{"id":9795,"date":"2001-09-01T12:41:00","date_gmt":"2001-09-01T10:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/milosevic\/"},"modified":"2001-09-01T12:00:00","modified_gmt":"2001-09-01T10:00:00","slug":"milosevic","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/milosevic\/","title":{"rendered":"Milosevic"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr.175 S. 88-89<\/p>\n<p>Als einer der Ersten hatte ich im Fr\u00fchjahr 1999 darauf hingewiesen,<br \/>da\u00df der Angriff von NATO-Staaten auf Jugoslawien<br \/>im Kosowo gegen die Satzung der UNO verstie\u00df, weil er<br \/>nicht durch ein Votum des Weltsicherheitsrats gedeckt war.<br \/>Heute ist dies Wissen Allgemeingut. Die allgemeine Kritik an<br \/>dieser Milit\u00e4rintervention l\u00e4\u00dft es der NATO geboten erscheinen,<br \/>\u00f6ffentlich zu machen, da\u00df sie damals im Sinne des<br \/>Schutzes der Menschenrechte doch recht hatte.Wie kann<br \/>dies besser geschehen, als durch die Verurteilung des bisherigen<br \/>Pr\u00e4sidenten Jugoslawiens Slobodan Milosevic als<br \/>Kriegsverbrecher?<br \/>Deshalb ist das International Criminal Tribunal for the<br \/>Former Yugoslavia (ICTY) mit den Resolutionen des Sicherheitsrates<br \/>der UNO Nr. 808 und 827 ins Leben gerufen worden.<br \/>Ihm geh\u00f6ren 14 Richter, unter anderem aus \u00c4gypten,<br \/>Jamaica, Malaysien, Italien, China, Kolumbien, Guyana, Gro\u00dfbritannien,<br \/>Marokko und Australien an. Die Richter werden<br \/>von \u00fcber 1000 Personen als Personal unterst\u00fctzt; der Gerichtshof<br \/>verf\u00fcgt jetzt \u00fcber einen Jahresetat von 96,6 Millionen<br \/>Dollar. So ist es nicht zu verwundern, da\u00df die UNO<br \/>immer in finanziellen Schwierigkeiten steckt.<br \/>Gewi\u00df ist Milosevic kein angenehmer Zeitgenosse. Seine<br \/>Ziele werden bestimmt von einem kommunistisch gepr\u00e4gten<br \/>Nationalismus und seinem pers\u00f6nlichen Machtstreben.<br \/>Gerade der deshalb verst\u00e4ndliche Widerwille<br \/>gegen Milosevic fordert indessen dringlich, das jetzt gegen<br \/>ihn in Den Haag vor dem ICTY anh\u00e4ngige Verfahren mit<br \/>k\u00fchlem Verstand zu analysieren und sich nicht von Leidenschaften<br \/>forttragen zu lassen.1.<br \/>Das Gericht in Den Haag ist zust\u00e4ndig f\u00fcr Verbrechen gegen<br \/>die Menschlichkeit in Jugoslawien. Es ist daher nicht zust\u00e4ndig<br \/>f\u00fcr die F\u00fchrung eines Angriffskrieges (weil ohne Einwilligung<br \/>des Sicherheitsrates begonnen; F\u00e4lle u. A. Schr\u00f6der,<br \/>Fischer) oder f\u00fcr die Verfolgung von Verbrechen gegen die<br \/>Menschlichkeit in anderen Teilen der Welt (z.B. Arafat und<br \/>viele andere mehr).<br \/>Ein solches Gericht bezeichnen wir als &#132;Ausnahmegericht&#147;<br \/>im Sinne des Art. 101 GG. Ausnahmegerichte sind immer<br \/>manipulationsanf\u00e4llig und deshalb im Grundgesetz zu recht<br \/>verboten. Ihre Installation und Besetzung ist von der Willk\u00fcr<br \/>der jeweiligen Regierung abh\u00e4ngig. Nun ist die UNO gewi\u00df<br \/>nicht an das Grundgesetz gebunden.Aber der hinter Art. 101<br \/>GG stehende Rechtsgedanke der Gleichheit vor dem Gesetz<br \/>und der Rechtsstaatlichkeit ist Bestandteil jeden rechtsstaatlichen<br \/>Denkens.<br \/>1998 haben 139 Staaten &#150; unter ihnen auch die USA und<br \/>Deutschland &#150; einen Vertrag zur Gr\u00fcndung des st\u00e4ndigen<br \/>Internationalen Strafgerichtshofs in Rom geschlossen. Er tritt<br \/>aber erst in Kraft,wenn ihn mindestens 60 Staaten ratifiziert<br \/>haben. Bisher ist er im Jahre 2001 nur von 36 Staaten &#150; unter<br \/>ihnen Deutschland &#150; ratifiziert worden. Mit einer Ratifikation<br \/>durch die USA rechnet nach dem Wechsel im Amt<br \/>ihres Pr\u00e4sidenten von Clinton zu Bush niemand. Ob der Vertrag<br \/>je in Kraft tritt, erscheint mir ungewi\u00df.