuml;r alle!\" width=\"600\" height=\"397\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s-600x397.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s-768x508.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s-800x529.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s-450x297.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/patient1s.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Das Thema Datenschutz hat nach den j&uuml;ngsten Skandalen pl&ouml;tzlich wieder Konjunktur. Viele, die in den letzten Jahren teils bedenkenlos, teils mit Bauchschmerzen alle m&ouml;glichen Ma&szlig;nahmen von biometrischen Merkmalen &uuml;ber Vorratsdatenspeicherungen bis hin zu Lauschangriffen und erweiterten Befugnissen f&uuml;r die Geheimdienste zugestimmt haben, entdecken nun wieder den Datenschutz. Das ist begr&uuml;&szlig;enswert, ob die Bem&uuml;hungen jedoch glaubw&uuml;rdig sein k&ouml;nnen, wird sich zeigen m&uuml;ssen. Noch ist vor allem von &bdquo;drastischen Strafen&#8220;, und &bdquo;h&ouml;heren Bu&szlig;geldern&#8220; die Rede, aber in der Substanz bleiben die Vorschl&auml;ge d&uuml;nn und kosmetisch &ndash; wie die aktuelle Datenschutznovelle etwa, bei der zu bef&uuml;rchten steht, dass sie den Datenschutz noch weiter aufweicht statt ihn zu st&auml;rken.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"mehr-bedrohungen-im-privaten-bereich\">Mehr Bedrohungen im privaten Bereich<\/span><\/h5>\n<p>Ein gro&szlig;er Discounter er&ouml;ffnete den Reigen der Datenskandale und fiel durch eine &Uuml;berwachung auf, die sich eigentlich gegen die eigenen Mitarbeiter richtete, um deren Arbeitsverhalten zu &uuml;berwachen. Die Furcht vor Missbrauch von EC-Kundendaten wurde skandalisiert, die Tatsache der systematischen &Uuml;berwachung von Mitarbeitern am Arbeitsplatz jedoch interessierte kaum jemanden. Niemand wei&szlig; wirklich, wie viele Orte und Betriebe etwa heute video&uuml;berwacht sind. Da dies einen permanenten Eingriff in Arbeitnehmer- und B&uuml;rgerrechte bedeutet, sollten Video&uuml;berwachungen in Unternehmen &ndash; vor allem im Kundenbereich &ndash; grunds&auml;tzlich deutlich gekennzeichnet sein und auf die zust&auml;ndigen Aufsichtsbeh&ouml;rden hinweisen m&uuml;ssen, damit B&uuml;rger sich an diese wenden k&ouml;nnen und im Beschwerdefall die rechtm&auml;&szlig;ige Verwendung, Datensicherung und L&ouml;schung der Videodaten leichter &uuml;berpr&uuml;ft werden kann.<\/p>\n<h5><span id=\"betriebliche-datenschutzbeauftragte-muessen-unabhaengiger-und-qualifizierter-werden\">Betrieb&shy;liche Daten&shy;schutz&shy;be&shy;auf&shy;tragte m&uuml;ssen unabh&auml;n&shy;giger und quali&shy;fi&shy;zierter werden<\/span><\/h5>\n<p>Leider wurde bei der letzten Datenschutznovelle die Schwelle f&uuml;r die Verpflichtung, einen betrieblichen Datenschutzbeauftragten zu berufen, auf zehn Mitarbeiter hoch gesetzt. Stattdessen m&uuml;sste doch gefordert werden, diese Verpflichtung viel fr&uuml;her anzusetzen, denn die Rechenleistungen von Computern und die Kapazit&auml;ten von Speichermedien erlauben heutzutage, dass immer weniger Menschen immer gr&ouml;&szlig;ere Datenfluten bew&auml;ltigen k&ouml;nnen und somit auch viel mehr Verantwortung tragen.