{"id":6536,"date":"1988-12-09T06:09:00","date_gmt":"1988-12-09T05:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/erotic-si-porno-no-oder-wie-unbequem-es-sich-zwischen-den-stuehlen-sitzt\/"},"modified":"2023-05-04T16:01:47","modified_gmt":"2023-05-04T14:01:47","slug":"erotic-si-porno-no-oder-wie-unbequem-es-sich-zwischen-den-stuehlen-sitzt","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/erotic-si-porno-no-oder-wie-unbequem-es-sich-zwischen-den-stuehlen-sitzt\/","title":{"rendered":"Erotic si, porno no. Oder: &#8222;Wie unbequem es sich zwischen den St\u00fchlen sitzt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Elisabeth Kilali<\/p>\n<p>aus: Frauenverachtung verbieten? Gegens\u00e4tzliches zur Verrechtlichung eines gesellschaftlichen Problems. HU Schriften Nr. 14 . M\u00fcnchen 1988, Seiten 7-11<\/p>\n<p>Im Herbst 1961 war das Ma\u00df voll. Volkswartbund und \u201eAktion Saubere Leinwand&#8220; hatten wir ja noch hohnl\u00e4chelnd abgetan, aber nun r\u00fcckte man der hohen Kunst zu Leibe. Figaro wurde abgesetzt, nicht etwa wegen der m\u00e4\u00dfigen Inszenierung an der Augsburger Provinzb\u00fchne, nein einzig und allein wegen des angeblich obsz\u00f6nen B\u00fchnenbildes. Eine wenig bekleidete, barocke Dame r\u00e4kelte sich da mit ihrem Galan in einer angedeuteten Liebesszene. Wer h\u00e4tte damals geahnt, da\u00df nur zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter kaum noch eine Theaterauff\u00fchrung \u00fcber die B\u00fchne ging, bei der nicht wenigstens ein(e) Darsteller(in) sich seiner\/ ihrer gesamten Bekleidung zu entledigen h\u00e4tte. Der Skandal von Augsburg jedenfalls gab die Initialz\u00fcndung f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Humanistischen Union. Schlu\u00df mit dem Kleinb\u00fcrger-Mief, weg mit der Zensur, Freiheit f\u00fcr die Kunst, sexuelle Liberalisierung, M\u00fcndigkeit!<\/p>\n<p>Was erwachsene Menschen sich anschauen oder miteinander tun wollen, geht den Staat, geht die Justiz, geht niemanden was an! Eine exzellente Ausstellung erotischer Kunst reiste, von der HU unterst\u00fctzt, durch die Lande und erregte gewi\u00df nicht nur die Gem\u00fcter. Die neue Botschaft wurde auch von der gerade erst aufbl\u00fchenden, aber immer noch arg bedrohten und bedr\u00e4ngten Branche der Pornohersteller und -vertreiber geh\u00f6rt. Da gab es gelegentlich Spenden f\u00fcr diesen Intellektuellenverein, der sich anschickte, zum Wegbereiter f\u00fcr k\u00fcnftige Gewinnchancen ungeahnten Ausma\u00dfes zu werden. Auch von Empf\u00e4ngen mit erlesenem Bufett berichten HU-Enthusiasten der ersten Stunde. Der jeweilige Herr Vorsitzende wurde mit dem Anschauungsmaterial beschickt, Einblicken in jenen Garten der L\u00fcste, der nun endlich unangefochten allen offenstehen sollte. Dann wurde eine Frau als Vorsitzende an die Spitze der HU gew\u00e4hlt. Sie schrieb emp\u00f6rt, man m\u00f6ge sie gef\u00e4lligst nicht mit derlei Schund bel\u00e4stigen. So geschah es; doch j\u00e4h versiegte auch die Spendenquelle. War das n\u00f6tig? Die Dame war doch keine Kirchg\u00e4ngerin, sie kannte das Leben. Ihr letztes, unvollendetes Werk galt der Geschichte der Erotik. H\u00e4tte sie nicht die Prospekte achtlos in den Papierkorb werfen k\u00f6nnen, wie es ihre Herren Vorg\u00e4nger taten (oder vielleicht ja auch nicht)?