{"id":6397,"date":"2020-03-24T21:29:00","date_gmt":"2020-03-24T20:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/mit-dem-mietendeckel-die-mietpreisspirale-stoppen-1\/"},"modified":"2021-09-04T00:02:37","modified_gmt":"2021-09-03T22:02:37","slug":"mit-dem-mietendeckel-die-mietpreisspirale-stoppen-1","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/mit-dem-mietendeckel-die-mietpreisspirale-stoppen-1\/","title":{"rendered":"Mit dem Mietendeckel die Mietpreisspirale stoppen!"},"content":{"rendered":"<p><i>vorg\u00e4nge Nr. 228 (4\/2019), S. 51-57<\/i><\/p>\n<p><i>Die derzeitige Konjunktur des Themas Wohnen wird wesentlich durch die steigenden Mieten angetrieben. Es ist unbestritten, dass die H&ouml;he der Mieten, insbesondere in den St&auml;dten, ein erhebliches Problem darstellen. Das Land Berlin hat sich k&uuml;rzlich zu einem scheinbar radikalen Schritt durchgerungen: den Mietendeckel. Er ist f&uuml;r Deutschland derzeit die bekannteste wie umstrittenste Ma&szlig;nahme, um den weiteren Anstieg der Mieten zumindest vor&uuml;bergehend zu stoppen. <\/i><\/p>\n<p><i>Julian Zado vom Berliner Landesvorstand der SPD, der zu den InitiatorInnen des Mietendeckel-Konzepts geh&ouml;rt, erl&auml;utert im folgenden Beitrag, warum sich die Berliner Koalition zu diesem Schritt entschlossen hat und wie er umgesetzt werden soll. Er befasst sich zudem mit der umstrittenen Frage der Zul&auml;ssigkeit des Mietendeckels. Sein Fazit: Der Mietendeckel ist ein dringend notwendiger Schritt, mit dem die Politik zeigt, dass sie auf sozialpolitische Probleme auch kurzfristig reagieren kann.<\/i><\/p>\n<p>12,50 Euro pro Quadratmeter &ndash; so viel m&uuml;ssen Berlinerinnen und Berliner bezahlen, wenn sie in Berlin in halbwegs zentraler Lage eine Wohnung suchen. Da hilft es auch nichts, wenn die Durchschnittsmiete immer noch g&uuml;nstiger ist als in M&uuml;nchen. Wer eine Wohnung sucht, findet in der Regel keine &ndash; jedenfalls keine bezahlbare: das ist die Realit&auml;t.<\/p>\n<p>Es ist deshalb kein Wunder, dass in Berlin radikale und innovative Ideen diskutiert werden, um die Mieten-Problematik in den Griff zu bekommen. Den Anfang machte dabei die Initiative Deutsche Wohnen &amp; Co enteignen, die Ende 2018 &ouml;ffentlich forderte, zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik den Artikel 15 des Grundgesetzes &ndash; also die Vergesellschaftung &ndash; anzuwenden und daf&uuml;r ein entsprechendes Volksbegehren startete.<\/p>\n<p>Ein anderer Ansatz ist der Berliner Mietendeckel, mit dem eine massive und so noch nie dagewesene Regulierung des Mietmarkts gefordert wurde. Dieses Instrument wird erst seit dem 18. Februar 2019 politisch und &ouml;ffentlich diskutiert.[1] Ins Rollen gebracht wurde der Mietendeckel durch einen von Eva H&ouml;gl, Kilian Wegner und dem Autor im Tagesspiegel vom 18.&nbsp;Januar 2019[2] ver&ouml;ffentlichten Artikel, der erstmals die Idee von Peter Weber aus der Juristenzeitung aufgriff, das Berliner Landesrecht f&uuml;r die Mietenregulierung st&auml;rker zu nutzen.[3]<\/p>\n<p>Der von den Autoren kurze Zeit sp&auml;ter ver&ouml;ffentlichte Vorschlag sah vor, die Mieten in Berlin &ndash; ausgenommen Neubau &ndash; f&uuml;r f&uuml;nf Jahre einzufrieren.