{"id":9780,"date":"2001-09-05T13:12:00","date_gmt":"2001-09-05T11:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/viel-laerm-um-nichts-der-bakj-und-der-grundrechte-report\/"},"modified":"2001-09-05T12:00:00","modified_gmt":"2001-09-05T10:00:00","slug":"viel-laerm-um-nichts-der-bakj-und-der-grundrechte-report","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/175\/publikation\/viel-laerm-um-nichts-der-bakj-und-der-grundrechte-report\/","title":{"rendered":"Viel L\u00e4rm um nichts? Der BAKJ und der Grundrechte-Report"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 175, S. 74-75<\/p>\n<p>Jahr f\u00fcr Jahr werden B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der Bundesrepublik<br \/>von den Verfassungsschutz\u00e4mtern auf Landesund<br \/>Bundesebene als Verfassungsfeindinnen und -feinde<br \/>diffamiert. Seit 1997 setzen der Bundesarbeitskreis<br \/>kritischer Juragruppen (BAKJ), die Gustav Heinemann-<br \/>Initiative, die HUMANISTISCHE UNION und das Komitee f\u00fcr<br \/>Grundrechte und Demokratie den Verfassungsschutzberichten<br \/>ein bei Rowohlt erscheinendes Buchprojekt entgegen,<br \/>in dem die von den staatlichen Organen begangenen<br \/>Grundgesetzverst\u00f6\u00dfe angeprangert werden. Dieses<br \/>Jahr handelt es sich dabei unter anderem um den am<br \/>Rande der EXPO Hannover verh\u00e4ngten Polizeigewahrsam<br \/>in K\u00e4figen, um die t\u00f6dlichen Routinen im Abschiebungsalltag,<br \/>um die rassistischen Elemente der Schleierfahndung,<br \/>um die Verfassungswidrigkeit der Interventionsarmee<br \/>Bundeswehr und um die Abwege des Verfassungsschutzes.<br \/>Hei\u00dfe Diskussionen um den GRR<br \/>Sowohl letztes, als auch dieses Jahr sorgte der Grundrechte-<br \/>Report (GRR) innerhalb des BAKJ f\u00fcr hei\u00dfe Diskussionen,<br \/>die letztlich dazu f\u00fchrten, da\u00df der Arbeitskreis kritischer<br \/>Juristinnen und Juristen an der Humboldt-Universit\u00e4t zu<br \/>Berlin (AKJ Berlin) aus dem BAKJ austrat &#150; nicht ohne krasse<br \/>Vorw\u00fcrfe zu erheben. Unter anderem hie\u00df es, die Redaktion<br \/>der vom BAKJ herausgegebenen Zeitschrift Forum<br \/>Recht habe linke Beitr\u00e4ge zensiert. Hinsichtlich der Arbeit<br \/>am GRR h\u00e4tten die vom BAKJ entsandten Mitglieder der<br \/>GRR-Redaktion au\u00dferdem &#132;L\u00fcgen und Halbwahrheiten&#147; verbreitet.<br \/>In diesem Beitrag soll zum einen der Streit um den<br \/>GRR dargestellt, zum anderen aber auch die vom AKJ Berlin<br \/>erhobenen Vorw\u00fcrfe entkr\u00e4ftet werden.<br \/>Der BAKJ<br \/>Der BAKJ ist ein Zusammenschlu\u00df von etwa zwei Dutzend<br \/>Arbeitskreisen, Basisgruppen und Fachschaftsinitiativen. Er<br \/>setzt sich f\u00fcr eine Ausbildung ein, die Theorie und Praxis<br \/>vernetzt, die sozialen Bez\u00fcge des Rechts herausstellt und die<br \/>eine kritische Reflexion der Rechtswissenschaft f\u00f6rdert. Das<br \/>Meinungsspektrum innerhalb des BAKJ reicht von der \u00dcberzeugung,<br \/>da\u00df die Menschenrechte, wie dies schon Karl Marx<br \/>kritisiert hat, lediglich dem Eigentumsschutz dienen, da\u00df<br \/>dem sich auf sie st\u00fctzenden b\u00fcrgerlichen Staat mithin jegliche<br \/>Legitimationsgrundlage fehle, bis hin zu der an eben<br \/>diesen Staat gerichteten Forderung nach der konsequenten<br \/>Umsetzung der Menschenrechte.<br \/>Der Streit um den GRR 2000<br \/>Die Reibungsfl\u00e4chen innerhalb dieses Meinungsspektrums<br \/>sind nat\u00fcrlich gro\u00df,was sich an der Debatte gezeigt hat, die<br \/>um das Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshof (EuGH) vom<br \/>11. Januar 2000 zum generellen Ausschlu\u00df von Frauen aus<br \/>der Bundeswehr entflammte.Nach der alten Fassung des Art.