{"id":14374,"date":"2008-10-30T17:37:00","date_gmt":"2008-10-30T16:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/gemischte-aussichten-auf-die-zukunft-der-buergerrechte\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:44","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:44","slug":"gemischte-aussichten-auf-die-zukunft-der-buergerrechte","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2008\/gemischte-aussichten-auf-die-zukunft-der-buergerrechte\/","title":{"rendered":"Gemischte Aussichten auf die Zukunft der B\u00fcrgerrechte"},"content":{"rendered":"<p>Die Herausgeber des Grundrechte-Reports reflektierten ihre eigene Arbeit auf einer gemeinsamen Tagung. Aus: Mitteilungen Nr. 202 S. 9-11<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4224 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01-600x193.jpg\" alt=\"Gemischte Aussichten auf die Zukunft der B&uuml;rgerrechte\" width=\"600\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01-600x193.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01-768x247.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01-800x258.jpg 800w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01-450x145.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/podium1a_01.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a>Heribert Prantl, Jutta Roitsch-Wittkowsky, Rosemarie Will und Reinhard Kreissl (v.l.n.r.) diskutierten zum Auftakt der Tagung am 23. Mai 2008 &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Staat und B&uuml;rger sowie Chancen der B&uuml;rgerrechtsbewegung.<\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">Heribert Prantl, Jutta Roitsch-Wittkowsky, Rosemarie Will und Reinhard Kreissl (v.l.n.r.) diskutierten zum Auftakt der Tagung am 23. Mai 2008 &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Staat und B&uuml;rger sowie Chancen der B&uuml;rgerrechtsbewegung.<\/p>\n<\/div>\n<p>Seit nunmehr elf Jahren legen deutsche B&uuml;rger- und Menschenrechtsorganisationen gemeinsam einen Grundrechte-Report vor. Die j&auml;hrlich erscheinenden Berichte liefern nicht nur ein Bild der Verfassungswirklichkeit, sondern auch eine Beschreibung der deutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung. In den Berichten werden verschiedene Schwerpunkte und Sichtweisen deutlich, die Spannbreite reicht von der Unterst&uuml;tzung des zivilen Protests, &uuml;ber die anwaltliche Vertretung betroffener B&uuml;rgerInnen und Musterklagen bis zur politischen Lobbyarbeit und der Beteiligung an Gesetzgebungsverfahren. Welche Bedeutung haben diese Methoden f&uuml;r die B&uuml;rgerrechtsarbeit, wie verhalten sie sich zueinander? <br \/>Um ihre eigene Arbeit zu reflektieren, haben sich in diesem Jahr die Herausgeber des Grundrechte-Reports zu einer gemeinsamen Veranstaltung entschlossen. <\/p>\n<p>Die Tagung am 23. und 24. Mai stand unter dem etwas provokanten Titel &#8222;Sicherheitsstaat am Ende&#8220;. Dieser zielte einerseits auf die zunehmenden sicherheitsstaatlichen &Uuml;berwachungsvorhaben, den Sicherheitsstaat in seiner schrittweisen Vollendung. Zugleich wollte die Tagung eine Bilanz der uneingel&ouml;sten Versprechen, der Schattenseiten des Sicherheitsdenkens bieten. Mehr als 200 Teilnehmer folgten der Einladung und diskutierten &uuml;ber die Ausw&uuml;chse der Sicherheitspolitik und die Zukunft der B&uuml;rgerrechte. Den Auftakt am Freitagabend bildeten Referate von Heribert Prantl und Reinhard Kreissl sowie eine erste Podiumsrunde. Am Samstag folgten Arbeitsgruppen mit zahlreichen Experten zu den verschiedenen Themenfeldern der B&uuml;rgerrechtsarbeit. Zum Abschluss widmete sich eine zweite Podiumsrunde den Perspektiven der B&uuml;rgerrechtsarbeit.