{"id":6544,"date":"1980-12-02T11:02:00","date_gmt":"1980-12-02T10:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/einleitung\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:48","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:48","slug":"einleitung","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/einleitung\/","title":{"rendered":"Einleitung"},"content":{"rendered":"<p>Elisabeth Kilali<\/p>\n<p>aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. HU-Schriften 9, M\u00fcnchen 1980, Seiten 2-7<\/p>\n<p>Das Interesse, das unserer Tagung zur Psychiatriereform entgegengebracht wurde, war \u00fcberraschend gro\u00df. Unsere Freude dar\u00fcber wurde getr\u00fcbt durch die Notwendigkeit, viele engagierte Bewerber abweisen zu m\u00fcssen. Ein noch gr\u00f6\u00dferer Rahmen h\u00e4tte jedoch die M\u00f6glichkeiten einer Arbeitstagung, in der durch Gespr\u00e4ch und Diskussion Meinungsbildungsprozesse angestrebt wurden und konkrete Arbeitsergebnisse erbracht werden sollten, bei weitem gesprengt.<\/p>\n<p>Wir hoffen, da\u00df wir dieses, in vielen Teilen der Bev\u00f6lkerung erwachende Interesse an einer Reform der Psychiatrie als erste Anzeichen einer allgemeinen Hinwendung zur Humanit\u00e4t werten d\u00fcrfen, als Ausdruck einer neuen Solidarit\u00e4t mit Benachteiligten und Leidenden und einer Sensibilit\u00e4t, die &#8211; wie Habermas es einmal ausdr\u00fcckte &#8211; &#8222;auch die Verletzungen des fremden Schicksals registriert&#8220;.<\/p>\n<p>Aber auch die zunehmende pers\u00f6nliche Betroffenheit mag eine Rolle spielen, denn die Arroganz derer, die sich f\u00fcr v\u00f6llig normal und absolut gesund halten, scheint anma\u00dfend angesichts hochkomplizierter zivilisatorischer Lebensbedingungen, die allzu oft menschliche Natur mi\u00dfachten, menschliche Anpassungsf\u00e4higkeit \u00fcberstrapazieren und kaum jemanden unbeschadet lassen. In einer gesellschaftlichen Ordnung, die auf dem Wettbewerbsgedanken basiert, statt der zwischenmenschlichen Kooperation die Vereinzelung des Individuums provoziert, in der nicht Phantasie und Kreativit\u00e4t, sondern Funktionst\u00fcchtigkeit und Robustheit dominieren, werden &#8211; m\u00f6glicherweise unverr\u00fcckbare &#8211; anthropologische Grundkomponenten ignoriert zugunsten v\u00f6llig einseitiger Belastungen. Eine Zunahme psychischer Erkrankungen ist die unausweichliche Folge; der Zustand von L\u00e4diertheit zeigt allenfalls graduelle Unterschiede. Nur scheinbar hat sich das strenge normative Gef\u00fcge, das normal und anormal, gesund und krank definiert, in letzter Zeit gelockert. So mag es z.B. eine etwas gr\u00f6\u00dfere Toleranzbreite in bestimmten Bereichen abweichenden Sexualverhaltens geben, die Anforderung an die Anpassungsf\u00e4higkeit und Funktionst\u00fcchtigkeit des Einzelnen ist unerbittlicher denn je. War fr\u00fcher ein Gest\u00f6rter oder Behinderter insbesondere in l\u00e4ndlichen Gegenden noch integrierter Bestandteil seiner Gemeinde und Familie, so f\u00e4llt er heute bereits durch den Raster der Vorstellung von Vollwertigkeit und N\u00fctzlichkeit und ger\u00e4t damit in ein Selektionsverfahren, das in unserer Gesellschaft durchg\u00e4ngiges Prinzip ist. Speziell der psychisch Kranke, behaftet mit dem Odium des Versagers, unverstanden und daher unberechenbar und unheimlich in seinen \u00c4u\u00dferungen und Reaktionen, l\u00f6st Unsicherheit und Angst aus und wird daher in ein Ghetto verbannt, dessen N\u00e4he zum Strafvollzug unverkennbar ist, in psychiatrische Gro\u00dfkliniken, die in ihrer Abgeschiedenheit vielfach jene Mechanismen von Machtaus\u00fcbung und menschlicher Entm\u00fcndigung und Entw\u00fcrdigung erhalten konnten, die sich in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen entweder nicht mehr oder in weit subtilerer Form abspielen. Psychiatrische Gro\u00dfkliniken sind Anachronismen aus einer Zeit, als sich Herrschaftsanspr\u00fcche \u00fcber Menschen noch unmittelbar aus der Vorstellung \u00fcber deren vorgebliche Unf\u00e4higkeit zur Selbstbestimmung herleiteten.