{"id":9751,"date":"2002-03-21T16:00:00","date_gmt":"2002-03-21T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/im-weiten-land-der-zeit\/"},"modified":"2025-08-15T14:30:53","modified_gmt":"2025-08-15T12:30:53","slug":"im-weiten-land-der-zeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/177\/publikation\/im-weiten-land-der-zeit\/","title":{"rendered":"Im weiten Land der Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 177, S.18-19<\/p>\n<p>Max Kruse ist Autor zahlreicher B\u00fccher f\u00fcr Jung und Alt; insbesondere die Kinder- und Jugendb\u00fccher sind z.B. \u00fcber die<br \/>\n\u201eAugsburger Puppenkiste\u201c weithin bekannt geworden (zum Beispiel \u201eDer L\u00f6we ist los\u201c, \u201eUrmel aus dem Eis\u201c). Daneben erschienen aus seiner Feder auch Reiseb\u00fccher sowie drei lesenswerte Autobio-graphien der Vor- und Nachkriegszeit, die der Autor als Sohn K\u00e4the Kruses erlebte (\u201eDie versunkene Zeit\u201c, \u201eDie beh\u00fctete Zeit\u201c, \u201eDie verwandelte Zeit\u201c). Zum achtzigsten Geburtstag Max Kruses erschien k\u00fcrzlich eine zweib\u00e4ndige Kassette des Werkes, in dem der Autor die Kulturgeschichte der Menschheit Revue passieren l\u00e4sst. Die drei jugendlichen Protagonisten erleben in einem virtuellen Freizeitpark eine Reise durch die Menschheitsgeschichte in zw\u00f6lf<br \/>\nTagen. An Stelle einer Besprechung des \u00fcber 1.000 Seiten starken<br \/>\nWerkes drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Abschnitt aus dem \u201eNachwort, das gleichzeitig ein Vorwort ist\u201c. Der Auszug ergibt eine knappe Bilanz der Kulturgeschichte aus humanistischer Sicht im besten Sinne.<br \/>\nNachwort:<br \/>\n[&#8230;] Es zeigt sich eben auch, wie wir uns bis heute nicht aus<br \/>\nsteinzeitlichen Verhaltensformen befreien konnten: Schon damals<br \/>\neilten Waffentechnologie und Zerst\u00f6rungstrieb der Moral weit voraus. So ist es geblieben, so scheint es zu bleiben. Denn wir brauchen die Moral h\u00f6chstens bei anderen, zu unserem Schutz. Zum \u00dcberleben waren unseren Vorfahren in grauer Vorzeit Grausamkeit und Aggression viel wichtiger. Das ist nicht unsere Schuld, es ist die Beigabe der Natur, die uns in eine so harte Umwelt hineinschuf. Um darin zu \u00fcberleben, entwickelten wir Verstand und Erfindungsgeist. Heute m\u00fcssen wir dagegen eine sehr hochentwickelte, ganz selbstverst\u00e4ndliche, das hei\u00dft beinahe instinktiv funktionierende Ethik haben.<br \/>\nAber woher sollen wir diese so schnell schaffen? Der Blick der<br \/>\nReligionen auf das Jenseits hilft dabei nicht. Die Welt, die der Mensch sich schuf, ist heute ein Szenarium, in dem er nur noch moralisch agieren d\u00fcrfte, unter Schonung der Mitmenschen, der Pflanzen, Tiere und der Atmosph\u00e4re \u2013 alles im weitesten Sinne. Aber er wusste bis heute nicht, dass er die Moral notwendig brauchen w\u00fcrde, um selbst \u00fcberleben zu k\u00f6nnen.<br \/>\nNoch immer bewegt er sich wie der Urmensch mit der Keule, stampfend und gr\u00f6lend, um sich schlagend, raubend, mordend und erpressend, vernichtend und zerst\u00f6rend; h\u00e4ngt Schamanen und jeglichem Aberglauben an, in einem Lebensraum, der nur auf die allersensibelste Weise im Gleichgewicht erhalten werden k\u00f6nnte \u2013 und nun hat er nicht nur Keulen, er hat Panzer, Flugzeuge, Atomwaffen. Jeder Narr kann heute die Welt in die Luft sprengen. Und er wird es tun,weil fast alle Menschen Narren sind. Das alles noch ohne jede Erw\u00e4hnung der \u00f6kologischen Keulen, mit denen wir um uns schlagen.