{"id":9401,"date":"2007-11-29T14:16:00","date_gmt":"2007-11-29T13:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wir-haben-jetzt-taeglich-fahndungstag\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:17","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:17","slug":"wir-haben-jetzt-taeglich-fahndungstag","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/199\/publikation\/wir-haben-jetzt-taeglich-fahndungstag\/","title":{"rendered":"\u201eWir haben jetzt t\u00e4glich Fahndungstag\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Automatische Kfz-Kennzeichenfahndung auf dem verfassungsrechtlichen Pr&uuml;fstand, Mitteilungen Nr. 199, Seite 12 &#8211; 13<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4255 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-392x450.jpg\" alt=\"&bdquo;Wir haben jetzt t&auml;glich Fahndungstag&ldquo;\" width=\"392\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-392x450.jpg 392w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-768x883.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-653x750.jpg 653w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-522x600.jpg 522w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small-293x337.jpg 293w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/kauss_small.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Am 20. November verhandelte das Bundesverfassungsgericht zwei Beschwerden gegen die Polizeigesetze von Hessen und Schleswig-Holstein. Die beiden Bundesl&auml;nder erlauben, wie sieben weitere auch, die Kfz-Massenfahndung auf &ouml;ffentlichen Stra&szlig;en. Kameragest&uuml;tzte Erkennungssysteme erfassen dabei die Kennzeichen aller vorbeifahrenden Fahrzeuge und gleichen diese mit Fahndungslisten ab. Au&szlig;erdem werden Bildaufnahmen der Fahrzeuge und ihrer Insassen gemacht. Die Fahndung ist &ndash; zumindest nach dem hessischen Sicherheits- und Ordnungsgesetz &ndash; immer und &uuml;berall m&ouml;glich, es bedarf weder einer konkreten Gefahrensituation noch eines besonderen Anlasses. Aus Anlass der m&uuml;ndlichen Verhandlung sprach Sven L&uuml;ders mit Dr. Udo Kau&szlig;, dem Prozessbevollm&auml;chtigten der Beschwerdef&uuml;hrer.<\/i><\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Was genau passiert, wenn ich als Fahrer eines PKW in eine Kennzeichenfahndung gerate und mein Autokennzeichen als &bdquo;Treffer&#8220; ausgegeben wird?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> In der Regel wird das so gemacht, dass man diese Fahrzeug&uuml;berwachungen mit einem Polizeieinsatz kombiniert. Wenn man bei der Kontrolle feststellt, dass hier ein gestohlenes Kraftfahrzeugkennzeichen f&auml;hrt oder ein Auto zu entstempeln ist, dann wird eben die Kelle hochgehalten und das Fahrzeug an einer konventionellen Kontrollstelle angehalten. <br \/>Etwas anders ist es, wenn jemand zur &bdquo;polizeilichen Beobachtung&#8220; ausgeschrieben ist. Dann werden Ort und Zeitpunkt der Kontrolle notiert und weiter gegeben. Normalerweise wird das an das Bundeskriminalamt (BKA) weitergegeben, weil es sich bei den Fahndungsdateien meist um BKA-Dateien handelt. Die ausschreibenden Polizeidienststelle erf&auml;hrt dann vom BKA, wann die Beobachteten wo eine Kontrolle passiert haben.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Wie h&auml;ufig wurden denn bisher solche Fahndungen durchgef&uuml;hrt?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Wir haben aus Hessen die j&uuml;ngsten Daten, wo vom Fr&uuml;hjahr bis Oktober etwa 1 Million Kraftfahrzeuge auf diese Art und Weise am Fahndungsbestand vorbeigef&uuml;hrt wurden. Au&szlig;erdem hat der Spiegel berichtet, dass in Bayern t&auml;glich 170.000 Fahndungsnotierungen bzw. Kennzeichenabgleiche durchgef&uuml;hrt werden. Wenn man das auf den Monat hochrechnet, ergibt das etwa 5 Millionen pro Monat. Das klingt viel, ist aber nicht viel, wenn man bedenkt, was dabei passiert: Da wird ein Ger&auml;t aufgestellt und das arbeitet bis zu 3.000 Kennzeichen die Stunde ab. Wenn man dieses Ger&auml;t an eine befahrene Verkehrsstra&szlig;e stellt oder man stellt im Gro&szlig;raum M&uuml;nchen 10 dieser Ger&auml;te auf, dann hat man diese Zahl leicht zusammen. Das, was wir fr&uuml;her &bdquo;Bundesfahndungstag&#8220; nannten, wo man die ganze Republik durchfahndete und &uuml;berall Polizisten standen und kontrollierten, das haben wir mit der Kfz-Fahndung tagt&auml;glich &#8211; und niemand merkt es.