{"id":9811,"date":"2001-06-01T17:40:00","date_gmt":"2001-06-01T15:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ungleichbehandlung-von-religions-und-weltanschauungsgemeinschaften-in-brandenburg\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:54","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:54","slug":"ungleichbehandlung-von-religions-und-weltanschauungsgemeinschaften-in-brandenburg","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/ungleichbehandlung-von-religions-und-weltanschauungsgemeinschaften-in-brandenburg\/","title":{"rendered":"Ungleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Brandenburg"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilung Nr. 174, S. 47-50<\/p>\n<h5><span id=\"grundrechtsstreit-um-unterricht-an-brandenburger-schulen\">Grund&shy;rechtss&shy;treit um Unterricht an Branden&shy;burger Schulen.<\/span><\/h5>\n<p>Im Land Brandenburg gibt es einen neuen Streit um Grundrechte, der die Verfassungsposition der religi&ouml;s-weltanschaulichen Neutralit&auml;t des Staates betrifft. Diesmal geht es nicht um den Religionsunterricht oder um LER, sondern um das ebenso bundesweit bedeutsame Problem des Weltanschauungsunterrichts. Hintergrund ist ein vom Brandenburger Bildungsministerium abgelehnter Antrag des Humanistischen Verbandes auf Durchf&uuml;hrung eines Weltanschauungsunterrichts zu gleichen Bedingungen, wie sie f&uuml;r den Religionsunterricht gew&auml;hrt werden. Der trotz der Namens&auml;hnlichkeit nicht mit der Humanistischen Union verbundene Humanistische Verband ist eine aus der Freidenker-bewegung hervorgegangene Weltanschauungsgemeinschaft. W&auml;hrend die B&uuml;rgerrechtsorganisation Humanistische Union bekannterma&szlig;en weder weltanschaulich noch religi&ouml;s gebunden ist, versteht sich der Humanistische Verband ausdr&uuml;cklich als Gemein-schaft von Konfessionslosen, Agnostikern und Atheisten. In Berlin bietet der Humanistische Verband an &ouml;ffentlichen Schulen das freiwillige Fach &rdquo;Humanistische Lebenskunde&rdquo; an, an dem derzeit ca. 30.000 Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler teilnehmen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass in Brandenburg mehr als 70 Prozent der Bev&ouml;lkerung konfessionslos ist und nur ein kleiner Teil von Kindern und Jugendlichen am evangelischen Religionsunterricht teilnimmt, hat sich der Humanistische Verband im letzten Jahr entschlossen, das Fach &rdquo;Humanistische Lebenskunde&rdquo; auch an Brandenburger Schulen zu unterrichten. Das Angebot ist nicht als Konkurrenz zum staatlichen Fach &rdquo;Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde&rdquo; (LER) konzipiert &ndash; dieses wird vom Humanistischen Verband ausdr&uuml;cklich bef&uuml;rwortet &ndash; sondern als freiwillige weltanschauliche Alternative zu dem neben LER m&ouml;glichen Religionsunterricht. Rechtlich st&uuml;tzt sich der Humanistische Verband bei seinem Antrag auf das Grundgesetz und die Landesverfassung. Das Grundgesetz schreibt in Art. 3 Abs. 3 die Gleichheit vor dem Gesetz und in Art. 140 in Verbindung mit dem nach wie vor geltenden Art. 137, Abs. 7 der Weimarer Reichsver-fassung die uneingeschr&auml;nkte Gleichbehandlung von Weltanschau-ungs- mit Religionsgemeinschaften vor. Letztere Bestimmung ist auch in die Brandenburger Landesverfassung Art. 36 Abs. 5 eingegangen.