<\/p>\n<p>Entscheidend jedoch ist die Forderung, dass die Datensch&uuml;tzer in der Wirtschaft unabh&auml;ngiger werden. Es ist kaum nachvollziehbar, dass das Datenschutzgesetz beispielsweise erlaubt, dass auch der stellvertretende Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer eines Unternehmens, das mit Daten handelt, sein eigener betrieblicher Datenschutzbeauftragter sein darf! So wird per Gesetz Vorschub geleistet, dass es einen wirkungsvollen Datenschutz in der Privatwirtschaft, vor allem der mittelst&auml;ndischen Wirtschaft, nur dort gibt, wo das Unternehmen sich ohnehin positiv zum Datenschutz bekennt.<\/p>\n<p>Besonders f&uuml;r den Mittelstand sind unter Effizienzgesichtspunkten L&ouml;sungen interessanter, die wirkliche Fachkompetenz von au&szlig;en heranholen und gepr&uuml;ften Dienstleistern die Funktion eines m&ouml;glichst unabh&auml;ngigen betrieblichen Datenschutzbeauftragten zu &uuml;bertragen, statt dies durch unkundige Mitarbeiter als Alibi erledigen zu lassen. Selbst die als nicht datenschutzfreundlich geltenden USA gehen verst&auml;rkt diesen Weg. So schreibt die International Association of Privacy Professionals (IAPP) ihren zertifizierten Mitgliedern laufende Schulungen und wiederholte Zertifizierungen vor. Dieses System w&auml;re vorbildlich, wenn dazu noch Datensch&uuml;tzer f&uuml;r die Wirtschaft &ndash; analog Anw&auml;lten, Steuerberatern oder vereidigten Wirtschaftspr&uuml;fern &ndash; nicht nur auf ihre Fachkunde hin gepr&uuml;ft, sondern auch strengen Zulassungsregeln hinsichtlich ihrer Berufsaus&uuml;bung unterworfen w&uuml;rden.<\/p>\n<h5><span id=\"und-in-den-datenschutz-investieren\">&hellip;und in den Datenschutz investieren!<\/span><\/h5>\n<p>Eine weitere wichtige Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Mittelstand w&auml;re es, Datenschutzaudits in kleinen oder mittleren Unternehmen (KMU) aus EU-Mitteln zu f&ouml;rdern. Denn um KMU f&uuml;r den Datenschutz fit zu machen, fehlt es im Alltag oft nicht an der Bereitschaft, sondern am zus&auml;tzlichen Kleingeld f&uuml;r das entsprechende Know-how. Was k&ouml;nnte neben der F&ouml;rderung ein Anreiz f&uuml;r die Wirtschaft sein, mehr f&uuml;r den Datenschutz zu tun? Neben den Vorteilen von Datenschutzaudits und von Zertifizierungen sollte der Gesetzgeber die private Datenhaltung transparent machen.<\/p>\n<h5><span id=\"risiken-dort-bekaempfen-wo-sie-entstehen\">Risiken dort bek&auml;mpfen, wo sie entstehen<\/span><\/h5>\n<p>Sicherlich w&auml;re es nicht angemessen, Unternehmen, die mit sensiblen Personendaten umgehen und umgehen m&uuml;ssen, grunds&auml;tzlich Ignoranz oder Bereitschaft zur Illegalit&auml;t zu unterstellen. Das Verh&auml;ltnis von Konzernsicherheit und Datenschutz in der Wirtschaft ist wohl &auml;hnlich gestaltet, wie beim Staat jenes zwischen den Geheimdiensten und den Datensch&uuml;tzern. Letztere werden eher als l&auml;stige Aufpasser empfunden und wenn &uuml;berhaupt, dann regelm&auml;&szlig;ig im Nachhinein und restriktiv &uuml;ber Operationen in der Grauzone informiert. Um so vordringlicher ist es, die Stellung der betrieblichen Datenschutzbeauftragten auch in Gro&szlig;unternehmen, wo sie hauptamtlich besch&auml;ftigt sind, zu st&auml;rken, damit sie ohne Einschr&auml;nkung direkt an den Vorstand berichten und sich auch selbst an die Aufsichtsbeh&ouml;rden oder die &Ouml;ffentlichkeit wenden k&ouml;nnen, wenn sie Verst&ouml;&szlig;e feststellen und keine Abhilfe erfolgt. Dar&uuml;ber hinaus ist zu fordern, dass sie auch mit einem eigenen Budgetrecht auszustatten sind, das ihnen erlaubt, von ihnen als kritisch erkannte Prozesse durch unabh&auml;ngige Sachverst&auml;ndige auditieren zu lassen.