{"id":14252,"date":"2012-09-25T12:00:00","date_gmt":"2012-09-25T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/laudatio-fuer-joachim-perels-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises-durch-die-humanistis\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:08","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:08","slug":"laudatio-fuer-joachim-perels-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises-durch-die-humanistis","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2012\/laudatio-fuer-joachim-perels-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises-durch-die-humanistis\/","title":{"rendered":"Laudatio f\u00fcr Joachim Perels anl\u00e4sslich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises durch die Humanistische Union am 22. September 2012"},"content":{"rendered":"<p>Irmtrud Wojak betonte in ihrer Laudatio die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Preistr&auml;ger und Namensgeber: Bei beiden handle es sich um &#8222;Menschen, die wissen, was aufrechter Gang und Zivilcourage ist&#8221;, beide zeichne eine ausgesprochene &#8222;Zugewandtheit zu den Menschen&#8220; aus.<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2012-06.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5555 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/fbp2012-06-600x400.jpg\" alt=\"Laudatio f&uuml;r Joachim Perels anl&auml;sslich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises durch die Humanistische Union am 22. 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Wer eine solche Behauptung aufstellt, sollte sie auch begr&uuml;nden k&ouml;nnen. Diesen Versuch wage ich als Biografin Fritz Bauers sehr gerne, ist doch mit der Freude &uuml;ber den Preis zugleich die erw&uuml;nschte Gelegenheit verbunden, dir, lieber Joachim, in aller Offenheit und auch &Ouml;ffentlichkeit Dank sagen zu k&ouml;nnen. Dank f&uuml;r dein unerm&uuml;dliches Engagement, mit dem du zum Teil unter widrigen Umst&auml;nden unter anderem zum Entstehen der Fritz-Bauer-Biographie beigetragen hast, und besonders Dank f&uuml;r deine Freundschaft. Du hast mich, trotz aller Widrigkeiten, immer ermutigt und darin best&auml;rkt Fritz Bauers Aufruf f&uuml;r eine humane Rechtsordnung, f&uuml;r die zu k&auml;mpfen Fritz Bauer mit dem Mut des &Uuml;berlebenden aus dem Exil nach Deutschland zur&uuml;ckkehrte, als einen Leitfaden nicht aus dem Auge zu verlieren. Und &#8211; so jedenfalls kommt es mir vor &#8211; darin siehst du auch nach wie vor eine aktuelle Aufgabe und Chance. Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema des heutigen Abends sind, das f&uuml;r dich, Joachim &#8211; vergleichbar mit den pers&ouml;nlichen Erfahrungen Fritz Bauers &#8211; ein St&uuml;ck gelebte Geschichte ist.<\/p>\n<p>Ich brauche in diesem Zusammenhang nur an das j&uuml;ngste Symposium zu denken, das heute vor f&uuml;nf Monaten im Leibnizhaus in Hannover zu deinen Ehren stattfand. Die Veranstaltung anl&auml;sslich deines 70. Geburtstages stand unter dem Titel: &#8222;Rechtsstaatliche Demokratie und Erbschaft des Nationalsozialismus in der fr&uuml;hen Bundesrepublik&#8220;. Ein in Wissenschaft und &Ouml;ffentlichkeit, nicht zuletzt auch in der Politik bis heute kontrovers diskutiertes Thema, das meiner Meinung nach schon viel &uuml;ber den heutigen Preistr&auml;ger sagt. Denn der Titel &#8222;Erbschaft des Nationalsozialismus&#8220; war nat&uuml;rlich nicht zuf&auml;llig gew&auml;hlt und es war ebenso wenig zuf&auml;llig, dass der Name Fritz Bauer auf dieser Tagung nicht gerade selten fiel. Offenbar gibt es im Leben und Werk von Fritz Bauer und Joachim Perels Gemeinsamkeiten, ja sogar &Uuml;bereinstimmungen, nicht nur im Denken, sondern auch im beruflichen und politischen Handeln. Festzuhalten ist jedenfalls, dass beide dies nicht voneinander getrennt haben. Ich w&uuml;rde sogar behaupten: Ihr Leben wurde von dieser Einheit gepr&auml;gt, als &#8222;Homo Politikus&#8220;, wie es der gro&szlig;e Historiker Theodor Mommsen charakterisierte.