<\/p>\n<p><b>Heribert Prantl: Recht sichert Freiheit<\/b><br \/>Mit einer n&uuml;chternen Bilanz der deutschen Verfassungswirklichkeit im Jahre 2008 er&ouml;ffnete Heribert Prantl seinen Vortrag &uuml;ber den &#8222;Staat und die B&uuml;rger(rechte). Zum Stand eines Verh&auml;ltnisses&#8220;: &#8222;Der Staat und viele seiner Organe, der Staat und ein Teil seiner Gewalten haben den Stolz&nbsp; auf die Grund- und auf die Freiheitsrechte verloren und an deren Stelle das Vorurteil gesetzt,&nbsp; man m&uuml;sse diese &#8211; die Grund- und Freiheitsrechte &#8211; um mehr Sicherheit willen kleiner machen. Und so kommt es, dass das grundrechtliche Fundament unseres Gemeinwesens, dass das sicher geglaubte, nicht mehr sicher ist.&#8220; Prantl machte neben jener &#8222;Politik der Angst&#8220; eine zweite Ursache f&uuml;r den Erosionsprozess der Grundrechte aus: den R&uuml;ckzug des Staates aus der sozialpolitischen Verantwortung. Die zunehmende Armut und soziale Verunsicherung, die Ausgrenzung zahlreicher Randgruppen und Benachteiligter zehre an der demokratischen Substanz unserer Gesellschaft, degradiere aufrechte B&uuml;rger zu Hartz IV-Empf&auml;ngern. Ein nachhaltiges Engagement f&uuml;r eine freie Gesellschaft setze voraus, dass sich B&uuml;rgerrechtsorganisationen auch der Gerechtigkeitsfragen annehmen. Wie das allerdings geschehen soll, lie&szlig; Heribert Prantl offen.<\/p>\n<p>Im Hauptteil seines Vortrags verfolgte er dann den rasanten Abbau rechtsstaatlicher Sicherheit. Die terroristischen Anschl&auml;ge des 11. September 2001 h&auml;tten dazu gef&uuml;hrt, dass westliche Staaten ihr klassisches Strafrecht vergiftet, einen unkontrollierbaren Sicherheitsapparat aufgebaut und zivilisatorische Hemmschwellen wie das Folterverbot &uuml;berschritten haben. Die moderne Sicherheitspolitik stehe in ihrem Irrationalismus der Hexenverfolgung des Mittelalters in nichts nach: &#8222;So gen&uuml;gte jahrhundertelang das blo&szlig;e Ger&uuml;cht, jemand sei mit dem Teufel im Bunde, um sie gefangen zu setzen, zum Gest&auml;ndnis zu zwingen und dann zu verbrennen. Heute gen&uuml;gt das&nbsp; Ger&uuml;cht, es sei jemand mit Bin Laden im Bunde, um Streubomben &uuml;ber ganzen Landstrichen abzuwerfen. Was dem Wei&szlig;en Haus sein Bin Laden, das war dem Vatikan &uuml;ber Jahrhunderte der Teufel.&#8220; Prantl skizzierte, wie heute die Wahrnehmung realer Gefahren durch mediale Verzerrungen erschwert, wie Gefahren politisch instrumentalisiert und &uuml;bersteigert werden, um das ver&auml;ngstigte Publikum anschlie&szlig;end mit inquisitorischen Praktiken zu erl&ouml;sen. Als Gegenstrategie setzte Heribert Prantl auf aufkl&auml;rerische Tugenden: Man m&uuml;sse die &Auml;ngste und Sorgen der Menschen ernst nehmen, zugleich aber die Vereinfachungen und Kurzschl&uuml;sse der Sicherheitspolitiker aufzeigen. Er forderte die Einhaltung absoluter Grenzen