{"id":14965,"date":"2020-08-30T10:24:08","date_gmt":"2020-08-30T08:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/alternativen\/"},"modified":"2021-08-30T15:38:54","modified_gmt":"2021-08-30T13:38:54","slug":"alternativen","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/alternativen\/","title":{"rendered":"Alternativen zur repressiven Kriminalpolitik"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"articifical-news\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/innere-sicherheit\/sicherheit-freiheit\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/f4d5a04f5d.gif\" width=\"400\" height=\"38\" border=\"0\" alt=\"Logo der taz-Beilage\" title=\"Logo der taz-Beilage\"><\/a><\/div>\n<div class=\"csi-text\">\n<h4 align=\"center\"><span id=\"gegen-die-kriminalpolitik-mit-der-angst\">Gegen die Krimi&shy;nal&shy;po&shy;litik mit der Angst<\/span><\/h4>\n<p align=\"center\" class=\"bodytext\">Verlagsbeilage der Humanistischen Union in der tageszeitung (taz) vom September 1998 (Redaktion: Roland Otte)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><b>von Helga Cremer-Sch&auml;fer<\/b><\/p>\n<p>Alternativen zur Strafrechtspolitik werden oft einfach als jene Varianten des &#8222;Kampfes gegen das Verbrechen&#8220; pr&auml;sentiert, die &#8222;fr&uuml;her&#8220; beginnen oder &#8222;sanfte Kontrolle&#8220; und Sozialarbeit einsetzen. Um zu wirklichen Alternativen zu gelangen, m&uuml;&szlig;te jedoch grunds&auml;tzlicher angesetzt werden. Ein erster Schritt w&auml;re, das Vokabular von &#8222;Kriminalit&auml;t&#8220; durch eine konkretere Sprache des Nachdenkens &uuml;ber soziale Konflikte und Schadensereignisse zu ersetzen.<\/p>\n<p>Konflikte, Schadensereignisse und andere schwierige Situationen sind Nebenfolgen der normalen Funktionsweise von Institutionen, die die vorherrschende Arbeits- und Lebensweise abst&uuml;tzen. So sichert z.B. die &#8222;private Familie&#8220; soziale Reproduktion und Intimit&auml;t. Als ein partiarchales Herrschaftsverh&auml;ltnis kann sie auch zum Ort f&uuml;r gewaltt&auml;tige &Uuml;bergriffe auf Frauen und Kinder werden. Ereignisse, die als Kriminalit&auml;t angezeigt werden, stehen in einem engen Zusammenhang mit den Institutionen des privaten Eigentums (und seiner &ouml;ffentlichen Sicherung) und des Marktes. Fehlende M&ouml;glichkeiten, etwa &uuml;ber den Arbeitsmarkt am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben, schaffen soziale Ausschlie&szlig;ungen und versch&auml;rfen Konflikte. Zu den Folgen geh&ouml;ren bizarre &Uuml;berlebensstrategien, R&uuml;cksichtslosigkeit und Kampf, illegale &Ouml;konomien und Konflikte um die Nutzung sozialer R&auml;ume. Diese Konflikte erfordern eine zivile Regulierung, k&ouml;nnen aber nicht durch Kriminalpolitik aus der Welt geschafft werden. Eine alternative Kriminalpolitik kann jedoch die Grenzen kriminalisierender und strafender staatlicher Interventionen benennen und Konflikte durch Entkriminalisierung, Konfliktregulierung und eine situationsbezogene Pr&auml;vention bearbeiten.<\/p>\n<h5><span id=\"chancen-fuer-entkriminalisierung\">Chancen f&uuml;r Entkri&shy;mi&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung <\/span><\/h5>\n<p>&#8230; werden vertan, wenn Politiker und Politikerinnen sich in kriegerischer Pose als &#8222;Verbrechensbek&auml;mpfer&#8220; oder wenigstens &#8222;kompetente Sicherheitspolitikerinnen&#8220; &uuml;bertreffen wollen. Um so notwendiger ist es, an einen liberalen Konsens zu erinnern. Danach geh&ouml;rt zur Rechtsstaatlichkeit, das Strafrecht und die staatliche Bestrafung und das Einsperren von Menschen kontinuierlich zur&uuml;ckzunehmen. Vorschl&auml;ge f&uuml;r Entkriminalisierungen, sei es &uuml;ber &#8222;Geringf&uuml;gigkeitsklauseln&#8220;, sei es durch Streichung von Tatbest&auml;nden (wie das &#8222;Schwarzfahren&#8220; als Form der Leistungserschleichung, der Besitz und Erwerb von Drogen zum Eigenkonsum) sind &uuml;berhaupt nicht neu. Sie werden ignoriert, wie viele Experten und Kommissionen sich auch damit besch&auml;ftigt haben m&ouml;gen.