<\/p>\n<p>Der Schlimmste aller Fehler ist, wenn man den Rock des B&uuml;rgers auszieht, um den Gelehrten-Rock nicht zu kompromittieren. Dieses Prinzip Theodor Mommsens trifft auf beide Juristen, die wir heute ehren, gewiss zu: auf Fritz Bauer, den in erster Linie Praktiker, und auf den Gelehrten, Joachim Perels. Keiner von beiden war bzw. ist sich zu fein f&uuml;r eine journalistische Stellungnahme, die vom demokratischen Standpunkt aus auch immer Stellung gegen reaktion&auml;re und antipluralistische Tendenzen bezieht. Selbst dann, wenn ihnen dies &#8211; was historisch besehen leider nicht gerade selten der Fall war und auch heute noch der Fall ist &#8211; zum eigenen Nachteil gereichen k&ouml;nnte. Die Rede ist also von zwei Menschen, die wissen, was ein aufrechter Gang und Zivilcourage ist. Die nicht nur so denken, sondern auch so handeln. Beide sind sich im Klaren dar&uuml;ber, dass das Vergangene fortwirkt. Und beiden ist dies wohl umso bewusster, als ihr demokratischer, unverr&uuml;ckbar rechtsstaatlicher Standpunkt aus der eigenen pers&ouml;nlichen Betroffenheit erwachsen ist. Joachim Perels Vater, Friedrich Justus Perels, wurde nach dem 20. Juli 1944 von den Nazis ermordet. Fritz Bauer war im Konzentrationslager und er musste aus Nazi-Deutschland unter das d&auml;nische, sp&auml;ter unter das schwedische Strohdach fliehen.<\/p>\n<p>Wenn ich nach einem Ausdruck gefragt w&uuml;rde, der dich, lieber Joachim, und Fritz Bauer verbindet bzw. eure Pers&ouml;nlichkeiten zureichend charakterisieren k&ouml;nnte, dann w&uuml;rde ich, auch ohne dass ich Fritz Bauer pers&ouml;nlich kannte, ohne zu Z&ouml;gern antworten: es ist eure Zugewandtheit zu den Menschen. Ja, ich w&uuml;rde es wagen hier von Menschenliebe zu sprechen und dabei betonen, dass diese Liebe umso merkw&uuml;rdiger ist, wenn ich mir das Verfolgungsschicksal eurer beider Familien in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes vorzustellen versuche; und dann auch noch, als w&auml;re all das Furchtbare nicht schon genug gewesen, die Verdr&auml;ngung und Abwehr gegen&uuml;ber dem Erlebten und Erlittenen nach 1945.<\/p>\n<p>Ich habe mich oft gefragt, wie es m&ouml;glich ist und woher die Kraftquellen kommen, die Menschen weiterhin zu lieben. Die Auschwitz-&Uuml;berlebende Ruth Kl&uuml;ger &uuml;berschrieb ihre Autobiographie bezeichnenderweise &#8222;Weiter Leben&#8220; &#8211; wenn man dem Konzentrationslager entkommen ist und ermordet werden sollte. Ist es m&ouml;glich anderen Menschen weiter herzlich zugewandt zu sein, wenn der Vater wegen seiner Mitwisserschaft am Attentat des 20. Juli von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamts ermordet wurde? Denn das geschah ja in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, als du, Joachim, gerade erst zwei Jahre alt warst und dein Vater, zusammen mit Klaus Bonhoeffer, R&uuml;diger Schleicher sowie anderen nach dem Attentat inhaftierten und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilten, zum Prinz-Albrecht-Palais gebracht werden sollte. Als Justiziar hatte dein Vater die bekennende Kirche unterst&uuml;tzt und er hatte die verfolgten Opfer der Nazis anwaltlich beraten und ihnen geholfen. Wie lange hatten er und deine Mutter bereits in Angst, jedenfalls doch in Sorge um das eigene Leben und damit nat&uuml;rlich auch um deines gelebt. Du hast &#8211; so denke ich &#8211; das Erbe deines Vaters angenommen, indem du trotz aller Kritik und auch Anfeindungen immer noch eine offene Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus anregst. Auch weil damit die Aufforderung verbunden ist, die eigene Geschichte und das eigene Handeln neu zu durchdenken und in Frage zu stellen. Du hast in dieses Erbe des Widerstands und der vielen Opfer eingewilligt, indem du gerade dieses Thema in allen Facetten deines gelehrten und politischen Lebens zu deiner Hauptaufgabe gemacht hast.