<br \/>Der Hintergrund, vor dem das Gericht in Den Haag geschaffen<br \/>worden ist, braucht nicht zu bedeuten, da\u00df seine<br \/>Urteile falsch sein werden.Aber ihre \u00dcberzeugungskraft ist<br \/>nat\u00fcrlich gebremst.<br \/>Es gab bereits fr\u00fcher ein vergleichbares Ausnahmegericht,<br \/>n\u00e4mlich das Tribunal in N\u00fcrnberg. Das Tribunal konnte man<br \/>damals mit der \u00dcberlegung rechtfertigen, da\u00df der Gedanke<br \/>an ein Internationales Strafgericht neu war und erst einmal<br \/>ein Anfang gemacht werden mu\u00dfte. Aber schon seiner Zeit<br \/>ist zu recht moniert worden, da\u00df sich die Verfahren nur<br \/>gegen die deutschen Verlierer des II.Weltkrieges, nicht aber<br \/>gegen die Westalliierten wegen der Luftangriffe auf deutsche<br \/>Wohngebiete oder gegen die Machthaber der Sowjetunion<br \/>wegen der Vertreibung und Ermordung von Deutschen aus<br \/>den Ostgebieten in den Jahren 1944\/ 45 gerichtet hatte.<br \/>Damals ist der heute von der SED\/ PDS als Schimpfwort verwendete<br \/>Begriff der &#132;Siegerjustiz&#147; gepr\u00e4gt worden.<br \/>Es geh\u00f6rt zu unserer rechtsstaatlichen Verpflichtung, auf<br \/>diese M\u00e4ngel hinzuweisen und somit mittelbar auch das<br \/>UNO- Strafgericht in Rom zu f\u00f6rdern.<br \/>2.Es ist ein feststehender rechtsstaatlicher Grundsatz, da\u00df<br \/>einem Beschuldigten die gegen ihn erhobenen Vorw\u00fcrfe<br \/>nach Ort. Zeit und Opfern bekannt gemacht werden m\u00fcssen,<br \/>damit er sich verteidigen kann. An all dem fehlt es in<br \/>Den Haag! Es gibt nur eine unsubstanzierte Verd\u00e4chtigung<br \/>der &#8222;Chefankl\u00e4gerin&#148; Carla del Ponte aus der Schweiz. Das<br \/>Gericht hat zu Beginn der ersten Verhandlung englischem<br \/>Vorbild folgend Milosevic gefragt, ob er sich schuldig bekenne.<br \/>Welcher Sachverhalt w\u00e4re festgestellt, wenn er die<br \/>Frage bejaht h\u00e4tte?.Kein deutscher Amtsrichter w\u00fcrde eine<br \/>solche Anklage zulassen.<br \/>Zum Vergleich: Die Staatsanwaltschaft in Chile hat in der<br \/>Anklage gegen Augusto Pinochet die 57 Morde und die 18<br \/>Entf\u00fchrungen genau aufgelistet, die von der sogenannten<br \/>Todeskarawane 1973 begangen waren und die gedeckt zu<br \/>haben, sie Pinochet vorwirft.<br \/>3.Es gibt keine Zweifel, da\u00df in Jugoslawien zahlreiche Verbrechen<br \/>gegen die Menschlichkeit begangen worden sind.<br \/>Aber wann darf man sie \u00fcber die unmittelbaren T\u00e4ter hinaus<br \/>einem einzelnen Menschen, und sei er auch ein Staatsmann,<br \/>zurechnen?<br \/>Eines mu\u00df von vornherein deutlich sein: Repressalien, das<br \/>hei\u00dft, Vergeltungsma\u00dfnahmen gegen ein Kollektiv von<br \/>Menschen, weil einer von ihnen oder aus ihrem Umfeld<br \/>eine Untat begangen hat, d\u00fcrfen nicht zur Diskussion<br \/>stehen.Wir haben ihre unheilvollen Auswirkungen gerade<br \/>erst im II. Weltkrieg bei der Partisanenbek\u00e4mpfung oder<br \/>danach bei Berufsverboten gegen die Angeh\u00f6rigen in der<br \/>Tat schlimmer Parteien, sei es der NSDAP oder der SED, erlebt.<br \/>Nach christlicher Auffassung, aus deren Gedankengut<br \/>sich der Begriff der Schuld heute ableitet, ist Schuld immer<br \/>individuelle Schuld des einzelnen Menschen vor Gott.<br \/>Fragt man den Juristen nach dem Begriff der Schuld, so<br \/>wird er fast reflexhaft auf die Schuldformen des Vorsatzes<br \/>und der Fahrl\u00e4ssigkeit verweisen, das hei\u00dft auf die subjektive<br \/>Beziehung eines<br \/>Menschen zu einem objektiven Geschehen. Die Rechtswissenschaft<br \/>hat vor 100 Jahren weitere Schuldformen entwickelt<br \/>und sie dem Vorsatz oder der Fahrl\u00e4ssigkeit zugerechnet,<br \/>den dolus eventualis (&#132;Na wenn schon&#147;) und die<br \/>luxuria (&#132;Wird wohl nicht&#147;).