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"verfassungsrechtlicher-hintergrund\">Verfas&shy;sungs&shy;recht&shy;li&shy;cher Hintergrund<br \/><span><\/span><\/span><\/h5>\n<h6 align=\"center\"><span id=\"redaktionelle-hervorhebungen-kursiv\"><span>(redaktionelle Hervorhebungen kursiv)<\/span>:<\/p>\n<p><\/span><\/h6>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"grundgesetz\">Grundgesetz<\/span><\/h5>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"artikel-3-gleichheit-vor-dem-gesetz\">Artikel 3 [Gleichheit vor dem Gesetz]<\/span><\/h5>\n<p>(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religi&ouml;sen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.<\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span id=\"artikel-4-glaubens-gewissens-und-bekenntnisfreiheit\">Artikel 4 [Glaubens-, Gewissens- und Bekennt&shy;nis&shy;frei&shy;heit]<\/span><\/h5>\n<p>(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi&ouml;sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.<\/p>\n<p>(2) Die ungest&ouml;rte Religionsaus&uuml;bung wird gew&auml;hrleistet.<\/p>\n<h5><span id=\"artikel-140-recht-der-religionsgemeinschaften\">Artikel 140 [Recht der Religi&shy;ons&shy;ge&shy;mein&shy;schaften]<\/span><\/h5>\n<p>Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der Deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes. [Der Artikel 137, Abs. 7 der Weimarer Reichsver-fassung lautet: Den Religionsgemeinschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.]<\/p>\n<h5 align=\"left\"><span id=\"aus-der-rechtsprechung-des-bundesverfassungs-gerichtes\">Aus der Recht&shy;spre&shy;chung des Bundes&shy;ver&shy;fas&shy;sungs&shy;-&shy;ge&shy;rich&shy;tes:<\/span><\/h5>\n<p>Aus der Glaubensfreiheit des Art. 4 Abs. 1 GG folge &rdquo;der Grundsatz staatlicher Neutralit&auml;t gegen&uuml;ber den unterschiedlichen Religionen und Bekenntnissen. Der Staat, in dem Anh&auml;nger unterschiedlicher oder gar gegens&auml;tzlicher religi&ouml;ser und weltanschaulicher &Uuml;berzeugungen zusammenleben, kann die friedliche Koexistenz nur gew&auml;hrleisten, wenn er selber in Glaubensfragen Neutralit&auml;t bewahrt. Er darf daher den religi&ouml;sen Frieden in einer Gesellschaft nicht von sich aus gef&auml;hrden. Dieses Gebot findet seine Grundlage nicht nur in Art. 4 I GG, sondern auch in Art. 3 III, Art. 33 I sowie Art. 140 GG i. V. mit Art. 136 I und IV und Art. 137 I WRV. Sie verwehren die Einf&uuml;hrung staatskirchlicher Rechtsformen und untersagen die Privilegierung bestimmter Bekenntnisse ebenso wie die Ausgrenzung Andersgl&auml;ubiger&rdquo;. Der Staat hat deshalb &rdquo;auf eine am Gleichheitssatz orientierte Behandlung der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu achten&rdquo;; dabei kommt es, so das BVerfG weiter, auf die zahlenm&auml;&szlig;ige St&auml;rke oder die soziale Relevanz nicht an.&rdquo; (Aus dem &rdquo;Kruzifix-Urteil&rdquo; des BVerfG; zit. nach Martin Kutscha, Protokoll der Anh&ouml;rung vom 11.01.1996 im Landtag Brandenburg, Ds. 2\/360)<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"verfassung-des-landes-brandenburg\">Verfassung des Landes Brandenburg<\/span><\/h5>\n<h6><span id=\"artikel-36-rechtsstellung-der-kirchen-und-religionsgemeinschaften\">Artikel 36 [Rechtsstellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften] <\/span><\/h6>\n<p>(5) Vereinigungen zur gemeinschaftlichen Pflege einer Weltanschau-ung werden den Religionsgemeinschaften gleichgestellt.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"charta-der-grundrechte-der-europaeischen-union\">Charta der Grundrechte der Europ&auml;&shy;i&shy;schen Union<\/span><\/h5>\n<h6 align=\"justify\"><span id=\"artikel-20-gleichheit-vor-dem-gesetz\">Artikel 20 [Gleichheit vor dem Gesetz]<\/span><\/h6>\n<p>Alle Personen sind vor dem Gesetz gleich.