<\/p>\n<p>Oskar Negt, dein politischer Weggef&auml;hrte und Freund, hat &uuml;ber diese Motive des Erinnerns und Aufarbeitens als bestimmende Faktoren f&uuml;r dein Leben und Werk in der Kritischen Justiz (KJ), die du mit Fritz Bauer, Jan Gehlen und anderen gegr&uuml;ndet hast und deren Redaktion du heute noch angeh&ouml;rst, berichtet. Negt schreibt, dass du dein wissenschaftliches und politisches Leben den Opfern der Geschichte in einer Weise gewidmet hast, und ich zitiere ihn, &#8222;wie das nur selten in der akademischen Welt anzutreffen ist&#8220;. In der Geschichtsschreibung beispielsweise &#8211; dies lie&szlig;e sich aus Sicht der historischen Wissenschaft hier anf&uuml;gen &#8211; sind es vor allem die j&uuml;dischen Historiker, die unser historisches Narrativ, das noch immer von der Sicht der T&auml;ter bestimmt ist, um die Erfahrung der Opfer und &Uuml;berlebenden erg&auml;nzen und erweitern. Es sind die Historiker j&uuml;discher Herkunft oder ein Jurist wie Fritz Bauer, die &uuml;ber die Gegenwart der Vergangenheit in der eigenen Geschichte reflektieren. Sie sehen das eigene Werk als Teil einer historischen oder gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die bedeutenden autobiographischen Werke von Fritz Stern, Saul Friedl&auml;nder, George L. Moses, Peter Gay und anderen. Auch du hast diese emanzipatorischen j&uuml;dischen Wurzeln und auch deshalb hat die ber&uuml;hrende W&uuml;rdigung Oskar Negts zu deinem 70. Geburtstag mich zu neuem Nachdenken &uuml;ber dein Werk, lieber Joachim, angeregt, insbesondere &uuml;ber die Frage nach dem Sinn des Opfers. Die enge Verkn&uuml;pfung von Sinn und Opfer, schreibt Oskar Negt, die er in deinen juristischen und politikwissenschaftlichen Schriften wahrnehme, k&ouml;nne nur gelingen, ich zitiere ihn, wenn die Gesellschaftsanalysen mit einem Schuss religi&ouml;sen Bewusstsein versetzt seien. Tats&auml;chlich steht &auml;hnlich wie bei Fritz Bauer, der ein &Uuml;berlebender ist, die Frage nach dem Sinn des Opfers im Zentrum deines Forschens und Lehrens sowie deines politischen Lebens. Negt schreibt auch, Joachim Perels, ich zitiere noch einmal, ist kein &#8222;Davongekommener&#8220;, kein &Uuml;berlebender im Sinne Giordanos. Er ist 1942 geboren, ein Kriegskind mit allen Schreckenserfahrungen damaliger Kindheit.<\/p>\n<p>Zur&uuml;ckblickend auf unsere gemeinsame wissenschaftliche Arbeit und die gemeinsamen Erlebnisse und damit verbundenen Erfahrungen hat dies f&uuml;r mich die Frage aufkommen lassen: Wer ist eigentlich Opfer und &Uuml;berlebender? Wir nennen sie ja meist zurecht in einem Atemzug &#8222;Opfer und &Uuml;berlebende&#8220;. Geh&ouml;rt das Kind eines Opfers des 20. Juli 1944 wirklich nicht zu den &#8222;Davongekommenen&#8220; im Sinne Giordanos, sondern zur Gemeinschaft der sogenannten Kriegskinder? Was ja auch eine generationsbedingte Zuschreibung ist, die erst in j&uuml;ngerer Zeit aufkam. Warum ist das &uuml;berhaupt so eine wichtige Frage? Weil die mit Nachdruck eingeforderte geschichtliche Erinnerung an die Opfer und &Uuml;berlebenden, auf deren Seite du, Joachim, stehst, auff&auml;llig ist in dem Sinne, dass der Grundton der Verwundung und der Empathie, der aus deinen Schriften spricht, sonst nur, wie Oskar Negt schreibt, aus einem Schuldgef&uuml;hl derer entsteht, die die H&ouml;lle &#8211; also Auschwitz &#8211; &uuml;berlebt haben.