{"id":6566,"date":"1980-12-28T15:55:00","date_gmt":"1980-12-28T14:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/forderungen-der-humanistischen-union\/"},"modified":"2020-08-03T07:52:49","modified_gmt":"2020-08-03T05:52:49","slug":"forderungen-der-humanistischen-union","status":"publish","type":"thema","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/forderungen-der-humanistischen-union\/","title":{"rendered":"Forderungen der HUMANISTISCHEN UNION"},"content":{"rendered":"<p>HUMANISTISCHE UNION<\/p>\n<p>aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. HU-Schriften 9, M\u00fcnchen 1980, Seite 46 &#8211; 50<\/p>\n<p>Die HUMANISTISCHE UNION fordert, dass Bund und L\u00e4nder 5 Jahre nach Vorlage der Ergebnisse der. Enquete zur Lage der Psychiatrie endlich grundlegende und umfassende Reformkonzeptionen entwickeln, die wissenschaftlichen und ethischen Standards gerecht werden, so wie sie in vielen anderen L\u00e4ndern l\u00e4ngst zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Der Pr\u00e4vention ist gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Beachtung zu schenken.<br \/>Pr\u00e4vention bedeutet zun\u00e4chst die Verhinderung krankmachender Lebensumst\u00e4nde und Umweltbedingungen. Durch Aufkl\u00e4rung und Gesundheitserziehung ist ein Bewusstsein f\u00fcr psychosoziale Gef\u00e4hrdungen zu schaffen. Hier kommt den Medien und der P\u00e4dagogik eine Aufgabe zu, die sie bisher vernachl\u00e4ssigt haben.<\/li>\n<li>Im Vorfeld psychischer Erkrankung gilt es, umfassende M\u00f6glichkeiten der Beratung zu schaffen, bei denen auch das soziale Umfeld des Ratsuchenden mit einbezogen werden kann. Beratung muss der Konfliktl\u00f6sung dienen, Entscheidungshilfen leisten oder bei der Verarbeitung schicksalhafter Ereignisse behilflich sein. Beratungsstellen m\u00fcssen multiprofessionell besetzt sein. Die Mitarbeiter sollen die M\u00f6glichkeit haben, auch au\u00dferhalb der Beratungsstellen unmittelbar an den sozialen Brennpunkten zu arbeiten. In vielen F\u00e4llen ist es nicht angebracht zu warten, bis die Gef\u00e4hrdeten zu ihnen kommen. Der schulpsychologische Dienst ist dringend auszubauen. Erziehungsberatungsstellen sollten der Charakter von Familienberatungsstellen erhalten. Es ist darauf zu achten, dass weltanschaulich neutrale Beratungsstellen in ausreichender Zahl vorhanden sind. Eine entsprechende personelle Besetzung muss Wartezeiten \u00fcberfl\u00fcssig machen.<\/li>\n<li>Ambulante Behandlung muss absoluten Vorrang vor station\u00e4rer Behandlung haben. Ambulanzen k\u00f6nnen nur sinnvolle Arbeit leisten, wenn sie ebenso wie die Beratungsstellen multiprofessionell besetzt sind und die Mitarbeiter au\u00dfer Haus in Familien und anderen Gruppierungen t\u00e4tig werden d\u00fcrfen. Sie m\u00fcssen \u00fcber die \u00fcbliche Einzelbehandlung hinaus Selbsthilfegruppen initiieren und betreuen, Kontaktstellen aufbauen und erhalten, Familientherapie betreiben und gruppentherapeutische Ma\u00dfnahmen erm\u00f6glichen. Eine wichtige Aufgabe f\u00e4llt den Ambulanzen zu, wenn es um die Regintegrierung vor\u00fcbergehend station\u00e4r behandelter psychisch Kranker geht. Hilfen bei der Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung gehen weit \u00fcber das hinaus, was zur Zeit unter psychiatrischer Betreuung verstanden wird. Dies ist bei der derzeitigen Praxis der Abrechnung von Einzelleistungen undenkbar. Es muss eine M\u00f6glichkeit der Mischfinanzierung durch Krankenkassengelder, Mittel der \u00f6ffentlichen Hand und der Rentenversicherungstr\u00e4ger, sowie eine M\u00f6glichkeit der Abrechnung in Pauschalbetr\u00e4gen gefunden werden. Entsprechende Modelle sollten entwickelt und experimentell \u00fcberpr\u00fcft werden. Das derzeit geplante sogenannte Psychotherapeutengesetz und der Entwurf zum Ersatzkassenvertrag unterminieren solche Bestrebungen.