{"id":9333,"date":"2008-10-30T15:46:00","date_gmt":"2008-10-30T14:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nachruf-auf-helmut-kentler\/"},"modified":"2024-12-02T15:32:41","modified_gmt":"2024-12-02T14:32:41","slug":"nachruf-auf-helmut-kentler","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/202\/publikation\/nachruf-auf-helmut-kentler\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Helmut Kentler"},"content":{"rendered":"<p>2. 7. 1928 \u2013 9. 7. 2008 Aus: Mitteilungen Nr. 202 S. 26\/27<\/p>\n<p>Ein Leuchtturm unseres Beirats ist erloschen. Wie kein zweiter verk\u00f6rperte Helmut Kentler die humanistische Aufgabe einer aufkl\u00e4rerischen Sexualerziehung, und zudem war er ein Vorbild f\u00fcr \u00f6ffentliche Wissenschaft. Sozialp\u00e4dagogik, Jugendarbeit und Sexualwissenschaft waren sein Lebensinhalt, der sich in \u00fcberaus vielen B\u00fcchern, Vortr\u00e4gen, Projekten, Gutachten und Betreuungen niedergeschlagen hat. Sein Habitus kombinierte in seltener Weise die Eigenschaften Kompetenz, Authentizit\u00e4t und Nahbarkeit, womit Kentler seine Leser wie H\u00f6rer beeindruckte und Hilfestellung gab. Da er sogleich Sympathien weckte, haben viele sich ihm anvertraut. So erzielte Kentler Wirkungen bei Einzelnen und im Gesamten. Diese Biographie ist ein Exempel f\u00fcr einen strahlenden Berufserfolg, der gerade nicht auf Karrierestreben, Selbstabgrenzung und Rivalit\u00e4t aufgebaut ist. Niemals verbeugte er sich vor der politischen Korrektheit.<\/p>\n<p>Sein beruflicher Werdegang f\u00fchrte Kentler vom S\u00fcdwesten (Freiburg, Bad Boll) \u00fcber Berlin (P\u00e4dagogisches Zentrum) nach Hannover. Die Wissenschaftskarriere lief z\u00f6gerlich an: Nach langj\u00e4hriger T\u00e4tigkeit als Diplompsychologe (1960) in der Jugendarbeit folgte eine sp\u00e4te Promotion (1975) mit sogleich anschlie\u00dfender Vollprofessur in Sozialp\u00e4dagogik (1976, bis zur Emeritierung an der Universit\u00e4t Hannover).<\/p>\n<p>Christliche Glaubensbindung wird in seinem ersten Buch noch explizit verk\u00fcndet (der Abiturient hatte noch Pfarrer werden wollen). Zugleich wird ein bis heute g\u00fcltiges Prinzip f\u00fcr die Jugendarbeit aufgestellt: \u201eeine Erziehung aus Verantwortung, die auf Vertrauen baut und sich in einem dialogischen Verh\u00e4ltnis vollzieht&#8220; (1959: 48). Kentler bearbeitet zeitgem\u00e4\u00df die Herausforderung durch die \u201eIndustriewelt&#8220;; gleichwohl wirkt sein Buch auch heute keineswegs veraltet. Er blieb der praktischen Jugendarbeit verbunden, mit Forschungen und Publikationen. Die mehrb\u00e4ndige \u201eJugend im Urlaub&#8220; (1969) nennt viele Namen von Mitarbeiter\/innen, die wenig sp\u00e4ter ebenfalls Professuren und Prominenz erlangten.