{"id":9669,"date":"2003-04-18T17:30:00","date_gmt":"2003-04-18T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-philosophie-hat-ihre-schuldigkeit-getan\/"},"modified":"2003-04-18T12:00:00","modified_gmt":"2003-04-18T10:00:00","slug":"die-philosophie-hat-ihre-schuldigkeit-getan","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/181\/publikation\/die-philosophie-hat-ihre-schuldigkeit-getan\/","title":{"rendered":"Die Philosophie hat ihre Schuldigkeit getan"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 181, S.6<\/p>\n<p>Die &#8222;Mutter der Wissenschaften&#8220; und ihre J\u00fcnger haben sich von ihrer &#130;Liebe zum Geistigen&#8216; verf\u00fchren lassen; Liebe macht blind! Zwar haben die Philosophen nach und nach die Theolo-gie, die Erforschung des G\u00f6ttlichen \u00fcberwunden. Und Kant, der &#130;gro\u00dfe Zermalmer&#8216;, hat nachgewiesen, dass die Gottesbeweise nicht beweiskr\u00e4ftig sind. Aber alle Philosophen haben statt theologischer Gedankengeb\u00e4ude anscheinend den weltlichen Glauben erfunden. Sie bauen, wie die Gottesverk\u00fcnder auf Worte. Die Philosophen haben sich in ihrer Beschr\u00e4nkung auf Worte wie die Theologen in die Ausdeutung des Jenseitigen verstrickt, in Transzendenz oder Metaphysik. Sie beharren darauf, dass ihre Begriffe eine gr\u00f6\u00dfere wissenschaftliche Bedeutung haben als erfahrungswissenschaftliche Erkl\u00e4rungen. <br \/>Bei der Begr\u00fcndung ihrer Begriffe und S\u00e4tze vermeiden sie seit etwa 80 bis 100 Jahren geflissentlich, ihre Worte mit der logischen Analyse der Sprache zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<h5><span id=\"wundertuete-der-metaphysik\">Wundert&uuml;te der Metaphysik<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Das Ergebnis, ihre Scheinaussagen sind f\u00fcr Ideologen und Politiker sehr n\u00fctzlich. Einige der als Wissenschaft verkauften Scheinbegriffe aus der Wundert\u00fcte der Metaphysik sind etwa Freiheit oder Sozialismus, Innovation und Gerechtigkeit, deutsche Leitkultur (Merz), nationale Identit\u00e4t (Thierse), Solidarit\u00e4t, Demokratie, Wahrheit, das Gute und das B\u00f6se, Bildung, Ethik, Recht und Rechtsstaat; das sind alles Worte, an die sich trefflich glauben l\u00e4sst. <br \/>Damit werden jedoch Denkbehinderungen und Torheit verbreitet, wenn diese Begriffe als Schlagw\u00f6rter gebraucht werden. Solange das Bedeutungsfeld solcher Ausdr\u00fccke nicht eingeschr\u00e4nkt wird, werden sie wie Standarten vor den gl\u00e4ubigen Toren hergetragen. Die gro\u00dfen Worte sprechen das Gef\u00fchl und den Glauben an und schalten den Verstand fast aus. Aus W\u00f6rtlichnehmern werden Fundamentalisten, aber auch Terroristen.<\/p>\n<h5><span id=\"auf-dem-sockel-der-selbsttaeuschung\">Auf dem Sockel der Selbst&shy;t&auml;u&shy;schung<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Wer sich nicht darum bem\u00fcht, dass seine Sprache einen Fach-arbeiter, einen Taxifahrer, eine Verk\u00e4uferin, einen Hausmeister oder einen Berufssch\u00fcler, kurz &#8211; die Mutter im Hause und den Mann auf dem Markte (Martin Luther) erreicht und so anspricht, dass alle diese Menschen aus dem Volke &#8211; das ist die \u00fcberwiegende Mehrheit &#8211; das verstehen, der stellt sich auf einen Sockel und t\u00e4uscht sich auf lange Sicht selbst. Weil eine solche Verhaltensweise eine verbreitete \u00dcbung der meisten Politiker und &#8222;Gebildeten&#8220; ist, die auf viele faule Rechtfertigungen gest\u00fctzt werden kann, wird der lange Marsch durch das Tal der Illusionen so bald nicht enden.<\/p>\n<h5><span id=\"wissenschaft-ohne-fesseln\">Wissen&shy;schaft ohne Fesseln<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Meine Freunde und ich treten f\u00fcr eine Wissenschaft ohne Fesseln ein. Das ist eine Wissenschaft ohne autorit\u00e4re Vorgaben, ohne metaphysische, also ohne theologische, philosophische oder ideologische Grundlagen. Eine solche Wissenschaft ist allein die Erfahrungswissenschaft. Diese l\u00f6st seit etwa 1850 die Naturwissenschaft ab, die Naturgesetze suchte. Die Erfah-rungswissenschaften beschreiben bedingte Regelhaftigkeiten. Der Begriff Naturgesetz ist ein Zirkelschluss. Die Relativit\u00e4tstheorie kann Naturgesetze und andere absolute Erkenntnisse nicht best\u00e4tigen. Das \u00fcberkommene Wort Wissenschaft ist nicht gesch\u00fctzt und wird gl\u00e4ubig und unkritisch oder auch fahrl\u00e4ssig und bewusst zur T\u00e4uschung eingesetzt. Selbst die in Metaphysik verstrickten Philosophen halten sich seit der Antike f\u00fcr Wissenschaftler. Das war richtig, mindestens bis Kant, l\u00e4ngstens bis zur Kritik Russells, Wittgensteins und Carnaps vor etwa 100 Jahren.