<br \/>12 Abs. 4 S. 2 GG durften Frauen auf keinen Fall Dienst mit<br \/>der Waffe leisten. Dies versto\u00dfe jedoch, so der EuGH, gegen<br \/>die europ\u00e4ische Gleichstellungsrichtlinie (76\/201\/EWG).<br \/>Die Forum-Recht-Redakteurin Katharina Ahrendts hat dieses<br \/>Urteil in ihrem &#132;Recht-Kurz&#147;-Beitrag f\u00fcr Forum Recht 02\/00<br \/>(siehe Seite 66) und in ihrem Artikel f\u00fcr den Grundrechte-<br \/>Report 2000 (siehe Seite 68) ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft. Der<br \/>EuGH habe eine der letzten frauendiskriminierenden Berufszugangsbeschr\u00e4nkungen<br \/>in Deutschland beseitigt. Eines<br \/>sei allerdings sicher: Durch die Aufnahme von Frauen werde<br \/>die Bundeswehr kein St\u00fcckchen besser, sie werde ihren<br \/>Charakter als hierarchische,zum Zweck des T\u00f6tens von Menschen<br \/>eingerichtete Zwangsinstitution nicht verlieren.Wolle<br \/>man Frauen aber nicht instrumentalisieren, so Katharina<br \/>Ahrendts weiter, schr\u00e4nke diese Tatsache ihren Anspruch auf<br \/>Gleichbehandlung nicht ein: &#132;Geschlechtergleichheit ist<br \/>nicht rechtfertigungsbed\u00fcrftig und gilt auch dort, wo sie<br \/>Frauen die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umt, sich in einer Institution<br \/>von fragw\u00fcrdiger Existenzberechtigung zu engagieren.&#147;<br \/>Dies nahmen mehrere Mitglieder unter anderem des AKJ<br \/>Berlin zum Anla\u00df, um auf der Pr\u00e4sentationsveranstaltung f\u00fcr<br \/>den Grundrechte-Report 2000 eine Protestschrift zu verlesen,<br \/>die darauf hinwies, da\u00df der Artikel von Katharina<br \/>Ahrendts dem Ziel, Grundrechte zu sch\u00fctzen, entgegenstehe,<br \/>indem er die Existenz von Armeen akzeptiere und die<br \/>Einbindung von Menschen in milit\u00e4rische Strukturen zum<br \/>Grundrecht erkl\u00e4re. Die Unterdr\u00fcckung von Frauen werde<br \/>dazu mi\u00dfbraucht, Soldat oder Soldatin zu sein als &#132;normalen<br \/>Beruf&#147; darzustellen, welcher einer &#132;Gleichstellung&#147; nicht<br \/>verschlossen sein d\u00fcrfe. Damit bediene sich die Autorin<br \/>&#132;militaristischer Argumentationsmuster&#147;.<br \/>Diese Protestschrift reichte Greco Koukoulas bei der Forum-<br \/>Recht-Redaktion ein, mit der Bitte, sie in Heft 02\/00 zu ver\u00f6ffentlichen.<br \/>Der Redaktionsschlu\u00df f\u00fcr Heft 02\/00 war<br \/>jedoch zu diesem Zeitpunkt l\u00e4ngst verstrichen. Auch die<br \/>Redaktionssitzung f\u00fcr Heft 02\/00 war bereits gelaufen.Zwar<br \/>gibt es bei Forum Recht einige Rubriken, deren Inhalt erst<br \/>kurz vor Layoutschlu\u00df feststeht und in denen der Text wahrscheinlich<br \/>noch h\u00e4tte unterkommen k\u00f6nnen. Der von der<br \/>Redaktion gew\u00e4hlte und zwischen den Redaktionssitzungen<br \/>entscheidungsbefugte Forum-Recht-Vereinsvorstand lehnte<br \/>den Beitrag jedoch auch inhaltlich ab, weil er Katharina<br \/>Ahrendts als Militaristin diffamiere. Dies brachte der Forum-<br \/>Recht-Redaktion den Vorwurf der Zensur ein.<br \/>Der Streit um den GRR 2001<br \/>Auch dieses Jahr verlief die Arbeit am GRR nicht gerade harmonisch.<br \/>Gegen die Stimmen der BAKJ-Mitglieder hatte sich<br \/>die GRR-Redaktion auf ihrer Sitzung vom 27. September<br \/>2000 mehrheitlich dazu entschlossen, Rita S\u00fcssmuth um die<br \/>Pr\u00e4sentation der diesj\u00e4hrigen Ausgabe des &#132;alternativen<br \/>Verfassungsschutzberichts&#147; zu bitten. Im Falle einer Absage<br \/>sollte Claudia Roth, damals noch Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses,<br \/>angefragt werden.<br \/>Das f\u00fchrte innerhalb des BAKJ zu heftigen Auseinandersetzungen.