[4] Schnell war klar, dass er das Potential besitze, den mietenpolitischen Stillstand auf Bundesebene zu durchbrechen. Stillstand deshalb, weil weitgehende Forderungen nach einer Mietregulierung nicht v&ouml;llig neu waren. So forderte etwa noch im Herbst 2018 die SPD einen f&uuml;nfj&auml;hrigen Mietenstopp.[5] Diese Vorschl&auml;ge setzten jedoch auf Regulierungen im Mietrecht und damit auf Bundesebene an. Das war die Krux: Aufgrund des Widerstands der im Bund mitregierenden Union gegen noch so minimale Eingriffe in den Mietenmarkt bestand keine realistische Umsetzungsperspektive f&uuml;r eine so weitgehende Forderung.<\/p>\n<p>Die L&ouml;sung brachte erst die Forderung der SPD Berlin nach einem Mietendeckel. Denn diese setzte auf Landesebene an, wo in Berlin mit rot-rot-gr&uuml;n eine linke Regierung regiert, deren erkl&auml;rtes Ziel es ist, die Mietenproblematik in der Stadt in den Griff zu kriegen.<\/p>\n<p>Das ist dringend n&ouml;tig, denn die Mietenproblematik betrifft nicht mehr nur Menschen mit geringem Einkommen (obwohl dies schon schlimm genug ist), sondern sogar solche, die gut verdienen. Wer Kinder hat und sich deswegen oder aus anderen Gr&uuml;nden &#8222;vergr&ouml;&szlig;ern&#8220; m&ouml;chte, findet eine Wohnung &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur noch in weit entfernten Kiezen und m&uuml;sste das eigene Leben, das soziale Umfeld und vieles mehr radikal &auml;ndern. Menschen werden verdr&auml;ngt aus den Kiezen, in denen sie leben und arbeiten. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Arm und Reich werden so immer st&auml;rker auch r&auml;umlich zementiert. Das leistet der Spaltung der Gesellschaft Vorschub.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"warum-reichen-die-alten-rezepte-nicht-aus\">Warum reichen die alten Rezepte nicht aus?<\/span><\/h2>\n<p>Wohnungspolitik ist sp&auml;testens seit den 2010er-Jahren ein viel diskutiertes und immer wichtiger werdendes politisches Thema. Warum werden erst jetzt derart neue und weitgehende Vorschl&auml;ge diskutiert? Die klassischen Ma&szlig;nahmen der Wohnungspolitik sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Wohnungsneubau, der den Wohnungsmarkt entspannen soll,<\/li>\n<li>Rekommunalisierung, wodurch der Mietmarkt staatlich direkt reguliert werden kann und <\/li>\n<li>die Regulierung der Mietpreise.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Ma&szlig;nahmen haben lange funktioniert. Doch in den letzten Jahren waren sie immer weniger effektiv. Die Wirkung dieser Instrumente reicht nicht mehr aus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erstens-wohnungsneubau-hat-prioritaet-ist-aber-kein-allheilmittel\">Erstens: Wohnungs&shy;neubau hat Priorit&auml;t, ist aber kein Allheil&shy;mittel <\/span><\/h2>\n<p>Beim Wohnungsbau muss sichergestellt werden, dass nicht nur teure Wohnungen entstehen, die die Mieten weiter in die H&ouml;he treiben. Instrumente stehen hierf&uuml;r zur Verf&uuml;gung: Da Investoren darauf angewiesen sind, von den Kommunen Baurecht zu erhalten, haben diese einen Hebel in der Hand, Investoren zu verpflichten, zu einem gewissen Anteil auch g&uuml;nstige Wohnungen zu bauen und diese (zumindest auf Zeit) mit einer Mietpreisbindung zu belegen. Auch kann g&uuml;nstiger Wohnraum dort entstehen, wo der Staat eigenes Bauland &uuml;ber Erbbaurechte zur Bebauung an Private vergibt oder direkt selbst baut. Die g&uuml;nstigen Wohnungen, die auf diese Weise entstehen, reichen aber nicht aus. Zudem