<br \/>\n[&#8230;] Wir sind die erste Generation, deren Blick weiter in die<br \/>\nVergangenheit zur\u00fcckgeht als der jeder anderen Generation vor uns. Unsere Generation ist ebenso die erste, die die Weltkugel frei im Raum schwebend sehen kann: Muss das nicht unser Denken \u2013 und was noch viel wichtiger ist \u2013 unser Empfinden ver\u00e4ndern? Bisher konnten wir es uns nur vorzustellen versuchen \u2013 unsere Sinne blieben noch auf der Erde. Jetzt ist das anders \u2013 und die Bilder von der Erde aus der Umlaufbahn kann nun jeder sehen, wie auch die Bilder aus dem Kosmos, die von unseren Satelliten fotografiert werden! Ebenso sind wir die erste Generation, die an der Wende steht und die weiter in die Zukunft blicken muss, als jede andere vor uns. Denn alle konnten leben, ohne die Folgen ihrer Taten zu bedenken.<br \/>\nAber wenn wir es nicht tun, verspielen wir jede Chance. Und au\u00dferdem sind wir sicher auch die erste Generation, die so weit in den Weltraum und zum Beginn des Universums schauen kann, dass wir dahinter andere Universen ahnen. (Die Mehrzahl ist kein Druckfehler.) Nun gut, in dieser Wissenschaft werden uns k\u00fcnftige Generationen mit Sicherheit weit \u00fcbertreffen, aber auch sie werden die letzten Geheimnisse nicht l\u00f6sen, und sie w\u00fcrden erst gar nicht dazu kommen, es zu versuchen,wenn wir ihnen die Lebensgrundlagen zerst\u00f6ren.<br \/>\n[Ich m\u00f6chte &#8230;] auch zeigen, wie sich der Mensch eingerichtet hat auf unserem Planeten, wie er versuchte, sich von der Fron und Last der Arbeit zu befreien, sich das Leben immer angenehmer zu gestalten, wie er sich der Kunst zuwandte, sein Leben versch\u00f6nerte und mit neuen Inhalten versah. Wie er Religionen erfand, wie er sich \u00fcber die Welt und sein Leben Gedanken machte und beide philosophisch zu durchdringen versuchte, wie er schlie\u00dflich in immer weitere Erkenntnisr\u00e4ume vorstie\u00df und dies wohl auch nicht aufgeben wird, mag es nun zu seinem Vorteil oder Nachteil sein. Ich w\u00fcnsche mir,<br \/>\ndass man auch \u203adas Wunder Mensch\u2039 empfinden kann \u2013 dieses<br \/>\nHerkommen aus dem Meer, aus dem Tierreich, aus der Urzeit, aus der Eisesk\u00e4lte \u2013 all das, was er war, was er aufbaute, dachte, schuf &#8230; die verschieden Kulturen, die unterschiedlichen Lebensformen, den Abwechslungsreichtum seiner Geschichte &#8230; anders und vielleicht st\u00e4rker, als er es vorher empfunden hat. Vielleicht ist es sogar den Tod wert, einmal hier gewesen zu sein!<br \/>\nZur\u00fcck zu meinem Buch. Jeder wei\u00df, dass die politische Geschichte<br \/>\nder Menschheit eine Chronik des Machtstrebens, des Egoismus, der Grausamkeit ist. Ich m\u00f6chte zeigen, dass ihre kulturelle Entwicklung genauso mit dem Denken der Menschen verkn\u00fcpft ist wie mit ihren Religionen \u2013 und\/oder umgekehrt.<br \/>\nSogar die Geschichte der Wissenschaft ist es, weil sich die Erkenntnisse aus den Religionen entwickeln, sich zum Teil gegen ihren Widerstand, gegen Inquisition und Scheiterhaufen durchsetzen m\u00fcssen. Der mittelalterliche Mensch wusste fast nichts von sich selbst, von seiner Seele oder seinen Organen, er wusste fast nichts von der Natur und ihren Grenzen \u2013 angesichts des gewaltigen Wunders, als das er sich selber empfinden musste und angesichts der Wunder, die er um sich her gewahr wurde, blieb ihm \u2013 wenn er \u00fcberhaupt erkennender geistiger Regung f\u00e4hig war (n\u00e4mlich des Erkennens eben dieses Wunderbaren) \u2013 nur der Glaube. Wir modernen Menschen wissen \u2013 an ihm gemessen \u2013 viel. Wir haben aber auch noch tiefer begriffen, wieviel wir noch nicht wissen (und nie wissen k\u00f6nnen). Wir befinden uns in einem Zwischenreich, in einem D\u00e4mmer der Erkenntnisse, von denen manche heller werden,<br \/>\nmanche nur schwach leuchten, andere ganz im Dunkel liegen. In diesem Zwischenreich schwanken