<\/p>\n<h6 align=\"justify\"><span id=\"artikel-21-nichtdiskriminierung\">Artikel 21 [Nichtdiskriminierung]<\/span><\/h6>\n<p>(1) Diskriminierungen, insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Verm&ouml;gens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung, sind verboten.<\/p>\n<p>Trotz klarer verfassungsrechtlicher Vorgaben (s. Kasten) lehnte das Bildungsministerium jedoch den Antrag des Verbandes mit der Begr&uuml;ndung ab, es g&auml;be &bdquo;zwar im Land Brandenburg grunds&auml;tzlich eine Gleichstellung der Weltanschauungsgemeinschaften mit den Religionsgemeinschaften, gem&auml;&szlig; Artikel 7 Abs. 3 des Grundgesetzes sind jedoch die Religionsgemeinschaften bei der Erteilung des Religionsunterrichtes privilegiert.&ldquo; Der Brief des Ministeriums vom 25.10.2000 verwies zudem auf das Brandenburgische Schulgesetz, in dem explizit nur von &bdquo;Religionsgemeinschaften&ldquo; die Rede ist. Obwohl sich wegen des h&ouml;herrangigen Verfassungsgebots der Gleichbehandlung auch Weltanschauungsgemeinschaften auf diese Formulierungen berufen k&ouml;nnen (vgl. die unten dokumentierte Expertise von Prof. Dr. Ludwig Renck), blieb die Brandenburger Landesregierung auch nach einer Reihe von Gespr&auml;chen bei ihrer Ablehnung. Aus diesem Grund stellte die PDS-Fraktion im Landtag einen Antrag zur Erg&auml;nzung der entsprechenden Formulierungen im Schulgesetz um das Wort &bdquo;Weltanschauungsgemeinschaft&ldquo;. Dieser Antrag wurde am 16. Mai 2001 von den Regierungsfraktionen der SPD und CDU abgelehnt. Da der Humanistische Verband angek&uuml;ndigt hat, den Klageweg zu gehen, falls politisch keine Einigung erzielt werden kann, steht nun ein neuer verfassungsrechtlicher Rechtsstreit an. Angesichts der grundrechtlichen Relevanz des Falles hat sich in dieser Situation der Bundesvorsitzende der Humanistischen Union Dr. Till M&uuml;ller-Heidelberg mit einem Offenen Brief an den Brandenburger Landtag gewandt, den wir im Folgenden dokumentieren.<\/p>\n<p>Gerd Eggers \/ Roland Otte<\/p>\n<p>Eine umfassendere Dokumentation zur Auseinandersetzung in Brandenburg, einschlie&szlig;lich von Stellungnahmen weiterer Verfassungsrechtler, kann vom HU-Landesverband Berlin angefordert werden (HU-Landesverband Berlin, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Tel.: 030-204 2504, Fax: 030-204 502-57, E-Mail: <a href=\"mailto:HU_Berlin%40humanistische-union.de\">HU_Berlin@humanistische-union.de<\/a><\/p>\n<h5><span id=\"offener-brief-der-humanistischen-union\">Offener Brief der Humanis&shy;ti&shy;schen Union <\/span><\/h5>\n<p>An den Pr&auml;sidenten des Brandenburger Landtages, die Vorsitzenden und schulpolitischen Sprecherinnen und alle weiteren Abgeordneten der Fraktion der SPD, CDU und PDS; Am Havelblick 8 in 14473 Potsdam<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>als &auml;lteste B&uuml;rgerrechtsorganisation der Bundesrepublik sind wir &auml;u&szlig;erst besorgt dar&uuml;ber, dass in Brandenburg offenbar Religionsgemeinschaften gegen&uuml;ber Weltanschauungsgemein-schaften bevorzugt werden. W&auml;hrend Kirchen an Brandenburger Schulen das Recht auf einen Bekenntnisunterricht einger&auml;umt wird, wurde im Oktober letzen Jahres ein Antrag der Weltanschauungs-gemeinschaft &bdquo;Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg&ldquo; (nicht zu verwechseln mit