sind die positiven Effekte des Wohnungsbaus erst nach einigen Jahren der Planungs- und Bauzeit sp&uuml;rbar. Der Wohnungsbau ist damit ein wichtiges Instrument sozialdemokratischer Wohnungspolitik, reicht aber allein nicht aus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zweitens-mietpreisentwicklung-durch-rekommunalisierung-bremsen\">Zweitens: Mietpreis&shy;ent&shy;wick&shy;lung durch Rekom&shy;mu&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung bremsen<\/span><\/h2>\n<p>Wie nicht zuletzt das Beispiel der Stadt Wien zeigt, hat ein starker kommunaler Wohnungssektor einen erheblichen Einfluss auf die Stabilisierung des Mietniveaus. Es ist daher richtig, dass die &ouml;ffentliche Hand vielerorts die verheerende Privatisierungspolitik der 1990er und fr&uuml;hen 2000er Jahre r&uuml;ckg&auml;ngig macht und in erheblichem Umfang Wohnraum rekommunalisiert. Allerdings hat diese Strategie auch ihre Grenzen. Der Ankauf von Wohnungen ist teuer und oftmals stehen auch nicht gen&uuml;gend Wohnungen zum Verkauf.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"drittens-zivilrechtliche-mietpreisregeln-reichen-nicht-aus\">Drittens: Zivil&shy;recht&shy;liche Mietpreis&shy;re&shy;geln reichen nicht aus<\/span><\/h2>\n<p>Mieten k&ouml;nnen reguliert werden. Dieses Instrument beseitigt das Problem zwar nicht strukturell, da durch Mietregulierung allein das Wohnungsangebot nicht ausgeweitet wird. Mietregulierung kann aber verhindern, dass die Wohnraumknappheit zur Profitmaximierung ausgenutzt wird und die Verdr&auml;ngung so ungebremst weitergeht. Die SPD k&auml;mpft seit 2013 intensiv f&uuml;r eine zivilrechtliche Mietpreisbremse, hat diese im Jahr 2014 durchgesetzt und im Jahr 2018 weiter versch&auml;rft. Auch die versch&auml;rfte Fassung enth&auml;lt aber Ausnahmen und wirkt zudem nur dann, wenn Mieter sich aktiv gegen rechtswidrige Mieten zu Wehr setzen, was zu wenige tats&auml;chlich tun.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-neuer-ansatz-der-mietendeckel\">Ein neuer Ansatz: Der Mieten&shy;de&shy;ckel<\/span><\/h2>\n<p>Deshalb ist es klar, dass andere, weitergehende Instrumente notwendig sind, um den Mietenanstieg schnell und konsequent zu stoppen. Ein solches Instrument ist der nun in Berlin beschlossene &ouml;ffentlich-rechtliche Mietendeckel. Er k&ouml;nnte zumindest in den L&auml;ndern, in denen die SPD ohne die Union regiert, eine v&ouml;llig neue M&ouml;glichkeit der politischen Gestaltung er&ouml;ffnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zur-zulaessigkeit-des-mietendeckels\">Zur Zul&auml;s&shy;sig&shy;keit des Mieten&shy;de&shy;ckels<\/span><\/h2>\n<p>Aber ist der Mietendeckel &uuml;berhaupt verfassungsrechtlich zul&auml;ssig? Bei dieser Frage geht es nicht nur um die in Artikel 14 Grundgesetz verankerte Eigentumsfreiheit. Es stellt sich auch die Frage nach der Gesetzgebungskompetenz des Landes. Denn bisher hat nur der Bund das Mietrecht geregelt.<\/p>\n<p>Dass es eine ungenutzte und offenbar unbemerkte Gesetzgebungskompetenz der L&auml;nder gibt, wurde erstmals von Weber im November 2018 diskutiert.