<\/p>\n<h5><span id=\"prinzip-der-datensparsamkeit-auch-in-der-privatwirtschaft-durchsetzen\">Prinzip der Daten&shy;spar&shy;sam&shy;keit auch in der Privat&shy;wirt&shy;schaft durchsetzen!<\/span><\/h5>\n<p>Das Prinzip der Datensparsamkeit, ein Grundsatz, den das Bundesverfassungsgericht 1983 formuliert hat, sollte durch die folgenden drei Ma&szlig;nahmen auch hinsichtlich der Wirkung auf die Wirtschaft wirksam gest&auml;rkt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Mit der gesetzlichen Festlegung der Datenerhebung nur nach ausdr&uuml;cklicher Zustimmung des Betroffenen, die an keinerlei Vertragsbedingungen gekoppelt werden darf, als freiwilliger, positiver Akt &ndash; so genannte &bdquo;Opt-in&#8220; L&ouml;sung. Diese muss f&uuml;r Preisausschreiben ebenso gelten, wie f&uuml;r jegliche Weiterverwendung von Gesch&auml;ftsdaten etwa bei Telefonvertr&auml;gen oder Rabattkarten.<\/li>\n<li>Eine Ausgestaltung des Melderechts bundesweit dergestalt, dass es zur Weitergabe der Stammdaten au&szlig;erhalb des &ouml;ffentlichen oder gesetzlich geregelten Bereichs grunds&auml;tzlich der aktiven Zustimmung bedarf und ein jederzeitiges Widerspruchsrecht besteht, wie es das NRW-Meldegesetz von 1998 bis 2005 bereits einmal vorsah.<\/li>\n<li>Mit einer Verpflichtung der Privatwirtschaft, dem erfassten B&uuml;rger einmal j&auml;hrlich obligatorisch einen Datenkontoauszug zuzusenden, die im Bundesdatenschutzgesetz einheitlich geregelt werden sollte. F&uuml;r die Telekommunikationswirtschaft, Banken, Versicherungen ebenso wie f&uuml;r viele andere Dienstleister w&auml;re es einfach und nicht einmal ein nennenswerter Kostenfaktor, solche Datenkontoausz&uuml;ge etwa mit der Monatsrechnung oder dem Kontoauszug zu versenden. Es w&uuml;rde aber manchem die Augen &ouml;ffnen, wer alles wie viel &uuml;ber ihn oder sie wei&szlig;.<\/li>\n<\/ol>\n<h5><span id=\"aufsichtsbehoerden-sind-unzureichend-ausgestattet\">Aufsichts&shy;be&shy;h&ouml;rden sind unzurei&shy;chend ausge&shy;stattet<\/span><\/h5>\n<p>Die wenigen positiven Beispiele aus der Wirtschaft k&ouml;nnen aber keine wirkungsvollen Gesetze ersetzen, denn diese sollen ja vor allem im Fall des Missbrauchs Wirkung entfalten. Deshalb bedarf es dringend der St&auml;rkung der Kontrollbeh&ouml;rden &uuml;ber den privaten Bereich. Viel zu vage sind die Vorschriften, viel zu selten die Kontrollen und viel zu rudiment&auml;r ausgestattet die Aufsichtsbeh&ouml;rden, um Beschwerden wirkungsvoll nachgehen zu k&ouml;nnen. So sind im Baden-W&uuml;rttembergischen Innenministerium, der Beh&ouml;rde, die in ganz S&uuml;dwestdeutschland f&uuml;r Verst&ouml;&szlig;e im privaten Datenschutz zust&auml;ndig ist, gerade einmal vier Mitarbeiter mit der Erf&uuml;llung dieser Aufgabe betraut, nat&uuml;rlich nur neben ihren anderen Aufgaben im Innenministerium. Das Regierungspr&auml;sidium Darmstadt dagegen verf&uuml;gt f&uuml;r die gleiche Aufgabe &uuml;ber dreizehn Stellen. Der nordrhein-westf&auml;lischen Datenschutzbeauftragten, zust&auml;ndig auch f&uuml;r den privaten Datenschutz und Informationsfreiheit, hat die Politik seit 2005 j&auml;hrlich eine Stelle aus Haushaltsgr&uuml;nden gestrichen. Es ist &uuml;berf&auml;llig, die Aufsichtsbeh&ouml;rden angesichts der explodierenden Datenstr&ouml;me im privaten Bereich stattdessen mit deutlich mehr Personal auszustatten, damit sie ihre gesetzlichen Aufgaben &uuml;berhaupt erf&uuml;llen k&ouml;nnen.