<br \/>Alle diese Begriffe, so tauglich sie auch heute noch f\u00fcr den<br \/>juristischen Alltag sind, helfen bei unserem Problem nicht<br \/>weiter. Es handelt sich immer um die Schuld eines Staatsmanns,<br \/>der eine zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit<br \/>f\u00fchrenden Entwicklung steuert oder steuern k\u00f6nnte, ohne<br \/>selbst als T\u00e4ter in Erscheinung zu treten. Je schwerer die Verbrechen<br \/>sind, mit desto gr\u00f6\u00dferem Eifer verwischen die T\u00e4ter<br \/>von vornherein ihre Spuren. Es gibt bei Adolf Hitler keine<br \/>Dokument, mit dem man ihm das Wissen um die Ermordung<br \/>der Juden urkundlich nachweisen k\u00f6nnte, so eifrig auch<br \/>nach dem II.Weltkrieg nach solchen Dokumenten gesucht<br \/>worden ist. F\u00fcr mich ist dies der Nachweis seines verbrecherischen<br \/>Vorsatzes; aber lassen wir dies beiseite.Auch bei<br \/>Erich Honecker gibt es nur schwache dokumentarische<br \/>Nachweise seines Wissens von den Mauertoten. Sollte es<br \/>bei Slobodan Milosevic anders sein? Jedenfalls w\u00fcrde dies<br \/>seinen Hochmut bei der Er\u00f6ffnung des Verfahrens erkl\u00e4ren.<br \/>Es ist bei allen drei &#132;Staatsm\u00e4nnern&#147; \u00e4hnlich: Sie wissen das<br \/>Entstehen solcher Dokumente zu verhindern.<br \/>Wir stehen der Kriminalit\u00e4t von Staatsm\u00e4nnern mit unserem<br \/>herk\u00f6mmlichen wissenschaftlichen Instrumentarium<br \/>einigerma\u00dfen hilflos gegen\u00fcber. Dies kann den nicht wundern,<br \/>der fragt, weiches Interesse Staatsm\u00e4nner daran<br \/>haben k\u00f6nnten, ein strafrechtliches Instrumentarium zu<br \/>ihrer eigenen Verfolgung zu schaffen. Mindestens ein<br \/>schlechtes Gewissen haben sie alle.<br \/>Unser heutiges kontinental-europ\u00e4isches Strafrecht ist im<br \/>18. und 19. Jahrhundert im Zeichen der liberalen Aufkl\u00e4rung<br \/>mit Schwerpunkten in Frankreich, Preu\u00dfen und Bayern vom<br \/>B\u00fcrgertum, von der von ihm getragenen Rechtswissenschaft<br \/>und Justiz geschaffen worden.Damals sind die ideologischen<br \/>und dogmatischen Grundlagen in einer langen Diskussion<br \/>gelegt worden. Dieses B\u00fcrgertum gibt es kaum noch. Es hat<br \/>den I.Weltkrieg, die folgende, von der damaligen Reichsregierung<br \/>vors\u00e4tzlich herbeigef\u00fchrte Inflation zur Bezahlung<br \/>der Staatsschulden aus dem I.Weltkrieg und die NS- Zeit nur<br \/>in Randbereichen \u00fcberlebt.<br \/>Es gilt deshalb heute, aus der Mitte der B\u00fcrger heraus eine<br \/>Rechtswissenschaft und Justiz zu entwickeln, die die ideologischen<br \/>und dogmatischen Grundlagen f\u00fcr die Verfolgung<br \/>krimineller Staatsm\u00e4nner schafft. Das Strafverfahren gegen<br \/>Slobodan Milosevic w\u00e4re ein guter Anla\u00df f\u00fcr einen Beginn.<br \/>Diese Aufgabe ist auch deshalb dringlich,weil das Elend der<br \/>sog. Entwicklungsstaaten seinen Ursprung nicht in deren urspr\u00fcnglicher<br \/>\u00f6konomischen Schw\u00e4che, sondern in der Kriminalit\u00e4t<br \/>ihrer Staatsm\u00e4nner, in den von diesen aus egozentrischen<br \/>Gr\u00fcnden hervorgerufenen Kriegen, Fluchten und<br \/>Vertreibungen hat. Auch daf\u00fcr ist Slobodan Milosevic ein<br \/>gutes Beispiel. Ohne ihn und seine R\u00fcstungs- und Milit\u00e4r-ausgaben<br \/>k\u00f6nnte Jugoslawien in all seiner Sch\u00f6nheit heute ein<br \/>bl\u00fchendes Land sein.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[1663],"publikationen":[871],"class_list":["post-9795","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-prof-ulrich-vultejus","publikationen-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Milosevic - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/milosevic\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Milosevic - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr.175 S. 88-89 Als einer der Ersten hatte ich im Fr\u00fchjahr 1999 darauf hingewiesen,da\u00df der Angriff von NATO-Staaten auf Jugoslawienim Kosowo gegen die Satzung der UNO verstie\u00df, weil ernicht durch ein Votum des Weltsicherheitsrats gedeckt war.Heute ist dies Wissen Allgemeingut. 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