{"id":14595,"date":"2005-06-14T15:15:00","date_gmt":"2005-06-14T13:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/termin\/ulrike-holler-engagement-fuer-sozial-benachteiligte\/"},"modified":"2021-09-04T00:09:09","modified_gmt":"2021-09-03T22:09:09","slug":"ulrike-holler-engagement-fuer-sozial-benachteiligte","status":"publish","type":"termin","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2005\/ulrike-holler-engagement-fuer-sozial-benachteiligte\/","title":{"rendered":"Ulrike Holler &#8211; Engagement f\u00fcr Sozial Benachteiligte"},"content":{"rendered":"<p><i>Laudatio von Herbert Leuninger<\/i><\/p>\n<p>Donnerstag 11. September 1986 10.30 Uhr. Der \u00dc-Wagen des Hessischen Rundfunks hat das schwere Rolltor des Fl\u00fcchtlingslagers Schwalbach am Taunus passiert und h\u00e4lt vor einem gro\u00dfen Zelt. Es dient als Gemeinschaftszelt. Dieses und weitere 19 Zelte hatte der hessische Sozialminister Armin Clauss (SPD) innerhalb des Barackenunterkunft aufbauen lassen. Offizielle Begr\u00fcndung: Die Aufnahmekapazit\u00e4t des Landes f\u00fcr Asylbewerber ist ersch\u00f6pft. Das hatten die Solidarit\u00e4tsgruppen, die um das Lager herum entstanden waren, nicht akzeptiert. Sie waren seit Wochen dagegen angegangen. Als nichts half, war ich nach einem \u00f6kumenischen Gottesdienst im Lager geblieben und hatte mich auf einen Hungerstreik eingestellt, bis die Zelte wieder abgebaut w\u00fcrden. Der 11. September war der 5. Tag. Mittlerweile ist der Funkmast ausgefahren, ein Tisch und eine Bank vor dem Zelt aufgestellt.<\/p>\n<p>Ulrike Holler hat den Kopfh\u00f6rer aufgesetzt und wartet auf die Anmoderation aus dem Funkhaus im Rahmen der Sendung &#8222;Unterwegs in Hessen&#8220;. Ich sitze ihr gegen\u00fcber. Die Katholische Nachrichtenagentur macht ein Foto, das einzige, das ich von Frau Holler besitze.<\/p>\n<p>HOLLER: &#8222;Seit Sonntag, Herr Leuninger, haben Sie nichts mehr gegessen, wie geht es Ihnen?&#8220;<\/p>\n<p>ANTWORT: &#8222;Kopf ist klar, mein K\u00f6rper ist etwas schwach.&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>HOLLER: &#8222;Der Sozialminister hat Sie hier nicht besucht w\u00e4hrend Ihres Hungerstreiks, aber er hat einen Brief geschrieben. Darin wird der Vorwurf ge\u00e4u\u00dfert, auch in den Kirchengemeinden g\u00e4be es Stimmen gegen die Asylbewerber. Dort sollten Sie agieren, nicht aber hier. Die Zelte seien keine Abschreckungspolitik.&#8220;<\/p>\n<p>ANTWORT: &#8222;Ich mache den Minister verantwortlich als Vertreter der Landesregierung, dass solche Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, die der Bev\u00f6lkerung signalisieren: Das Boot ist voll, wir wollen keine (Fl\u00fcchtlinge) mehr, wir k\u00f6nnen keine mehr aufnehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Am gleichen Tag kommt dann nachmittags die Nachricht aus dem Sozialministerium: Die Zelte werden abgebaut! Ich kann mir meine T\u00e4tigkeit ohne den Hessischen Rundfunk und ohne Ulrike Holler \u00fcberhaupt nicht vorstellen. 