staatlichen Handelns, nur so werde der reale Kern des Rechts auf Sicherheit deutlich: &#8222;Recht sichert Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p><b>Reinhard Kreissl: Die Politik der Bilder<\/b><br \/>Im zweiten Referat widmete sich Dr. Reinhard Kreissl (Universit&auml;t Wien) den Strategien der &ouml;ffentlichen Inszenierung von Sicherheitsfragen. &#8222;Wir glauben, was wir sehen und andersherum sehen wir, was wir glauben. Das wei&szlig; auch die Politik. Und sie nutzt es, im Gro&szlig;en wie im Kleinen.&#8220; Kreissl stellte zwei Mechanismen vor, deren sich die Politik der Angst bedient: Einerseits werde das Bedrohungsszenario in einer Art &#8222;low intensity&#8220;-Strategie permanent durch Meldungen und Bilder mutma&szlig;licher Terroristen, neuer Sicherheitsl&uuml;cken etc. aufrecht erhalten. Hierbei spiele die suggestive Kraft der Bilder eine entscheidende Rolle. Sie erinnern uns t&auml;glich daran, dass die Gefahr buchst&auml;blich &uuml;berall lauert, wir uns nie sicher f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Die Inszenierung beruhe zweitens auf dem privilegierten Blick der Sicherheitsbeh&ouml;rden. Deren Informationspolitik entscheide, was als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wird. Kreissl skizzierte im Anschluss, wie diese Bedrohungsszenarien durch eine Politik der R&uuml;ckversicherung (&#8218;Wir tun alles Menschenm&ouml;gliche gegen den schlimmsten denkbaren Fall.&#8216;), durch die mediale Darstellungen von Verbrechen (&#8218;Warum haben staatliche Beh&ouml;rden das zugelassen?&#8216;) und die vollmundigen Versprechungen der Sicherheitsindustrie (&#8218;Risiken lassen sich technisch vermeiden.&#8216;) verst&auml;rkt werden. <\/p>\n<p>Die Kritik der Sicherheitspolitik sah Reinhard Kreissl in einem Dilemma: Damit sie nicht zur Erf&uuml;llungsgehilfin der Angst werde, d&uuml;rfen sie die Macht der &Uuml;berwachungsapparate nicht f&uuml;r bare M&uuml;nze nehmen. Wer immer wieder vor dem &Uuml;berwachungsstaat warne, best&auml;rke damit nur die pr&auml;ventive Paranoia. Andererseits erfordere die gro&szlig;e Zahl neuer &Uuml;berwachungsgesetze aber eine Zuspitzung und Verk&uuml;rzung, wenn man deren Gefahren medial vermitteln wolle. Wie aber kann man einen best&auml;ndig sinkenden Grenznutzen der &Uuml;berwachung skandalisieren, ohne in einem Zustand permanenter kritischer Dauererregung abzustumpfen? Auf die Kraft der besseren Argumente mochte Kreissl hierbei nicht vertrauen. Angesichts der hegemonialen Macht des Sicherheitsdenkens forderte er dazu auf, die Dinge neu zu denken: &#8222;Jede gute Gegenstrategie, so sie denn eine Chance haben will, muss versuchen, sich von der Logik dieser Bilder zu befreien.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Bilder zurechtr&uuml;cken &#8211; die Arbeitsforen<br \/><\/b>Gelegenheiten, sich von der Logik des Sicherheitsdenkens zu befreien, boten vor allem die sechs Foren, in denen am Samstag die Schwerpunkte der B&uuml;rgerrechtsarbeit vorgestellt wurden. <br \/>Die Spannbreite der Themen reichte von der Risikologik des Pr&auml;ventionsdenkens (und dessen inkonsequenter Anwendung), der exekutiven Unterwerfung der Demonstrationsfreiheit unter die &ouml;ffentliche Sicherheit und Ordnung, &uuml;ber die Vermischung