{"id":14349,"date":"2009-10-28T22:00:00","date_gmt":"2009-10-28T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/handys-sind-wie-elektronische-fussfesseln\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:52","slug":"handys-sind-wie-elektronische-fussfesseln","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2009\/handys-sind-wie-elektronische-fussfesseln\/","title":{"rendered":"&#8222;Handys sind wie Elektronische Fu\u00dffesseln&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Burckhard Nedden referierte in Marburg &uuml;ber Datenschutz. Bericht von einer Informationsveranstaltung am 28. Oktober in Marburg<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5974 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01-600x268.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01-600x268.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01-768x343.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01-800x357.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01-450x201.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Nedden2009-10-27bw_01.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>&#8222;Handys sind wie Elektronische Fu&szlig;fesseln.&#8220; Seinen &uuml;berspitzt erscheinenden Vergleich begr&uuml;ndete Burckhard Nedden am Dienstag (28. Oktober) im H&ouml;rsaalgeb&auml;ude der Philipps-Universit&auml;t. Eingeladen zu seinem Vortrag unter dem Titel &#8222;Ich habe doch nichts zu verbergen, oder?&#8220; hatten den ehemaligen nieders&auml;chsischen Landesbeauftragten f&uuml;r Datenschutz die Humanistische Union (HU) und das <a href=\"http:\/\/www.uni-marburg.de\/konfliktforschung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zentrum f&uuml;r Konfliktforschung<\/a> (ZfK) der Philipps-Universit&auml;t.<\/p>\n<p>Anhand allt&auml;glicher Verrichtungen skizzierte Nedden die vielf&auml;ltigen Vorg&auml;nge, bei denen Daten &uuml;ber die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger erhoben werden. Wer beispielsweise telefoniert, der hinterl&auml;sst damit eine Datenspur, die die Ermittlungsbeh&ouml;rden mindestens sechs Monate lang nachvollziehen k&ouml;nnen. Denn durch die gesetzlich vorgeschriebene Vorratsdatenspeicherung ist jeder Telefon-Anbieter verpflichtet, alle Verbindungsdaten mindestens sechs Monate lang aufzuheben.<\/p>\n<p>Zwar hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) mit einer Einstweiligen Anordnung den Zugriff auf diese Daten stark eingeschr&auml;nkt, doch steht das endg&uuml;ltige Urteil dazu noch aus. Aufgehoben werden m&uuml;ssen die Daten so lange jedenfalls. &#8222;Wir Datensch&uuml;tzer haben ernste Bedenken bei jeder gro&szlig;en Datensammlung, die irgendwo besteht&#8220;, erkl&auml;rte Nedden. Denn nach allgemeiner Erfahrung sei es nur eine Frage der Zeit, bis sie gehackt wird oder Informationen daraus anderswo auftauchen.<\/p>\n<p>Neben dem Telefonieren im Festnetz, wo nur die Rufnummer des Anrufers, die Nummer des Angerufenen und die Zeit und Dauer des Gespr&auml;chs aufgezeichnet werden, komme beim Mobiltelefon auch noch der Standort hinzu. Da sich jeder Handy-Nutzer mit seinem eingeschalteten Ger&auml;t von einer Sende-Funkzelle zur n&auml;chsten bewege und dort automatisch angemeldet oder weitergereicht werde, entstehe so ein engmaschiges Bewegungsprofil der Nutzer von Mobiltelefonen. Schlie&szlig;lich umfasse die Vorratsdatenspeicherung auch alle Verbindungsdaten im Internet sowie Informationen &uuml;ber verschickte e-Mails. Hier werden die E-Mail-Adressen und die sogenannten IP-Adressen des Versenders und des Empf&auml;ngers sowie die Zeit der Verschickung aufgehoben. F&uuml;r die Provider bringe die gesetzliche Verpflichtung zur Speicherung dieser Daten gewaltige technische und damit letztlich auch wirtschaftliche Probleme mit sich. Schlie&szlig;lich m&uuml;ssten diese Daten nicht nur sicher verwahrt und vor unberechtigtem Zugriff gesch&uuml;tzt werden, sondern im Bedarfsfall auch umgehend verf&uuml;gbar sein.<\/p>\n<p>Auf eine Frage aus dem Publikum, wie sicher solche Daten bei kommerziellen Providern sind, &auml;u&szlig;erte Nedden nochmals die Furcht vor einem Daten-Diebstahl. Allerdings glaube er nicht, dass Provider selbst nachl&auml;ssig mit diesen Daten umgingen, weil sie damit ihr Gesch&auml;ft massiv gef&auml;hrdeten. Schlie&szlig;lich sei es ihr wesentliches Gesch&auml;ftsinteresse, einen sicheren Informationsaustausch zu gew&auml;hrleisten.