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Herr Bouffier meinte, man k&ouml;nne mit solchen Fahndungen fr&uuml;hzeitig Gefahrenlagen erkennen, wenn etwa ein Neonaziaufmarsch geplant sei. Wof&uuml;r werden die erfassten Kfz-Daten bisher genutzt?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Es gab eine gro&szlig;e Diskussion beim Bundesverfassungsgericht dar&uuml;ber, was denn der sogenannte Fahndungsbestand ist, mit dem die Kennzeichen abgeglichen werden. Letztlich kam heraus: Die erzielten Treffer, wo die Ger&auml;te eine Meldung ausgeben, das sind zum gr&ouml;&szlig;ten Teil Verst&ouml;&szlig;e gegen das Pflichtversicherungsgesetz. Da haben Leute ihre Pr&auml;mie nicht gezahlt, da sollen Fahrzeuge entstempelt werden &#8211; das ist das eigentliche Massengesch&auml;ft, um das es hier geht. Aus Schleswig-Holstein sind jetzt gerade neue Zahlen bekannt geworden. Dort gab es nur solche Versicherungsf&auml;lle als Treffer. Nat&uuml;rlich ist es sinnvoll, wenn man die Versicherungspflicht &uuml;berwacht, aber nicht auf diese Art und Weise.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Aber es findet keine Gefahrenabwehr statt?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Kaum, die Jagd nach Versicherungsproblemen ist das Hauptgesch&auml;ft dieser Fahndungen. Die Landesvertreter haben ja behauptet, sie betreiben mit dem Kennzeichenabgleich nur Gefahrenabwehr und verfolgen keine Straftaten. Aber 90% aller Fahndungsdateien betreffen die Strafverfolgung. Die Strafverfolgung wird aber in der Strafprozessordnung geregelt, und nicht in Polizeigesetzen der L&auml;nder. Die Bundesl&auml;nder sind gar nicht zust&auml;ndig f&uuml;r diese Form der Kennzeichenfahndung.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Mit welchen Fahndungslisten werden die Kennzeichen denn abgeglichen?&nbsp;<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> In den Gesetzen steht ja nur etwas vom Fahndungsbestand. Deshalb wollte auch das Bundesverfassungsgericht wissen, was unter &bdquo;Fahndungsbestand&ldquo; zu verstehen ist. Nach den Polizeigesetzen kommen alle Fahndungsdateien in Frage, die in der Polizeilichen Dienstverordnung 384.1 genannt werden. Das ist eine lange Liste, in der auch &bdquo;weichere&#8220; Dateien enthalten sind, beispielsweise die Spurendokumentations-Datei, Dateien zur beobachtenden Fahndung, die Datei &bdquo;Gewaltt&auml;ter Sport&#8220;, Demonstrationsdateien (&bdquo;St&ouml;rerdateien&#8220; nennt man das). Mit dem Begriff Fahndungsdateien werden s&auml;mtliche Bundesfahndungsdateien und die entsprechenden Landesdateien erfasst. Sie k&ouml;nnen alle bei solchen Fahrzeugkontrollen abgeglichen werden.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Das hei&szlig;t, die beiden Gesetze geben &uuml;berhaupt keine Begrenzung auf bestimmte Fahndungsziele vor?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Nein, eine Begrenzung gibt es nicht. Und ich muss noch hinzuf&uuml;gen, dass in Hessen der Gesetzeszweck sozusagen autolegitimatorisch definiert ist. Dort hei&szlig;t es, zum Zwecke des Fahndungsabgleichs d&uuml;rfen Fahndungsabgleiche durchgef&uuml;hrt werden. Das ist der Inhalt der hessischen &bdquo;Regelung&#8220;. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass dieses Gesetz keinen Bestand haben kann. So etwas darf es nicht geben! Das schleswig-holsteinische Gesetz ist da etwas genauer. Dort wird gesagt, bei Kontrollen nach diesem oder einem anderem Gesetz ist ein Fahndungsabgleich m&ouml;glich. Die Praxis sieht wahrscheinlich anders aus: Es werden Fahndungsabgleiche gestartet und dann finden auch andere Kontrollen statt, also umgekehrt zu dem, wie es das Gesetz vorsieht.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Aber die Erfassung trifft &bdquo;nur&#8220; diejenigen, die in einer der Fahndungsdateien stehen?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Die Gesetze sagen, wo kein Treffer aus den Fahndungsdateien gemeldet wird, da soll auch keine Erfassung stattfinden. Die gespeicherten Daten sollen dann wieder gel&ouml;scht werden, und zwar unverz&uuml;glich. Aber was hei&szlig;t jetzt unverz&uuml;glich? Als Beispiel habe ich dem Bundesverfassungsgericht den &sect;27 des rheinland-pf&auml;lzischen Polizeiordnungsgesetzes vorgetragen.&nbsp; Dort sagt man, unverz&uuml;glich sei innerhalb von zwei Monaten &ndash; und das bei einem Massenabgleich. Sobald sich in den zwei Monaten aber der Sicherheitskontext &auml;ndert, eine neue Gefahrenlage auftaucht, dann werden sie nat&uuml;rlich auch die Nichttreffer benutzen wollen, denn die sind ja weiter gespeichert. Wir haben dann zwar eine Zweck&auml;nderung, aber naja&#8230; &bdquo;Unverz&uuml;glich L&ouml;schen&#8220; ist also eine handwerklich schlechte Formulierung, um jemanden vor Bewegungskontrollen zu sch&uuml;tzen.