{"id":9533,"date":"2005-12-15T17:30:00","date_gmt":"2005-12-15T16:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/palliativmedizin-ist-in-der-tat-kein-ersatz-fuer-selbstbestimmung-am-lebensende\/"},"modified":"2005-12-15T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-15T11:00:00","slug":"palliativmedizin-ist-in-der-tat-kein-ersatz-fuer-selbstbestimmung-am-lebensende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/191\/publikation\/palliativmedizin-ist-in-der-tat-kein-ersatz-fuer-selbstbestimmung-am-lebensende\/","title":{"rendered":"Palliativmedizin ist in der Tat kein Ersatz f\u00fcr Selbstbestimmung am Lebensende"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 191, S.14-15<\/p>\n<p>Die Humanistische Union hat angesichts der \u00f6ffentlichen Diskussion um aktive Sterbehilfe am 31. Oktober eine Presseerkl\u00e4rung abgegeben. Darin haben wir unsere alte Forderung nach einer Liberalisierung der &#132;T\u00f6tung auf Verlangen&#8220; bekr\u00e4ftigt und die Erarbeitung eines eigenen Entwurfs zur Reform des \u00a7 216 Strafgesetzbuch angek\u00fcndigt. Die Erkl\u00e4rung richtete sich gegen die aus den Reihen der Hospizbewegung vorgebrachte Argumentation, dass sich die Freigabe der Sterbehilfe durch eine Verbesserung palliativmedizinischer Angebote umgehen lasse. So sehr wir die F\u00f6rderung der Palliativmedizin und bessere Informationen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Sterbebegleitung begr\u00fc\u00dfen, ersetzen diese Ma\u00dfnahmen keineswegs eine Liberalisierung der Sterbehilfe.<\/p>\n<p>Wir dokumentieren im Folgenden ein Schreiben des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr humanes Sterben (DGHS), Dr. Kurt F. Schobert, welches uns als Reaktion auf unsere Stellungnahme erreichte. F\u00fcr das n\u00e4chste Jahr ist eine gemeinsame Veranstaltung von HU und DGHS angedacht.<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Prof. Will,<\/p>\n<p>Ihren Vorsto\u00df gegen das Verbot in \u00a7 216 StGB halte ich f\u00fcr wichtig und gut. Palliativmedizin ist in der Tat kein Ersatz f\u00fcr Selbstbestimmung am Lebensende. Der Begriff der &#132;Selbstbestimmung&#8220; erf\u00e4hrt durch Funktion\u00e4re einiger Hospizgruppen, allen voran der Deutschen Hospiz Stiftung (DHS), und durch kirchenorientierte Gruppierungen meiner Beobachtung nach eine Erosion, der entgegengewirkt werden sollte. Echte Selbstbestimmung bedarf weiterer Wahlm\u00f6glichkeiten als derjenigen &#150; \u00fcberspitzt formuliert &#150; lediglich auszuw\u00e4hlen, in welches Hospiz oder zu welchem Palliativmediziner der Sterbende will, wenn irgendwann einmal Hospiz- und Palliativeinrichtungen fl\u00e4chendeckend angeboten werden (sollten).<\/p>\n<p>Das Argument unserer Gegner, wonach in jedem Fall noch so lange zu warten sei, bis fl\u00e4chendeckende Angebote best\u00fcnden und dann, wenn sie best\u00fcnden, br\u00e4uchte es keine gesetzliche Regelung der T\u00f6tung auf Verlangen mehr, l\u00e4sst sich auch umdrehen: Zumindest bis zur Erreichung des faktischen Zugangs jedes einzelnen Patienten zu einer Hospiz- und Palliativeinrichtung muss der Gesetzgeber, jedenfalls \u00fcbergangsweise, das Verbot der T\u00f6tung auf Verlangen f\u00fcr genau definierte F\u00e4lle aufheben. Dass dem Gesetzgeber diese M\u00f6glichkeit gegeben ist, betonen Verfassungsrechtler wie Prof. Hufen (&#132;In dubio pro dignitate&#8220;, NJW). M\u00f6glicherweise macht es Sinn, in Ihrem Entwurf zur Reform des \u00a7 216 StGB einen Passus einzubringen, demgem\u00e4\u00df &#132;ersatzweise angeregt wird, die Gesetzes\u00e4nderung zeitlich befristet und \u00fcbergangsweise zu realisieren&#8220;. Erg\u00e4nzendes Argument k\u00f6nnte sein, dass gem. Artikel 1 Grundgesetz der Staat die Aufgabe h\u00e4tte, die unantastbare W\u00fcrde des Menschen zu achten und zu sch\u00fctzen, was er zumindest so lange nicht jedem Sterbenden zusichern kann, so lange diese fl\u00e4chendeckende Therapie und Hospizbegleitung nicht existiert. Den heute Sterbenden ist es nicht zuzumuten, sich auf einen Zeitpunkt vertr\u00f6sten zu lassen, zu dem sie nach menschlichem Ermessen bereits unter der Erde liegen.