<\/p>\n<p>Allerdings warnte Nedden vor der schier grenzenlosen Daten-Sammelwut der Privatwirtschaft. Preisausschreiben oder auch die meisten Kundenkarten dienten nur dazu, Informationen &uuml;ber m&ouml;gliche Konsumenten zu gewinnen. Diese Informationen werden h&auml;ufig auch an andere Interessenten weiterverkauft. &#8222;F&uuml;r einen Weinhandel ist es von Interesse, dass Sie gerne Wein trinken&#8220;, erl&auml;uterte der Datensch&uuml;tzer. F&uuml;r eine solche Firma sei es viel erfolgversprechender, ihre Werbung nur an Leute zu richten, die sie schon als m&ouml;gliche K&auml;ufer einsch&auml;tzt. Eine solche Information werde deswegen durchaus mit bis zu f&uuml;nf Euro bezahlt.<\/p>\n<p>Problematisch sei vor Allem die Anh&auml;ufung solcher Kenntnisse. Sie erm&ouml;gliche es der Wirtschaft, ein umfassendes Bild &uuml;ber einen Menschen und sein Kaufverhalten zu gewinnen. In diesem Zusammenhang nannte Nedden die Suchmaschine Google, die detaillierte Profile aller Such-Anfragen speichere. Man selbst k&ouml;nne Daten seiner vorherigen Anfragen einsehen und sogar l&ouml;schen, doch vernichte man damit nicht zugleich auch die Speicherung bei Google.<\/p>\n<p>Bei einem Einkauf hinterl&auml;sst der Kunde vor allem dann Datenspuren, wenn er mit Scheck-, Kredit- oder Kundenkarte bezahlt. Problematisch werde das in Verbindung mit dem Einsatz sogenannter RFID-Chips. Dabei handelt es sich um winzige Chips, die an die Ware geklebt sind. Mit Funksignalen &uuml;bermitteln sie die auf ihnen abgespeicherten Informationen ber&uuml;hrungslos an entsprechende Leseger&auml;te. War der Strichcode auf Waren fr&uuml;her nur einzelnen Warengruppen wie Tomatensuppe einer bestimmten Marke zugeordnet, so erh&auml;lt jeder einzelne RFID-Chip eine eigene Nummer. Bezahle man Schuhe mit einer Kredit- oder Kundenkarte, so k&ouml;nne man mit Hilfe der RFID-Technik hinterher ein Bewegungsprofil des betreffenden K&auml;ufers erstellen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die Video-&Uuml;berwachung. Nicht nur auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen oder in U-Bahnstationen wird fl&auml;chendeckend gefilmt, sondern h&auml;ufig auch in Gesch&auml;ften, Diskotheken oder Hotels. Mitunter werden derartige Bilder auch&nbsp;durch Webcams &uuml;bertragen. Im Internet kann dann jeder sehen, wer sich gerade vor der Kamera vorbeibewegt. Nicht alle Bilder aus &Uuml;berwachungskameras werden auch gespeichert. Doch wo das geschieht, da bestehe auch die Gefahr eines Missbrauchs, meinte Nedden. Ohnehin gaukelten die Kameras nur eine zweifelhafte Sicherheit vor. In Hannover h&auml;tten Fahrg&auml;ste schon tatenlos bei Vorkommnissen zugeschaut, weil sie wegen der &Uuml;berwachungskameras eine umgehende Intervention der Zust&auml;ndigen erwartet h&auml;tten. Dieses Eingreifen sei aber nicht erfolgt. In Gro&szlig;britannien sei die mehrere Millionen starke Zahl der &Uuml;berwachungskameras inzwischen schon so gro&szlig;, dass nicht mehr genug Personal vorhanden sei, alle Bilder auszuwerten. Deswegen gebe es dort mittlerweile auch Privatpersonen, die Bilder der &Uuml;berwachungskameras von zu Hause aus beobachten und besondere Vorkommnisse melden. F&uuml;r jeden &#8222;Erfolg&#8220; bek&auml;men sie Punkte. Dieses Vorgehen brandmarkte Nedden als Installierung des &#8222;Elektronischen Blockwarts&#8220;.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem sei das sogenannte &#8222;Scoring&#8220;, erkl&auml;rte Nedden. Bei Eink&auml;ufen im Internet, aber auch beim Er&ouml;ffnen eines Bankkontos oder der Beantragung eines Kredits w&uuml;rden h&auml;ufig Anfragen an sogenannte &#8222;Scoring-Agenturen&#8220; gestellt. Sie bewerten den jeweiligen Kunden anhand von durchaus zweifelhaften Daten&nbsp;wie beispielsweise der Zuordnung seiner Adresse zu einem eher gutb&uuml;rgerlichen oder eher randst&auml;ndigen Wohngebiet. In aller Regel erfahre der Kunde von dieser Pr&uuml;fung nichts. Zudem fehle jegliche Transparenz, welche Kriterien f&uuml;r die Zusage oder Ablehnung eines Kredits, eines Gesch&auml;fts oder f&uuml;r die Verweigerung der Bezahlung auf Rechnung ausschlaggebend waren. Agenturen wie die SchuFa r&uuml;hmten sich selbst mit der gigantischen Zahl von 440 Millionen Datens&auml;tzen &uuml;ber 65 Millionen B&uuml;rger. Die Firma &#8222;SchoWa&#8220; Schober beispielsweise werbe damit, dass sie &uuml;ber jedes Geb&auml;ude in Deutschland Aussagen treffen k&ouml;nne.