{"id":14373,"date":"2008-11-10T12:39:00","date_gmt":"2008-11-10T11:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/wahn-oder-trug-kahl-und-schauer-diskutierten-ueber-dawkins\/"},"modified":"2008-11-10T12:00:00","modified_gmt":"2008-11-10T11:00:00","slug":"wahn-oder-trug-kahl-und-schauer-diskutierten-ueber-dawkins","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2008\/wahn-oder-trug-kahl-und-schauer-diskutierten-ueber-dawkins\/","title":{"rendered":"Wahn oder Trug? Kahl und Schauer diskutierten \u00fcber Dawkins"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Das ist plumper Krawall-Atheismus.&#8220; In diesem Satz fasste Dr. Dr. Joachim Kahl seine Kritik an Richard Dawkins zusammen. Prof. Dr. Hans Schauer hingegen h\u00e4lt den britischen Biologen und Religionskritiker f\u00fcr &#8222;redlich&#8220; und &#8222;straight forward&#8220;.<\/p>\n<p>Auf Einladung der Humanistischen Union (HU) setzten sich die beiden s\u00e4kularen Humanisten aus Marburg am Dienstag (28. Oktober) bei einemStreitgespr\u00e4ch im Stadtverordneten-Sitzungssaal mit dem &#8222;internationalenBestseller der Religionskritik&#8220; auseinander Gut 40 Interessierte beteiligten sich zum Teil sehr lebhaft an der Debatte \u00fcber Dawkins Buch.<\/p>\n<p>Schon im Titel sieht Kahl eine ungerechtfertigte Herabw\u00fcrdigung religi\u00f6ser Mitmenschen. Zwar gebe es durchaus religi\u00f6s gepr\u00e4gte Wahnvorstellungen, doch d\u00fcrfe man nicht allein schon die Religiosit\u00e4t eines Menschen als Wahn bezeichnen. Schlie\u00dflich sei gerade auch Toleranz eine wesentliche Errungenschaft der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Im Quellen- und Autorenverzeichnis vermisst Kahl Namen bedeutender Religionskritiker wie Epikur, Ludwig Feuerbach oder Sigmund Freud. Ebenso fehle Gotthold Ephraim Lessing und ein Verweis auf dessen &#8222;Ring-Parabel&#8220;. Dawkins erhebe zwar den Anspruch einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Religion, liefere aber nur ein oberfl\u00e4chliches und auf weite Strecken durch Eitelkeit und Schwatzhaftigkeit gepr\u00e4gtes Pamphlet ab.<\/p>\n<p>Sich selbst bezeichnete Kahl als s\u00e4kularen Atheisten. Den von Dawkins verk\u00fcndeten &#8222;atheistischen Stolz&#8220; k\u00f6nne er jedoch nicht empfinden, da Atheismus eher eine Hypothese als eine letzte Gewissheit sei, erl\u00e4uterte der promovierte Philosoph und Theologe. Keinesfalls wolle er- wie Dawkins &#8211; jemandem zum Atheismus &#8222;bekehren&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Kritik wiederum kritisierte Schauer heftig. Schon die \u00dcbersetzung des Titels aus dem Englischen h\u00e4lt der pensionierte Psychologe f\u00fcr ungl\u00fccklich. &#8222;The God Delusion&#8220; \u00fcbersetze er selbst eher mit &#8222;Der Gottestrug&#8220; analog zum alten Kampfbegriff &#8222;Pfaffentrug&#8220;.<\/p>\n<p>Um das Buch zu verstehen, m\u00fcsse man sich zun\u00e4chst dem Autor zuwenden. Der 1946 im kenianischen Nairobi geborene Brite ist ein international renommierter Evolutionsbiologe. Die von ihm erkannten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der biologischen Evolution von Genen und genetischen Eigenschaften habe er auf geistige Konstrukte und Ideen \u00fcbertragen. Auch sie verbreiteten sich nach bestimmten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Auch hier gebe es &#8222;n\u00fctzliche&#8220; und &#8222;sch\u00e4dliche&#8220; Vorstellungen.<\/p>\n<p>Die gef\u00e4hrlichste Eigenschaft vieler Religionen sei ihr <br \/>Alleinvertretungsanspruch. Das &#8222;Erste Verbot&#8220; in der Bibel beispielsweise fordert: &#8222;Du sollst keine fremden G\u00f6tter neben mir haben!