<\/p>\n<h5><span id=\"datenschutzkompetenz-gehoert-zukuenftig-zur-beruflichen-grundbildung\">Daten&shy;schutz&shy;kom&shy;pe&shy;tenz geh&ouml;rt zuk&uuml;nftig zur beruflichen Grund&shy;bil&shy;dung<\/span><\/h5>\n<p>Vielen Menschen ist &uuml;berhaupt nicht bewusst, wer aus der Privatwirtschaft bei welcher Gelegenheit Daten erfasst. Gerne spielen etwa autobegeisterte B&uuml;rger am Wochenende mit den &bdquo;Konfiguratoren&#8220; der Hersteller und stellen sich zum Spa&szlig; ihren Lieblings-Porsche, Mercedes oder Audi zusammen. Dass &uuml;ber die Speicherfunktionen f&uuml;r pers&ouml;nliche Konfigurationen auch irgendwann einmal nach der E-Mail oder gar Personendaten wie Name und Adresse gefragt wird, f&auml;llt manchem gar nicht auf, oder erst dann, wenn er sich wundert, dass er pl&ouml;tzlich eine Werbeofferte bekommt, die ziemlich genau seinem Geschmacksprofil entspricht. Vieles, was inzwischen Softwareprogramme wie etwa Google-Analytics erm&ouml;glichen, um Konsumentenprofile zu erstellen, ist ohne Zustimmung der Betroffenen rechtswidrig.<\/p>\n<p>Angesichts einer zunehmenden Menge sensibler, personenbezogener Daten auf Festplatten der Unternehmen und in privaten Speichern &ndash; von der Bank &uuml;ber die Krankenkasse bis zu Versicherungen, Internet-Providern, Telekommunikationsunternehmen und Payback-Datenverarbeitern &ndash; muss auf den Pr&uuml;fstand, ob die dort besch&auml;ftigten Mitarbeiter in Datenschutzfragen hinreichend kompetent und gen&uuml;gend geschult sind, um sich im Zweifelsfall illegalen Anweisungen ihrer Vorgesetzten zu widersetzen und diese ggf. auch anzuzeigen. In der Regel wird diese Frage zu verneinen sein. Deshalb besteht auch hier ein dringender Handlungsbedarf, um Datenschutzrisiken dort zu mindern, wo sie entstehen und besondere Sorgfalt im Umgang mit Daten geboten ist.<\/p>\n<p>So ist zu fordern, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mit personenbezogenen Daten umgehen, eine Mindestqualifikation erf&uuml;llen und diese durch ein Zertifikat nachweisen m&uuml;ssen. Es ist heute &uuml;blich, reicht im Informationszeitalter aber nicht mehr aus, Mitarbeiter per einfacher Erkl&auml;rung, bei der meistens das &bdquo;Kleingedruckte&#8220; gar nicht gelesen wird, auf das Datengeheimnis zu verpflichten.<\/p>\n<p>Der Gesetzgeber k&ouml;nnte stattdessen vorschreiben, dass Zertifikate und andere Sachkundenachweise unabdingbare Voraussetzung sind, um etwa im Call-Center zu arbeiten und weitere Qualifikationen, um solche zu betreiben, denn gerade hier ist eine Gefahrenquelle f&uuml;r den Datenschutz aus der Sache heraus gegeben. Schlie&szlig;lich darf aus gutem Grund auch nicht, wer einen PKW-F&uuml;hrerschein besitzt, einen LKW mit Gefahrg&uuml;tern f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Was f&uuml;r Call-Center gilt, betrifft nat&uuml;rlich in erheblichem Ma&szlig;e auch alle Branchen der Gesundheitswirtschaft, die durch die zunehmende Digitalisierung mit immer gr&ouml;&szlig;eren Datenmengen operieren. Angefangen von den Mitarbeitern der kassen&auml;rztlichen Vereinigungen, die den zentralen Datenpool der Digitalen Gesundheitskarte verwalten, &uuml;ber die Angestellten der Krankenkassen bis hin zu medizinischen Zentren und Arztpraxen.<\/p>\n<h5><span id=\"was-muessen-mitarbeiter-mindestens-ueber-datenschutz-wissen\">Was m&uuml;ssen Mitarbeiter mindestens &uuml;ber Datenschutz wissen?