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Es steht ja die Bef&uuml;rchtung im Raum, dass hierbei Bewegungsprofile erstellt werden. Dem halten die Bef&uuml;rworter entgegen, es w&uuml;rden nur Kfz-Kennzeichen erfasst. Wie stark sehen Sie die Gefahr, dass Bewegungsprofile erstellt werden?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Bei den sogenannten Treffern ist automatisch die Bewegungskontrolle gegeben, weil in der weiteren polizeilichen Datenverarbeitung das Kennzeichen zum Halterdatum f&uuml;hrt und der Fahrzeughalter &ndash; zumindest im privaten Bereich &ndash; oft mit dem Fahrer identisch ist. Das sind nat&uuml;rlich personenbezogene Daten. Da auch noch Bilder von den Fahrzeugen gemacht werden, kann man je nach Bildg&uuml;te auch das Konterfei des Innenpersonals erkennen. Die hessischen Vertreter haben dem Bundesverfassungsgericht fotokopierte Aufnahmen vorgelegt, die waren so schlecht, dass man da niemand erkennen konnte. Dagegen sind die Ger&auml;te in Schleswig-Holstein so gut, dass man durchaus die Fahrer und diejenigen, die daneben sitzen, erkennen kann.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Also sollten wir demn&auml;chst nur noch frisch frisiert ins Auto steigen?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Oder mit der schwarzen Tarnkappe!<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> In der Pressemitteilung der Beschwerdef&uuml;hrer zur m&uuml;ndlichen Verhandlung hie&szlig; es, dass ein massenhafter Kfz-Kennzeichenabgleich &bdquo;nur im Einzelfall&#8220;, &bdquo;zur Abwehr einer gegenw&auml;rtigen Gefahr f&uuml;r Leib oder Leben&#8220; und &bdquo;nur mit richterlicher Genehmigung&#8220; hinzunehmen sei. Selbst unter diesen Voraussetzungen &ndash; bleibt der massenhafte Abgleich im Einzelfall nicht die Quadratur des Kreises?<\/p>\n<p><u>Kau&szlig;:<\/u> Nicht unbedingt. Der Vorschlag ist ein Versuch, dem Problem gerecht zu werden. Das Problem ist hier die Gefahr in einem konkreten Fall. Es gibt ein bestimmtes rechtliches Konzept, ein rechtliches Instrumentarium, wie man Polizeieingriffe in einem demokratischen Rechtsstaat beherrschbar machen kann. Das ist das Konzept der konkreten, im einzelnen Fall bestehenden Gefahr. Wenn eine solche konkrete Gefahr besteht, dann richten sich die polizeilichen Ma&szlig;nahmen gegen den St&ouml;rer. Dabei ist wichtig, dass es sich um eine im Einzelfall bestehende Gefahr, nicht nur eine hypothetische Gefahr handelt. Der Vertreter Schleswig-Holsteins hat vor dem Bundesverfassungsgericht das genaue Gegenteil vorgetragen. Hier gehe es nicht um konkrete Gefahren, wir bek&auml;mpfen potentielle Gefahren, und potentiell ist die Teilnahme am Stra&szlig;enverkehr mit einem PKW gef&auml;hrlich und deswegen d&uuml;rfen wir alle kontrollieren. Gegen dieses &bdquo;Alles ist gef&auml;hrlich&#8220; wollen wir zu den bew&auml;hrten Instrumenten des Polizeirecht zur&uuml;ckfinden &ndash; der konkreten Gefahr, der Ma&szlig;nahme gegen den St&ouml;rer. Unser Vorschlag ist der Versuch, hier eine Grenze zu ziehen, und diese Grenze hei&szlig;t &bdquo;konkrete Gefahr im Einzelfall&#8220;, und die muss nachgewiesen sein.<\/p>\n<p><u>SL:<\/u> Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/p>\n<p>Weitere Informationen zum Verfahren, u.a. die Beschwerdeschrift und&nbsp; die Stellungnahmen der hessischen und schleswig-holsteinischen Landesregierungen, sind im Internet zu finden unter:<br \/><a href=\"http:\/\/www.daten-speicherung.de\/?p=206\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.daten-speicherung.de\/?p=206<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4255,"template":"","categories":[12],"tags":[753,662],"autoren":[139,165],"publikationen":[937],"class_list":["post-9401","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-datenschutz","tag-bawue-artikel","tag-datenschutz","autoren-sven-lueders","autoren-udo-kauss","publikationen-937"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eWir haben jetzt t\u00e4glich Fahndungstag\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/199\/publikation\/wir-haben-jetzt-taeglich-fahndungstag\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eWir haben jetzt t\u00e4glich Fahndungstag\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Automatische Kfz-Kennzeichenfahndung auf dem verfassungsrechtlichen Pr&uuml;fstand, Mitteilungen Nr. 199, Seite 12 &#8211; 13 Am 20. 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