{"id":9429,"date":"2007-09-11T10:42:00","date_gmt":"2007-09-11T08:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/menschenrechte-in-zeiten-des-terrors\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:16","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:16","slug":"menschenrechte-in-zeiten-des-terrors","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/198\/publikation\/menschenrechte-in-zeiten-des-terrors\/","title":{"rendered":"Menschenrechte in Zeiten des Terrors"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 198, S. 30-31<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/goessner.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4265 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/goessner.jpg\" alt=\"Menschenrechte in Zeiten des Terrors\" width=\"199\" height=\"298\"><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Eine kritische Zwischenbilanz der staatlichen Ma&szlig;nahmen gegen den Terror in Deutschland und Europa seit dem 11. September 2001 legt Rolf G&ouml;ssner, Pr&auml;sident der Internationalen Liga f&uuml;r Menschenrechte in Deutschland, in seinem neuen Buch vor. Im Vordergrund steht dabei die Untersuchung des Schadens, der durch staatlich angeordneten Ma&szlig;nahmen zur Erh&ouml;hung der Sicherheit entstanden ist.<\/p>\n<p>Inhaltlich geht das Buch von folgender Diagnose aus: Wie die polizeilichen Kriminalstatistiken belegen und die Innenminister immer wieder betonen, ist Deutschland eines der sichersten L&auml;nder der Welt. Trotzdem haben viele Menschen Angst, was einerseits auf Terrorismus und Kriminalit&auml;t, andererseits auf &ouml;konomischen Problemen wie Massenarbeitslosigkeit beruht und durch &uuml;bertriebene Mediendarstellungen noch zus&auml;tzlich angeheizt wird. Diese Angst werde von Sicherheitspolitkern genutzt, um die Zustimmung der Bev&ouml;lkerung zu Ma&szlig;nahmen zu erhalten, die teilweise untauglich oder gef&auml;hrlich sind.<br \/>Die symbolische Politik mit Sicherheits&auml;ngsten wird nach G&ouml;ssners Einsch&auml;tzung seit Jahrzehnten praktiziert, nur die als Begr&uuml;ndung angegebenen Bedrohungsszenarien wandeln sich. W&auml;hrend es heute der islamistische Terrorismus ist, waren es fr&uuml;her die organisierte Kriminalit&auml;t, die RAF oder kommunistische Spione, die uns in Angst und Schrecken versetzen.<\/p>\n<p>In der Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung macht G&ouml;ssner einen Wandel zu einer Kultur der Pr&auml;vention aus: Die Polizei solle m&ouml;glichst vor dem T&auml;ter am Tatort sein und ihn an seiner Tat hindern. Dazu braucht die Polizei jedoch Daten &uuml;ber T&auml;ter, Tat und Tatort, was zu einem Ende der Unschuldsvermutung und des Datenschutzes f&uuml;hrt. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung sowie weitere Grundrechte werden zugunsten eines vermeintlichen &bdquo;Supergrundrechts&#8220; auf Sicherheit eingeschr&auml;nkt.<\/p>\n<p>Die gegenw&auml;rtige Bek&auml;mpfung des Terrorismus bringt, so G&ouml;ssner, drei Tabubr&uuml;che mit sich, die es zuvor nicht gegeben habe. Erstens werde der B&uuml;rger generell zum Verd&auml;chtigen erkl&auml;rt und vom Staate als Sicherheitsrisiko betrachtet. Um diesem Risiko zu begegnen, werden Methoden wie die Schleierfahndung, die Rasterfahndung, Video&uuml;berwachung oder &bdquo;vorsorgliche&#8220; Telefon&uuml;berwachung eingesetzt. Zweitens werde die Trennung von Polizei und Geheimdiensten zunehmend aufgehoben, was zu der Gefahr f&uuml;hrt, dass eine &bdquo;Geheimpolizei&#8220; Zeugen oder Beweismittel vor dem Angeklagten und der Justiz geheim h&auml;lt, was faire Prozesse erschwert. Drittens wird der (bewaffnete) Einsatz der Streitkr&auml;fte im Inland forciert. Zugleich w&uuml;rde durch &bdquo;robuste&#8220; Eins&auml;tze der Bundeswehr im Ausland die Terrorgefahr in Deutschland erh&ouml;ht, welche dann wieder durch die Bundeswehr bek&auml;mpft werden soll.<br \/>Zu den fragw&uuml;rdigen &bdquo;Antiterrorspezialit&auml;ten&#8220; der letzten Jahre z&auml;hlt G&ouml;ssner etwa die Einf&uuml;hrung biometrischer Ausweispapiere, die der damalige Bundesinnenminister Otto Schily &uuml;ber den Umweg der EU durchsetzte. Obwohl die Technologie kaum einen Sicherheitsgewinn verspreche, nicht zuverl&auml;ssig funktioniere, viel Geld koste und aus Sicht des Datenschutzes &auml;u&szlig;erst heikel sei, wurde sie dennoch eingef&uuml;hrt. Das Versprechen, Passinhaber k&uuml;nftig biometrisch identifizieren zu k&ouml;nnen, hat unser Land nicht sicherer gemacht. Der Missbrauch deutscher Reisep&auml;sse beschr&auml;nkte sich schon vorher auf wenige F&auml;lle, bei der Terrorismusbek&auml;mpfung spielten Passf&auml;lschungen praktisch keine Rolle. Vielmehr war die Einf&uuml;hrung der biometrischen Merkmale in den P&auml;ssen von Beginn an mit einem &bdquo;Technologievorsprung&ldquo; f&uuml;r die produzierende Bundesdruckerei verbunden &ndash; dass Otto Schily seit dem Regierungswechsel u.a. als Berater f&uuml;r zwei Biometrie-Unternehmen auftritt, ist reiner Zufall.