<\/p>\n<h5><span id=\"konfliktregulierung\">Konfliktregulierung<\/span><\/h5>\n<p>&#8230; wird als &#8222;T&auml;ter-Opfer-Ausgleich&#8220; bald standardm&auml;&szlig;ig zum neuen Weg der Kriminalpolitik erkl&auml;rt. Aber zu oft ist damit nur gemeint: T&auml;ter m&uuml;ssen zur Verantwortung ge- und erzogen werden. Eine Kl&auml;rung, was Konfliktregulierung dar&uuml;ber hinaus meint, ist also notwendig. Aus Forschungen &uuml;ber die Motive von Anzeigeerstattern wurde deutlich, da&szlig; in Konflikten weniger die strafende Reaktion des Staates gefragt ist, sondern Schadenskompensation, die Vermittlung in einem Konflikt und soziale Unterst&uuml;tzung, um die Situation des Opferwerdens zu bew&auml;ltigen. Diesem Bed&uuml;rfnis kann durch die Interventionstypen &#8222;Mediation&#8220;, &#8222;Schlichtung&#8220; und &#8222;Wiedergutmachung&#8220; entsprochen werden, f&uuml;r die es zahlreiche Modelle und Einrichtungen gibt. Zu einer echten Alternative k&ouml;nnen sie aber nur werden, wenn sie noch vor einem Strafurteil mit den Beteiligten einer Situation &uuml;berpr&uuml;fen, ob es eine M&ouml;glichkeit gibt, in diesem Verh&auml;ltnis &#8222;sozialen Frieden&#8220; wiederherzustellen. Eine Voraussetzung ist zudem, da&szlig; Situationen geschaffen werden, in denen Regeln von &#8222;Fairne&szlig;&#8220; gelten und da&szlig; f&uuml;r alle beteiligten Parteien materielle und soziale Ressourcen mobilisiert und organisiert werden, mittels derer sie selbst die Situation regulieren k&ouml;nnen.<\/p>\n<h5><span id=\"praevention\">Pr&auml;vention<\/span><\/h5>\n<p>&#8230; geh&ouml;rt als &#8222;Kriminalpr&auml;vention&#8220; zur Sicherheits-Rhetorik, mit der Populisten andere Populisten &uuml;berholen wollen. Und doch: Pr&auml;ventive Kriminalpolitik ist kein &#8222;Pr&auml;ventivschlag&#8220; gegen das Verbrechen und ebensowenig eine &#8222;sozialpolitische Offensive&#8220; der Bek&auml;mpfung von sozialen Problemen, die als &#8222;Ursachen der Kriminalit&auml;t&#8220; gelten.<\/p>\n<p>Kriminalit&auml;tsereignisse entstehen im Zusammenhang mit Konflikten um gesellschaftliche Teilhabe und die partielle oder g&auml;nzliche Verweigerung des Zuganges zum Arbeitsmarkt, zu sozialstaatlichen Leistungen der Qualifikation und der sozialen Sicherung. Situationsbezogene Pr&auml;vention beginnt mit der Analyse sozialer Konflikte und versucht, mit beteiligten Personen und Gruppen auf einer konkreten, d.h. lokalen Ebene Strategien zu entdecken, diese Konflikte zu regulieren. Auf der Ebene kommunaler Politik fehlen jedoch typischerweise die Voraussetzungen einer solchen problembezogenen (weil &#8222;ressort&uuml;bergreifenden&#8220;) Politik. Manche Pr&auml;ventionsinitiativen (&#8222;Pr&auml;ventionsr&auml;te&#8220;) arbeiten daran, diese L&uuml;cke zu schlie&szlig;en. Nicht wenige kopieren aber staatliche &Uuml;berwachungs- und Kontrollstrategien.<\/p>\n<p>In einem Verst&auml;ndnis von pr&auml;ventiver Kriminalpolitik, das an sozialen Konflikten ansetzt, lassen sich auch Kriminalit&auml;tsfurcht und Klagen &uuml;ber &#8222;bedrohliche Kriminalit&auml;t&#8220; besser verstehen. Sie sind z.B. Mitteilungen &uuml;ber Unsicherheiten, die f&uuml;r B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in und durch Situationen der Anonymit&auml;t in &ouml;ffentlichen R&auml;umen entstehen. Man kann sie auch als Meldungen von Belastungen durch ein vernachl&auml;ssigtes, &#8222;unordentliches&#8220; Wohnumfeld interpretieren oder als Ausdruck von Diskriminierungen, die eine gesellschaftliche Gruppe erf&auml;hrt und wenigstens durch &#8222;Sicherheit vor Kriminalit&auml;t&#8220; kompensiert haben will.<\/p>\n<p>Wir brauchen ein &#8222;kriminalpolitisches Programm, dessen Ziel es w&auml;re, immer weniger Handlungen als Kriminalit&auml;t zu interpretieren&#8220; (Nils Christie, in Heft 2\/98 der Neuen Kriminalpolitik). Mit Entkriminalisierung, Konfliktregulierung und einer pr&auml;ventiven, soziale Konflikte vermittelnden Kriminalpolitik verf&uuml;gen wir schon lange &uuml;ber pragmatische Strategien, uns diesem Ziel anzun&auml;hern.<\/p>\n<p><i>Prof. Dr. Helga Cremer-Sch&auml;fer lehrt Sozialp&auml;dagogik an der Universit&auml;t Frankfurt. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift &#8222;Neue Kriminalpolitik&#8220; sowie Beiratsmitglied des &#8222;Kriminologischen Journals&#8220;.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":14988,"template":"","categories":[],"tags":[],"class_list":["post-14965","thema","type-thema","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Alternativen zur repressiven Kriminalpolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/alternativen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Alternativen zur repressiven Kriminalpolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gegen die Krimi&shy;nal&shy;po&shy;litik mit der Angst Verlagsbeilage der Humanistischen Union in der tageszeitung (taz) vom September 1998 (Redaktion: Roland Otte) &nbsp; von Helga Cremer-Sch&auml;fer Alternativen zur Strafrechtspolitik werden oft einfach als jene Varianten des &#8222;Kampfes gegen das Verbrechen&#8220; pr&auml;sentiert, die &#8222;fr&uuml;her&#8220; beginnen oder &#8222;sanfte Kontrolle&#8220; und Sozialarbeit einsetzen. 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