<br \/>\nIm Jahre 1968 war Kentler bereits vierzig, und jetzt erst begann seine gr\u00f6\u00dfte Zeit. In rascher Folge erschienen B\u00fccher und Sammelb\u00e4nde zur Sexualwissenschaft, die \u00fcberaus gut lesbar waren und (m.W.) keine Kritik hervorriefen \u2013 erstaunlich bei dem umk\u00e4mpften Gebiet. Ohne jemals dem Zeitgeist oder gar voyeuristischen Gel\u00fcsten nachzugeben, zeitigten die B\u00fccher einen erstaunlichen Verkaufs- und Lekt\u00fcreerfolg: F\u00fcr eine Revision der Sexualerziehung (f\u00fcnf Auflagen zwischen 1967 und 1971); Sexualerziehung (1971, 1981 im 69. Tausend); Eltern lernen Sexualerziehung (1975, 1995 im 38. Tausend), Sexualwesen Mensch (1984, 1986 im 24. Tausend). Ungez\u00e4hlten Menschen vermittelte Kentler ein wissenschaftlich abgesichertes, angstfreies Bild der Geschlechtlichkeit, mit weiteren B\u00fcchern wie Texte zur Sozio-Sexualit\u00e4t (1973) und Taschenlexikon Sexualit\u00e4t (1982). Das brennende Interesse gerade junger Leute damals kontrastiert stark mit der heutigen Situation eines gelangweilten Konsums und eines scheinbar hohen Kenntnisstandes.<\/p>\n<p>Wenig bekannt ist \u00fcber Kentlers private Lebensweise. Aus seinen allj\u00e4hrlichen Sylvesterrundbriefen (\u201eLiebe Freunde und gute Bekannte&#8220;) sprach selbst dann noch Zufriedenheit, als die gesundheitlichen Probleme zunahmen. Der unverheiratete alleinerziehende Vater mit drei Adoptivs\u00f6hnen f\u00fchrte eine bemerkenswerte Sonderexistenz, \u00fcber die man gerne einmal etwas mehr l\u00e4se. Auch diese seine pers\u00f6nliche Erfahrung brachte Kentler in eine Ver\u00f6ffentlichung ein: sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Leihv\u00e4ter (1989). Der Weg zwischen pers\u00f6nlicher Erfahrung und beruflichem Engagement war bei Kentler stets kurz, wie aus seinen Jahresberichten deutlich wird. So genoss er es geradezu, mit den Eltern geistig behinderter Kinder zusammenzusein \u2013 auf Seminaren im Studienzentrum Josefstal. Im Ruhestand organisierte er ein kleines Wohnheim f\u00fcr schwer gesch\u00e4digte Kinder (\u201ewahrscheinlich das Sinnvollste, was ich mache&#8220;, 2001), erteilte in der Nachbarschaft Nachhilfestunden und war in vielen Zusammenh\u00e4ngen praktisch t\u00e4tig \u2013 offenbar als konstitutiver Teil f\u00fcr ein erf\u00fclltes Dasein. \u201eWieviel Sch\u00f6nes habe ich erlebt, vor allem mit Menschen! Immer hatte ich eine interessante berufliche Arbeit, und dabei habe ich alle selbstgesetzten Ziele erreicht (auch darum, weil ich immer Menschen fand, die sich f\u00fcr mich eingesetzt haben). Ich habe gro\u00dfes Gl\u00fcck gehabt. Nie war ich arbeitslos&#8220; (2001).<\/p>\n<p>In der Moral- und Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland \u2013 und nicht nur der alten BRD \u2013 besetzt Helmut Kentler einen sichtbaren Platz: mit seinem Eintreten f\u00fcr eine fundierte Sexualerziehung, die nicht vom Religionsunterricht oder durch die Zeitschrift Bravo erteilt wird. M\u00fcndigkeit und Emanzipation, in Absetzung von tradierten und fraglosen Autorit\u00e4ten, galten als hohes Ideal in der jungen Demokratie. Kentler gebot hier damals \u00fcber die Alleinstellung auf seinem Gebiet; die sexologischen Kollegen verblieben in der Deckung einer empirischen Grundlagenforschung.