[6] Ausgangspunkt seiner &Uuml;berlegungen ist, dass auf Bundesebene jahrzehntelang &ouml;ffentlich-rechtliche Mietpreisregularien in Kraft waren, die sich auf den Kompetenztitel f&uuml;r das &#8222;Recht des Wohnungswesen&#8220; st&uuml;tzten. Diese Regularien wurden zum Jahreswechsel 1987\/1988 gegen den Widerstand der SPD endg&uuml;ltig abgeschafft. So schlummerte die Gesetzgebungskompetenz seitdem weitgehend ungenutzt vor sich hin, bis sie im Zuge der F&ouml;deralismusreform 2006 in den Kompetenzbereich der L&auml;nder &uuml;berf&uuml;hrt wurde.<\/p>\n<p>Dass sie seitdem &uuml;bersehen wurde, mag erstaunen, kann aber damit erkl&auml;rt werden, dass 2006 in vielen Gro&szlig;st&auml;dten noch keine besondere Wohnungsknappheit herrschte. So war in Berlin noch bis 2010 eher Leerstand als Knappheit das politisch diskutierte Problem. Der rasante Mietenanstieg erfolgte erst in den letzten Jahren.<\/p>\n<p>Dass es dabei nicht zu einer &Uuml;berschneidung des im BGB geregelten Mietrechts und des &ouml;ffentlich-rechtlichem Mietendeckels kommt, liegt an der Unterscheidung von zivilrechtlicher und &ouml;ffentlich-rechtlicher Mietenregulierung.<\/p>\n<p>Der Unterschied liegt darin, dass zivilrechtliche Mietpreisregelungen unmittelbaren Einfluss darauf nehmen, welche Rechte sich die Parteien im Rahmen ihrer Vertragsfreiheit durch mietvertragliche Regelungen gegenseitig einr&auml;umen k&ouml;nnen. Beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Mietpreisrecht k&ouml;nnen Preisregelungen unabh&auml;ngig und entgegen von zivilrechtlich per se m&ouml;glichen Vereinbarungen durchgesetzt werden. Diesen Unterschied hat das Bundesverwaltungsgericht schon Anfang der 1950er-Jahre am Beispiel der damals geltenden &ndash; zweifelsfrei &ouml;ffentlich-rechtlichen &ndash; Mietpreisverordnungen auf Grundlage von &sect; 2 Preisgesetz festgehalten.[7]<\/p>\n<p>Deshalb wird das &ouml;ffentlich-rechtliche Mietpreisrecht nicht durch den Art.&nbsp;74 Abs.&nbsp;1 Nr. 1 Var. 1 GG (&#8222;B&uuml;rgerliches Recht&#8220;) gesperrt. Abgestellt werden kann auf den Kompetenztitel des &#8222;Rechts f&uuml;r Wohnungswesen&#8220;, der alle Angelegenheiten erfasst, die sich auf Wohngeb&auml;ude beziehen.[8]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"umsetzung-des-mietendeckels\">Umsetzung des Mieten&shy;de&shy;ckels<\/span><\/h2>\n<p>Die Umsetzung des Mietendeckels war und ist &ndash; das Gesetz ist schlie&szlig;lich noch nicht verabschiedet worden &ndash; ein unglaublich intensiver und schneller Prozess, der hier nicht im Einzelnen dargestellt werden soll. Beobachtet von der berlinischen, der nationalen und der internationalen Presse wurde zun&auml;chst debattiert, ob der Mietendeckel aufgrund der skizzierten kompetenzrechtlichen Problematik &uuml;berhaupt m&ouml;glich w&auml;re und dann, wie er ausgestaltet werden sollte. Dabei waren sich die Verantwortlichen der Berliner Regierung darin einig, dass ein Mietendeckel schnell kommen m&uuml;sse, da er ein akutes Problem l&ouml;sen soll.<\/p>\n<p>Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob und wie man &uuml;ber den SPD-Vorschlag eines Mietendeckels hinaus sogar eine Regelung beschlie&szlig;en solle, nach der Mieten abgesenkt werden k&ouml;nnen. Ziel einer solchen Absenkung w&auml;re es, das Mietniveau aus Zeiten eines ausgeglichenen Wohnungsmarkts, also etwa von 2013, zu erreichen. Der Vorschlag der zust&auml;ndigen Senatorin Lompscher war, die Mieten auf 30 Prozent des individuellen Haushaltsnettoeinkommens des jeweiligen Mieters bzw. der Mieterin abzusenken. Dies w&auml;re einer wohnungsrechtlichen Subjektf&ouml;rderung gleichgekommen, die vom rein objektbezogenen Kompetenztitel des &#8222;Rechts des Wohnungswesens&#8220; nicht mehr gedeckt gewesen w&auml;re. Au&szlig;erdem w&auml;re eine Absenkung verwaltungstechnisch undurchf&uuml;hrbar gewesen. Schlie&szlig;lich h&auml;tte sie falsche Anreize gesetzt, n&auml;mlich an Mieter*innen mit besonders hohem Einkommen zu vermieten.