<\/span><\/h5>\n<p>Ein Modellprojekt f&uuml;r ein solches Datenschutz- und Datensicherheitszertifikat wird derzeit von den Landesmedienanstalten NRW und Rheinland-Pfalz unterst&uuml;tzt. Unterhalb des Fachkundenachweises, den betriebliche Datenschutzbeauftragte erbringen m&uuml;ssen, entsteht derzeit als Kooperation von &bdquo;Klicksafe&#8220; Rheinland-Pfalz und der Dienstleistungsgesellschaft f&uuml;r Informatik in Bonn ein Zertifikat f&uuml;r Datenschutz und Datensicherheit f&uuml;r Sch&uuml;ler und dar&uuml;ber hinaus in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft f&uuml;r Informatik ein solches f&uuml;r Mitarbeiter in der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern in Fragen des Datenschutz und der Datensicherheit ist bisher in vielen Bereichen der Wirtschaft vernachl&auml;ssigt worden. Was k&ouml;nnen nun die Mindestanforderungen an Mitarbeiter sein, die &bdquo;Skills&#8220; eines Datenschutz- und Datensicherheitszertifikats?<\/p>\n<ol>\n<li>Neben Grundbegriffen der Datenverarbeitung und Sicherheitsfragen g&auml;ngiger Software vor allem der Grundrechtscharakter des informationellen Selbstbestimmungsrechts. Dazu geh&ouml;rt der Grundsatz, dass personenbezogene Daten nur zweckgebunden, aufgrund eines Gesetzes oder aufgrund von freiwilliger Zustimmung genutzt, gespeichert, verarbeitet oder weitergegeben werden d&uuml;rfen.<\/li>\n<li>Das Wissen, dass eine Weitergabe nicht ohne Zustimmung der Betroffenen erfolgen sollte und dass Betroffene einen Auskunftsanspruch haben, woher ein Unternehmen ihre Daten hat und dass auf unbefugte Datennutzung und -weitergabe hohe Bu&szlig;gelder und Strafen erhoben werden k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Die Pflicht, solche Daten zu sichern und sie nicht mit anderen zu verkn&uuml;pfen. Daraus folgen Sorgfaltspflichten im Umgang mit Daten und &uuml;ber die Dokumentation, wof&uuml;r sie von wem genutzt oder abgerufen werden. Dies sind nur einige Beispiele, die Eingang in entsprechende Lernzielkataloge und Zertifizierungen finden sollten.<\/li>\n<li>Einen Blick daf&uuml;r, zu erkennen und sich zu informieren, welche Art von Prozessen, Gesch&auml;ftspraktiken oder Techniken Risiken f&uuml;r Datenschutz und IT-Sicherheit mit sich bringen k&ouml;nnten, um im Zweifelsfall den fachkundigen Rat von Datenschutz- oder IT-Fachpersonal in Anspruch zu nehmen.<\/li>\n<\/ol>\n<h5><span id=\"neue-herausforderungen-durch-das-web\">Neue Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen durch das Web<\/span><\/h5>\n<p>Selbstverst&auml;ndlich kommen in Zeiten des Web 2.0 noch andere Dimensionen hinzu, die etwa die Verletzung von Pers&ouml;nlichkeitsrechten durch die Ver&ouml;ffentlichung vertraulicher Informationen im Netz oder auch nur die Weitergabe solcher Informationen, die nicht einfach wieder zur&uuml;ckgeholt oder gel&ouml;scht werden k&ouml;nnen. Viele Beispiele, etwa das Einstellen eines Videos &uuml;ber die letzte Party auf You-Tube, sind prinzipiell heute schon ahndungsf&auml;hige Verst&ouml;&szlig;e gegen die Pers&ouml;nlichkeitsrechte der Betroffenen. Die Brisanz, neue rechtliche Instrumentarien zum Schutz der Pers&ouml;nlichkeit zu schaffen, bewies erst k&uuml;rzlich der Launch des Portals <a href=\"http:\/\/www.rottenneighbour.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.rottenneighbour.com<\/a>.