<\/p>\n<p>Als 1975 die Ergebnisse der Enquete-Kommission vorgelegt wurden, die unverbl\u00fcmt von &#8222;elenden und menschenunw\u00fcrdigen&#8220; Lebensumst\u00e4nden sprachen, h\u00e4tte man erwarten m\u00fcssen, da\u00df sich ein wahrer Erdrutsch ereignet, da\u00df ein fieberhafter Eifer einsetzen w\u00fcrde, solche Schandflecke innerhalb eines sozialen Rechtsstaates zu beseitigen. Statt dessen geschah zun\u00e4chst gar nichts, denn schlie\u00dflich handelt es sich um ein Minorit\u00e4tenproblem, das generationenlang gern aus dem \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein verdr\u00e4ngt wurde, so da\u00df ein besonderes Engagement in dieser Richtung kaum eine Honorierung durch die Bev\u00f6lkerung in Form von Zuwachs an W\u00e4hlerstimmen garantieren w\u00fcrde. Hinzu kommt eine hierzulande allgemein verbreitete Rigidit\u00e4t gegen\u00fcber grundlegenden Reformen, eine Schwerf\u00e4lligkeit im Umdenken und eine fundamentale Angst vor allem, was experimentellen Charakter hat. Auf mutige Versuche im Ausland wei\u00df man nur zu antworten, da\u00df diese nat\u00fcrlich auf unsere Verh\u00e4ltnisse nicht zu \u00fcbertragen seien, selbst wenn die gesellschaftspolitischen, historischen und \u00f6konomischen Bedingungen eines Landes durchaus vergleichbar oder sogar ung\u00fcnstiger als die unsrigen sind. Mit gro\u00dfer Genugtuung werden Fehlschl\u00e4ge registriert als Beleg daf\u00fcr, da\u00df &#8222;es so nat\u00fcrlich nicht geht&#8220;. Dabei haben wir, da wir im Bereich der Psychiatriereform im internationalen Vergleich ohnehin hinterherhinken, die einzigartige Chance, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, d.h.\u00a0wir k\u00f6nnen grundlegende Reformen wagen, ohne dabei bereits gemachte Fehler zu reproduzieren. Konkret bedeutet dies: Aufl\u00f6sung der psychiatrischen Gro\u00dfkliniken bei gleichzeitigem Ausbau alternativer Einrichtungen, denn niemand kann wollen, da\u00df Hilfsbed\u00fcrftige sich selbst \u00fcberlassen und damit der Verwahrl\u00f6sung ausgesetzt werden oder da\u00df psychisch Kranke einfach in jenes Milieu zur\u00fcckgeworfen werden, das ihre Krankheit verursacht hat.<\/p>\n<p>Das Erstaunliche ist, da\u00df alle guten reformerischen Gedanken l\u00e4ngst ausgesprochen sind, da\u00df es nicht an Vorschl\u00e4gen, Konzepten und Forderungen fehlt. Was aber verhindert deren Realisation? &#8211; Da ist zun\u00e4chst ein gro\u00dfes Informationsdefizit in der Bev\u00f6lkerung und von daher kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Integrationsbem\u00fchungen. Aber da sind auch etliche konservative Klinikdirektoren, die ihre Gro\u00dfkliniken verwalten wie streng hierarchisch geordnete Imperien, f\u00fcr die es eine Prestigeangelegenheit ist, \u00fcber wie viele Patienten, sprich &#8222;Betten&#8220;, sie residieren. Da ist auch insgesamt die erdr\u00fcckende Mehrheit konservativer Mediziner, mit ausgepr\u00e4gtem Rollenbewu\u00dftsein und naturwissenschaftlich verengter Sicht vom Menschen, die selbst die Ursachen psychischer Erkrankung \u00fcberwiegend im Physiologischen ansiedeln m\u00f6chte und der psychosozialen Komponente kaum Beachtung schenkt. Da sind Beh\u00f6rden, die davon ausgehen, da\u00df es kostensparender ist, bestehende Einrichtungen zu renovieren und da\u00df man Altbew\u00e4hrtes nicht gleich total zerschlagen m\u00fcsse, zumal fast jede psychiatrische Gro\u00dfklinik erst k\u00fcrzlich mit einem neu angebauten Renomiertrakt