<br \/>\nIn der Humanistischen Union, anfangs antiklerikal positioniert, konnte auch ein Christ mitarbeiten, denn ihr vornehmlichstes Ziel war Aufkl\u00e4rung. Der Gr\u00fcndungsaufruf nannte als Aufgabe, \u201ef\u00fcr eine freie und weltoffene Erziehung, Bildung und Forschung einzutreten&#8220;. Und auf der ersten HU-Sitzung wandte sich Gerhard Szczesny gegen die Verbote der Abtreibung und Homosexualit\u00e4t. Die \u201aemanzipatorischen&#8216; Kr\u00e4fte sammelten sich damals in der Humanistischen Union, und nirgends anders h\u00e4tten sie sich organisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Jahren musste Kentler harsche Kritik hinnehmen. Er hatte sich gegen die neu formulierte Sexualmoral gestellt \u2013 oder auch blo\u00df auf seiner urspr\u00fcnglichen Position beharrt. Neuerdings werden hier bekanntlich nicht mehr Liberalisierung und Individualisierung verk\u00fcndet, sondern Kommunitarismus, Opferleiden und Pr\u00e4vention in den Vordergrund gestellt. In der \u201eEmma&#8220; als Schreibtischt\u00e4ter tituliert zu werden war gewiss kein Pappenstiel; Kentler hat diese unberechtigte Schm\u00e4hung wie andere Anw\u00fcrfe mit \u00e4u\u00dferer Gelassenheit ertragen. Nicht erschienen ist sein Anfang 1999 angek\u00fcndigtes Buch \u201eEltern unter Verdacht \u2013 Vom Missbrauch des sexuellen Missbrauchs\u201c, \u201ein dem ich die ungef\u00e4hr 35 Prozessverfahren gegen Unschuldige, die ich als Gutachter begleitet habe, auswerten m\u00f6chte, damit einmal deutlich wird, wie viel Leid hier Eltern, noch mehr aber ihren Kindern angetan wird&#8220; (Kentler in \u201eZwischen den Jahren 1998 \/ 1999\u201c, S. 1).<\/p>\n<p>Was mag eine \u201eaufkl\u00e4rerische Sexualerziehung&#8220; als Ziel verfolgen? Es ging um Tatsachen, vermeintliche Gefahren und falsche Autorit\u00e4ten \u2013 wie sie um 1970 gesehen wurden. Eine Sittlichkeitsgeneration sp\u00e4ter k\u00e4mpft die Sexualp\u00e4dagogik immer noch um ihren Platz im Curriculum der allgemeinbildenden Schulen und des Lehrerstudiums; und \u201eAufkl\u00e4rung&#8220; steht nicht mehr hoch im Kurs. Jedoch hat Kentler es erlebt, dass seine urspr\u00fcnglichen Ziele voll verwirklicht wurden:<\/p>\n<ul>\n<li>das Sexualreglement betont die individuellen Bed\u00fcrfnisse (statt vorgegebener Grenzen religi\u00f6s-moralischer Provenienz);<\/li>\n<li>Erwachsene d\u00fcrfen miteinander tun, wor\u00fcber sie sich einigen;<\/li>\n<li>der Beginn geschlechtlicher Aktivit\u00e4t von Jugendlichen wurde weit vorverlegt (in Lebensjahren: von 20 auf 15).<\/li>\n<\/ul>\n<p>All dies galt hinfort als unsch\u00e4dlich und n\u00fctzlich. Der zugrunde liegende Wert hie\u00df: Freiheit. Heutzutage wird hingegen der Wert Sicherheit betont. Man warnt und besch\u00fctzt die Jugendlichen vor Infektionen, vor Missbrauch, vor Prostitution usw. Diese Neupositionierung der Sexualethik ist von Kentler nicht mehr kommentiert worden \u2013 denn auch ein Menschenleben hat seine Zeit.<\/p>\n<p><i>R\u00fcdiger Lautmann<br \/>\nist Professor f\u00fcr Allgemeine Soziologie und Rechtssoziologie in Bremen und Mitglied des Beirates der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/kommentar-des-hu-bundesvorstands-zum-nachruf-auf-h-kentler\/\">Kommentar des HU-Bundesvorstands zum Nachruf auf H. 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