ziviler, polizeilicher und milit&auml;rischer Konfliktbew&auml;ltigungen im In- und Ausland und den strukturellen Wandel der Sicherheitsbeh&ouml;rden bis zur fortgesetzten Sonderbehandlung von MigrantInnen sowie den Gr&uuml;nden f&uuml;r die partielle Blindheit der B&uuml;rgerrechtsbewegung f&uuml;r Probleme der Grundsicherung und Teilhabe. Die Berichte aus den Foren finden sich im Internet dokumentiert. <\/p>\n<p>Der bunte Strau&szlig; an Themen, der in den Foren diskutiert wurde, zeigt die Vielfalt der B&uuml;rgerrechtsbewegung &#8211; und zugleich ein Problem. Es findet sich heute kaum eine B&uuml;rgerrechtsorganisation in Deutschland, die diese thematische Spannbreite qualifiziert bearbeiten kann. Allein die Ausw&uuml;chse des Gefahrenbegriffs im Polizei- und Geheimdienstrecht, der rasante Umbau der Bundeswehr und ihre neuen Aufgaben oder die immer sch&auml;rferen Sicherheitskontrollen und Aufenthaltsbeschr&auml;nkungen von MigrantInnen haben zu einer starken Spezialisierung innerhalb der B&uuml;rgerrechtsszene gef&uuml;hrt. Das erschwert nicht nur den Dialog miteinander, sondern kann u.U. dazu f&uuml;hren, dass verschiedene Probleme zueinander in Konkurrenz geraten.<\/p>\n<p><b>Zwischen Selbstzweifel und Au&szlig;enwahrnehmung: Diskussionen um die Bedeutung von Recht &amp; Medien <\/b><\/p>\n<p>Um die Wahrnehmbarkeit und Wirksamkeit b&uuml;rgerrechtlichen Engagements kreisten dann auch die beiden Podiumsrunden der Tagung. Nat&uuml;rlich gab es dabei Kritik an den Medien, deren politische Berichterstattung sich zuweilen auf die Darstellung von Beziehungskrisen beschr&auml;nke (&#8216;Die Stimmung in der Koalition&#8216;), ebenso wie Klagen dar&uuml;ber, dass b&uuml;rgerrechtliche Positionen in der politischen &Ouml;ffentlichkeit eine Minderheitenposition einnehmen. Gegen zu viel Selbstmitleid erinnerte Heribert Prantl an die eigene Verantwortung: &#8222;Wenn b&uuml;rgerrechtliche Themen keine &ouml;ffentliche Emp&ouml;rung mehr hervorrufen, sind wir selber daran schuld. Punkt!&#8220; Auf der Suche nach den eigenen Vers&auml;umnissen fanden sich zahlreiche Ansatzpunkte, wie B&uuml;rgerrechtsbewegungen mehr Aufmerksamkeit erzielen k&ouml;nnen:<\/p>\n<p><b>Das Verh&auml;ltnis von politischem Anliegen und Information:<\/b> NGOs stellen in ihrer &Ouml;ffentlichkeitsarbeit oft ihre eigenen Positionen und Forderungen in den Vordergrund und wundern sich, wenn diese von den Medien nicht wahrgenommen werden. B&uuml;rgerrechtliche Positionen finden sich meist in einer Minderheitenposition, noch dazu z&auml;hlen B&uuml;rgerrechtler nicht zu den politischen Entscheidungstr&auml;gern &#8211; f&uuml;r viele Medien Gr&uuml;nde genug, derartige Stellungnahmen nicht wiederzugeben. Mehr Chancen auf eine mediale Wahrnehmung haben B&uuml;rgerrechtsorganisationen, wenn sie zu ihren Themen Nachrichten generieren k&ouml;nnen (z.B. bei Musterklagen), oder wenn es ihnen gelingt, ihr Fachwissen f&uuml;r Medien aufzubereiten und als Hintergrundinformationen verf&uuml;gbar zu machen. Anders gesagt: B&uuml;rgerrechtsorganisationen m&uuml;ssen zu Berichterstattern in eigener Sache werden. Dabei spielt nicht nur die Art der Darstellung eine entscheidende Rolle &#8211; exemplarische Einzelfallgeschichten lassen sich besser &#8222;verkaufen&#8220; als Forderungskataloge &#8211;, auch die Kontinuit&auml;t in der &ouml;ffentlichen Darstellung eines Themas sollte nicht vernachl&auml;ssigt werden. Als Beispiel berichtete Ulrich Finckh, langj&auml;hriger Leiter der Zentralstelle f&uuml;r Kriegsdienstverweigerung, von den Auswirkungen einer kontinuierlichen &ouml;ffentlichen Kommentierung einzelner Verfahren auf die &ouml;ffentliche Wahrnehmung der Kriegsdienstverweigerung.