<\/p>\n<p>Die Einigung &uuml;ber den Mietdeckel, die nunmehr erreicht wurde, sieht im Wesentlichen vor, den von der SPD geforderten Mietenstopp f&uuml;r f&uuml;nf Jahre zu beschlie&szlig;en und ihn um die M&ouml;glichkeit der Absenkung besonders hoher Mieten zu erg&auml;nzen, wobei die Regelung zur Absenkung zeitverz&ouml;gert in Kraft tritt. Im Einzelnen:<\/p>\n<p>&bull; Die &ouml;ffentlich-rechtliche Begrenzung der Mieten soll durch ein Landesgesetz erfolgen, welches das Abgeordnetenhaus von Berlin noch beschlie&szlig;en muss.<\/p>\n<p>&bull; Es wird ein Mietenstopp f&uuml;r f&uuml;nf Jahre eingef&uuml;hrt. Ab 2022 wird die M&ouml;glichkeit einer Anpassung von 1,3 % pro Jahr geschaffen.<\/p>\n<p>&bull; Zur Festlegung der Mietobergrenzen wurden die Mieten des Berliner Mietspiegels 2013 mit der Reallohnentwicklung bis 2019 fortgeschrieben.<\/p>\n<p>&bull; Bei der Wiedervermietung von Wohnungen darf h&ouml;chstens die am 18. Juni 2019 wirksam vereinbarte Miete aus dem vorherigen Mietverh&auml;ltnis verlangt werden (Vormiete). Liegt diese Vormiete &uuml;ber der Mietobergrenze, ist sie darauf zu kappen.<\/p>\n<p>&bull; In bestehenden Mietverh&auml;ltnissen sollen Mieter*innen ihre Miete kappen k&ouml;nnen, wenn diese um mehr als 20 % &uuml;ber der zul&auml;ssigen Mietobergrenze liegt. Dabei werden Zu- und Abschl&auml;ge f&uuml;r einfache Lage (-28 ct\/m&sup2;), mittlere Lage (-9 ct\/m&sup2;) und gute Lage (+74 ct\/m&sup2;) ber&uuml;cksichtigt. Die Regelungen werden erst neun Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes angewendet.<\/p>\n<p>&bull; Liegt die Miete einer modern ausgestatteten Wohnung besonders niedrig (unter 5,02 Euro\/m&sup2;), darf diese bei Wiedervermietung um maximal 1 Euro\/qm auf maximal 5,02 Euro\/m&sup2; angehoben werden.<\/p>\n<p>&bull; Modernisierungsma&szlig;nahmen d&uuml;rfen nur in H&ouml;he von 1 Euro\/m&sup2; umgelegt werden.<\/p>\n<p>&bull; Es besteht eine Anzeigepflicht. F&uuml;r dar&uuml;ber hinausgehende Modernisierungskosten sollen F&ouml;rderprogramme genutzt werden. Eine Umlage der Kosten auf die Mieter*innen ist nicht zul&auml;ssig.<\/p>\n<p>&bull; Bei wirtschaftlichen H&auml;rtef&auml;llen der Vermieter*innen sollen Mieterh&ouml;hungen genehmigt werden, wenn das zur Vermeidung der Substanzgef&auml;hrdung und von Verlusten zwingend erforderlich ist.<\/p>\n<p>&bull; Die genehmigten Mieterh&ouml;hungen oberhalb der Mietoberwerte sollen durch einen Mietzuschuss bei WBS-berechtigten Haushalten abgefedert werden. Der Mietzuschuss darf h&ouml;chstens dem die Mietobergrenze &uuml;berschreitenden Betrag entsprechen.<\/p>\n<p>&bull; Verst&ouml;&szlig;e gegen die Anforderungen des Berliner Mietengesetzes werden als Ordnungswidrigkeit mit einem Bu&szlig;geld von bis zu 500.000 Euro geahndet.[9]<\/p>\n<p>Das Regelungskonzept ist davon gepr&auml;gt, die Forderungen nach einem Mietendeckel und einer Mietpreisbegrenzung bei bestehenden Mietverh&auml;ltnissen in einen angemessenen Ausgleich zu bringen. So ist die verz&ouml;gerte Einf&uuml;hrung der Absenkungsm&ouml;glichkeit sinnvoll und notwendig, weil daf&uuml;r &uuml;berhaupt erst einmal Verwaltungskapazit&auml;ten aufgebaut werden m&uuml;ssen, vor allem Personal eingestellt werden muss.