<\/li>\n<li>Die Aufl\u00f6sung der psychiatrischen Landeskrankenh\u00e4user ist unabdingbar.Eine Gleichstellung des psychisch Kranken mit anderen Kranken kann nur erreicht werden, wenn psychiatrische Abteilungen allgemeinen Krankenh\u00e4usern abgegliedert werden. Alle Bestrebungen, die psychiatrischen Gro\u00dfkliniken zu verkleinern z.B. durch Aufnahmebeschr\u00e4nkungen sind zu begr\u00fc\u00dfen, das Schrumpfen eines psychiatrischen Landeskrankenhauses zu einer \u00fcberschaubaren, gemeindenahen Einrichtung kann jedoch nicht das eigentliche Ziel sein, denn es enthebt den Patienten nicht der Diskriminierung und sozialen Deklassierung, die es bedeutet, ehemaliger &#8222;Irrenhausinsasse&#8220; gewesen zu sein.<br \/>Station\u00e4re psychiatrische Behandlung muss immer als eine m\u00f6glichst kurzfristige Ma\u00dfnahme angesehen werden, die, wenn irgend m\u00f6glich, vermieden werden sollte. Einweisungen, vor allem Zwangseinweisungen m\u00fcssen erheblich erschwert werden. Dem steht die bisherige Finanzierung psychiatrischer Kliniken, die sich an der Bettenzahl orientiert und. eine m\u00f6glichst hohe Belegung voraussetzt, entgegen. Die Finanzierung station\u00e4rer psychiatrischer Behandlung muss sich aufgrund eines allgemeinen Versorgungsauftrages f\u00fcr ein bestimmtes Standarteversorgungs-Gebiet \u00fcber einen bestimmten Jahresetat vollziehen.<\/li>\n<li>Die bisherige hierarchische Struktur psychiatrischer Gro\u00dfkliniken darf nicht auf die psychiatrischen Abteilungen an allgemeinen Krankenh\u00e4usern \u00fcbertragen werden. Therapiepl\u00e4ne sind von einem Mitarbeiterteam zu erstellen und durch psychosoziale Aussch\u00fcsse zu kontrollieren. Es wird eine Abstufung der Entm\u00fcndigung gefordert. Eine regelm\u00e4\u00dfige \u00dcberpr\u00fcfung des Entm\u00fcndigten Statussees ist notwendig. Vormundschaften d\u00fcrfen nur von Einzelpersonen, nicht aber von Beh\u00f6rden \u00fcbernommen werden. Der Patient bzw. sein gesetzlicher Vertreter haben ihre Einwilligung in die therapeutischen <br \/>Ma\u00dfnahmen zu geben, nachdem sie \u00fcber Methode, Ziel, Nebenwirkungen und eventuelle Alternativen aufgekl\u00e4rt wurden. Die Verantwortlichkeit der Behandelnden muss klar sein. die Mitarbeiter sind \u00fcber die Rechte des Patienten ebenso aufzukl\u00e4ren, wie der Patient selbst. Kein Patient, insbesondere auch kein psychisch kranker Rechtsbrecher darf ohne Therapieangebot einfach nur &#8222;verwahrt&#8220; werden. Unabh\u00e4ngige Patientenanw\u00e4lte oder Ombudsm\u00e4nner sollten \u00fcber die Einhaltung der Patientenrechte wachen.<\/li>\n<li>Die totale Priorit\u00e4t medikament\u00f6ser Behandlung ist zugunsten psychotherapeutischer und sozialtherapeutischer Methoden abzubauen. Bezugspersonen des Patienten k\u00f6nnen in die Therapie mit einbezogen werden. Zu verbieten sind alle inhumanen, der Disziplinierung dienenden Ma\u00dfnahmen, gewaltsame Methoden wie Schocktherapien und stereotaktische Eingriffe in das menschliche Hirn, um Verhaltens\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren.<\/li>\n<li>Eine Koordination der bisher getrennt voneinander operierenden Einrichtungen im Bereich psychosozialer Beratung und Versorgung ist erforderlich.. Psychosoziale Aussch\u00fcsse m\u00fcssen zum Zweck der Planung und Kontrolle konstituiert werden. Psychosoziale Arbeitsgemeinschaften sollten dem Gedankenaustausch, der kritischen Reflexion und der Kooperation an der Basis dienen. Es empfiehlt sich, die Aussch\u00fcsse aus den Arbeitsgemeinschaften heraus zu w\u00e4hlen.<\/li>\n<li>Ziel aller psychiatrischen Bem\u00fchungen muss die Integration der psychisch Kranken und Behinderten in die Gesellschaft sein.<\/li>\n<li>Der station\u00e4ren Behandlung angeschlossen m\u00fcssen abgestufte M\u00f6glichkeiten halbambulanter und ambulanter Versorgung folgen, Tages und Nachtkliniken, therapeutische Wohnheime und Wohngemeinschaften. Alle diese Einrichtungen sind gemeindenah zu organisieren, so dass der Patient seine gewohnten sozialen Bez\u00fcge beibehalten kann.<\/li>\n<li>Ist die Familie bereit, die Pflege und Betreuung eines psychisch kranken oder behinderten Familienmitgliedes zu \u00fcbernehmen, bedarf es einer Unterst\u00fctzung finanzieller Art, aber auch einer Einweisung in die pflegerische T\u00e4tigkeit, sowie der Beratung bei auftretenden Schwierigkeiten. Anzuregen sind Gespr\u00e4chskreise betroffener Familien.