<\/p>\n<p><b>Mediale Aufmerksamkeit ist keine Einbahnstra&szlig;e:<\/b> Um ihre Anliegen zu pr&auml;sentieren, sollten B&uuml;rgerrechtler verst&auml;rkt darauf achten, welche Themen in der &Ouml;ffentlichkeit auf Interesse sto&szlig;en. Dass soll nicht zu medialem Populismus verleiten, die vorhandenen Sensibilit&auml;ten k&ouml;nnen B&uuml;rgerrechtler aber f&uuml;r sich nutzbar machen. In den letzten Jahren finden sich zahlreiche Beispiele daf&uuml;r, dass Einschr&auml;nkungen von B&uuml;rgerrechten nicht widerstandslos hingenommen werden: Die Auseinandersetzungen um die Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm haben vielleicht die Globalisierungskritik in den Hintergrund treten lassen, lieferte f&uuml;r viele Beteiligte aber eine bittere Lektion f&uuml;r die Schw&auml;che der Demonstrationsfreiheit. Die breite Ablehnung der Online-Durchsuchungen von Computern zeigte, dass entgegen allen Vorurteilen viele Menschen ihren PC als wichtigen Bestandteil ihrer Intimsph&auml;re verstanden wissen wollen. Schlie&szlig;lich belegt das anhaltende Engagement des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung, dass sich an dieser &Uuml;berwachung der Kommunikation eine neue Generation von Internetnutzern politisiert und organisiert, die wesentlichen Anteil daran hat, dass die Vorratsdatenspeicherung sicherlich zu den meistdiskutierten und umstrittensten &Uuml;berwachungs- gesetzen der letzten Jahre geh&ouml;rte. Reinhard Kreissl wies darauf hin, dass zahlreiche weitere Themen &#8211; etwa die Fragen des Urheberrechts oder der Verteilung digitaler Kulturg&uuml;ter &#8211; einer b&uuml;rgerrechtlichen Entdeckung harren.<\/p>\n<p><b>Funktionswandel des Rechts: <\/b>Ein immer wiederkehrendes Thema auf der Tagung war die rechtspolitische Ausrichtung der B&uuml;rgerrechtsorganisationen. Die Diskussionen erinnerten hier zuweilen an ein Spiel mit vertauschten Rollen. W&auml;hrend die Vorratsdatenspeicherung zur bisher gr&ouml;&szlig;ten Massenbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht f&uuml;hrte, bei der &uuml;ber 34.000 Menschen ihren Protest rechtspolitisch artikulierten; w&auml;hrend die letzten Verhandlungen des Bundesverfassungsgerichts (etwa zur Online-Durchsuchung) auf gro&szlig;es Publikumsinteresse stie&szlig;en und zu politischen Events gerieten, deren Informations- und politischer Streitwert gerade von Nichtjuristen anerkannt wurde &#8211; w&auml;hrenddessen mehrten sich auf der Tagung die kritischen Stimmen aus den Reihen der B&uuml;rgerrechtler, die vor einer &Uuml;berbewertung des Rechts warnten. Heiner Busch forderte beispielsweise, dass B&uuml;rgerrechtsorganisationen st&auml;rker hinterfragen sollten, welche Funktion ihr rechtspolitisches Engagement habe. Dies betreffe nicht nur die Beteiligung an Gesetzgebungsverfahren (wo kritische Stellungnahmen meist auf taube Ohren sto&szlig;en), sondern auch