{"id":9439,"date":"2007-07-12T11:40:00","date_gmt":"2007-07-12T09:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/plakativ-oder-philosophisch-1\/"},"modified":"2007-07-12T12:00:00","modified_gmt":"2007-07-12T10:00:00","slug":"plakativ-oder-philosophisch-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/plakativ-oder-philosophisch-1\/","title":{"rendered":"Plakativ oder philosophisch?"},"content":{"rendered":"<p>Streitgespr\u00e4ch zwischen Michael Schmidt-Salomon und Joachim Kahl in Marburg<\/p>\n<p>Religionskritische Veranstaltungen haben in Marburg w\u00e4hrend des Elisabeth-Jahrs 2007 Seltenheitswert. Das am 24. April veranstaltete Streitgespr\u00e4ch zum Thema &#132;Religionsfreie Zone Marburg? Aktuelle und prinzipielle Fragen zu Religionsfreiheit und Religionskritik&#8220; bildete da eine der wenigen Ausnahmen. Zum verbalen Schlagabtausch hatten der HU-Ortsverband Marburg und der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) eingeladen. Im Stadtverordneten-Sitzungssaal diskutierten der Marburger Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl und der Trierer Philosoph und Vorstandsvorsitzende der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) Dr. Michael Schmidt-Salomon.<\/p>\n<p>Zu Beginn der Veranstaltung hatten beide Kontrahenten zun\u00e4chst die M\u00f6glichkeit, ihre zentralen Positionen vorzustellen. Schmidt-Salomon machte den Anfang und stellte die von ihm initiierte Kampagne &#132;religionsfreie Zone&#8220; vor. Die Aktion r\u00fcckte anl\u00e4sslich des Welt-Jugendtags 2005 in K\u00f6ln ins Bewusstsein einer breiteren \u00d6ffentlichkeit.<br \/>Schmidt-Salomon begr\u00fcndete seine Religionskritik damit, dass religi\u00f6se Konflikte im 21. Jahrhundert deutlich zun\u00e4hmen und eine ernsthafte Bedrohung f\u00fcr den Weltfrieden darstellten. Er wies auf die herrschafts-stabilisierende Funktion des Glaubens hin und forderte die Abkehr vom Glauben an unantastbare Wahrheiten und ein entschiedenes Infragestellen von Heiligkeit. Die strikte Trennung von Kirche und Staat und die Durchsetzung nichtreligi\u00f6ser Denksysteme nannte er als zentrale Ziele der Kampagne. Dabei verneinte er jedoch nicht die Religionsfreiheit des Einzelnen. Er betonte aber, Religion m\u00fcsse Privatsache sein. Im \u00f6ffentlichen Raum m\u00fcssten weltliche Ma\u00dfst\u00e4be gelten. Schmidt-Salomons Vortrag zeigte schnell die auf \u00f6ffentliche Wirkung angelegte Sto\u00dfrichtung der Aktion. So behauptete er, Gott k\u00f6nne als &#132;imagin\u00e4res Alpha-M\u00e4nnchen&#8220; verstanden werden. Zudem zitierte er Slogans wie &#132;Heidenspa\u00df statt H\u00f6llenqual&#8220; oder &#132;Glaubst du noch oder denkst du schon?&#8220;.<\/p>\n<p>An der provokanten Ausrichtung dieser Kampagne setzte Kahl mit seiner Kritik an. Er bezeichnete die religionsfreie Zone als &#132;Schnapsidee&#8220; und als &#132;totalit\u00e4re Idee&#8220;, da sie die positive Religionsfreiheit in Frage stelle. Er widersprach Schmidt-Salomon, indem er sich auf ein Plakat der Aktion bezog, auf dem in der Art eines Verkehrsschilds durchgestrichene betende H\u00e4nde zu sehen sind. Kahl vertrat die \u00dcberzeugung, Religion k\u00f6nne kein Gegenstand administrativer Regelungen und Verbote sein. Zwar betonte auch er die Notwendigkeit, sich kritisch von religi\u00f6sen Irrwegen abzugrenzen. Dabei setzte er aber st\u00e4rker auf Toleranz und forderte einen sich selbst tragenden weltlichen Humanismus, der ohne Religion als Feindbild auskomme.<\/p>\n<p>Auf Schmidt-Salomons Bekenntnis zur positiven Religionsfreiheit erwiderte er, dass dieses Zugest\u00e4ndnis eine religionsfreie Zone im echten Sinne der Worte unm\u00f6glich mache. Besonders kritisierte Kahl die Slogans Schmidt-Salomons. Den Spruch &#132;Glaubst du noch oder denkst du schon?