<\/p>\n<p>Es ist bislang nicht einfach, solche elektronischen &Uuml;bergriffe gerichtlich zu verfolgen. Dem muss eine zuk&uuml;nftige Datenschutzgesetzgebung Rechnung tragen, etwa durch neue Verfahren, Schadenersatzanspr&uuml;che aus verletztem Pers&ouml;nlichkeitsrecht geltend machen zu k&ouml;nnen. So sollten Privatpersonen, deren Daten ohne Zustimmung von dritten ins Netz gestellt werden, den Verursacher auch zivilrechtlich verfolgen k&ouml;nnen. Die Probleme der Identifikation sollen dabei nat&uuml;rlich nicht unterschlagen werden. Es gibt geeignete Methoden, die es erm&ouml;glichen, z. B. die IP-Adresse unkenntlich zu machen, was an sich nicht verwerflich, sondern in bestimmten F&auml;llen sogar von Datensch&uuml;tzern empfohlen wird. Gleichwohl m&uuml;ssen wir &uuml;ber international wirksame Rechtsverfolgung auch im Privatrecht nachdenken, die auch gegen Provider oder Akteure im Ausland wirksam ist, die neu erdacht und entwickelt werden muss, um bei der Verletzung von Pers&ouml;nlichkeitsrechten im Netz und aus dem Netz nicht nur die Beseitigung verlangen zu k&ouml;nnen, sondern die auch wirksam Schadenersatz durchzusetzen vermag.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-herausforderungen-durch-digitalen-geschaeftsverkehr-und-e-commerce\">Neue Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen durch digitalen Gesch&auml;fts&shy;ver&shy;kehr und E-Commerce<\/span><\/h5>\n<p>Zahlreiche Betrugsf&auml;lle der Vergangenheit, nicht zuletzt im Zusammenhang mit diversen Internetplattformen, aber auch im elektronischen Banken- und Gesch&auml;ftsverkehr, k&ouml;nnten durch Zertifizierungen verhindert werden. Leider fehlt in Deutschland immer noch ein Auditgesetz, das den gesetzlichen Rahmen und die Mindestanforderungen f&uuml;r Zertifikate formuliert. Bisher gilt nur eine entsprechende Regelung in Schleswig-Holstein, in Zeiten des grenz&uuml;berschreitenden europ&auml;ischen Binnenhandels auch im elektronischen Handel ein schlichter Anachronismus. Deshalb muss ein Datenschutz-Auditgesetz, das auch die Kreditratings einschlie&szlig;t, wie sie heute von Banken, Agenturen und Auskunfteien angeboten werden, Klarheit und mehr Verbraucherschutz schaffen.<\/p>\n<p>Ein positives Beispiel f&uuml;r erfolgreiche Regelungen in Selbstorganisation der Wirtschaft bieten die unter dem Dach der Initiative D21 e.V. organisierten G&uuml;tesiegel im Internet. Diese haben sich freiwillig auf hohe Standards des Verbraucher- und Datenschutzes verpflichtet und unterwerfen sich der Kontrolle eines G&uuml;tesiegelboards, dem neben den G&uuml;tesiegelunternehmen unabh&auml;ngige Experten und Vertreter von Datenschutzbeauftragten und Verbraucherschutzorganisationen angeh&ouml;ren. Die positiven Beispiele aus der Wirtschaft m&uuml;ssen durch praktikable Gesetze zur Regel werden. Und auch da gibt es auf mehreren Feldern dringenden Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>Die seit 2005 in verschiedenen Schritten beschlossenen Wege zur Einf&uuml;hrung der digitalen Signatur bedeuten ebenfalls neue Herausforderungen f&uuml;r Datenschutz und insbesondere die Datensicherheit im privaten Bereich. Noch sind f&uuml;r Verbraucher die Risiken ihrer elektronischen Zahlungsmittel bei aller technischen Unzul&auml;nglichkeit der EC-Karten oder Kreditkarten mit PIN &uuml;berschaubar. Ob dies noch der Fall sein wird, wenn k&uuml;nftig die digitale Signatur nicht nur auf der Sparkassenkarte, sondern auch auf dem Personalausweis, der Gesundheitskarte und ELENA, dem elektronischen Gehaltsnachweis enthalten sein wird, wird sich zeigen. Ob die mit der Signatur einher gehende Beweislast-Umkehr zu Lasten der Verbraucher ein Schritt zu mehr Verbrauchersicherheit war, ist in diesem Zusammenhang zu bezweifeln und sollte deshalb schnell &uuml;berpr&uuml;ft werden.