der B&uuml;rgerrechts-organisation Humanistische Union) zur Erteilung des Faches &bdquo;Humanistische Lebenskunde&ldquo; vom Bildungsministerium abgelehnt. Die diskriminierende Entscheidung des Bildungsministeriums verst&ouml;&szlig;t gegen die verfassungsrechtlich gebotene weltanschauliche Neutralit&auml;t des Staates und damit gegen die Voraussetzung f&uuml;r individuelle Bekenntnisfreiheit und ein gleichberechtigtes Zusammenleben in Vielfalt. Aus gutem Grund ist daher eine Gleichstellung von Religions- und Weltanschauungs-gemeinschaften sowohl im Grundgesetz (Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 137 WRV Abs. 7) als auch in der Brandenburger Landesverfassung (Artikel 36, Abs. 5) vorgeschrieben. Das Bildungsministerium begr&uuml;ndete seine Ablehnung gegen&uuml;ber dem Antragsteller mit der Behauptung, Artikel 7 Abs. 3 des Grundgesetzes privilegiere Religionsgemeinschaften bei der Erteilung des Religionsunterrichts. Diese Begr&uuml;ndung erstaunt uns, da wir uns bislang mit der Landesregierung und Parlamentsmehrheit in &Uuml;bereinstimmung w&auml;hnten, dass dieses &Uuml;berbleibsel aus der Zeit des Staatskirchentums gem&auml;&szlig; Art. 141 GG in Brandenburg nicht anzuwenden ist. Diese Position vertritt das Land Brandenburg auch bei dem anh&auml;ngigen Verfahren am Bundesverfassungsgericht in der Auseinandersetzung um LER. Zudem d&uuml;rften selbst bei Geltung von Art. 7 Abs. 3 GG im Land Brandenburg aufgrund von Art. 140 in Verbindung mit Art. 3 Abs. 3 GG Weltanschauungsgemeinschaften hinsichtlich eines schulischen Unterrichts gegen&uuml;ber Religions-gemeinschaften nicht diskriminiert werden. Der innovative Weg, den Brandenburg mit der Einf&uuml;hrung von LER gegangen ist, hat dem Land Brandenburg bundesweit Achtung verschafft und ist von der Humanistischen Union stets unterst&uuml;tzt worden. Als unabh&auml;ngige Organisation, die keiner Partei, Religion oder Weltanschauung verpflichtet ist, m&ouml;chten wir Sie nun dringend bitten, im Rahmen Ihrer M&ouml;glichkeiten darauf hinzuwirken, dass die verfassungsgem&auml;&szlig;e Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Brandenburg gew&auml;hrleistet wird. Der angemessenste Weg w&auml;re hierf&uuml;r unseres Erachtens eine deutliche gesetzliche Klarstellung im Schulgesetz. Eine andere M&ouml;glichkeit w&auml;re, dass der Landtag das Bildungsministerium auffordert, das Schulgesetz verfassungskonform auszulegen und damit die Diskriminierung von Weltanschauungsgemeinschaften in Brandenburg zu beenden. Im Sinne einer selbstverst&auml;ndlichen Gew&auml;hrleistung von Grundrechten im Land Brandenburg sollte es Weltanschauungsgemeinschaften und Eltern mit nichtreligi&ouml;ser Weltanschauung nicht zugemutet werden, ihre grundgesetzlichen Anspr&uuml;che auf Gleichbehandlung jeweils aufw&auml;ndig gerichtlich einklagen zu m&uuml;ssen. Nat&uuml;rlich steht es Ihnen als Brandenburger Gesetzgeber frei, keinen Weltanschauungsunterricht an staatlichen Schulen zuzulassen. Dies m&uuml;sste dann logischerweise aber auch f&uuml;r den Religionsunterricht gelten. Ein in Glaubensdingen zur Neutralit&auml;t und Gleichberechtigung verpflichteter Staat kann nicht selbstherrlich bestimmen, welchen Bekenntnisgemeinschaften er Rechte einr&auml;umt und welche er von diesen ausschlie&szlig;t. Wir hoffen, dass Sie hinsichtlich dieser Feststellung mit uns &uuml;bereinstimmen.Die Humanistische Union gibt gemeinsam mit anderen B&uuml;rgerrechts-organisationen den Grundrechte-Report heraus, der Grundrechts-verletzungen in der Bundesrepublik dokumentiert. Wir w&uuml;rden uns freuen, wenn wir im Grundrechte-Report 2002 berichten k&ouml;nnten, dass der Brandenburger Landtag erfolgreich die Diskriminierung von Weltanschauungsgemeinschaften an Schulen des Landes beendet hat.Wegen der grundrechtlichen Relevanz w&auml;ren wir Ihnen f&uuml;r eine baldige Antwort dankbar.