&#8220; bezeichnete er als &#132;flippige Frage in freigeistigen Kreisen&#8220;, die gl\u00e4ubigen Menschen grunds\u00e4tzlich unterstelle, nicht zu denken.<\/p>\n<p>In dem folgenden Schlagabtausch wurde schnell deutlich, dass die unterschiedlichen Ansichten der Kontrahenten sich vor allem auf die voneinander abweichenden Herangehensweisen, weniger aber auf die religionskritische \u00dcberzeugung bezogen. Schmidt-Salomon verteidigte die von Kahl kritisierten Slogans als notwendig, um in der medialen \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent zu sein und Aufmerksamkeit bei den Menschen zu erregen. Er betonte, dass nur so Reaktionen von Massenmedien und Politik m\u00f6glich seien. Dagegen warf er Kahl vor, sein akademischer Umgang mit dem Thema sei verstaubt und zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Er stellte eine &#132;halbierte Aufkl\u00e4rung&#8220; fest, die sich nur auf den technischen, nicht aber auf den weltanschaulichen Bereich erstrecke. Die provokative Ausrichtung seiner Kritik betrachtete er als notwendig, um auf dieses Problem wirkungsvoll aufmerksam zu machen. Kahl reagierte darauf mit dem Vorwurf, Schmidt-Salomon nehme mit seiner Kampagne am von der Katholischen Kirche inszenierten &#132;Religiotainment&#8220; teil. Damit werde er nur ein vor\u00fcbergehendes Medien-Echo erreichen und keine seri\u00f6se Aufkl\u00e4rungsarbeit leisten. <br \/>Die zahlreichen Reaktionen des Publikums kreisten haupts\u00e4chlich um die Slogans der Aktion &#132;religionsfreie Zone&#8220;. Ein Teil des Auditoriums verteidigte die Provokationen und wies darauf hin, dass die augenzwinkernde Ironie nicht \u00fcbersehen werden d\u00fcrfe. Dar\u00fcber hinaus seien die flapsigen Spr\u00fcche geeignet, auch weniger gebildete Menschen anzusprechen. Man d\u00fcrfe nicht nur im Gelehrten-Zirkel diskutieren. Andere empfanden Fragen wie: &#132;Glaubst du noch oder denkst du schon?&#8220; als Unversch\u00e4mtheit und hoben hervor, dass in der christlichen Tradition auch die Synthese aus Glauben und Einsicht versucht worden sei.<\/p>\n<p>Das Streitgespr\u00e4ch zwischen Schmidt-Salomon und Kahl war eine gleicherma\u00dfen hochinteressante und unterhaltsame Veranstaltung. Die unterschiedlichen Argumente regten zum Nachdenken und zum \u00dcberpr\u00fcfen eigener Positionen an. Sowohl die rhetorisch geschickte und provokante Art Schmidt-Salomons als auch der eher sachliche und intellektuelle Stil Kahls sorgten daf\u00fcr, dass die gut zweist\u00fcndige Veranstaltung vor knapp 50 G\u00e4sten rundum gelungen war. Selten wird ein komplexes und kontroverses Thema so anregend und erfrischend diskutiert. Die Veranstaltung, die vom Marburger Ortsverband der Humanistischen Union und dem IBKA als laizistischer Beitrag zum Elisabeth-Jahr verstanden wurde, bot einen angenehmen und notwendigen Kontrast zu den sonst eher unkritischen Veranstaltungen. Weitere Beitr\u00e4ge im Geiste dieses Streitgespr\u00e4chs w\u00e4ren w\u00fcnschenswert!<\/p>\n<p>Markus Busche <br \/>ist wissenschaftlicher Dokumentar <br \/>Er lebt in Marburg und schreibt f\u00fcr verschiedene Online-Medien<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[1634],"publikationen":[871],"class_list":["post-9439","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-markus-busche","publikationen-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Plakativ oder philosophisch? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/plakativ-oder-philosophisch-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Plakativ oder philosophisch? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Streitgespr\u00e4ch zwischen Michael Schmidt-Salomon und Joachim Kahl in Marburg Religionskritische Veranstaltungen haben in Marburg w\u00e4hrend des Elisabeth-Jahrs 2007 Seltenheitswert. 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