<\/p>\n<p>Ich stelle diese Fragen auch, weil mir unverst&auml;ndlich geblieben ist, warum die Opfer und &Uuml;berlebenden sich gegen&uuml;ber den Ermordeten eigentlich schuldig f&uuml;hlen sollten. Ich denke vielmehr, ihnen wurde nicht selten ein Schuldkomplex und schlechtes Gewissen unterstellt; das sogenannte &#8222;&Uuml;berlebendensyndrom&#8220;, das aus ihrem eigenen &Uuml;berleben resultieren sollte. Der Wunsch der &Uuml;berlebenden Zeugnis abzulegen, wurde vielfach psycho-pathologisch gedeutet, weil sie darauf bestanden, sich der Ermordeten in ihrem Leiden und Sterben zu erinnern. Die Wissenschaft erfand hierf&uuml;r den sogenannten &#8222;&Uuml;berlebendenkomplex&#8220; und fl&uuml;chtete sich in einen Begriffshimmel; gelobt wurden die trotzdem erkennbaren, beeindruckenden Bew&auml;ltigungsstrategien und auch die enormen Integrationsleistungen der &Uuml;berlebenden. Man k&ouml;nnte auch deutlicher formulieren und sagen: Was f&uuml;r eine Infamie! Hier werden Opfer noch nachtr&auml;glich zu S&uuml;ndenb&ouml;cken gemacht und dann nachtr&auml;glich auch noch in diesem Sinne bemitleidet. Ihnen wird bescheinigt, sich letztlich doch wieder gut eingef&uuml;gt und sich an die vorherrschende Meinung angepasst zu haben.<\/p>\n<p>Denn schlie&szlig;lich war es ja umgekehrt und die Wirklichkeit der &Uuml;berlebenden wurde von uns verdr&auml;ngt. Wir haben ihnen einen Komplex, eine Art schlechtes Gewissen unterstellt, weil dies den eigenen Wunschvorstellungen entgegenkam und uns das Leben leichter machte. Denn es gab und gibt ja keinen Grund f&uuml;r ein schlechtes Gewissen und Schuldgef&uuml;hle auf Seiten der Opfer, weil sie das Unrechtssystem der Nazis &uuml;berlebt haben. Davongekommen zu sein, wie es Giordano nennt, bedeutet ja schlie&szlig;lich, dabei gewesen zu sein. Und als Opfer &uuml;berlebt zu haben, als das Gewaltsystem der Nationalsozialisten, als Auschwitz Wirklichkeit wurde, hei&szlig;t Widerstand geleistet zu haben mit dem nackten Leben, das eben nicht blo&szlig; Leben ist, sondern das Kostbarste, was es gibt. Was wir den &Uuml;berlebenden nicht zugestehen und nicht eingestehen wollten &#8211; vielleicht manche sich noch immer nicht eingestehen k&ouml;nnen oder wollen &#8211; ist das peinliche Schamgef&uuml;hl und der eigene uneingestandene Schmerz, n&auml;mlich erlebt zu haben und f&uuml;r alle Zukunft zu wissen, was wir Menschen unseren Mitmenschen antun. Der Psychoanalytiker Arno Gr&uuml;n, 1923 in Berlin geboren, 1936 &uuml;ber Polen und D&auml;nemark in die USA emigriert, heute in der Schweiz lebend, hat in seinen Forschungen &uuml;ber die menschliche Destruktivit&auml;t die Unf&auml;higkeit, sich mit der Sinnlosigkeit des Schmerzes auseinanderzusetzen, als Teil der Bewusstseinsspaltung unserer Natur erkl&auml;rt, die Schmerz ignoriert und verleugnet.<\/p>\n<p>Auch Fritz Bauer sp&uuml;rte dies und er formulierte 1966 hinsichtlich der Nazi-T&auml;ter, dass es in den NS-Prozessen, in denen es an belastenden Dokumenten und Zeugen nicht gefehlt hat und ein Gest&auml;ndnis ihre prozessuale Situation nicht erschwert, sondern eher erweitert h&auml;tte, h&auml;ufig an jedem Respekt vor den &uuml;berlebenden Opfern der Grausamkeiten fehlte. In der juristischen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen nach 1945 kam diese Leugnung der eigenen Beteiligung und Mitwirkung an den Gr&auml;ueltaten, aber auch die Abwehr des Mitwissens, in der sogenannten Gehilfenrechtsprechung und einer &Uuml;berdehnung der subjektiven Teilnahmelehre zum Ausdruck, die die willigen Vollstrecker des Naziregimes in harmlose Gehilfen eines ihnen angeblich fremden Geschehens verwandelte. Als w&auml;ren sie nicht wirklich dabei gewesen und als lie&szlig;e sich im Namen des Unrechts Recht sprechen. Auf intellektueller Ebene nehmen wir den Schmerz wahr, doch, so formulierte es Arno Gr&uuml;n: &#8222;Wir begegnen dem Zeugnis des &Uuml;berlebenden mit Lippenbekenntnissen. Zugleich verkennen wir den Schmerz, indem wir ihn als neurotisch abtun.