den Ertrag von Musterklagen oder Verfassungsbeschwerden. Dahinter steht die Erfahrung, dass sicherheitspolitische Entscheidungen wie die Einf&uuml;hrung von Online-Durchsuchungen kaum verfassungsrechtlich aufzuhalten sind. Die Karlsruher Entscheidungen zur Online-Durchsuchung oder der KfZ-Kennzeichenfahndung k&auml;men im Nachhinein einem roten Teppich gleich, der den Innenministern den Weg f&uuml;r neue &Uuml;berwachungsgesetze ebne &#8211; f&uuml;r Gesetze, die sich dann auch noch mit dem Pr&auml;dikat &#8222;verfassungskonform&#8220; schm&uuml;cken d&uuml;rften. Zugleich wies Wolfgang Kaleck darauf hin, dass sich B&uuml;rgerrechtler mit einer rein juristisch formulierten Kritik in Fachdiskussionen begeben, die von der &Ouml;ffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Die b&uuml;rgerrechtliche Kritik m&uuml;sse thematisch breiter aufgestellt werden, um andere soziale Gruppen anzusprechen. So berechtigt beide Warnungen sind, muss daran erinnert werden, dass sich der Rechtsschutz gegen &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen in den vergangenen Jahren zu einem eigenst&auml;ndigen Medium der politischen Kommunikation entwickelt hat. Verfassungsbeschwerden k&ouml;nnen heute weiterf&uuml;hrende politische Diskussionen ausl&ouml;sen, B&uuml;rgerrechtler sollten diese Kernkompetenz nicht leichtfertig aufgeben. <\/p>\n<p>Neben vielen Anregungen, was in der allt&auml;glichen B&uuml;rgerrechtsarbeit besser gemacht werden k&ouml;nne, hinterlie&szlig; die Tagung auch offene Fragen, die zu weiteren Diskussionen anregen: So konnte die sympathische Idee, der politisch-medialen Inszenierung von Sicherheitsrisiken eine alternative Bildsprache entgegen zu setzen, noch nicht mit konkreten Vorschl&auml;gen untermauert werden. Wie lassen sich Grundrechtsverletzungen (einmal abgesehen von der Folterdiskussion) in eine freiheitliche Bildsprache &uuml;bersetzen, die pointieren muss und zugleich den Angstdiskurs vermeiden will? Wie k&ouml;nnen B&uuml;rgerrechtsorganisationen neue Medien und Aktionsformen aufgreifen, um sich insbesondere der j&uuml;ngeren Generation zu &ouml;ffnen? Wie kann es gelingen, die im Internet vorhandenen Potentiale einer Gegen&ouml;ffentlichkeit und des politischen Protests so zu verdichten, dass sie mehr Einfluss auf politische Diskussionen in der &#8222;realen Welt&#8220; gewinnen? Wie k&ouml;nnen B&uuml;rgerrechtsorganisationen neben den klassischen Protestformen ihren Handlungsspielraum erweitern?<\/p>\n<p><i>Sven L&uuml;ders<br \/>ist Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4224,"template":"","categories":[2634],"tags":[695],"autoren":[139],"class_list":["post-14374","termin","type-termin","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-sven-lueders"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gemischte Aussichten auf die Zukunft der B\u00fcrgerrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungsberichte\/2008\/gemischte-aussichten-auf-die-zukunft-der-buergerrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gemischte Aussichten auf die Zukunft der B\u00fcrgerrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Herausgeber des Grundrechte-Reports reflektierten ihre eigene Arbeit auf einer gemeinsamen Tagung. 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