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem sieht Nedden in der sogenannten &#8222;Steuer-ID&#8220;, die jedem Bundesb&uuml;rger inzwischen zugeordnet wird. Eine Teilnehmerin berichtete, dass auch ihre Krankenkasse von ihr diese Nummer angefordert hatte und damit gedroht habe, dass sie ihre Beitr&auml;ge sonst nicht steuerlich absetzen k&ouml;nne. Nedden nannte diese Nummer ein &#8222;Pers&ouml;nlichkeitskennzeichen&#8220;, wie es bisher aus verfassungsrechtlichen Gr&uuml;nden abgelehnt wurde. Doch entfalte der Staat mit steigenden technischen M&ouml;glichkeiten einer Speicherung auch eine immer gr&ouml;&szlig;ere Sammelwut.<\/p>\n<p>Ohnehin betrachtet der Datensch&uuml;tzer die Begr&uuml;ndung staatlicher Datensammlungen mit der Gefahr terroristischer Anschl&auml;ge als nicht stichhaltig. Viele der damit begr&uuml;ndeten Ma&szlig;nahmen k&ouml;nnten intelligente T&auml;ter relativ leicht umgehen. Aber auch der B&uuml;rger sollte sich nach Neddens Auffassung vor allzu freigebiger &Uuml;bermittlung pers&ouml;nlicher Daten sch&uuml;tzen. Man sollte in der Regel nicht an Preisausschreiben oder Umfragen teilnehmen, riet der Datensch&uuml;tzer. Wenn man &uuml;berhaupt Kundenkarten akzeptieren wolle, sollte man sich vor einem Antrag die entsprechenden Gesch&auml;ftsbedingungen genau durchlesen. Auch den Vorschlag aus dem Publikum, Handys untereinander auszutauschen, hielt Nedden f&uuml;r sinnvoll. Schlie&szlig;lich gebe es keine Bestimmung, die den K&auml;ufer zur Eigen-Nutzung des Mobiltelefons verpflichte. Besonders vorsichtig solle man mit sogenannten &#8222;Sozialen Netzwerken&#8220; im Internet wie Facebook oder studivz umgehen. Hier f&auml;nden Arbeitgeber h&auml;ufig komprommittierende Fotos von Bewerbern, die sie dann als Grund gegen eine Anstellung des Betreffenden bewerteten. &#8222;Ins Internet sollte man nur Informationen einstellen, die auch der schlimmste Feind wissen darf&#8220;, riet Nedden. Nur so sei man hinterher vor unangenehmen &Uuml;berraschungen gefeit.<\/p>\n<p>Eine kritische Bewertung der Situation stand am Ende der gut zweist&uuml;ndigen Veranstaltung. Einige Anwesende &auml;u&szlig;erten starke Zweifel, dass der Datenschutz &uuml;berhaupt noch ernst genommen werde. Sie vermuteten, dass Firmen und Beh&ouml;rden die Gesetze nicht immer respektieren. Solche Vorkommnisse betrachtete Nedden aufgrund seiner beruflichen Erfahrung aber als Einzelf&auml;lle. Notwendig sei allerdings, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger den Schutz ihrer eigenen Daten ernst nehmen und auch einen entsprechenden Druck auf die Politik entfalten.<\/p>\n<p>Sie k&ouml;nnen den Vortrag von Burckhard Nedden hier nachh&ouml;ren:<\/p>\n<div>\n\t\t<!--[if !IE]&gt; &lt;--><!--&gt; &lt;![endif]--><br \/><a class=\"tx_timtab_embeddedvideo-link\" title=\"Video\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/nedden1.mp3\">Video DirektTeil1<\/a>\n\t<\/div>\n<div>\n\t\t<!--[if !IE]&gt; &lt;--><!--&gt; &lt;![endif]--><br \/><a class=\"tx_timtab_embeddedvideo-link\" title=\"Video\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/nedden2.mp3\">Video DirektTeil2<\/a>\n\t<\/div>\n<div>\n\t\t<!--[if !IE]&gt; &lt;--><!--&gt; &lt;![endif]--><br \/><a class=\"tx_timtab_embeddedvideo-link\" title=\"Video\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/nedden3.mp3\">Video DirektTeil3<\/a>\n\t<\/div>\n","protected":false},"featured_media":5974,"template":"","categories":[2634],"tags":[799,751],"autoren":[135],"class_list":["post-14349","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-marburg-artikel","tag-veranstaltungsberichte-audio","autoren-franz-josef-hanke"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Handys sind wie Elektronische Fu\u00dffesseln&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2009\/handys-sind-wie-elektronische-fussfesseln\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Handys sind wie Elektronische Fu\u00dffesseln&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Burckhard Nedden referierte in Marburg &uuml;ber Datenschutz. 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