<\/li>\n<li>Ist ein Patient nicht in der Lage oder nicht willens, in die Familie zur\u00fcckzukehren, etwa weil die Ursachen seiner Erkrankung im Spannungsfeld dieser Familie zu suchen sind, ist ihm jegliche Unterst\u00fctzung zu seiner Verselbst\u00e4ndigung zu bieten, sei es, dass ihm ein Platz in einer therapeutischen Wohngemeinschaft geboten wird, sei es, dass ihm geholfen wird, eine eigene Wohnung und einen Arbeitsplatz zu finden.<\/li>\n<li>Zu empfehlen ist die Einrichtung eines Bundesinstitutes, das die Entwicklungen im psychiatrisch\/psychotherapeutischen Sektor dokumentarisch und wissenschaftlich begleitet und Hilfen f\u00fcr die Planungen bereitstellt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit muss ein Bewusstsein f\u00fcr diese Integrationsbem\u00fchungen geschaffen werden, d.h. durch eine bessere Kenntnis dessen, was psychische Erkrankung bedeutet und wo die Ursachen liegen, verliert sich ihr Nimbus des Unheimlichen und Bedrohlichen. Eine gr\u00f6\u00dfere Toleranz gegen\u00fcber abweichendem Verhalten muss erreicht werden. T\u00fcchtigkeit und Leistungsf\u00e4higkeit d\u00fcrfen nicht zur einzig akzeptierten Verhaltensnorm werden. Menschliches Leiden und menschliche Schw\u00e4che m\u00fcssen als zum Menschsein dazugeh\u00f6rig erkannt werden. Jede Art der Ausgliederung, Aussto\u00dfung, jede Art des Einschlie\u00dfens und Zwangsverwahrens kranker Menschen ist zutiefst inhuman und eines freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaates unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><u>Ans\u00e4tze f\u00fcr m\u00f6gliche Aktivit\u00e4ten der HUMANISTISCHEN UNION.<\/u><\/p>\n<p>Die HUMANISTISCHE UNION kann in den Ortsverb\u00e4nden durch \u00f6ffentliche Veranstaltungen eine breitere Information der Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Dringlichkeit der Psychiatrie Reform bewirken. <br \/>Wichtig ist dabei das Einbeziehen der Medien. Sie wird durch Publikationen zu diesem Thema die \u00d6ffentlichkeitsarbeit vertiefen.<br \/>Mitglieder, die aus beruflichen oder sonstigen Gr\u00fcnden Zugang zu psychiatrischen Einrichtungen haben, sollten wachsam sein in Bezug auf Missst\u00e4nde und \u00dcbergriffe. Diese sollten publik gemacht werden; gegebenenfalls ist Strafanzeige zu erstatten. Juristen der HUMANISTISCHEN UNION sollten den reformerischen Kr\u00e4ften innerhalb der Psychiatrie Unterst\u00fctzung bieten in Fragen der Rechtsunsicherheit, sowohl bezogen auf die Patienten, als auch auf die Institution selber. Die HUMANISTISCHE UNION sollte auf die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden in Bund und L\u00e4ndern einwirken, damit die bereits bestehenden Rechte der Patienten nicht weiter unterlaufen, sondern endlich durchgesetzt werden. Notwendige \u00c4nderungen von Gesetzen und Erlassen sollten durch die HUMANISTISCHE UNION angeregt und \u00fcber die Parlamentarier in den eigenen Reihen in die Parteien geleitet werden. Auf den Verband der Tr\u00e4ger ist einzuwirken, damit er sich einem Forderungskatalog verpflichtet, der Humanisierung und Demokratisierung in der psychiatrischen Versorgung dient. Die Gewerkschaften m\u00fcssen davon \u00fcberzeugt werden, dass die berufsrechtliche Situation der in der psychosozialen Versorgung t\u00e4tigen Berufsgruppen neu zu regeln ist.<br \/>Die HUMANISTISCHE UNION sucht Verb\u00fcndete im Einsatz f\u00fcr eine umfassende und grundlegende Reform der Psychiatrie, sei es aus den Kreisen der Betroffenen und ihrer Angeh\u00f6rigen, sei es unter den fortschrittlich denkenden, in der Psychiatrie Arbeitenden, sei es bei anderen b\u00fcrgerrechtlich orientierten Organisationen und Verb\u00e4nden, die sich der Integration benachteiligter Randgruppen verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-6566","thema","type-thema","status-publish","hentry","category-wege-zu-einer-neuen-psychiatrie"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Forderungen der HUMANISTISCHEN UNION - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/thema\/forderungen-der-humanistischen-union\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Forderungen der HUMANISTISCHEN UNION - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"HUMANISTISCHE UNION aus: Wege zu einer neuen Psychiatrie, Protokolle einer Tagung. 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