<br \/>Den Irrglauben einer durch staatliche &Uuml;berwachung zu steigernden Sicherheit schildert G&ouml;ssner anhand der geheimdienstlichen &Uuml;berpr&uuml;fung, denen zahlreiche Besch&auml;ftigte in &bdquo;sicherheitsrelevanten&#8220; Beh&ouml;rden und Unternehmen ausgesetzt waren. Unter den &Uuml;berpr&uuml;ften fanden sich auch f&uuml;hrende Besch&auml;ftigte der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, von denen die vermeintliche Gefahr ausging, dass sie durch ein gezieltes Verz&ouml;gern bei der Einf&uuml;hrung von Hartz IV &bdquo;Aufst&auml;nde&#8220; h&auml;tten ausl&ouml;sen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>In einem d&uuml;steren Kapitel schildert G&ouml;ssner das Ende der Vertraulichkeit im &Uuml;berwachungskosmos der modernen Telekommunikation&ldquo;: Deutschland sei nach wie vor Weltspitze beim Abh&ouml;ren von Telefonen, die Bundesregierung halte unbeirrt am Gro&szlig;en Lauschangriff fest und auch die Versuche, das Fernmeldegeheimnis auf gerichtlichem Wege wenigstens ansatzweise wieder herzustellen (etwa durch die Verfassungsbeschwerde der Humanistischen Union gegen den Einsatz von IMSI-Catchern) scheiterten. F&uuml;r die Zukunft sei keine Besserung in Sicht, wenn die Telekommunikationsanbieter demn&auml;chst die Verbindungsdaten von Telefonen, E-Mails und Internetverbindungen sechs Monate lang speichern m&uuml;ssen. <br \/>Noch st&auml;rker ist die pr&auml;ventive &Uuml;berwachung von Migranten, welcher der Autor einen gr&ouml;&szlig;eren Abschnitt widmet. Migranten st&uuml;nden generell unter einem st&auml;rkeren Terrorverdacht als Deutsche: Ihre Visa f&uuml;r Deutschland enthalten biometrische Merkmale, im Ausl&auml;nderzentralregister werden umfangreiche Daten &uuml;ber sie gesammelt, Abschiebungen und das Verbot ausl&auml;ndischer Vereine wurden erleichtert und Migranten verhaftet bzw. ihre Wohnungen durchsucht, da Rasterfahndungen sie verd&auml;chtig erscheinen lie&szlig;en. Kritisch setzt sich G&ouml;ssner auch mit den in einigen Bundesl&auml;ndern verbreiteten Frageb&ouml;gen auseinander, mit deren Hilfe die Tauglichkeit von Migranten f&uuml;r die deutsche Staatsb&uuml;rgerschaft gepr&uuml;ft werden sollte. Neben dem zweifelhaften Wert solcher Fragen nach der staatsb&uuml;rgerlichen Allgemeinbildung verweist G&ouml;ssner darauf, dass bei einigen Fragen auch ein Gro&szlig;teil der deutschst&auml;mmigen Bev&ouml;lkerung durchfallen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Das Fazit des Buches lautet: Die Terrorbek&auml;mpfung in Deutschland und Europa ist dadurch gepr&auml;gt, dass Symptome mit fragw&uuml;rdigen Methoden bek&auml;mpft werden sollen, w&auml;hrend nichts gegen die Ursachen unternommen wird bzw. diese noch verst&auml;rkt werden. Das Buch zeichnet sich durch einen fl&uuml;ssigen und verst&auml;ndlichen Sprachstil aus und hat ein umfangreiches Quellenverzeichnis als Beleg f&uuml;r die dargelegten Fakten. Die Anti-Terror-Ma&szlig;nahmen in Deutschland werden umfassend dargestellt, die in der EU eher am Rand erw&auml;hnt. Ebenfalls nur peripher kommt Russland vor, ein Land in dem man wirklich von &bdquo;Gegenterror&#8220; sprechen kann, sei es in Tschetschenien oder bei den &bdquo;Befreiungen&#8220; von Geiseln in Moskau und Beslan.<\/p>\n<p><i>Thorben Olszewski<br \/>ist in der Humanistischen Union Berlin-Brandenburg aktiv<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4265,"template":"","categories":[],"tags":[791],"autoren":[1631],"publikationen":[933],"class_list":["post-9429","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","autoren-thorben-olszewski","publikationen-933"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Menschenrechte in Zeiten des Terrors - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/198\/publikation\/menschenrechte-in-zeiten-des-terrors\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Menschenrechte in Zeiten des Terrors - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 198, S. 30-31 Eine kritische Zwischenbilanz der staatlichen Ma&szlig;nahmen gegen den Terror in Deutschland und Europa seit dem 11. 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