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<\/p>\n<p>gez. Dr. Till M&uuml;ller-Heidelberg Berlin, am 17. Mai 2001 Bundesvorsitzender<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"gutachtliche-stellungnahme\">Gutacht&shy;liche Stellung&shy;nahme<\/span><\/h5>\n<p>zur Frage, ob das Land Brandenburg verpflichtet ist, neben dem Religionsunterricht gleichberechtigt weltanschaulichen Unterricht von Weltanschauungsgemeinschaften (z.B. &ldquo;Humanistische Lebenskunde&rdquo;) zuzulassen:<\/p>\n<p>Das Grundgesetz gew&auml;hrleistet in Art. 4 Abs. 1 und 2 vorbehaltlos die Bekenntnisfreiheit. Bekenntnis im verfassungsrechtlichen Sinne ist dabei jede &Uuml;berzeugung, mag sie transzendent oder immanent begr&uuml;ndet sein, mag sie sich auf ein h&ouml;chstes Wesen berufen oder ein solches verneinen. Wiewohl das Grundgesetz der traditionellen Wortwahl folgt und regelm&auml;&szlig;ig von &sbquo;Religion&lsquo; spricht, ist darunter jede Art von Bekenntnis zu verstehen, ein religi&ouml;ses wie ein weltanschauliches. Das Grundgesetz gew&auml;hrleistet die Bekenntnisfreiheit nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Aus der verfassungsrechtlichen Gleichheit von Religion und Weltanschauung folgt deshalb die Gleichwertigkeit von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Dies wird in Art. 140 GG, Art. 137 Abs. 7 WRV anerkannt. Wo immer das Grundgesetz die Vokabeln &sbquo;Religion&lsquo; und&lsquo; Religionsgemeinschaft&lsquo; verwendet, ist deshalb stets &sbquo;Weltanschauung&lsquo; und &sbquo;Weltanschauungsgemeinschaft&lsquo; mitzulesen.<\/p>\n<p>Der Staat hat alle Bekenntnisgemeinschaften parit&auml;tisch zu behandeln. Es gibt insoweit keinen Unterschied zwischen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Dies ergibt sich aus der staatlichen Bekenntnisneutralit&auml;t ebenso wie aus dem Gleichbehandlungsgrundsatz. Differenzierungen sind nach herrschender Meinung nur insoweit m&ouml;glich, als sie auf sachlichen Unterschieden beruhen. Zwischen Religionsunterricht und Weltanschauungsunter&shy;richt gibt es keine sachnotwendigen Unterscheidungserfordernisse.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &sbquo;Religionsunterricht&lsquo; im Sinne von Art. 7 Abs. 2 und 3 GG ist auch der &sbquo;Welt&shy;anschauungsunterricht&lsquo;. Selbst atheistische Bekenntnisgemeinschaften k&ouml;nnen &sbquo;Religions&shy;unterricht&lsquo; im Sinne dieser Bestimmung erteilen. Parlamentsgesetze, die von &sbquo;Religionsunter&shy;richt&lsquo; sprechen, sind mit&shy;hin verfassungskonform dahin auszulegen, dass auch der &sbquo;Weltanschauungsunterricht&lsquo; gemeint ist. Das brandenburgische Schulgesetz macht davon keine Ausnahme. Es er&uuml;brigt sich, gegen die Wortwahl &sbquo;Religionsunterricht&lsquo; gerichtlich vorzugehen, weil dieser Terminus ausnahmslos als &sbquo;Bekenntnisunterricht&lsquo; zu verstehen ist. Der Landesgesetzgeber ist jedenfalls nicht befugt, sich legislatorisch dar&uuml;ber hinwegzusetzen. Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg ist deshalb grundgesetzlich berechtigt, seine Zulassung zum Bekenntnisunter&shy;richt an den &ouml;ffentlichen Schulen in Brandenburg einzufordern, vorausgesetzt er ist eine Bekenntnisgemeinschaft im grundgesetzlichen Sinne und die von ihm zu erteilende Lebens&shy;kunde ein weltanschaulicher Bekenntnisunterricht. Das Land Brandenburg kann den Bekenntnisunterricht nicht auf einen Religionsunterricht im eigentlichen traditionellen Wortsinne beschr&auml;nken. Allerdings wird in der juristischen Literatur vereinzelt vertreten, dass nur solchen Bekennt&shy;nisgemeinschaften ein Recht auf Bekenntnisunterricht zusteht, die die Rechte einer K&ouml;rper&shy;schaft des &ouml;ffentlichen Rechts im Sinne von Art. 140 GG, Art. 137 Abs. 5 WRV erlangt haben. F&uuml;r eine derartige formale Einengung gibt es keinen hinreichenden Anhalt. Es gen&uuml;gt jede Organisationsform, die gew&auml;hrleistet, dass ein eigenverantworteter Bekennt&shy;nisunterricht ordnungsgem&auml;&szlig; erteilt werden kann. Dies wird man bei einem b&uuml;rgerlichrechtli&shy;chen Verein ebenso wie bei einer K&ouml;rperschaft des &ouml;ffentlichen Rechts annehmen d&uuml;rfen. Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg hat im Schreiben an das Ministerium f&uuml;r Bildung, Jugend und Sport vom 21. Juni 2000 die Zulassung zum Bekenntnisunterricht beantragt und das Ministerium hat diesen Antrag mit Schreiben vom 25.10.2000 abgelehnt. Wiewohl dieses Schreiben nicht in der verfahrensrechtlichen Form eines f&ouml;rmlichen schriftlichen Bescheids gehalten ist, stellt es nach vorherrschender Ansicht einen Verwaltungsakt dar. Es ist der beschwerdef&auml;hige &sbquo;rechtsg&uuml;ltige Bescheid&lsquo;, den der Verband im Schreiben an das Ministerium vom 2.11.2000 fordert. Da dieser Bescheid ohne Rechtmittelbelehrung ergangen ist, wird er nach &sect; 58 Abs. 2 der Verwaltungsgerichtsordnung nach Ablauf eines Jahres seit Zustellung, Er&ouml;ffnung oder Ver&shy;k&uuml;ndung unanfechtbar. Der Verband wird daher wenigstens bis zum 25.10.2001 gegen ihn Anfechtungsklage zu erheben haben, um seine Rechte zu wahren. Aus der prinzipiellen Gleichheit aller Bekenntnisgemeinschaften ergibt sich weiterhin der Grundsatz ihrer parit&auml;tischen Behandlung im &uuml;brigen. Dies bedeutet, dass der Staat, wenn er Religionsgemeinschaften finanziell oder auf andere Weise f&ouml;rdert, Weltanschauungs&shy;gemeinschaften gleichwertig zu f&ouml;rdern hat. Leistet der Staat finanzielle Zuwendungen an Religionsgemeinschaften, haben die Weltanschauungsgemeinschaften einen gerichtlich durchsetzbaren Rechtsanspruch auf vergleichbare Beg&uuml;nstigungen.<\/p>\n<p>gez. Prof. Dr. Ludwig Renck M&uuml;nchen, am 15. M&auml;rz 2001&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof M&uuml;nchen a. D.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[746],"autoren":[625,587],"publikationen":[871],"class_list":["post-9811","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-schule","autoren-gerd-eggers","autoren-roland-otte","publikationen-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ungleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Brandenburg - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/ungleichbehandlung-von-religions-und-weltanschauungsgemeinschaften-in-brandenburg\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ungleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Brandenburg - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilung Nr. 174, S. 47-50 Grund&shy;rechtss&shy;treit um Unterricht an Branden&shy;burger Schulen. 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