20 Jahre lang war ich Migrations-Referent des Bischofs von Limburg und in den letzten Jahren meiner aktiven Zeit auch Sprecher der Arbeitsgemeinschaft PRO ASYL. Immer dann, wenn in der ziemlich konflikttr\u00e4chtigen Arbeit &#8222;Not an der Frau&#8220; war, konnte ich mit Ulrike Holler rechnen. Dabei bedurfte es nie langer Erkl\u00e4rungen oder einer motivierenden Verst\u00e4ndigung. Wenn sie aus dem Funkhaus anrief, oder sich zu einem Interview verabredet hatte, verlief alles ohne besondere Absprachen. Dabei war Ulrike Holler immer pr\u00e4zise, hellh\u00f6rig, kritisch und sehr sensibel. Dar\u00fcber hinaus besa\u00df sie die richtige Rundfunkstimme, mit der sie H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern aufmerksam und nachdenklich machen konnte. Ich durfte absolut sicher sein, dass sie das Thema in seiner humanen Dimension aufnahm. Ich brauchte keinerlei Sorge zu haben, sie w\u00fcrde ein Anliegen missverstehen oder allzu wohlfeile oder billige Akzente setzen. Immer, wenn sie ein Thema behandelte, tat sie dies mit Kompetenz und ohne Einseitigkeit. Das ist meine unmittelbare Erfahrung, wobei ich in den Jahren, in denen ich immer wieder die \u00d6ffentlichkeit suchte, unz\u00e4hlige Medienkontakte mit Frau Holler hatte.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeit f\u00fcr alle Facetten des Humanen her zu stellen, das war ihre Berufung. Es bedeutete, sich in eine unglaubliche F\u00fclle von Themen einzuarbeiten und eine un\u00fcbersehbare Vielfalt menschlicher, gesellschaftlicher und politischer Fragen und Anliegen einzuf\u00fchlen. Um mich auf das zu beschr\u00e4nken, was in der Ausl\u00e4nder- und Fl\u00fcchtlingsarbeit anstand, dann waren es die Themen wie Einwanderung, Integration, Familienzusammenf\u00fchrung, Wohnung, vor allem auch Schule und Ausbildung. Es ging um eine neuartige multikulturelle Gesellschaft, aber auch um alle Formen der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus. Als das Fl\u00fcchtlingsthema gro\u00dfe politische Brisanz bekam, war Ulrike Holler immer wieder im Auge des Taifuns ohne zu wanken oder zur\u00fcck zu weichen. Sie stellte sich der Diskussion, wie viel Fl\u00fcchtlinge die Bundesrepublik aufzunehmen h\u00e4tte, wie die Asylverfahren verlaufen sollten , wie es um die Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber bestellt war und wie die Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung erh\u00f6ht werden k\u00f6nnte; Frau Holler gab der Kritik an der repressiven Asylpolitik breiten Raum; sie war pr\u00e4sent, wenn es um Abschiebungen ging. Hierbei richtete Ulrike Holler auch immer wieder die Aufmerksamkeit auf Menschen, Gruppen, Schulklassen und Organisationen, die sich mit Fl\u00fcchtlingen solidarisierten.<\/p>\n<p>Ulrike Holler hat im Grunde beharrlich vorgef\u00fchrt, was es hei\u00dft, \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr diejenigen her zu stellen, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen. Sie hat keine Gelegenheit ausgelassen dies zu tun. Das hie\u00df, nicht so sehr aus der Sicht einer unaufgekl\u00e4rten \u00d6ffentlichkeit und einer immer populistischer werdenden Politik zu informieren, sondern Fakten und Einstellungen aus dem Blickwinkel der Betroffenen und derer, die sich mit ihnen verb\u00fcndet hatten, zu vermitteln. Bei den vielen hundert Interviews, die ich ich in den vergangenen Jahrzehnten zu geben hatte, habe ich einen auf diesen Grundlagen beruhenden Journalismus kennen und sch\u00e4tzen gelernt und zwar in allen Medien. Es war allerdings nicht der Mehrheitsjournalismus, sondern ein Journalismus, der selbst Eigenschaften von Minderheiten an sich trug.