<\/p>\n<h5><span id=\"zertifizierung-fuer-unternehmen-klar-regeln\">Zerti&shy;fi&shy;zie&shy;rung f&uuml;r Unternehmen klar regeln<\/span><\/h5>\n<p>Viele Beispiele in der Privatwirtschaft zeigen schon heute hohes Verantwortungsbewusstsein der Verantwortlichen. Von Trust-Centern, die unter strengsten Kriterien zertifiziert werden, aber auch von Banken, die aufgrund interner und versicherungsrechtlicher Absicherungen dazu angehalten sind, werden &uuml;beraus hohe Standards erreicht. Von der europ&auml;ischen Sicherheits- und Datenschutznorm ISO 17799 &uuml;ber Datenschutz-G&uuml;tesiegel, wie sie etwa das Unabh&auml;ngige Landeszentrum f&uuml;r Datenschutz Schleswig-Holstein vergibt, bis zu den unter dem Dach der Initiative D21 organisierten G&uuml;tesiegeln gilt f&uuml;r unterschiedliche Anwendungsbereiche der Wirtschaft eine gro&szlig;e Spannweite von Kriterien des Datenschutzes, der Datensicherheit und des Verbraucherschutzes, die jedoch praktisch nur wenigen Fachleuten bekannt sind. Diese Kriterien m&uuml;ssen transparent und vor allem den Verbrauchern n&auml;her gebracht werden, auch darin l&auml;ge die Aufgabe eines vern&uuml;nftigen Auditierungsrahmens. Denn wie in vielen Bereichen sind auch hier inzwischen F&auml;lscher und Manipulierer unterwegs, auch hier gilt es sich abzugrenzen gegen wertlose Siegel, wie sie heute schon im Internet kursieren.<\/p>\n<p>Leider stehen einige Politiker einem wirksamen Auditgesetz immer noch skeptisch gegen&uuml;ber. Der vorliegende Entwurf wird den Anforderungen an einen wirksamen Datenschutz unter den Bedingungen moderner Datenverarbeitung nur unzureichend gerecht. Gleichwohl findet insofern eine &#8222;Abstimmung mit den F&uuml;&szlig;en&#8220; statt, als immer mehr Unternehmen von sich aus nach Zertifizierungen rufen. So verzeichnen Unternehmen wie der T&Uuml;V S&uuml;d Management GmbH eine gestiegene Nachfrage nach Zertifizierungen und k&ouml;nnen sich Unternehmen wie Datenschutz Nord GmbH, einst eine Strukturinitiative f&uuml;r Bremerhaven, inzwischen erfolgreich als bundesweit t&auml;tige Unternehmen etablieren. Auch die anderen G&uuml;tesiegel unter dem Dach der Initiative D21 verzeichnen deutliche Zuw&auml;chse. Der Politik kommt die Entscheidung zu, wirksame G&uuml;tesiegel von Placebos zu unterscheiden. Datenschutz ist wie Umweltschutz l&auml;ngst kein l&auml;stiges Kostenelement mehr, sondern schafft Arbeitspl&auml;tze und wird durch das Vertrauen der Verbraucher zum positiven Faktor in der Wertsch&ouml;pfungskette.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-politische-signale-notwendig\">Neue politische Signale notwendig<\/span><\/h5>\n<p>Die Ausw&uuml;chse des vermeintlichen &bdquo;Kampfes gegen den Terror&#8220; haben in den letzten Jahren geh&ouml;rig mit zur Aush&ouml;hlung des Datenschutzbewusstseins beigetragen, indem gegen den Rat von B&uuml;rgerrechtlern und Datensch&uuml;tzern immer neue Datenerfassungen, von der Rasterfahndung &uuml;ber biometrische Daten, die einheitliche Steuernummer bis zur Vorratsdatenspeicherung von Telefonverbindungen fast alles Denkbare auch beschlossen wurde. Insofern muss mancher Datenskandal dieser Tage das Rechtsbewusstsein aller sensibilisieren. Es sollte zu denken geben, wenn es in immer k&uuml;rzeren zeitlichen Abst&auml;nden dem Bundesverfassungsgericht vorbehalten ist, die Wellen der &Uuml;berwachungsgesetze zu stoppen, und die Tatsache an sich l&auml;sst bef&uuml;rchten, dass es um das Verh&auml;ltnis der politischen Mehrheiten zu den Grund- und Freiheitsgarantien des Grundgesetzes schlecht bestellt ist.