<\/p>\n<p>Die M&ouml;glichkeit, auch in bestehenden Mietverh&auml;ltnissen den Mietpreis zu begrenzen, ist vom Gedanken getragen, dass 2013 grunds&auml;tzlich ein angemessener Mietmarkt vorhanden war, sodass dieses Jahr der richtige &#8222;Ausgangspunkt&#8220; ist. Davon ausgehend wird das Mietniveau anhand der Reallohnentwicklung vorgeschrieben (&#8222;normale Inflation&#8220;) und bildet damit ein virtuelles, angemessenes Mietniveau f&uuml;r 2019 ab. Begrenzt werden kann dann auf dieses Mietniveau (&#8222;Mietobergrenze&#8220;) plus 20 Prozent. Der 20-%-Aufschlag ist dabei angelehnt an die Definition des Mietwuchers in &sect;&nbsp;5 Wirtschaftsstrafgesetzbuch. Der Gedanke ist, dass eben nicht jede &Uuml;berschreitung des angemessenen Mietniveaus, sondern nur besonders extreme Mieten verboten werden sollen.<\/p>\n<p>Klar ist, dass diese Form der Mietregulierung einen massiven Eingriff in die Eigentumsfreiheit bedeutet. Schon das Einfrieren der Mieten f&uuml;r f&uuml;nf Jahre ist ein deutlich intensiverer Eingriff als die auf Bundesebene bestehende und verfassungsrechtlich zul&auml;ssige Mietpreisbremse. Schon gegen die Mietpreisbremse wurde eine massive Lobby-Kampagne der Eigent&uuml;mer-Seite in Gang gesetzt. Ein noch dar&uuml;ber hinaus gehendes Limitieren von Mietpreisen in bestehenden Mietverh&auml;ltnissen intensiviert diesen Eingriff. Jedoch sind auch intensive Eingriffe in die Eigentumsfreiheit gerechtfertigt, wenn sie im Sinne des Gemeinwohls erfolgen. Das hat das Bundesverfassungsgericht immer wieder best&auml;tigt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h2>\n<p>Der Mietendeckel ist ein notwendiger und dringender politischer Schritt, um die f&uuml;r die B&uuml;rger*innen zunehmende Bedrohung ihrer Lebenssituation durch steigende Mieten einzud&auml;mmen. Er hat massive, anhaltende Widerst&auml;nde vor allem seitens der Immobilienbranche ausgel&ouml;st und ist politisch sehr umstritten. Dies ist ein Zeichen daf&uuml;r, dass er mehr ist als ein Symbol, sondern geeignet ist, die Mietverh&auml;ltnisse nachhaltig zu ver&auml;ndern. Im Gegensatz zu ebenfalls weitgehenden Forderungen wie der nach einer Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungsunternehmen wirkt er zudem &auml;u&szlig;erst kurzfristig und ver&auml;ndert auf diese Weise die Wohnungssituation schnell und unmittelbar. Dies d&uuml;rfte ein Grund daf&uuml;r sein, dass nicht nur seine konkrete Ausgestaltung, sondern das Mittel allgemein auf so massive Ablehnung seitens der sonst auf Ruhe bedachten Immobilien-Lobby st&ouml;&szlig;t.<\/p>\n<p>Berlin zeigt mit dem Projekt, dass es m&ouml;glich ist, gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse nachhaltig zu ver&auml;ndern. Der Mietendeckel ist auch ein Symbol daf&uuml;r, dass politische Arbeit keineswegs nur von der Hoffnung auf langfristige Ver&auml;nderungen leben muss, weil kurzfristig ohnehin nur &bdquo;kosmetische&ldquo; &Auml;nderungen m&ouml;glich w&auml;ren. Der Mietendeckel zeigt, dass die Politik auf politische Probleme auch kurzfristig reagieren kann.<\/p>\n<p><b>DR. JULIAN ZADO<\/b><i>&nbsp;(*1984) lebt und arbeitet als Jurist in Berlin und ist stellvertretender Landesvorsitzender der SPD Berlin.