<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, diese HU-Frauen! \u201eIch bin w\u00fctend&#8220;, begann eine ihr Vorwort zu einem Buch \u00fcber \u201eWeibsbilder&#8220;. Sie pr\u00e4sentierte eine umfangreiche Sammlung frauenverachtender Darstellungen, vom Nu\u00dfknacker aus schlanken Damenbeinen, \u00fcber die Klingel in Busenform bis zur Zweckentfremdung weiblicher Geschlechtsmerkmale f\u00fcr die Werbung, kurz, die ganze sexistische W\u00fcrze unseres Alltags. Das gener\u00f6se \u201eLa\u00df-den-Kerlen-doch-ihr-Spielzeug-L\u00e4cheln&#8220; war ihr dar\u00fcber abhanden gekommen. Geben wir es zu, die Freiheit hat seltsame Bl\u00fcten getrieben: Pornohefte, Peep-Shows, Sexvideos, stets abgestimmt auf m\u00e4nnlichen Geschmack, Frauen als Jagdtroph\u00e4e, bereitwillige Sklavin oder einfach als handlichen Gebrauchsartikel darstellend. Da gibt es neben den Wichs-Vorlagen f\u00fcr Otto Normalverbraucher auch einiges f\u00fcr gehobene Standards. Hochglanzmagazine servieren dem kultivierten Herren was er so braucht: ein bi\u00dfchen was Informatives, ein bi\u00dfchen was Literarisches und als Dessert Frauenk\u00f6rper.<\/p>\n<p>N\u00e4her kommen sich M\u00e4nner und Frauen dabei nat\u00fcrlich nicht. Aber Bewu\u00dftsein wird gepr\u00e4gt, frauenverachtendes Bewu\u00dftsein, sagen die Psychologen. Unsinn, behaupten Vertreter des gleichen Wissenschaftszweigs: Pornographie hat einen karthatischen Effekt und wirkt triebregulierend &#8211; je nachdem, wer gerade die Untersuchung in Auftrag gab und bezahlt. Wer w\u00fcrde angesichts herabw\u00fcrdigender Darstellungen von Schwarzen, T\u00fcrken, Juden, Katholiken &#8230; einen solchen Gelehrtenstreit vom Zaune brechen? K\u00f6nnen wir uns nicht darauf einigen, was mies ist, einfach auch mies zu nennen? Und dann sagen wir der miesen Weiberfeindlichkeit den Kampf an, schaffen sie aus der Welt.<\/p>\n<p>Wie? Nat\u00fcrlich per Gesetz! Jede Frau, die sich durch Pornographie gekr\u00e4nkt f\u00fchlt, erh\u00e4lt Anspruch auf Schadensersatz. Also fangen wir gleich an! Neulich sah ich einen \u00e4gyptischen Papyrus, auf dem sich ein Pharao mit mehreren Gespielinnen schamlos verlustierte. Sollen wir das durchgehen lassen? Nach einigen tausend Jahren ist das Delikt vielleicht verj\u00e4hrt. Auch w\u00fcrde sich der derzeitige \u00e4gyptische Regierungschef bei Schadensersatzanspr\u00fcchen wahrscheinlich f\u00fcr nicht zust\u00e4ndig erkl\u00e4ren. Wie aber steht es mit den pornographischen Werken der Weltliteratur, jener k\u00fcnstlerischen Verpackung sch\u00e4biger ldeologie? Einfach weg damit? W\u00e4re das nicht eine unzul\u00e4ssige Klitterung der Literaturgeschichte? Gibt uns nicht sogar de Sade interessante Einblicke in das Denken und Handeln seiner Zeit? Man mu\u00df ihn ja nicht gleich zum Rebellen hochjubeln. Er geh\u00f6rte einer durch die Franz\u00f6sische Revolution entmachteten Herrenschicht an. Und was tun Herrenmenschen ohne Befugnisse? Sie halten sich an den Frauen schadlos. Der Unterschied zwischen de Sade und Herrn M\u00fcller, der nie die Chefetage erringen wird, aber daf\u00fcr als uneingeschr\u00e4nkter Herr im eigenen Haus auftritt, ist nur ein gradueller. Sollen wir Herrn M\u00fcller gleich mit verbieten?