ausgestattet wurde. &#8211; Als es im bildungspolitischen Sektor geboten schien, im umgekehrten Sinne die Zwergschulen, die sich als Sackgasse erwiesen hatten, der Zentralisierung in Mittelpunktschulen zu opfern, waren Kultusministerien und Gemeinden bereit, eine v\u00f6llig neue Kursrichtung einzuschlagen. Eine \u00e4hnliche Flexibilit\u00e4t und Handlungsbereitschaft lassen Gesundheits- und Sozialbeh\u00f6rden bisher vermissen. Schlie\u00dflich sind auch die Parlamentarier in Bund und L\u00e4ndern aufgerufen, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Gesetzes\u00e4nderungen in Angriff zu nehmen, was freilich eine sehr gr\u00fcndliche Auseinandersetzung mit einem h\u00f6chst schwierigen und bisher nicht ausreichend popul\u00e4ren Sujet voraussetzt.<\/p>\n<p>Was veranla\u00dft nun eine B\u00fcrgerrechtsorganisation wie die HUMANISTISCHE UNION sich f\u00fcr eine Reform der Psychiatrie zu engagieren? Wir sind der Auffassung, da\u00df sich an den sozialen Brennpunkten wie z.B. der Psychiatrie mit besonderer Deutlichkeit zeigt, wie es mit den Rechten des B\u00fcrgers in einem Lande bestellt ist. Der Grad der Humanit\u00e4t einer Gesellschaft l\u00e4\u00dft sich vor allem daran messen, wie sie mit ihren normativen Abweichlern jeglicher Art verf\u00e4hrt. Wir sehen in der herk\u00f6mmlichen Praxis der Abschiebung und Verwahrung psychisch Kranker einen Versto\u00df gegen das Recht auf Menschenw\u00fcrde, gegen das Recht auf freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit, gegen das Recht auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit (Grundgesetz, Art. 1 und 2).<\/p>\n<p>Die Tagung in Mainz diente uns dazu, einen \u00dcberblick \u00fcber die bestehende Situation, umfassende Einsichten in notwendige Reformen und Argumentationshilfen von fachlich kompetenter Seite zu gewinnen. Wir m\u00f6chten durch \u00f6ffentliche Veranstaltungen und Publikationen zu Multiplikatoren werden und politisch Einflu\u00df nehmen, wo immer uns dies m\u00f6glich ist. Gewi\u00df haben Expertentagungen dieser Art auch einen entscheidenden Nachteil. Man spricht  \u00a7 b e r und f  \u00a7 r einen Personenkreis, statt ihm die M\u00f6glichkeit zu geben, sich selber zu artikulieren. So waren denn auch in Mainz die eigentlich Betroffenen, die Patienten, mit nur zwei Vertretern gegen\u00fcber 14 Experten deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Was uns bewogen hat, an dieser eher konventionellen Form einer Arbeitstagung festzuhalten, war keineswegs die Vorstellung, psychisch Kranke seien grunds\u00e4tzlich nicht in der Lage, die bestehende Situation objektiv darzustellen und ihre Bed\u00fcrfnisse angemessen mitzuteilen, sondern eine Konzession an unsere Adressaten. Was wiegen in der \u00d6ffentlichkeit, was bedeuten bei Politikern und Beh\u00f6rden die &#8211; wenngleich noch so zutreffenden &#8211; Aussagen psychisch Kranker gegen\u00fcber den Aussagen einer Anzahl namhafter Fachleute? Dennoch ist nicht zu leugnen, da\u00df wir uns damit weitgehend im \u00fcblichen Fahrwasser der Fremdbestimmung und des Ausschlusses psychisch Kranker aus dem \u00f6ffentlichen Leben bewegen, dem allgemeinen Bewu\u00dftsein nur insoweit voraus, da\u00df wir bereit sind, uns dies einzugestehen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-6544","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-wege-zu-einer-neuen-psychiatrie"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Einleitung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/einleitung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Einleitung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Elisabeth Kilali aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. 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