auch wir zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Erkennen und Ahnen, zwischen Zuversicht und<br \/>\ntiefer Mutlosigkeit. Wie stark die christliche Religion \u2013 im Guten wie im B\u00f6sen \u2013 mit dieser Entwicklung verkn\u00fcpft ist, das ist mir bei der Arbeit immer klarer geworden, deutlicher, als ich es zuvor geahnt hatte. Das erkl\u00e4rt den breiten Raum, den die Religion einnimmt. Freilich nicht nur das, sondern auch das Wissen, wie sehr der junge Mensch, wie sehr wir alle von der Frage nach den letzten Dingen umgetrieben werden.<br \/>\nIch hoffe meine Meinung dazu klar genug ausgedr\u00fcckt zu haben, Argumente und Gegenargumente, will aber noch einmal betonen, wie sehr mich das Umsichgreifen von Aberglauben, Sekten, religi\u00f6sem Fundamentalismus und Esoterik \u2013 der Namen w\u00e4re kein Ende \u2013 beunruhigt. Wir m\u00f6gen uns noch so sehr anstrengen, die realen Dinge zu ordnen, finden wir nicht zur Vernunft, ist alles vergeblich. Ich vermag daher die zur Mode gewordene Verg\u00f6tterung der Phantasie auch nicht zu teilen. Wir haben genug von Illusionisten und phantasievollen Verf\u00fchrern.<br \/>\nDie ganze Entwicklung der Menschheit ist die Geschichte einer Suche nach Erleichterung, geradezu eine Sucht danach.<br \/>\nDas Gegenteil eine Suche nach Anstrengung, hat es noch nie gegeben, es sei denn bei einigen Einzelnen. All unser Bem\u00fchen ist auf mehr Erleichterung, auf mehr Genuss gerichtet. Warum sind wir so programmiert? \u2013 Eine Welt, in der die Anstrengung als Genuss empfunden wird, scheint undenkbar zu sein.<br \/>\nEine nicht zu beantwortende Frage zum Schluss: Begegneten wir unserer Erde in nur hunderttausend Jahren wieder, \u2013 was f\u00fcr eine l\u00e4cherlich geringe Zeitspanne \u2013 was w\u00fcrde dann vom menschlichen Leben, von allen Bem\u00fchungen, allem Hass, Kampf, unseren Leidenschaften und von unserem Lieben noch \u00fcbrig geblieben sein? Hunderttausend Jahre? \u2013 Vielleicht nur hundert! K\u00f6nnten wir in die Zukunft sehen, wir w\u00fcrden vielleicht die Augen schlie\u00dfen und schaudernd den Tod herbeiw\u00fcnschen.<br \/>\nWer wird dann im Weltall einmal die faszinierende Geschichte davon erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, wie das Leben innerhalb der W\u00fcstenei der toten Dinge entstand, mit seiner unerkl\u00e4rlichen, unersch\u00f6pflichen Vielfalt, der Vielfalt und der Gr\u00f6\u00dfe des Universums durchaus vergleichbar, ebenb\u00fcrtig in seinen Formen, Farben, Schicksalen, H\u00f6hen, Tiefen, Schmerzen, Freuden, dieses hemmungslos sch\u00e4umende, sich schlie\u00dflich selbst verzehrende Leben, dessen Schaumbl\u00e4schen ein jeder von uns einmal gewesen ist? Wer wird je \u2013 und wem \u2013 begreiflich machen k\u00f6nnen, dass \u201ees\u201c m\u00f6glich war?\u201d<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[3],"tags":[678,656],"autoren":[],"publikationen":[957],"class_list":["post-9751","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-staat-religion-weltanschauung","tag-frieden","tag-religion","publikationen-957"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Im weiten Land der Zeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/177\/publikation\/im-weiten-land-der-zeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Im weiten Land der Zeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 177, S.18-19 Max Kruse ist Autor zahlreicher B\u00fccher f\u00fcr Jung und Alt; insbesondere die Kinder- und Jugendb\u00fccher sind z.B. \u00fcber die \u201eAugsburger Puppenkiste\u201c weithin bekannt geworden (zum Beispiel \u201eDer L\u00f6we ist los\u201c, \u201eUrmel aus dem Eis\u201c). 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