<\/p>\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich mit den Bildenden K\u00fcnsten? Sie spiegeln vielfach die Lust- und Leibfeindlichkeit des christlichen Abendlandes in Frauendarstellungen als Heilige oder Hure. Eigentlich ist beides pervers und geh\u00f6rt verboten. Ja, und dann die moderne Kunst mit all ihren Deformationen! Oder ist das vielleicht symbolisch gedacht? Mu\u00df Kunst nicht Wirklichkeit verdeutlichen, wenn sie nicht verlogen sein will? Und wer wollte behaupten, unsere Wirklichkeit sei frauenfreundlich! Also lassen wir die Finger von der Kunst! Das hat ohnehin den \u00fcblen Beigeschmack von Zensur. Aber die Titelbilder der Illustrierten und \u00fcberhaupt die Werbung, das gibt schon einiges her. Nichts gegen Aktdarstellungen, wenn sie \u00e4sthetisch sind! Wir wollen ja keine Neo-Pr\u00fcderie. Aber wenn der weibliche Akt aufs Auto platziert und die Grenzen des guten Geschmacks \u00fcberschritten werden &#8230;, da brauchen wir wohl genaue Richtlinien, Ma\u00dfst\u00e4be, eine Kommission, zusammengesetzt aus allen gesellschaftsrelevanten Gruppen, parit\u00e4tisch mit M\u00e4nnern und Frauen besetzt. Die haben sich dann vielleicht bis zum Jahre 2000 zusammendiskutiert. Zwischenzeitlich verbieten wir schon mal jene Pornohefte, die von pubertierenden Knaben heimlich unter der Schulbank ausgetauscht und von distinguierten Herren in einem besonderen Fach ihres Schreibtisches unter Verschlu\u00df gehalten werden. Und dann verbieten wir auch noch die Sex-Videos, die sich der Herr Gemahl des Abends reinzieht, statt mit der ihm real angetrauten Ehefrau ins Bett zu gehen. (Da soll noch einer behaupten, der Geburtenr\u00fcckgang h\u00e4tte was mit \u00a7 218 zu tun!) Freilich m\u00fcssen wir dann auch die Grenzen nach Skandinavien komplett dichtmachen. Denn seinerzeit passierten dort Unmengen von verbotenem Schweinkram die deutschen Grenzen und fanden &#8211; obwohl teurer als heute &#8211; rei\u00dfenden Absatz. Ganz sch\u00f6n schwierig, die Verbieterei! Aber in einem sind wir uns doch einig: harte Pornographie, die Verbindung von Sexualit\u00e4t und Gewalt mu\u00df ganz einfach verboten werden! Geht auch nicht, ist n\u00e4mlich schon verboten, wird sogar strafrechtlich verfolgt. Ja, bleibt uns denn wirklich und wahrhaftig nur jener unendlich lange, steinige, dornenreiche Weg der Bewu\u00dftseins\u00e4nderung bei unseren M\u00e4nnern? Ach! Nun denn, beschreiten wir ihn in der vagen Hoffnung, da\u00df dereinst unsere T\u00f6chter und T\u00f6chterst\u00f6chter wenigstens ein kleines bi\u00dfchen davon profitieren!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[71],"tags":[],"class_list":["post-6536","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-frauenverachtung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Erotic si, porno no. 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