<\/p>\n<p>Ohne diese engagierte Berichterstattung aus der Sicht der Menschenrechte, w\u00e4re es in dieser Republik seit geraumer Zeit nicht auszuhalten gewesen. Und der Niedergang einer humanen Kultur, wie er mir sinnf\u00e4llig in dem Aufbau der Fl\u00fcchtlingszelte vorgef\u00fchrt wurde, w\u00e4re vielleicht doch dramatischer und ungehemmter vor sich gegangen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle noch eine sehr pers\u00f6nliche Bemerkung: F\u00fcr mich war das Mikrofon, wie es mir gerade auch von Ulrike Holler immer wieder unter die Nase gehalten wurde, ein geradezu therapeutisches Instrument, das es mir in meiner Rolle als Sprecher der &#8222;stimmlosen&#8220; Fl\u00fcchtlinge, erlaubte, deren N\u00f6te nicht nur zu artikulieren, sondern sie bisweilen geradezu heraus zu schreien. Diese M\u00f6glichkeit hat mich davor bewahrt, ich denke vor allem an die Zeit, in der eine Zweidrittelmehrheit des Bundestages das Grundrecht auf Asyl aush\u00f6hlte, psychisch zu \u00fcberleben. Ulrike Holler hatte die Chance, sich in einer Einrichtung, wie dem Hessischen Rundfunk, zu verwirklichen. Dabei habe ich die \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, eben auch den als &#8222;Rotfunk&#8220; verschrieenen Hessischen Rundfunk, immer wieder als eine der wichtigsten Nachkriegserrungenschaften erlebt, die wir den Alliierten nach dem Modell der BBC verdankten. Ich erinnere an dieser Stelle, dass der Hessische Landtag am 2. Oktober 1948 das Gesetz \u00fcber den Hessischen Rundfunk verabschiedet hat. Dabei wurde dem Rundfunk die Aufgabe gestellt, die Nachrichten bildender, unterrichtender und unterhaltender Art in einer Grundversorgung von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern zu leisten. Die Sendungen sollten nicht nur nicht gegen die Verfassungen und Gesetze versto\u00dfen. Sie sollen dem Frieden, der Freiheit und der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung dienen. Mit einem Verbot belegt waren Sendungen, die Vorurteile oder Herabsetzungen der Nationalit\u00e4t, Farbe und Religion oder Weltanschauung enthielten, sind nicht gestattet. In diesem Rahmen hat sich Ulrike Holler bewegt. Sie hat ihn in optimaler Weise ausgef\u00fcllt. Dabei hat sie der manchmal vielleicht staunenden politischen Klasse vorgef\u00fchrt, was journalistische Unabh\u00e4ngigkeit bedeuten kann. Schlie\u00dflich hat sie in ihrer Zeit sehr unterschiedliche Landesregierungen und Landtagskoalitionen erlebt. Regierungen sind auf die eine oder andere Weise immer in der Versuchung, die Massenmedien nicht nur einzusetzen, das ist ihr gutes Rechts, sondern in ihrem Sinne zu manipulieren, nicht zuletzt vielleicht durch die Personalpolitik. Soweit ich das miterlebt habe, hat Ulrike Holler ihre klare und jederzeit kritische Position trotz aller Farbvarianten von Rot, Rot-Gelb, Rot-Gr\u00fcn, Schwarz-Gelb und Schwarz beibehalten.<\/p>\n<p>Gestaunt hat allerdings auch unsereiner &#8211; und hier erinnert sich meine langj\u00e4hrige Mitarbeiterin noch an Diskussionen im Freundeskreis -, dass sie als First Lady an der Seite von Oberb\u00fcrgermeister Andreas v. Schoeler (SPD) nicht nur ihren wichtigen Repr\u00e4sentationspflichten nachgekommen ist, sondern gleichzeitig in gewohnter Weise im Hessischen Rundfunk t\u00e4tig war. Das war ein medialer Spagat, wie man ihn sich theoretisch nur schwer vorstellen kann. Ulrike Holler hat es &#8211; wohl nicht ohne Konflikte &#8211; geschafft. Ich erkl\u00e4re mir das damit, dass sie eine autonome Pers\u00f6nlichkeit ist, die \u00fcberdies ihren H\u00f6rfunkberuf \u00fcber alles geliebt hat. Vielleicht wird aber das, was sie bisher erlebt hat, in