<br \/>Die Situation spitzte sich zu, als das Komitee f\u00fcr<br \/>Grundrechte und Demokratie erkl\u00e4rte, es sei von Anfang an<br \/>gegen eine Pr\u00e4sentation des GRR durch Rita S\u00fcssmuth gewesen.<br \/>Daraufhin behaupteten Mitglieder des AKJ Berlin,<br \/>da\u00df die vom BAKJ entsandten Mitglieder der GRR-Redaktion<br \/>entgegen deren Angaben f\u00fcr Rita S\u00fcssmuth gestimmt h\u00e4tten,<br \/>denn ansonsten h\u00e4tte S\u00fcssmuth ja gemeinsam mit dem<br \/>Komitee &#132;verhindert&#147; werden k\u00f6nnen. Das Komitee f\u00fcr<br \/>Grundrechte und Demokratie war auf der entscheidenden<br \/>GRR-Redaktionssitzung jedoch nicht vertreten. Die Vorw\u00fcrfe<br \/>des AKJ Berlin erwiesen sich damit als haltlos.<br \/>Auf der dann folgenden GRR-Redaktionssitzung war die Anfrage<br \/>an Rita S\u00fcssmuth bereits erfolgt. Durchsetzen lie\u00df sich<br \/>zu diesem Zeitpunkt nur noch die zus\u00e4tzliche Einladung von<br \/>Claudia Roth, die jedoch gerade eben Bundesvorsitzende<br \/>von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen geworden war.<br \/>Trotz ihrer Vorbehalte gegen\u00fcber Rita S\u00fcssmuth, die als Mitglied<br \/>der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion an der Einschr\u00e4nkung<br \/>des Grundrechts auf Asyl und der Aufhebung der Unverletzlichkeit<br \/>der Wohnung beteiligt war, und gegen\u00fcber<br \/>Claudia Roth, die als Bundesvorsitzende von B\u00fcndnis 90\/Die<br \/>Gr\u00fcnen f\u00fcr die vielen vom GRR ger\u00fcgten Verfassungsverst\u00f6\u00dfe<br \/>der rot-gr\u00fcnen Regierungskoalition politisch mitverantwortlich<br \/>ist, sah die \u00fcberwiegende Mehrheit der AKJGruppen,<br \/>die am 28. und 29.April 2001 auf den BAKJ-Kongre\u00df<br \/>nach Hamburg gekommen waren, darin keinen Grund<br \/>f\u00fcr die Beendigung der Mitarbeit im GRR. Zu wichtig erschien<br \/>ihnen dieses Buchprojekt, das dem Engagement des BAKJ<br \/>und seinen rechtspolitischen Zielen eine nicht zu untersch\u00e4tzende<br \/>Au\u00dfenwirkung verleiht.<br \/>Claudia Roth sagte ihre zun\u00e4chst zugesagte Teilnahme an der<br \/>Pr\u00e4sentation des GRR aus terminlichen Gr\u00fcnden kurzfristig<br \/>wieder ab.Kurz danach erhielt sie ein E-Mail des AKJ Berlin,<br \/>in dem ihr bescheinigt wurde, da\u00df sie &#132;nach der BAKJBeschlu\u00dflage&#147;<br \/>f\u00fcr den AKJ Berlin bei der Vorstellung des<br \/>GRR &#132;untragbar&#147; sei. Sie wurde daher darum gebeten, &#132;von<br \/>der Pr\u00e4sentation des Grundrechte-Reports Abstand zu nehmen&#148;.<br \/>Rita S\u00fcssmuth erhielt per Fax ein \u00e4hnlich lautendes<br \/>Schreiben und nahm dies zum Anla\u00df, ihrerseits abzusagen.<br \/>Da\u00df Claudia Roth und Rita S\u00fcssmuth &#132;nach der BAKJBeschlu\u00dflage<br \/>bei der Vorstellung des Grundrechte-Reports<br \/>untragbar&#147; seien, sah die \u00fcberwiegende Mehrheit derjenigen,<br \/>die sich in der dann \u00fcber den BAKJ-Verteiler laufenden<br \/>Debatte beteiligten,anders,war doch in Hamburg gerade der<br \/>Beschlu\u00df gef\u00e4llt worden, trotz allem an dem Buchprojekt<br \/>festzuhalten. Das Verhalten des AKJ Berlin wurde daher \u00fcberwiegend<br \/>verurteilt.Vereinzelt wurde er sogar dazu aufgefordert,<br \/>aus dem BAKJ auszutreten, was er dann schlie\u00dflich<br \/>auch tat. An sich ist es bedauerlich, da\u00df der AKJ Berlin aus<br \/>dem BAKJ ausgetreten ist, denn so ging dem BAKJ ein St\u00fcck<br \/>seiner Pluralit\u00e4t verloren. Doch l\u00e4ngst nicht alles.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[621],"publikationen":[959],"class_list":["post-9780","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-constanze-oehlrich","publikationen-959"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Viel L\u00e4rm um nichts? 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