&#8220; Eine Abwehr oder ein Selbstschutzmechanismus, der auch in der von Saul Friedl&auml;nder zurecht kritisierten Behauptung einer &#8222;mythischen Erinnerung der &Uuml;berlebenden&#8220; zum Ausdruck kommt, die angeblich, ich zitiere Friedl&auml;nder, &#8222;einer rationalen deutschen Geschichtsschreibung ein Hindernis in den Weg legen.&#8220; Darin kommt zwar eine Hochachtung gegen&uuml;ber den &Uuml;berlebenden zum Ausdruck, sie dient jedoch mehr einem abstrakten Prinzip und negiert unser Leben auf Erden zugunsten eines anderen, h&ouml;heren Lebens, das woanders stattfindet. Doch Auschwitz und die Morde nach dem 20. Juli 1944 fanden ja nicht in der H&ouml;lle statt, sondern hier auf der Erde, ausgel&ouml;st und durchgef&uuml;hrt von uns Menschen.<\/p>\n<p>Was ich mit diesen &Uuml;berlegungen zum Ausdruck bringen m&ouml;chte und mich in unserer langj&auml;hrigen Zusammenarbeit am meisten bewegt hat, lieber Joachim, ist die Tatsache, dass du dich auch hier wieder, wie Fritz Bauer es getan hat, immer als Teil dieser unserer Gemeinschaft gesehen hast, in der Auschwitz m&ouml;glich wurde und dies obwohl dein Vater von den Nazis ermordet wurde. F&uuml;r mich hast du gerade deshalb immer zu den &Uuml;berlebenden geh&ouml;rt, an Ihrer Seite gestanden. Warum sonst diese Zur&uuml;ckhaltung in der Preisgabe deiner eigenen Geschichte? Ich habe oft erlebt, wie du dich bem&uuml;htest, uns nicht die Dramatik und den Schmerz der in fr&uuml;hester Kindheit erlebten Verluste, mit allen ihren Folgen f&uuml;r dich und deine Familie, sp&uuml;ren zu lassen. Viel zu oft bekamst du das schlechte Gewissen derer zu sp&uuml;ren, die mit Abwehr und Wut auf deine Geschichte reagierten. Wir haben nicht oft dar&uuml;ber gesprochen, doch dass mit diesen Erlebnissen immer wieder Zerrei&szlig;proben verbunden sind, l&auml;sst sich nachempfinden. Ich selber habe eine davon miterlebt, und ich gestehe, es ist mir erst in j&uuml;ngerer Zeit bewusst geworden, dass ich dir, als es um Fritz Bauers Biographie und dann vor allem um den Auschwitz-Prozess ging, auch zugestimmt habe, ja, sogar versucht habe dich darin zu best&auml;rken, die eigene Geschichte nicht preiszugeben und oder zur Sprache zu bringen, wenn es um unser Thema, den Auschwitz-Prozess, ging. Warum konnte ich mir nicht eingestehen, wie sinnlos das ist, weil es ja genau dieses Entsorgen unserer Geschichte ist, gegen das du ank&auml;mpfst? In den Auseinandersetzungen um das Auschwitz-Urteil und die 2004 realisierte Ausstellung &uuml;ber den Auschwitz-Prozess kamen immer wieder unsere Unf&auml;higkeit und unsere Ablehnung zum Ausdruck, die Geschichte mit den Augen der Anderen, der Opfer und &Uuml;berlebenden, zu betrachten. Dabei konnte jeder sehen, was diese Ablehnung, die dir damals entgegenschlug, bei dir ausl&ouml;ste.<\/p>\n<p>Lieber Joachim, lass mich das an dieser Stelle sagen: Was ich damals empfand, war bestimmt Mitgef&uuml;hl. Aber es gab eben auch mein Versagen gegen&uuml;ber der Zumutung des eigenen Schmerzes, indem ich dich darin zu best&auml;rken versuchte, deine eigene Geschichte in diesem Zusammenhang m&ouml;glichst nicht zu erw&auml;hnen. Die einzig aufrichtige, richtige Haltung w&auml;re gewesen, zu deiner Geschichte zu stehen, sie notwendigerweise immer wieder neu aufzugreifen, weil darin unsere politische und mitmenschliche Verantwortung besteht. Denn deine Geschichte &#8211; so sehe ich es &#8211; ist unsere Geschichte.