&#8220;<\/p>\n<p>Diese Forderung stachele zum Hass gegen andere Religionen und ihre Anh\u00e4nger an, stellte Schauer fest. Dagegen habe sich Dawkins mit seinem Buch gewandt. Ausdr\u00fccklich wende sich der Autor aber nicht gegen religi\u00f6se Menschen und ihr Recht auf Religionsfreiheit.<\/p>\n<p>Kahl sei zudem der feinsinnige Humor des Buches und die Selbstironie seines Autors entgangen, bedauerte Schauer. Dawkins habe mit seinem Werk eine Schrift vorgelegt, die seine Religionskritik auf ihre wichtigsten Str\u00e4nge zuspitze. Damit wolle er der \u00dcbermacht religi\u00f6ser Pr\u00e4gungen in der Gesellschaft ein selbstbewusstes Auftreten religionskritscher Positionen entgegensetzen.<\/p>\n<p>Kahls Kritik verglich Schauer mit ideologischen Auseinandersetzungen unter &#8222;Linken&#8220;: Geringste Unterschiede w\u00fcrden unter Menschen \u00e4hnlicher Grundposition oft wesentlich deutlicher herausgearbeitet als die riesigen Differenzen zu Personen mit vollkommen anderen Vorstellungen.<\/p>\n<p>Kahl wiederum wollte Schauers Aussage nicht gelten lassen, dass Dawkins &#8222;redlich&#8220; argumentiere. Er bezeichnete es als unredlich, dass der Autor ausgerechnet Albert Einstein als angeblich atheistischen Kronzeugen missbrauche. Dabei sei Einstein Spinozist und s\u00e4kularer Polytheist gewesen.<\/p>\n<p>Kahl berichtete, Dawkins habe sich den &#8222;Brightes&#8220; angeschlossen. Schon die Selbstbetitelung als &#8222;erleuchtete&#8220; betrachte er als arrogant. Schauer hingegen \u00fcbersetzte diesen Nahmen einfach mit &#8222;helle&#8220;.<\/p>\n<p>Ein Besucher der Veranstaltung erkl\u00e4rte, f\u00fcr ihn habe das Buch vor allem den Charakter einer Erleichterung gehabt. Endlich habe dort jemand all das aufgeschrieben, was f\u00fcr ihn selbst schon lange selbstverst\u00e4ndlich gewesen sei, aber in der \u00d6ffentlichkeit mit einem Tabu belegt war.<\/p>\n<p>Andere Diskutanten erl\u00e4uterten Dawkins Positionen anhand neuerer<br \/>\u00c4u\u00dferungen des Autors auf seiner Homepage im Internet sowie eines abge\u00e4nderten Vorworts der neuesten Ausgabe seiner Schrift im englischen Original. Dawkins habe seine Aussagen bewusst zugespitzt, um damit m\u00f6glichst viele Menschen zu erreichen.<\/p>\n<p>Sich selbst bezeichne der Autor als &#8222;Agnostiker&#8220;. Die Existenz Gottes sei nur &#8222;mit ziemlich gro\u00dfer Sicherheit&#8220; anzuzweifeln.<\/p>\n<p>Einen Fragesteller beunruhigte die Vorstellung, dass mit einem R\u00fcckgang der klassischen Religionen verst\u00e4rkt neue Sekten aufkommen k\u00f6nnten. Schauer erwiderte, ihm sei &#8222;ein aufgekl\u00e4rtes Christentum lieber&#8220; als irgendwelche abstrusen Hirngespinste.<\/p>\n<p>In einem Punkt waren sich die beiden Referenten mit dem Autor einig: Auf Dauer werden s\u00e4kulare Ideen sich gegen religi\u00f6se Vorstellungen durchsetzen. Religionen sind auch immer Ausdruck eines gesellschaftlichen Umfelds, das ein Leben mit Gottesglauben vielen leichter erscheinen l\u00e4sst als ohne.<\/p>\n<p>Keiner der Anwesenden wollte gl\u00e4ubigen Menschen ihre \u00dcberzeugungen verbieten oder streitig machen. Umstritten war letztlich nur der Stil, wie Atheisten oder Agnostiker f\u00fcr ihre Vorstellungen eintreten sollten. Wichtig war dabei aber auch die Erkenntnis, dass es auch unter s\u00e4kular gepr\u00e4gten Menschen durchaus unterschiedliche Positionen gibt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2634],"tags":[695],"autoren":[135],"class_list":["post-14373","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-franz-josef-hanke"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wahn oder Trug? 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