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h2>\n<p>1 Vgl. statt vieler nur <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wohnen\/spd-will-hoechstpreis-fuer-mieten-in-berlin-15996048.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wohnen\/spd-will-hoechstpreis-fuer-mieten-in-berlin-15996048.html<\/a>.<\/p>\n<p>2 <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/wohnungsnot-in-der-hauptstadt-berlin-koennte-eine-eigene-mietpreisregulierung-einfuehren\/23880014.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/wohnungsnot-in-der-hauptstadt-berlin-koennte-eine-eigene-mietpreisregulierung-einfuehren\/23880014.html<\/a>.<\/p>\n<p>3 Weber, JZ 2018, 1022 ff.<\/p>\n<p>4 <a href=\"https:\/\/www.spd-berlin-mitte.de\/dl\/Berliner_Mietendeckel_2019_01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.spd-berlin-mitte.de\/dl\/Berliner_Mietendeckel_2019_01.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>5 <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/mietenstopp-plaene-der-spd-wohnen-ohne-angst\/23015402.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/mietenstopp-plaene-der-spd-wohnen-ohne-angst\/23015402.html<\/a>.<\/p>\n<p>6 Weber, JZ 2018, 1022 ff.; f&uuml;r zustimmende Stellungnahmen vgl. <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/berlin-spd-vorschlag-mietpreisdeckel-gg-gesetzgebung-kompetenz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/berlin-spd-vorschlag-mietpreisdeckel-gg-gesetzgebung-kompetenz\/<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/%215565514\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.taz.de\/!5565514\/<\/a>.<\/p>\n<p>7 BVerwG, Urteil vom 23. April 1954 &ndash; II C 50.53, juris Rn. 40; ausf&uuml;hrliche Argumentation unter <a href=\"https:\/\/www.spd-berlin-mitte.de\/dl\/Berliner_Mietendeckel_2019_01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.spd-berlin-mitte.de\/dl\/Berliner_Mietendeckel_2019_01.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>8 Die Frage der Gesetzgebungskompetenz hat allerdings eine kontroverse Debatte und eine &#8222;Gutachterschlacht&#8220; ausgel&ouml;st. Sie muss letztlich vom Bundesverfassungsgericht verbindlich gekl&auml;rt werden; s. dazu die Dokumentation in diesem Heft ab S. 59ff.<\/p>\n<p>9 Pressemitteilung der Senatsverwaltung f&uuml;r Stadtentwicklung und Wohnen vom 20.11.2019, <a href=\"https:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/aktuell\/pressebox\/archiv_volltext.shtml?arch_1910\/nachricht6802.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/aktuell\/pressebox\/archiv_volltext.shtml?arch_1910\/nachricht6802.html<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6397","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-sozialpolitik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Mit dem Mietendeckel die Mietpreisspirale stoppen! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/mit-dem-mietendeckel-die-mietpreisspirale-stoppen-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mit dem Mietendeckel die Mietpreisspirale stoppen! - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"vorg\u00e4nge Nr. 228 (4\/2019), S. 51-57 Die derzeitige Konjunktur des Themas Wohnen wird wesentlich durch die steigenden Mieten angetrieben. 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