<\/p>\n<h5><span id=\"philosophie-an-die-glaubenshochschule\">Philosophie an die Glaubens&shy;hoch&shy;schule!<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Jaspers und andere Philosophen haben die Erfahrungswissen-schaften ausdr\u00fccklich abgelehnt und sich mit ihrer weltfernen Erkenntniskritik begn\u00fcgt. Die Sch\u00fcler Hegels, Heideggers und Adornos arbeiten bis heute mit Scheinbegriffen aus dem Ge-dankenreich der Transzendenz oder Metaphysik und begr\u00fcnden damit ihre Scheins\u00e4tze &#8211; ohne an die heute unerl\u00e4ssliche logische Analyse ihrer Sprache zu denken. <br \/>Demgem\u00e4ss ist die Philosophie seit vielen Jahrzehnten eine Glaubenslehre, die auf die Ausdeutung von Worth\u00fclsen setzt. Sie geh\u00f6rt als Scheinwissenschaft gemeinsam mit der Theologie an eine Glaubenshochschule, heute aber nicht mehr an eine Universit\u00e4t. Die beiden Verhaltensregulierungen Ethik und Recht sollten gemeinsam an einer Fakult\u00e4t vertreten werden. Sie haben die gleiche Entstehungsgeschichte und stimmen in den meisten Begriffsmerkmalen \u00fcberein.<\/p>\n<h5><span id=\"im-weg-die-kaste-der-gebildeten\">Im Weg: Die Kaste der Gebildeten<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Nach den Erfahrungen mit Ideologien bin ich darauf bedacht, das sprachlich weniger gebildete Volk mit seinen Dialekten und seiner Umgangssprache nicht abzuwerten, wie das die Kaste der Gebildeten \u00fcbt. F\u00fcr Aufkl\u00e4rung und politische M\u00fcndigkeit m\u00f6glichst vieler Menschen setze ich mich ein. Die Staatsgewalt des Volkes ist f\u00fcr mich ein Fernziel, das von der Klasse der Politiker und von der Kaste der Gebildeten behindert wird. Beide Gruppen haben dank ihrer Herrensprache das Sagen in der Gesellschaft. F\u00fcr einen auf die Staatsgewalt des Volkes zu bauenden Rechtsstaat mit besserer Gewaltenteilung als heute werbe ich. Der Glaube an den sch\u00f6nen Schein der repr\u00e4sentativen Demokratie f\u00fchrt in die Irre. Die derzeitige Verfassung unserer blockierten Republik und die Verfassungswirklichkeit sind Hindernisse, die derzeit nicht \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5><span id=\"den-ideologien-die-giftzaehne-ziehen\">Den Ideologien die Giftz&auml;hne ziehen<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Doch nach der Entwicklung seit der Renaissance sind die lang-fristigen Aussichten nicht hoffnungslos; denn die widerborstigen Europ\u00e4er haben seit Jahrhunderten bis heute in vielen Nach-barstaaten und hier den Ideologien die Giftz\u00e4hne (noch nicht alle!) gezogen und bisher allen allzu m\u00e4chtigen Gewaltherrschern nach einer Weile der Bedr\u00fcckung und Besinnung immer wieder das Handwerk gelegt.<br \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<i>Konrad Schmidt<\/i><br \/>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[1651],"publikationen":[952],"class_list":["post-9669","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-konrad-schmidt","publikationen-952"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Philosophie hat ihre Schuldigkeit getan - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/181\/publikation\/die-philosophie-hat-ihre-schuldigkeit-getan\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Philosophie hat ihre Schuldigkeit getan - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 181, S.6 Die &#8222;Mutter der Wissenschaften&#8220; und ihre J\u00fcnger haben sich von ihrer &#130;Liebe zum Geistigen&#8216; verf\u00fchren lassen; Liebe macht blind! 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