den Schatten gestellt durch das, was man heute die Boulevardisierung der Medien nennt. Ich \u00fcbersetze diesen Begriff einmal in eine etwas verst\u00e4ndlichere Form. Boulevardisierung der Medien kann man verstehen als ihr Flanieren auf der Prachtstra\u00dfe des Kapitalismus. Auf diese Stra\u00dfe haben sich die \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten sp\u00e4testens seit der Etablierung der privaten Sender geschlichen und tummeln sich dort mittlerweile ohne jede Scham. Die Boulevardisierung zeichnet sich vor allem durch einen gewissen Verfall journalistischer Standards aus, etwa in der Frage der umfassenden Recherche, in der Wahrung ethischer Grunds\u00e4tze, in der Objektivit\u00e4t, dem analytischen Tiefgang, vielleicht auf in der thematischen Einschr\u00e4nkung, in fehlender Kritik, der \u00dcberbetonung von Unterhaltung und Sensationsmeldungen, nicht zuletzt der Ausblendung von Anliegen der Minderheiten. Hier d\u00fcrfte es dann auch der Moderatorin Holler immer schwerer geworden sein, ihre &#8222;Nischen &#8211; Themen&#8220;, wenn ich das so sagen soll, einzubringen. Diese Themen noch in der Redaktion durchzusetzen, hat sie offensichtlich versucht und auch durch ihre Kompetenz und \u00dcberzeugungskraft immer wieder erreicht. Auch dies ist eine bedeutsame journalistische Leistung, die f\u00fcr die Zukunft von Bedeutung ist.<\/p>\n<p>&#8222;Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kr\u00e4nze&#8220; hei\u00dft es. Wir erinnern uns an Bilder und Ger\u00fcche. Der Ton verhallt. Wir haben ein kaum ausgepr\u00e4gtes akustisches Ged\u00e4chtnis. Seit der Erfindung des Stummfilms, erst recht seit der Einf\u00fchrung des Fernsehens werden auch die H\u00e4upter der Mimen mit Lorbeer geziert. Denken Sie an die k\u00fcrzliche Verleihung des bayerischen Fernsehpreises 2005 in der gro\u00dfen Gala aus dem Prinzregenten-Theater in M\u00fcnchen, wo Schauspieler von Theater, Film und Fernsehen, Moderatoren, aber auch Produzenten, Regisseurinnen und Regisseure geehrt wurden. Wo bleibt die Ehrung f\u00fcr heraus ragende Funkjournalistinnen und -journalisten? Die Humanistische Union Marburg und der Magistrat der Universit\u00e4tsstadt Marburg haben diesem Defizit abgeholfen, in dem sie einer Anker-Frau des H\u00f6rfunks das &#8222;Marburger Leuchtfeuer f\u00fcr soziale B\u00fcrgerrechte&#8220; verleihen. Ich selbst freue mich dar\u00fcber und bin dankbar daf\u00fcr, bei dieser offiziellen Gelegenheit Ulrike Holler meine besondere Verehrung ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. H\u00e4tte ich es bei anderer Gelegenheit getan, w\u00e4re es vielleicht als Lobhudelei verstanden worden. Als Laudatio sollte es ernst genommen werden.<\/p>\n<p><i>Herbert Leuninger<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2612,2658],"tags":[],"autoren":[],"class_list":["post-14595","termin","type-termin","status-publish","hentry","category-2612","category-marburger-leuchtfeuer"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ulrike Holler - Engagement f\u00fcr Sozial Benachteiligte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/2005\/ulrike-holler-engagement-fuer-sozial-benachteiligte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ulrike Holler - Engagement f\u00fcr Sozial Benachteiligte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Laudatio von Herbert Leuninger Donnerstag 11. 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