<\/p>\n<p>Hospizbegleitung und Palliativmedizin d\u00fcrfen kein Lotteriespiel werden. Da die meisten Hospizeinrichtungen kirchlich orientiert und christlich eingestellt sind, steht einem fl\u00e4chendeckenden Angebot auch entgegen, dass es Sterbende gibt, die eine entsprechende Hospizpflege ablehnen, so wie sie auch eine Schulausbildung oder einen Arbeitgeber mit konfessioneller Ausrichtung abgelehnt h\u00e4tten. W\u00fcrde der Staat dieses Argument \u00fcbergehen, w\u00e4re ihm vorzuhalten, dass er den Menschen in seiner schw\u00e4chsten Lebensphase zum Objekt metaphysischer Einflussnahmen mit religionsdogmatischen Bez\u00fcgen macht. Dies wiederum widerspr\u00e4che dem verfassungsrechtlichen Grundsatz, dass der Mensch keiner Behandlung ausgesetzt werden darf, die ihn zum blo\u00dfen Objekt degradiert (BVerfGE 27, 6; 50, 175; 87, 228). Die noch so selbstsicher von Hospizgruppierungen vorgetragene Schutzbehauptung, jeder Sterbende w\u00fcrde ohne Ansehen seiner religi\u00f6sen Befindlichkeit im Hospiz eine letzte Heimat finden k\u00f6nnen, widerspricht sich im religi\u00f6s fundierten Dogma, das auch gegen jede Form der Selbstt\u00f6tung gebetm\u00fchlenartig von Hospizseiten jahrelang vorgetragen wurde &#8230;<\/p>\n<p>Wer aufgrund schwerer Krankheit damit rechnen muss, etwa durch den n\u00e4chsten Krankheitsschub bei Amyotropher Lateralsklerose, nicht mehr Herr seiner Muskeln, Gelenke und Gliedma\u00dfensteuerung zu sein, wird dann, wenn die T\u00f6tung auf Verlangen verboten bleibt, mutma\u00dflich seinem Leben durch Suizid fr\u00fcher ein Ende setzen als er dies erbitten k\u00f6nnte, wenn er erst nach einem solchen schweren Krankheitsschub dann auf ausdr\u00fccklichen und kontrollierten Wunsch get\u00f6tet werden darf. Eine pr\u00e4zise gesetzliche Regelung mit Liberalisierung von \u00a7 216 StGB wirkt also suizidprophylaktisch! Wer darauf vertrauen kann, dass ihm auch dann noch in seinem Sinn und gem\u00e4\u00df seinem individuellen Willen geholfen wird, wenn er sich selbst nicht mehr helfen kann, wird den Suizidwillen zur\u00fcckstellen &#8230;<\/p>\n<p>Auch ein Nicht-Sterben-Lassen, auch ein gegen den Willen des Patienten palliativ umsorgtes langsames Sterben-Lassen ist Gewalt. In dem von Niels Beckenbach herausgegebenen Band &#132;Wege zur B\u00fcrgergesellschaft. Gewalt und Zivilisation in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts&#8220; schreibt Freya Klier \u00fcber &#132;Leben und Nicht-Leben-Lassen in der DDR&#8220; (S. 107 ff.). Bekanntlich wurde auch in diesem Zusammenhang die D&#8220;D&#8220;R als &#132;Diktatur&#8220; und in Verbindung mit dem Schl\u00fcsselbegriff des Totalitarismus kritisiert. M\u00f6glicherweise l\u00e4sst sich dieser Gedanke auf das Sterben und die Sterbehilfe \u00fcbertragen. Totalit\u00e4re Strukturen und Staaten haben in der Regel ein Interesse daran, B\u00fcrgern die echte Selbstbestimmung \u00fcber das eigene Leben zu versagen, jedenfalls erheblich zu erschweren. Vom Nicht-Leben-Lassen in der D&#8220;D&#8220;R kommt man auf dieser Analogie-Schiene unter Umst\u00e4nden zu einem Nicht-Sterben-Lassen in der Bundesrepublik Deutschland. Wie die Humanistische Union meines Erachtens zu Recht unterstreicht, wird das Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitsprinzip verletzt. Warum sollte ein Sterbender lediglich die Option haben, von der kurativen Therapie zur palliativen Therapie zu wechseln, wenn er in der Palliativpflege keinen Sinn sieht, weil er sein Leben innerlich erf\u00fcllt gelebt hat und auf die restlichen Monate palliativer Sterbebegleitung verzichten m\u00f6chte? Warum sollte dieser Patient schlechter gestellt werden als eine Zeugin Jehovas, die fremdes Blut ablehnt und dadurch bei der Notoperation einer Entbindung stirbt? Diese Frau und Mutter verzichtet darauf, ihr Kind zu erleben und zu erziehen, sie verzichtet darauf, weiter zu leben, obwohl sie mit entsprechender Bluttransfusion nach heutigem Stand medizinischer Technik mit hoher Wahrscheinlichkeit diese Operation \u00fcberlebt h\u00e4tte und nach wenigen Wochen gesund weiterleben h\u00e4tte k\u00f6nnen. Auch hier kommt der Grundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit zum Tragen &#8230;<\/p>\n<p>Jedenfalls w\u00fcnsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Ausarbeitung, Begr\u00fcndung und Pr\u00e4sentation des HU-Entwurfs &#8230;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[57],"tags":[2541,2537],"autoren":[1638],"publikationen":[943],"class_list":["post-9533","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-positionen","tag-patientenverfuegung-positionen","tag-sterbehilfe-positionen","autoren-kurt-f-schobert","publikationen-943"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Palliativmedizin ist in der Tat kein Ersatz f\u00fcr Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/191\/publikation\/palliativmedizin-ist-in-der-tat-kein-ersatz-fuer-selbstbestimmung-am-lebensende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Palliativmedizin ist in der Tat kein Ersatz f\u00fcr Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 191, S.14-15 Die Humanistische Union hat angesichts der \u00f6ffentlichen Diskussion um aktive Sterbehilfe am 31. 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