<\/p>\n<h5><span id=\"ein-grundrecht-auf-datenschutz-ins-grundgesetz\">Ein Grundrecht auf Datenschutz ins Grundgesetz<\/span><\/h5>\n<p>Am 19. Dezember 1978 wurde das Grundrecht auf Datenschutz in die Verfassung Nordrhein-Westfalens aufgenommen. Seitdem herrschen Stillstand und R&uuml;ckschritt beim Gesetzgeber um ein elementares B&uuml;rgerrecht, das wie kein anderes erst durch die informationstechnische Entwicklung an Bedeutung gewonnen hat. Eine breite politische Diskussion, ob ein Individualrecht auf Datenschutz im Grundgesetz zus&auml;tzlich formuliert werden sollte, ist &uuml;berf&auml;llig und darf nicht weiter den Gerichten &uuml;berlassen werden. Ein verbrieftes individuelles Grundrecht auf Datenschutz und die Informationsfreiheit gegen&uuml;ber dem demokratischen Staat sind zwei Seiten einer Medaille. 60 Jahre nach Verabschiedung des Grundgesetzes w&uuml;rde unserer Demokratie die Kodifizierung des Datenschutzes und der Informationsfreiheit gut anstehen, zumal andere westliche Demokratien wie Schweden, Norwegen, Kanada und Frankreich l&auml;ngst &uuml;ber vergleichbare Rechtsordnungen verf&uuml;gen. Es besteht insbesondere deshalb eine Chance, weil ein solcher Verfassungsvorschlag nicht hinter das Informationelle Selbstbestimmungsrecht zur&uuml;ckfallen kann, dass das Bundesverfassungsgericht direkt aus Artikel 1 Grundgesetz und aus dem Demokratieprinzip abgeleitet hat und damit einer &bdquo;Ewigkeitsgarantie&#8220; unterliegt. Eine klare Formulierung k&ouml;nnte das Bewusstsein f&uuml;r eine freiheitliche Verfassungswirklichkeit st&auml;rken und manchem Drang zur schleichenden Aush&ouml;hlung elementarer Grundrechte Einhalt gebieten.<\/p>\n<p>&bdquo;<i>Time for a Change<\/i>&#8220; im Datenschutz: Es an der Zeit, sich auch von Seiten der Wirtschaft eindeutig auf die Seite einer offenen Gesellschaft und der B&uuml;rgerrechte zu stellen und es gibt viele M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Unternehmen, hierf&uuml;r eigene freiwillige Beitr&auml;ge zu leisten!<\/p>\n<p><i>Roland Appel <br \/>ist Politikwissenschaftler und Unternehmensberater ,<br \/>Vorsitzender des G&uuml;tesiegelboards der Initiative D21 e.V. und <br \/>Mitglied der G-10 Kommission des Landtages Nordrhein-Westfalen<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4223,"template":"","categories":[12],"tags":[662],"autoren":[215],"publikationen":[932],"class_list":["post-9317","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-datenschutz","tag-datenschutz","autoren-roland-appel","publikationen-932"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mehr Datenschutz in der Wirtschaft \u0096 Gewinn und Sicherheit f\u00fcr alle! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/202\/publikation\/mehr-datenschutz-in-der-wirtschaft-gewinn-und-sicherheit-fuer-alle\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mehr Datenschutz in der Wirtschaft \u0096 Gewinn und Sicherheit f\u00fcr alle! - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 202, S. 3-6 Das Thema Datenschutz hat nach den j&uuml;ngsten Skandalen pl&ouml;tzlich wieder Konjunktur. 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