<\/p>\n<p>Lieber Joachim, mit diesen pers&ouml;nlichen Bemerkungen m&ouml;chte ich zum Schluss kommen. Die Vergangenheit ist lebendig! Es sind die Minderheitspositionen und erzwungenen Au&szlig;enseiterrollen, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten, ja m&uuml;ssen, wenn wir die eigene Geschichte verstehen wollen. Es geht darum, Geschichte zu erleben und sie immer auch mit den Augen der Anderen zu sehen, was weniger eine historische Aufgabe, sondern vielmehr eine Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe ist. Wichtiger noch als das Erkennen der eigenen Opferrollen ist der eingangs erw&auml;hnte, wom&ouml;glich unerf&uuml;llbare Aufruf Fritz Bauers zu einer wahrhaft humanen Rechtsordnung. Vielleicht dringender noch als 1963, als ein &Uuml;berlebender wie Fritz Bauer uns in einer Gedenkrede f&uuml;r das j&uuml;dische M&auml;dchen Anne Frank aufforderte, unsere Geschichte auch mit den Augen der unschuldigen Opfer und der Kinder zu sehen, m&uuml;ssen wir heute die Zeit vor und nach 1945 erforschen und nach der Welt- und Lebenssicht der Anderen fragen. Wir sollten endlich lernen, uns auf eine Begegnung mit dem Fremden einzulassen. Erlebte Geschichte neu zu durchdenken und die eigenen Vorurteilsstrukturen aufzubrechen bedeutet, den Verlust und den Schmerz anzuerkennen und sich nicht l&auml;nger hinter gewiss peinlich empfundener Scham zu verstecken. Es w&auml;re dies die Anerkennung und der notwendige Respekt vor dem &#8222;Nie wieder!&#8220; der Opfer und &Uuml;berlebenden. Und gerade von uns Deutschen w&auml;re dies das Bekenntnis zu einer ver&auml;nderten, erwachsen gewordenen Welt.<\/p>\n<p>Lieber Joachim, lass mich damit schlie&szlig;en: Du hast in einer Aufsatzsammlung &uuml;ber die Konfliktlinien im Umgang mit dem Hitlerregime, die du unter dem Titel &#8222;Entsorgung der NS-Herrschaft&#8220; ver&ouml;ffentlicht und die du dem Juristen Fritz Bauer nicht aus Ordnungs-, sondern aus Freiheitssinn gewidmet hast, seine Worte zitiert und gesagt: &#8222;Wir k&ouml;nnen aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur H&ouml;lle wird.&#8220; Dein wissenschaftliches wie politisches Leben, das du wie Fritz Bauer der Aufarbeitung der Staatsverbrechen des NS-Regimes gewidmet hast, ist die notwendige positive Kehrseite und das positive Tun im Sinne des Juristen aus Freiheitssinn, das dich f&uuml;r den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union so sehr auszeichnet. Es ist dein Lebenswerk, das historisch und ebenso politisch das Widerstandsrecht, aber auch die Widerstandspflicht eines jeden vergegenw&auml;rtigt. F&uuml;r dieses Werk danken wir dir. Wir haben dir, Fritz Bauer und allen &Uuml;berlebenden weit mehr zu verdanken, als dies bisher wohl den meisten Menschen bewusst ist.<\/p>\n<p>Sie k&ouml;nnen die Laudatio von Frau Wojak hier auch nachh&ouml;ren (Dauer: ca. 23&nbsp;Minuten):<\/p>\n","protected":false},"featured_media":5555,"template":"","categories":[2634],"tags":[751,850],"autoren":[2744],"class_list":["post-14252","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-veranstaltungsberichte-audio","tag-verband-fritz-bauer-preis","autoren-irmtrud-wojak"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Laudatio f\u00fcr Joachim Perels anl\u00e4sslich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises durch die Humanistische Union am 22. 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